ESC: Virtueller Kardiologie-Kongress der Superlative startet – auf diese neuen Erkenntnisse dürfen Sie gespannt sein

Patrice Wendling

Interessenkonflikte

27. August 2020

Kontakte knüpfen, mit einem Kaffee in der Hand den letzten Vortrag diskutieren und die Amsterdamer Grachten bewundern – all dies muss beim diesjährigen Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (European Society of Cardiology, ESC) Corona-bedingt ausfallen [1]. Doch die Organisatoren versprechen dafür eine historische digitale Erfahrung, die den Kongress „zu einem Fest der Wissenschaft und Forschung“ machen soll.

„Wenn ich nur einen Punkt herausstellen müsste, warum der ESC 2020 ein historisches Ereignis werden wird, dann diesen: Zum ersten Mal werden der Arzt aus Cleveland, der eigentlich in diesem Jahr den Flieger nach Amsterdam nehmen wollte, und der Kollege aus einem Buschkrankenhaus in Uganda, der es sich nie hätte erträumen lassen, am ESC-Kongress teilzunehmen, zur gleichen Zeit den gleichen Zugang zu den neuen Erkenntnissen haben, die bei dem weltweit führenden kardiologischen Kongress vorgestellt werden“, sagt Dr. Marco Roffi, stellvertretender Vorsitzender des wissenschaftlichen Programms, gegenüber Medscape.

Nachdem das American College of Cardiology es mit seinem hochgradig interaktiven ACC-2020-Kongress vorgemacht und die virtuelle Messlatte zu Beginn der Pandemie hoch gelegt hatte, nimmt die ESC nun die Herausforderung an: mit rund 80 Hot-Line-Sessions, Leitlinien für die klinische Praxis und Spezial-Sessions mit Frage-Antwort-Runden und Podiumsdiskussionen live.

Die jüngsten COVID-19-Forschungsergebnisse und 4 neue Leitlinien werden beim ESC-Kongress 2020 vom 29. August bis 1. September virtuell vorgestellt. Darunter Empfehlungen zu Vorhofflimmern (AF), akuten Koronarsyndromen (ACS) ohne ST-Hebung, zu Sportkardiologie und zum Training bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie zu Erwachsenen mit angeborenen Herzvitien.

Die Präsentationen werden zwar kürzer und die Sitzungen stärker fokussiert sein, doch neben den 4.000 Abstracts, die live oder auf Anfrage als vollständige Präsentationen oder E-Poster verfügbar sein werden, können über 500 wissenschaftliche und Fortbildungsveranstaltungen gestreamt werden, sagt Roffi von der Uniklinik in Genf.

Um die virtuelle Veranstaltung durchzuführen, wird ein digitales Studio in Amsterdam hunderten Fachleuten Raum schaffen. Das ESC buchte über 1.000 Satellitenstudios auf der ganzen Welt, um mithilfe von 70 Experten hinter den Kulissen die Beiträge der Wissenschaftler und Experten zu sammeln.

 
Wir glauben, dass wir bei den kardiologischen Kongressen weltweit führend sind, und wollen diese Position auch in den virtuellen Corona-Zeiten behaupten. Dr. Marco Roffi
 

Zusätzlich wurde eine „strategische Entscheidung“ getroffen, wonach 30 Tage lang der freie Zugang zu der Veranstaltung und ihren Inhalten gewährt werden wird. Mit dieser Strategie wurden bislang rund 58.000 Teilnehmer angezogen. Im letztjährigen Rekordjahr beim Kongress in Paris waren es noch 32.000 Teilnehmer gewesen, so Roffi.

„Natürlich werden die Einnahmen nicht die gleichen sein wie bei einem physisch abgehaltenen Kongress, aber wir hatten das Gefühl, dass zu viel auf dem Spiel steht, um Kompromisse zu machen“, sagt er. „Wir glauben, dass wir bei den kardiologischen Kongressen weltweit führend sind, und wollen diese Position auch in den virtuellen Corona-Zeiten behaupten. Wir glauben zudem, dass wir in eine neue Zeit der Kongresse und Veranstaltungen wechseln, in welcher Form auch immer sich das weiter entwickeln wird.“

Hot-Line-Sessions 1–3, Samstag (14:00 MESZ)

In den Hot-Line-Sessions werden 13 klinische Studien vorgestellt. Begonnen wird mit der EMPEROR-Reduced-Studie. Darin wurde der SGLT2-Hemmer Empagliflozin (Jardiance®, Boehringer Ingelheim/Eli Lilly) zusätzlich zur Standardbehandlung bei Patienten mit Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF) mit und ohne Diabetes gegeben und der Erfolg der Therapie mit der Standardtherapie verglichen.

Eli Lilly und Boehringer Ingelheim gaben bereits bekannt, dass eine Reduktion des kardiovaskulär bedingten Sterberisikos sowie von Herzinsuffizienz-bedingten Hospitalisierungen als kombinierten primären Endpunkt erreicht wurde. Aber die Details der Studie werden angesichts der raschen Ausweitung der SGLT2-Hemmer-Indikationen vom Diabetes auf Herzinsuffizienz und chronische Nierenkrankheiten wichtig sein.

Die beim ESC 2019 vorgestellten Ergebnisse der wegweisenden DAPA-HF-Studie haben ja bereits zu der jüngsten neuen Indikation von Dapagliflozin (Farxiga®, AstraZeneca) für HFrEF ohne Vorliegen eines Diabetes geführt.

Die neuen Daten werden in der sonntäglichen Hot-Line-Session vorgestellt, die sich mit dem SGLT2-Hemmer bei diabetischen und nicht diabetischen Patienten mit chronischen Nierenkrankheiten im Rahmen der Phase-3-DAPA-CKD-Studie befasst (Dapagliflozin And Prevention of Adverse outcomes in Chronic Kidney Disease). Sie wurde wegen der überdeutlichen Wirksamkeit vorzeitig gestoppt.

„Mit der Ausweitung der Indikationen sind die SGLT2-Hemmer zu echten Medikamenten gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen geworden“, sagt Roffi, „so dass sich alle Kardiologen mit diesen Wirkstoffen, die bislang als Antidiabetika eingesetzt wurden, vertraut machen müssen.“

In der Hot-Line-2-Session wird es um einen neuen Wirkstoff, den oralen Myosin-Modulator Mavacamten, als Alternative zu chirurgischen oder perkutanen Eingriffen bei der obstruktiven hypertrophen Kardiomyopathie (HCM) gehen. Es wird vermutet, dass Mavacamten als erster Vertreter seiner Wirkstoffklasse die für die HCM charakteristische Hyperkontraktilität durch Hemmung exzessiver Aktin-Myosin-Verbindungen reduziert. In der kürzlich durchgeführten Phase-2-Dosisfindungsstudie MAVERICK-HCM hatte sich der Wirkstoff als vielversprechend erwiesen.

Es werden auch Einzelheiten aus der 251 Patienten umfassenden Phase-3-EXPLORER-HCM-Studie erwartet, in der laut der vom Entwickler MyoKardia veröffentlichten Topline-Ergebnisse funktionelle und symptomatische Verbesserungen bei 1-mal täglicher Gabe zu verzeichnen waren.

„Dies ist ein wirklich revolutionärer Ansatz, um diese sehr komplexe Krankheit hoffentlich erfolgreich zu behandeln“, sagt Roffi.

Die EAST-AFNET-4-Studie, die seit beinahe 10 Jahren läuft, rundet den Tag ab. Darin wurde untersucht, ob eine frühe Rhythmuskontrolle mit antiarrhythmischen Medikamenten und Katheterablation bei Patienten mit Vorhofflimmern unerwünschte Ereignisse besser verhindern kann, als die übliche Behandlung nach den Therapieleitlinien der ESC von 2010.

Hot-Line-Sessions 4–6, Sonntag (14:00 MESZ)

In der Hot-Line-Sessions 4 findet sich die ATPCI-Studie, in der die Beigabe des oralen Angina-pectoris-Medikaments Trimetazidin zur Standardbehandlung an 6.007 Patienten mit Angina pectoris nach kürzlich erfolgreich durchgeführter perkutaner Koronarintervention untersucht wurde.

Dann geht es um die POPULAR-TAVI-Studie, die ASS mit oder ohne Clopidogrel bei Patienten untersucht hat, die sich einer Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) unterziehen.

„Diesem Dilemma begegnen wir tagtäglich im Katheterlabor, wenn wir eine TAVI durchführen, dass wir Patienten vor uns haben, die per Definition ein erhöhtes Blutungsrisiko zeigen, alt sind und verschiedene Komorbiditäten wie etwa Niereninsuffizienzen aufweisen“, sagt Roffi. „Mir gefällt sie, weil es eine sehr praktische Studie ist. Wie auch immer die Ergebnisse ausfallen werden, sie wird Folgen für die klinische Praxis haben.“

 
Wie auch immer die Ergebnisse (der POPULAR-TAVI-Studie) ausfallen werden, sie wird Folgen für die klinische Praxis haben. Dr. Marco Roffi
 

Die Hot-Line-6-Session ist der PARALLAX-Studie gewidmet, in der Sacubitril/Valsartan (Entresto®, Novartis) mit einer individualisierten medikamentösen Behandlung bei 2.569 HFpEF-Patienten (Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion) verglichen wird. Die primären Endpunkte sind eine Veränderung des NTproBNP (N-terminal pro-B-type natriuretic peptide) innerhalb von 12 Wochen und eine veränderte 6-minütige Gehstrecke nach 24 Wochen.

Hot-Line-Sessions 7–9, Montag (14:00 MESZ)

Der folgende Tag beginnt dann mit dem aktuellen Thema Entzündung und der LoDoCo2-Studie, bei der 5.522 Patienten mit stabiler KHK zufällig neben einer optimalen medikamentösen Therapie noch niedrig dosiertes Colchicin 0,5 mg täglich oder ein Placebo erhielten. Der primäre kombinierte Endpunkt setzte sich aus den Faktoren kardiovaskulär bedingter Tod, Myokardinfarkt (MI), ischämischer Schlaganfall und Ischämie-bedingte Revaskularisierung zusammen.

Weitere Daten zum Colchicin werden am Samstag in einer Late-breaking-Session vorgestellt, bei der auch die australische COPS-Studie zum akuten Koronarsyndrom (ACS) und neue Analysen der COLCOT-Studie präsentiert werden. Diese ergab eine 23%ige Verringerung des Risikos für ein erstes ischämisches kardiovaskuläres Ereignis nach einem Herzinfarkt, jedoch keine Auswirkungen auf die Mortalität. Der preiswerte Entzündungshemmer wird aktuell auch in der großen Phase-3-COLCORONA-Studie (Colchicine Coronavirus SARS-CoV-2) an 6.000 Patienten getestet, dessen Ergebnisse voraussichtlich Ende September vorliegen werden.

Die Hot-Line-8-Session wechselt dann das Thema auf die ambulante Behandlung von Lungenembolien (pulmonary embolism, PE). In der randomisierten HOME-PE-Studie wurde das Management bei 1.975 Patienten verglichen, deren Zustand entweder auf Basis des vereinfachten PESI-Scores (Pulmonary Embolism Severity Index) beurteilt wurde, der in den neuesten ESC-Richtlinien für die akute Lungenembolie aufgeführt ist, oder auf Grundlage der HESTIA-Kriterien, welche in der gleichnamigen Studie entwickelt wurden. Der kombinierte primäre Endpunkt setzt sich aus rezidivierenden venösen Thromboembolien, schweren Blutungen oder einem Tod aus beliebigen Gründen nach bis zu 30 Tagen zusammen.

Zuletzt erscheint am Montag eine neue Analyse aus der BPLTTC-Studie zu den präventiven Effekten von Blutdruck-Senkungen für kardiovaskuläre Ereignisse bei verschiedenen Blutdruckniveaus. Diese Metaanalyse aus 50 Studien bietet mit über 350.000 Patientendaten die größte Ressource für randomisierte klinische Studiendaten auf Patientenebene.

Hot-Line-Sessions 10–12, Dienstag (14:00 MESZ)

Der Abschlusstag des Kongresses endet dann mit einem Paukenschlag: Die randomisierte BRACE-CORONA-Studie untersucht bei 700 Patienten mit einer SARS-CoV-2-Infektion, welche Folgen es hat, wenn eine Therapie mit ACE-Hemmern bzw. AT1-Rezeptor-Antagonisten (AT1-RA) fortgeführt oder abgesetzt wird.

 
BRACE-CORONA wird die Frage beantworten, die alle umtreibt: Sollten AT1-RA und ACE-Hemmer bei COVID-19-Patienten weiter gegeben werden oder nicht. Dr. Marco Roffi
 

Obwohl mehrere Fachgesellschaften, darunter auch die ESC, die Fortsetzung von Antagonisten des RAAS (Renin-Angiotensin-Aldosteron-System) bei COVID-19-Patienten empfehlen, fehlen dazu bislang randomisierte Daten. Zugleich sind Patienten und Ärzte durch frühe Beobachtungen verunsichert, die darauf hindeuteten, dass eine Hochregulierung der ACE2-Rezeptoren durch RAAS- Antagonisten das Risiko eines schwereren COVID-19-Verlaufes erhöhen könnte.

„BRACE-CORONA wird die Frage beantworten, die alle umtreibt: Sollten AT1-RA und ACE-Hemmer bei COVID-19-Patienten weiter gegeben werden oder nicht. Dies ist eine randomisierte Studie, und wir sind alle sehr gespannt darauf“, sagt Roffi.

Das Thema COVID-19 wird auch in der Late-breaking-Session am Sonntag und in 3 über die Tage verteilten Industry-Q&A-Sessions (Frage-Antwort-Runden) diskutiert werden.

Abgerundet wird die letzte Hot-Line-8-Session durch IMPACT-AFib, eine Datenbank-Analyse zu 80.000 Patienten mit Vorhofflimmern. Geklärt werden soll die Frage, ob eine frühe Schulung der Patienten zum Einsatz oraler Antikoagulantien bei Vorhofflimmern mit besseren Ergebnissen verbunden ist. Die REALITY-Studie schließlich liefert eine dringend benötigte Kosteneffektivitätsanalyse von 630 Patienten mit akutem Herzinfarkt und Anämie zur Frage, ob einer eher lockere oder eine restriktivere Transfusionsstrategie hier der bessere Weg ist.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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