Reanimationsversuch für Großveranstaltungen: Konzert mit Tim Bendzko als Studie zum Corona-Infektionsrisiko

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

26. August 2020

Größere Konzerte in geschlossenen Räumen unter Pandemiebedingungen – kann das gut gehen? Bis mindestens Ende Oktober sind Events aufgrund der COVID-19-Pandemie untersagt. Niemand weiß bislang aber genau, wo auf Großveranstaltungen das Risiko für eine Ansteckung besonders hoch ist.

 
Mit der RESTART-Studie wollen wir den Risiken einer Großveranstaltung auf den Grund gehen. Dr. Stefan Moritz
 

Mit der RESTART-19-Studie (Risk prEdiction of indoor SporTs And cultuRe events for the Transmission of COVID-19) untersuchen der Infektiologe Dr. Stefan Moritz und Kollegen jetzt, ob Konzerte unter speziellen Hygienekonzepten doch stattfinden können. Mit der RESTART-Studie wollen wir den Risiken einer Großveranstaltung auf den Grund gehen“, sagt Moritz, Leiter der Abteilung für Klinische Infektiologie des Universitätsklinikums Halle und Projektleiter der RESTART-19 in einem Beitrag auf der Studienseite.

3 verschiedene Szenarien simuliert

Das Studiendesign bestand aus einem Marathon-Konzert mit Tim Bendzko in der Quarterback Immobilien Arena in Leipzig vor Publikum am Samstag, den 22. August. Bendzko und seine Band, das Publikum und das Personal der Arena waren Teil der wissenschaftlichen Studie, die von 8 bis 18 Uhr gedauert hat. Alle Studienteilnehmer (n = 1.400) und auch das Personal trugen FFP-2-Masken und waren mit einem Contact-Tracer zur Abstandsmessung ausgestattet.

Über den Tag wurden mit den Studienteilnehmern 3 verschiedene Szenarien simuliert. Das Konzert bestand dabei jeweils aus 2 Blöcken à 20 Minuten Musik mit einer Pause dazwischen. Nach jedem der 3 Konzerte verließen alle Zuschauer die Arena und mussten sich draußen neu anstellen. Jedes Mal galten andere Abstandsregeln.

Alle 5 Sekunden wurde mit dem Tracer, den jede Person um den Hals trug, gemessen, ob Zusammentreffen mit weniger als 1,50 m Abstand stattfanden. Zusätzlich war die Halle mit 50 Ankersensoren ausgestattet. Mithilfe der Tracer und Ankersensoren wurden alle Bewegungen der Probanden erfasst und direkt in eine Datenbank übertragen.

Wir werden auswerten, wer wann wo Kontakt gehabt hat. Über die Ankersensoren lässt sich bestimmen, in welchen Bereichen der Kontakt stattgefunden hat, z.B. im Einlassbereich, im Tribünenbereich oder im Cateringbereich“, erklärt Moritz.

Jeder Proband wurde zusätzlich mit einem fluoreszierenden Desinfektionsmittel, ausgestattet, das er verwendete und mit dessen Hilfe die Forscher nachvollziehen wollen, welche Flächen häufig berührt werden.

In Szenario 1 gab es nur 2 Eingänge in die Konzerthalle, die Besucher saßen dicht an dicht und konnten sich im gesamten Gebäude frei bewegen. Es gab nur wenige Schalter für Essenscoupons, so dass auch dort Gedränge entstand.

In Szenario 2 gab es 4 Eingänge in die Halle, jeder Zuschauer durfte diese nur über den ihm zugewiesenen Zugang betreten. Zwischen jedem Besucher blieb ein Sitz frei.

In Szenario 3 mussten 1,50 m Abstand zwischen den Sitzen eingehalten werden, auf den Rängen war nur jeder 5. Platz besetzt. Maximal 2 Besucher, die gemeinsam unterwegs sind, durften direkt nebeneinandersitzen.

Quelle: University Medicine Halle (Saale)

Gute Datenbasis trotz deutlich weniger Probanden als erhofft

Moritz und Kollegen wollten eigentlich 4.200 Probanden einschließen, rund 2.000 Menschen hatten sich angemeldet, 1.400 sind wirklich gekommen. Den Forschern war wichtig, Risikopatienten von vornherein auszuschließen. Mitmachen durfte jeder, der keine Vorerkrankungen der Lunge oder des Herzens aufweist und zwischen 18 und 50 Jahre alt ist.

Alle Teilnehmer mussten 2 Tage vor dem Studientag einen Rachenabstrich machen lassen, der auf Ansteckungen mit SARS-CoV-2 getestet wurde. Nur eine Probe war dabei positiv. Am Morgen des Studientags wurde bei allen Probanden noch Fieber gemessen, die Personalien geprüft, Masken, Desinfektionsmittel und Tracer verteilt.

Wir haben nur ein Drittel der erwarteten Personenzahl erreicht“, berichtete Moritz auf einer Pressekonferenz unmittelbar nach dem Konzert. Dennoch haben wir eine sehr gute Datenbasis, mit der können wir jetzt weiterarbeiten.“

Dass es nicht so einfach war, Studienteilnehmer zu finden, hat viele Ursachen: Es ist Urlaubszeit, wir wollten die Studie trotzdem so schnell wie möglich durchführen, bevor die Zahl der Neuinfektionen wieder steigt“, betonte Moritz. Derzeit sei das Infektionsgeschehen in Leipzig mit 2 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner über 7 Tage sehr gering – eine gute Voraussetzung also.

Es sind auch Semesterferien und wir hatten rigorose Einschlusskriterien. Hinzu kommt: Es wird den Teilnehmern über den ganzen Tag hinweg einiges abverlangt, das ist anstrengend. Und einige werden auch Sicherheitsbedenken gehabt haben“, fügte Moritz hinzu.

Der Studienleiter zeigte sich trotzdem extrem zufrieden mit der Disziplin der Teilnehmer“. Er habe auch kaum jemand mit verrutschter Maske gesehen, „das hat mich selbst überrascht“.

Erste Ergebnisse im Oktober erwartet

Ein Allheilmittel für die Eventbranche sei die Studie nicht, aber ein wichtiger Beitrag, meint Matthias Kölmel, der Geschäftsführer der Quarterback Immobilien Arena Leipzig. Wir sind sehr gespannt, was rauskommt.“

Prof. Dr. Thomas Moesta, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Halle, erinnerte daran,dass das Virus einen Bereich unserer Gesellschaft ganz schwer trifft: „Kultur, Kunst, Sportveranstaltungen im mittleren bis großen Rahmen. Ich glaube, dass diese Veranstaltungen Anteil am gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhalt haben. Deshalb sehen wir es als unsere Aufgabe an, solche Veranstaltungen wieder zu ermöglichen.“

Auf Moritz und sein Team warten nun gewaltige Datenmengen: Die Forscher rechnen mit 4 Terrabyte. Daraus entwickeln sie ein mathematisches Modell, das zeigt, wie Besucher auf Großevents gelenkt werden können um Ansteckungen mit SARS-CoV-2 möglichst zu vermeiden. Die Experten erhoffen sich aus den Daten auch Erkenntnisse darüber, wie sich Aerosole in der Arena verteilt haben 3 Wochen dauert es, ein Szenario durchzurechnen. Erste Ergebnisse erwartet Moritz deshalb frühestens im Oktober.

Das Experiment kostet 900.000 Euro, die Länder Sachsen und Sachsen-Anhalt teilen sich den Betrag. Laut Moritz sind ähnliche Studien inzwischen auch in Australien, Belgien und Dänemark geplant.
 

Kommentar

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