Hüft- und Kniegelenksarthrose: Studie belegt, mit Physiotherapie lässt sich der Gelenkersatz verzögern oder vermeiden

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

31. August 2020

Patienten mit Osteoarthritis (OA) erhalten oft irgendwann ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk. Von einem qualifizierten, konservativen Therapieprogramm könnten aber viele von ihnen profitieren – und damit die Notwendigkeit der OP hinauszögern oder diese sogar ganz vermeiden. Dies berichten norwegische Forscher aufgrund einer eigenen Studie, die jetzt beim Online-Kongress der European League Against Rheumatism (EULAR) vorgestellt worden ist [1].

Dr. Tuva Moseng vom Diakonhjemmet Hospital in Oslo und Kollegen hatten die Auswirkungen eines speziellen Programms, das Patientenschulung, Physiotherapie und individuell angepassten Sport einschließt, bei Patienten mit Hüftgelenks- oder Kniearthrose untersucht. Sie fanden heraus, dass Teilnehmer an diesem Programm zufriedener waren, sich mehr bewegten und sich seltener operieren ließen.

„Die Implementierung eines strukturierten Modells führte zu einer besseren Versorgungsqualität, zu höherer Zufriedenheit der Patienten und zu höherer körperlicher Aktivität trotz Arthrose“, resümiert Moseng in einer Pressemitteilung der EULAR.

„Einmal mehr sehen wir, wie wichtig und wirkungsvoll eine konsequente konservative Therapie für unsere OA-Patienten ist”, stellte Prof. Dr. John Isaacs von der Newcastle University, Großbritannien und Vorsitzender des EULAR 2020 Scientific Chair fest. Er fordert: „Eine an den internationalen Empfehlungen für die Behandlung von Osteoarthritis angelehnte konservative Versorgung sollte Standard für alle Betroffenen werden.“

 
Eine an den internationalen Empfehlungen für die Behandlung von Osteoarthritis angelehnte konservative Versorgung sollte Standard für alle Betroffenen werden. Prof. Dr. John Isaacs
 

Studie mit knapp 400 Teilnehmern

Zu den Details: Zwischen Januar 2015 und Oktober 2017 führten Moseng und Kollegen in 6 norwegischen Nachbargemeinden (Clustern) eine cluster-randomisierte kontrollierte Studie durch. 393 Patienten nahmen daran teil.

284 von ihnen erhielten als Interventionsgruppe ein spezielles Osteoarthritis-Programm. Dazu gehörten initial Schulungen über 3 Stunden und Übungen für 8 bis 12 Wochen, die auf Betroffene zugeschnitten waren und von Physiotherapeuten angeleitet wurden. Übungen zur Steigerung der Muskelkraft wurden 2 Mal pro Woche für eine Stunde in kleinen Gruppen mit 5 bis 10 Patienten und 1 Physiotherapeuten durchgeführt.

109 Personen (Kontrollgruppe) setzten ihre übliche Standardbehandlung fort.

Die Teilnehmer waren mindestens 45 Jahre alt und zeigten klinische Symptome einer Arthrose wie Bewegungseinschränkung oder Schmerzen. Sie wurden 12 Monate nach Beginn der Studie nachuntersucht. Das spezielle OA-Programm wurde über Hausärzte und Physiotherapeuten vermittelt, die ebenfalls vorher geschult worden waren.

Weniger OPs in der Interventionsgruppe

Die Autoren erfassten unter anderem die Zufriedenheit ihrer Patienten mit der Qualität der Versorgung, die körperliche Betätigung beziehungsweise Überweisungen an Physiotherapeuten oder an Orthopäden. Auch Gelenkersatzoperationen wurden dokumentiert.

 
Vor der Implantation eines künstlichen Gelenkersatzes von Hüfte und Knie sollten möglichst alle nicht-operativen Behandlungsmöglichkeiten zur Anwendung kommen. Prof. Dr. Iain B. McInnes
 

92% der Patienten, die Zugang zu dem speziellen Programm erhalten hatten, nahmen auch daran teil. 64% von ihnen schlossen es ab. 12 Monate später berichteten Patienten aus der Interventionsgruppe über eine signifikant höhere Qualität der Versorgung (Punktzahl 58 versus 41 bei der Kontrollgruppe) und eine signifikant höhere Zufriedenheit mit der Versorgung (Odds Ratio (OR) 7,8; 95% KI 3,55-17,27).

Ein signifikant größerer Anteil dieser Patienten befolgte Empfehlungen, sich zu bewegen (OR 4,0). Weniger Personen wurden an orthopädische Chirurgen überwiesen (OR 0,5) und eine noch kleinere Gruppe erhielt im Beobachtungszeitraum ein Kunstgelenk (4%) im Vergleich zur Kontrollgruppe (11%, OR 0,3).

„Die Langzeitergebnisse sind mit Ergebnissen nach 6 Monaten vergleichbar, das deutet auf ein langfristiges Anhalten der positiven Auswirkungen der Intervention in dieser Studie hin“, schreiben die Studienautoren. Auch die niedrigere Operationsrate sei ein Anhaltspunkt dafür, dass eine höhere Akzeptanz der Empfehlungen von OA-Leitlinien in der Primärversorgung OPs reduzieren oder hinausschieben könne.

„Vor der Implantation eines künstlichen Gelenkersatzes von Hüfte und Knie sollten möglichst alle nicht-operativen Behandlungsmöglichkeiten zur Anwendung kommen“, betont EULAR-Präsident Prof. Dr. Iain B. McInnes aus Glasgow. In vielen Fällen werde dies in der Praxis aber nicht getan; Ärzte und Patienten schöpften nicht das gesamte konservative Therapiespektrum aus.

 

Kommentar

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