Neues zu Corona: Wie viele Kinder sind symptomlos, aber infiziert? Gibt es Reinfektionen? Und reichen 1,5 Meter Abstand?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

27. August 2020

Was sollten Ärzte aktuell zu SARS-CoV-2 wissen? In NEJM Journal Watch geben Prof. Dr. David G. Fairchild von der University of Massachusetts Medical School in Worcester und Dr. Lorenzo Di Francesco, niedergelassener Internist aus Atlanta, einen Überblick [1].

Unter symptomlosen Kindern ist danach die Infektionsrate mit SARS-CoV-2 eher gering, sie liegt bei weniger als 1%. In den Schlagzeilen war auch der angeblich erste nachgewiesene Fall einer Reinfektion bei einem früheren chinesischen SARS-CoV-2-Patienten. Doch ist die Fallbeschreibung noch nicht in einem Peer-Reviewed Journal publiziert. Und: Britische Forscher stellen eine fixe Abstandsregel mit einer Distanz von 1 bis 2 m zu anderen Menschen infrage.

Prävalenz bei asymptomatischen Kindern

Bei der umfassenden Testung von 33.000 asymptomatischen Kindern in den USA fanden sich weniger als 1% mit SARS-CoV-2 infizierte Kinder. Dies berichten Wissenschaftler um Ana Marija Sola von der San Francisco School of Medicine in JAMA Pediatrics[2].

Für die Studie hatten Ärzte bei HNO-Untersuchungen pädiatrischer Patienten (wegen anderer Ursachen) Rachenabstriche genommen und per PCR untersucht. Eingeschlossen wurden nur Personen ohne typische Symptome einer Infektion mit den neuartigen Coronaviren. Insgesamt fielen die PCR-Tests bei 250 von 33.041 Kindern (Altersgruppe 0-18 Jahre) positiv aus.

Die Prävalenz reichte von 0 bis 2,2%. Als gepoolte Prävalenz nennen die Autoren 0,65%. Der einzige mit der Prävalenz assoziierte Faktor war die wöchentliche SARS-CoV-2-Inzidenz in der Allgemeinbevölkerung in derselben Region während der 6 Wochen, in denen die Tests durchgeführt worden waren.

Einschränkend ist zu erwähnen, dass die Stichprobe vielleicht nicht für die gesamte Bevölkerung repräsentativ war. Hinzu kommen möglicherweise Unterschiede in der Methodik von Untersuchungen durch die verschiedenen Ärzte. Nicht zuletzt, so schreiben Sola und Kollegen, könne man die Zahlen nicht auf die Allgemeinbevölkerung übertragen. Es gebe Hinweise, dass Kinder länger SARS-CoV-2 ausscheiden – verglichen mit Erwachsenen.

Reinfektion mit SARS-CoV-2

In den letzten Tagen hat die angebliche Reinfektion bei einem früheren chinesischen SARS-CoV-2-Patienten Schlagzeilen gemacht. Details zum Patienten – vermutlich der erste dokumentierte Fall einer Reinfektion – werden voraussichtlich in der Zeitschrift Clinical Infectious Diseases veröffentlicht werden, berichtet die New York Times .

Ende März wurde bei dem 33-jährigen Mann erstmals COVID-19 diagnostiziert. Er hatte aber nur leichte Symptome, musste also nicht stationär behandelt werden. Bis Mitte April folgten 2 PCR-Tests. Beide fielen negativ aus. SARS-CoV-2-Antikörper waren nach dieser Infektion nicht nachweisbar.

Mitte August fuhr der Mann dann nach Spanien in Urlaub. Auf dem Rückflug ließ er sich an einem britischen Flughafen testen. Die Überraschung war groß, als man ihm das positive Ergebnis mitteilte.

Die genetische Sequenzierung des Virus aus der ersten und zweiten Infektion habe laut New York Times „signifikante Unterschiede“ ergeben. Das Blatt zitiert einen der beteiligten Forscher mit den Worten: „Unsere Ergebnisse beweisen, dass seine zweite Infektion durch ein neues Virus verursacht wurde, das er erst vor kurzem erworben haben muss, und nicht durch eine verlängerte Virusabgabe.“ Bemerkenswert ist, dass der Mann nach der 2. Infektion nachweisbare SARS-CoV-2-Antikörper hatte.

 
Unsere Ergebnisse beweisen, dass seine zweite Infektion durch ein neues Virus verursacht wurde, das er erst vor kurzem erworben haben muss, und nicht durch eine verlängerte Virusabgabe. Ein an der Forschung beteiligter Forscher
 

Seit dieser Bericht am Montag veröffentlicht worden ist, haben Nachrichtenagenturen weitere Fälle von Reinfektionen gemeldet. Keiner davon ist bislang allerdings in Fachzeitschriften mit Peer-Review veröffentlicht.

Distanz-Regeln in Frage gestellt

Aktuell befassen sich zudem Dr. Nicholas R. Jones von der University of Oxford und Kollegen mit der Frage, welche wissenschaftliche Basis die Distanz-Regeln – und vor allem die darin geforderten Abstände – eigentlich haben [3].

„Regeln, die einen einzigen spezifischen physischen Abstand (1 oder 2 Meter) zwischen Individuen vorschreiben, um die Übertragung von SARS-CoV-2 zu reduzieren, basieren auf einer überkommenen Vorstellung von der Größe der Atemtröpfchen, über die die Übertragung stattfindet“, schreiben die Autoren in ihrem Beitrag. Sie weisen auf aktuelle Messungen hin, nach denen die Übertragung über Tröpfchen unterschiedlicher Größe stattfindet. Die Ausatemluft und der Umgebungsluftstrom sein ebenfalls wichtige Parameter bei diesem physikalischen Vorgang.

 
Regeln, die einen einzigen spezifischen physischen Abstand (1 oder 2 Meter) zwischen Individuen vorschreiben, … basieren auf einer überkommenen Vorstellung von der Größe der Atemtröpfchen … Dr. Nicholas R. Jones und Kollegen
 

Die unterschiedlichen Parameter machten Bewertungen schwierig, konstatieren sie. Es gebe zumindest Hinweise, dass sich bestimmte Tröpfchen 6 bis 8 Meter weit ausbreiten können. Daraus leiten die Autoren ein Modell ab, um Abstände zwischen einzelnen Personen anhand mehrerer Faktoren zu bestimmen. Daher solle in überfüllten Innenräumen mit schlechter Belüftung, in denen Menschen keine Gesichtsmasken tragen, ein Abstand von mehr als 2 Metern in Betracht gezogen werden.

 

Kommentar

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