Zweitlinien-Option? Kundalini-Yoga wirkt bei generalisierter Angststörung, aber kognitive Verhaltenstherapie ist besser

Antje Sieb

Interessenkonflikte

20. August 2020

Kognitive Verhaltenstherapie wirkt gegen eine generalisierte Angststörung besser als Yoga oder eine bei der Kontrollgruppe eingesetzte Stress-Edukation. Das ist das Ergebnis einer randomisiert-kontrollierten klinischen Studie der Psychiaterin Prof. Dr. Naomi Simon von der New York University und mehrerer Kollegen, die in JAMA Psychiatry veröffentlicht worden ist [1].

Der Göttinger Psychiater Prof. Dr. Borwin Bandelow lobt die aufwendig durchgeführte Untersuchung: „Die Studie ist sehr gut gemacht, sie sticht heraus durch hohe Qualität.“

Nachweisbare Yoga-Wirkung

In der 3-armigen Studie mit insgesamt 226 Patienten testeten die Wissenschaftler kognitive Verhaltenstherapie, Kundalini-Yoga und Stress-Edukation in Kleingruppen von 3 bis 6 Teilnehmern. Jeder Teilnehmer nahm dabei an 12 2-stündigen Kursen teil, und bekam zusätzliche Hausaufgaben. Für eine Auswertung nach Ende der Behandlung standen die Daten von 155 Patienten zur Verfügung.

Die kognitive Verhaltenstherapie hatte die beste Response-Rate: Über 70% der behandelten Patienten verspürten eine Besserung. In der Kundalini-Yoga-Gruppe waren es 54%, die Stressedukation half dagegen nur 33% der Teilnehmer.

Das unter Anleitung praktizierte Kundalini-Yoga war in der Studie also offenbar nicht wirkungslos. Es kam zwar nicht an die etablierte Erstlinientherapie heran, schnitt aber etwas besser ab als die Kontrollmaßnahme.

Dr. Holger Cramer vom Lehrstuhl für Naturheilkunde und Integrative Medizin der Universität Duisburg-Essen freut sich deshalb über neue Erkenntnisse zum Einsatz von Yoga in der Behandlung von Angststörungen: „Das ist eine der ersten größeren Studien, die tatsächlich eine Wirksamkeit zeigen.“

Bisher sei die Datenlage in dieser Hinsicht nicht eindeutig gewesen, weiß Cramer aus einer eigenen Metaanalyse: „Die Analyse hat ergeben, dass bei Menschen, die unter einer erhöhten Ängstlichkeit leiden, ohne eine diagnostizierte Störung zu haben, Yoga durchaus die Ängste lindern kann. Bei tatsächlich vorliegenden Angststörungen war die Datenlage bisher nicht sehr überzeugend.“

Ob sich die mit Kundalini-Yoga erzielten Ergebnisse auch auf andere Yoga-Arten übertragen lassen, ist unklar. Cramer erläutert die Besonderheiten des Kundalini-Yoga: „Elemente wie Atem- und Meditationstechniken sind im Kundalini-Yoga wichtig. Ich vermute, dass die Ergebnisse auf ähnliche Yogastile übertragbar sind.“ Bei eher sportlich dominierten Yoga-Arten sei das allerdings fraglich, sagt Cramer – die Autoren der Studie sehen das ebenso.

 
Elemente wie Atem- und Meditationstechniken sind im Kundalini-Yoga wichtig. Ich vermute, dass die Ergebnisse auf ähnliche Yogastile übertragbar sind. Dr. Holger Cramer
 

Yoga empfehlenswert?

In den USA sehen die Autoren der Studie wegen hoher Gesundheitskosten durchaus eine mögliche Rolle für Yoga in der Behandlung von Angststörungen. Denn höchstens 50% der Patienten bekämen eine Behandlung, schätzen die Autoren.

Bandelow glaubt zwar nicht, dass in Deutschland der Prozentsatz der behandelten Patienten deutlich größer ist. Da die Verhaltenstherapie von den Kassen übernommen werde, sei sie aber besser zugänglich: „Es gibt wenige Länder, in denen die Psychotherapie von den Kassen bezahlt wird“, betont. Bandelow.

Kundalini-Yoga könne man möglicherweise für Patienten empfehlen, bei denen weder die Psychotherapie noch Medikamente die gewünschten Erfolge bringen, sagt Cramer: „Wenn man die Firstline-Therapie ausgeschöpft hat, wäre es eine Möglichkeit, zu versuchen, ob Kundalini Yoga eine Secondline-Therapie sein könnte.“

Auch zur Überbrückung von Wartezeiten auf eine Behandlung könne Yoga eine Option sein. „Es ist mit Sicherheit besser, Yoga zu machen, als gar nichts zu machen.“ Allerdings könne dabei die Qualität der Yogastunden entscheidend sein, gibt Bandelow zu bedenken.

 
Wenn man die Firstline-Therapie ausgeschöpft hat, wäre es eine Möglichkeit, zu versuchen, ob Kundalini Yoga eine Secondline-Therapie sein könnte. Dr. Holger Cramer
 

Wirkmechanismen von Yoga

Der Angstexperte sieht auch noch einige offene Fragen: „Man weiß bei Angststörungen, dass Entspannungstechniken immer wunderbar wirken, aber nur solange man sie ausübt und nicht hinterher.“

In der Studie hatten sich die Response-Raten in allen Gruppen bei einem Follow-Up nach 6 Monaten weiter erhöht, aber die Wirkung in der Yoga-Gruppe war nach dieser Zeit nicht mehr signifikant besser als die Kontrolle.

Auch Cramer plädiert dafür, Yoga eher als dauerhafte Maßnahme einsetzen: „Aus anderen Bereichen zeigen Studien, dass man nicht nur einmal einen Kurs macht und der hilft dann für immer, sondern dass es wichtig ist, dabeizubleiben.”

Über mögliche Wirkmechanismen von Yoga in der Behandlung von Angststörungen wisse man allerdings noch wenig, sagt Cramer. Bekannt sei eine nachweisbare Stressreduktion: „Zusätzlich gibt es Einflüsse auf bestimmte Neurotransmitter, die nachgewiesen sind und die eventuell auch mit Angststörungen zusammenhängen. Aber ganz klar ist noch nicht, wie die Wirkmechanismen sind.“

 

Kommentar

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