Herzstillstand außerhalb der Klink: Oft stecken Drogen dahinter – US-Experte plädiert für Naloxon in der Notfallmedizin

Megan Brooks

Interessenkonflikte

2. September 2020

Mehr als jeder 6. Todesfall aufgrund eines Herzstillstands außerhalb von Kliniken ist auf eine bis dato unerkannte Drogen-Überdosierung zurückzuführen. Das berichten Dr. Robert M. Rodriguez von der University of California, San Francisco, in den Annals of Internal Medicine[1]. Basis waren umfassende toxikologischen Post-mortem-Studien. Demnach würden also die nationalen Fallzahlen zu Drogenopfern möglicherweise erheblich unterschätzt.

„Viele Todesfälle infolge einer Drogen-Überdosierung verstecken sich hinter einem plötzlichen Herztod“, erklärt Dr. Zian H. Tseng, Kardiologe und Elektrophysiologe an der Universität von Kalifornien in San Francisco, gegenüber Medscape Medical News. „Das passiert überall im ganzen Land und auf der ganzen Welt, denn wenn Sie nicht bei jedem Herzstillstand eine toxikologische Untersuchung durchführen, werden Sie es nicht erkennen können. Aber das ist natürlich unmöglich.

 
Viele Todesfälle infolge einer Drogen-Überdosierung verstecken sich hinter einem plötzlichen Herztod. Dr. Zian H. Tseng
 

Tseng weiter: „Gerichtsmediziner und Leichenbeschauer verfügen nur über begrenzte Ressourcen. Sie haben weder die Bandbreite noch die finanziellen Mittel oder die personellen Möglichkeiten, um all diese natürlichen Todesfälle zu untersuchen, sodass in 90% der Fälle auf den Totenscheinen eine mutmaßlich kardiale Ursache vermerkt wird.“

 
In 90% der Fälle wird auf den Totenscheinen eine mutmaßlich kardiale Ursache vermerkt. Dr. Zian H. Tseng
 

Doppelt so viele Drogentote wie offiziell gemeldet?

Tseng und Kollegen überprüften Autopsie-Berichte und toxikologische Daten einer Kohorte von zunächst 525 Personen mit Tod aufgrund eines Herzstillstands außerhalb der Klinik. Alle Fälle stammten aus San Francisco.

Von diesen vermeintlich kardial bedingten Todesfällen wurden 79 (15%) nach Überprüfung durch ein Expertengremium, bestehend aus einem Gerichtsmediziner, einem Pathologen, einem Neurologen und 2 Kardiologen, als Todesfälle aufgrund einer okkulten Überdosis definiert.

In einer weiteren Kohorte mit noch einmal 242 OHCA-Fällen wurden dann 54 (22%) ebenfalls als Todesfälle aufgrund okkulter Drogen-Überdosierung eingestuft.

Auf Basis dieser Ergebnisse kommt Tseng zu der folgenden überschlägigen Hochrechnung: „2016 gab es, so weit ich weiß, landesweit etwa 60.000 Drogenopfer aufgrund einer Überdosierung. Im selben Jahr kam es auch zu etwa 380.000 Herzstillständen. Geht man also von einem Anteil von einem Sechstel aus, macht das weitere 60.000 Todesfälle, die den Drogen-Überdosierungen zugerechnet werden müssten. Wir denken also, dass die Drogenopfer-Zahlen möglicherweise in Wahrheit doppelt so hoch sind, wie angegeben“, sagt er gegenüber Medscape.

 
Wir denken also, dass die Drogenopfer-Zahlen möglicherweise in Wahrheit doppelt so hoch sind, wie angegeben. Dr. Zian H. Tseng
 

Plädoyer für Naloxon

Laut Toxikologie waren die häufigsten Substanzklassen Opioide, Tranquilizer und Schlafmittel sowie Stimulanzien (z.B. Amphetamin bzw. Speed, MDMA bzw. Ecstasy und Methamphetamin bzw. Crystal Meth). In den meisten Fällen waren mehrere Substanzen im Spiel. Bei rund der Hälfte aller gefundenen Wirkstoffe handelte es sich um verschreibungspflichtige Medikamente.

Aus dieser Studie geht hervor, dass die Zahl der Todesopfer infolge einer Drogen-/Medikamenten-Überdosierung weitaus größer sei, als es die nationalen Schätzungen vermuten ließen, sagt Tseng. Folgerichtig vertreten er und sein Team auch die Meinung, dass die Naloxon-Gabe bei Reanimationen von Patienten mit Herzstillstand unklarer Ursache außerhalb des Krankenhauses eine Option sein sollte.

„Die Studie liefert nach unserer Auffassung gute Argumente dafür, Naloxon bei Reanimationsversuchen einzubeziehen, zumal es ein recht billiges und hochwirksames Antidot ist“, kommentiert Tseng. „Es ist kaum ein Risiko damit verbunden, es einer Person mit Herzstillstand probeweise zu verabreichen. Dafür kann es jedoch sehr wohl die richtige lebensrettende Maßnahme sein.“ 

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 
Die Studie liefert nach unserer Auffassung gute Argumente dafür, Naloxon bei Reanimationsversuchen einzubeziehen. Dr. Zian H. Tseng
 

 

Kommentar

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