Akzeptanz der Maske: Nicht nur medizinische Fakten zählen – auch eine positive Wortwahl ist entscheidend

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

21. August 2020

Masken in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr sind in vielen Ländern Pflicht. Doch viele Bürger tun sich schwer damit. Das liegt vielleicht auch an der Kommunikation: Bisher wird der Mund-Nasen-Schutz vor allem als medizinische Notwendigkeit dargestellt. Wirksamer könnte es aber sein, sie als neue Sitte zu sehen, schreiben Helene-Mari van der Westhuizen und Kolleginnen von der Universität Oxford im British Medical Journal  [1]. „Die Gesichtsbedeckung sollte in den kulturellen Gepflogenheiten einer Gemeinschaft verankert sein.“ Marketing-Experten würden sagen: Es kommt darauf an, wie man die Maske „framed“.

Die Maske hat auch eine symbolische Bedeutung

Die aus Südafrika stammende Erstautorin hat bisher vor allem zu Tuberkulose geforscht. Auch da spielen Verhaltensweisen des Einzelnen und der Gemeinschaft eine entscheidende Rolle, um die Krankheit einzudämmen. Bei COVID-19 würden bisher in den Empfehlungen zum Tragen einer Maske vor allem Begriffe aus der Medizin verwendet wie „Infektion“, „Risiko“ und „Ansteckung“, heißt es im Artikel.

 
Die Gesichtsbedeckung sollte in den kulturellen Gepflogenheiten einer Gemeinschaft verankert sein. Helene-Mari van der Westhuizen und Kolleginnen
 

Im Alltag der Bevölkerung sei sie aber de facto eher ein Accessoire. Und: „Die Maske hat für die Träger auch eine symbolische Bedeutung.“ Deutlich zu beobachten war das (im negativen Sinne) in den USA, wo Präsident Trump die Maske als Zeichen der Schwäche charakterisierte. Keine zu tragen, wurde damit zum Akt der Selbstbehauptung. Auch in Deutschland findet man diese Argumentation.

Leichter taten sich Länder, in denen Stoff und Bedeckung ohnehin eine gesellschaftliche Rolle spielte. In Indien etwa nutzen viele einfach ein Stück des Saris jetzt als Mund-Nasen-Schutz, berichten die Autorinnen. „In Asien wiederum wurden Masken schon immer getragen, um andere zu schützen. Dies entspricht einer stärkeren Betonung der gegenseitigen Abhängigkeit in der Gesellschaft anstatt der Betonung von Unabhängigkeit.“

Ein positives „Framing“ könne helfen

Die Maske sollte daher mit genau den Werten und Worten vermittelt werden, die zu einer Gesellschaft passen. Statt zu sagen „Stellen Sie sicher, dass die Maske folgende Standards erfüllt“, könnte man sagen: „Wählen Sie eine Maske, die Sie gern tragen. Eine Maske mit mehreren Schichten ist am besten – aber auch eine Maske mit nur einer Schicht ist besser als gar keine.“ Versuchen, die Maske negativ zu „framen“, solle aktiv entgegengewirkt werden.

Als positives Beispiel führen die Autorinnen Tschechien an. Das Land hat mit einer groß angelegten Kampagne für das Tragen von Masken geworben: An „Maskenbäumen“ wurden Masken zum Mitnehmen aufgehängt, Songs wurden gedichtet, bekannte Statuen bekamen Masken auf. Es entwickelte sich eine regelrechte Bewegung mit Slogans wie „Behalt deine Tröpfchen für dich“ oder „Meine Maske schützt dich, deine Maske schützt mich.“

Die Maske als „neue soziale Norm“ zu etablieren, sei ein Prozess, heißt es weiter: „Am Anfang ist derjenige, der eine trägt, der Abweichler. Aber später ist es derjenige, der keine trägt.“ Dabei spielt auch eine Rolle, wie mit Abweichlern generell in einer Gesellschaft umgegangen wird. Die Autorinnen nennen hier Singapur als eher strikten Staat und Brasilien als eher lockeren.  

„Wenn man Masken allein mit einer medizinischen Argumentation vermittelt, erschwert das ihre Akzeptanz.“ Der Fokus solle stattdessen nun darauf liegen, wie man diese gezielt steigere. „Auch solche Maßnahmen helfen, die Auswirkungen der Pandemie zu begrenzen.“

Die Maske als Chance auf mehr Freiheit

Auch deutsche Experten gehen davon aus, dass Vernunft allein als dauerhafte Motivation nicht ausreichen wird, um die Maske durchzusetzen. Im Gespräch mit Spiegel Online betont z.B. Prof. Dr. Rolf van Dick, Leiter der Sozialpsychologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main, dass es vielen Menschen aber auch gelinge, die Maske positiv zu sehen: „Sie sehen die Chance, wieder in Gruppen gehen zu können, sich untereinander auszutauschen, öffentliche Orte aufzusuchen. Mit der Maske können sie sich wieder freier bewegen.“

 
Mit der Maske können sie sich wieder freier bewegen. Prof. Dr. Rolf van Dick
 

Andere wiederum deuteten die Maske negativ, als Zeichen von Unterdrückung und setzen sie zum Beispiel mit der Verschleierung bei Musliminnen gleich. „Da werden Dinge miteinander vermengt, die nichts miteinander zu tun haben", sagt van Dick. Gelänge es aber, die Maske dauerhaft positiv zu framen, könnte sie auch nach Corona nützlich sein – etwa im Kampf gegen die Grippe.

 

Kommentar

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