COVID-19: S1-Leitlinie zu neurologischen Manifestationen – bei Patienten nicht nur an Lungenerkrankungen denken!

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

20. August 2020

Unter Federführung von Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), ist eine S1-Leitlinie zu „Neurologischen Manifestationen bei COVID-19“ erschienen. Sie gibt Handlungsempfehlungen zur Versorgung von Patienten mit SARS-CoV-2-Infektion und neurologischen Manifestationen, aber auch zur Versorgung von Patienten mit neurologischer Erkrankung während der Pandemie und zum Schutz des Personals [1].

SARS-CoV-2: Auch für Neurologen eine Herausforderung

Seit Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie hat sich abgezeichnet, dass die Viruserkrankung nicht nur durch die Verlagerung medizinsicher Ressourcen und die Angst vor Ansteckungen indirekt die Versorgung neurologischer Erkrankungen beeinflusst, sondern auch direkt zu neurologischen Symptomen und Folgeerkrankungen führen kann. Laut Untersuchungen sind Infektionen teilweise mit neurologischen Manifestationen wie Hirnnervenaffektionen, Enzephalopathien und Enzephalomyelitiden, ischämischen Schlaganfällen und intrazerebralen Blutungen sowie neuromuskulären Erkrankungen assoziiert. 

 
Wir haben schnell erkennen müssen, dass die Neurologie neben der Pneumologie und Intensivmedizin im Epizentrum der Pandemie steht. Prof. Dr. Peter Berlit
 

„Während wir zu Beginn der Pandemie eine geringe Schnittmenge zwischen COVID-19 und unserem Fach sahen und glaubten, die Herausforderung läge vor allem in der Organisation der Versorgung von Patientinnen und Patienten mit chronischen neurologischen Erkrankungen während des Lockdowns, haben wir schnell erkennen müssen, dass die Neurologie neben der Pneumologie und Intensivmedizin im Epizentrum der Pandemie steht“, erklärt Berlit. COVID-19 sei mit einem hohen Prozentsatz an neurologischen Manifestationen verbunden, und deren Bandbreite sei groß. Die Präsentationen und Verläufe wären oft sehr heterogen. Berlit: „Es ist daher von zentraler Bedeutung, dass COVID-19-Patienten neurologisch mitbetreut werden.“

Aufschlussreich sei beispielsweise, dass viele der Schlaganfälle im Kontext von COVID-19 nicht bei Patienten im höheren Alter mit vorbestehenden, typischen Schlaganfall-Risikofaktoren aufgetreten seien. Mehrere Studien-Autoren hätten berichtet, dass auch jüngere COVID-19-Patienten ohne Gefäßerkrankungen von Insulten betroffen seien.

Neurologische Patienten in spezialisierten Kliniken behandeln

Grundsätzlich rät die DGN, Patienten mit neurologischen Symptomen, die über den Verlust des Geruchs- und Geschmacksinns hinausgehen, in eine neurologische Klinik, vorzugsweise mit neurologischer Intensivstation, zu überweisen. Denn alle neurologischen Manifestationen erfordern eine rasche stationäre Diagnostik und Therapie. Oft sind bei diesen Patienten nach der Akuterkrankung rehabilitative und sozialmedizinische Maßnahmen und im späteren Verlauf auch ambulante neurologische Verlaufskontrollen erforderlich.

Darüber hinaus gibt die Leitlinie Handlungsempfehlungen zur Versorgung von Patienten mit neurologischer Erkrankung während der SARS-CoV-2-Pandemie und für den Schutz des versorgenden Personals.

Auf neurologische Manifestationen achten

Außer den Handlungsempfehlungen zur Versorgung von Patienten mit neurologischer Erkrankung raten die Autoren, intensivpflichtige, beatmete COVID-19-Patienten auf neurologische Manifestationen zu untersuchen. So heißt es im Leitlinientext: „Neurologische Manifestationen von COVID‐19 können leicht in der schwerwiegenden, pulmonal dominierten Intensivsituation maskiert bleiben. Deshalb muss aktiv nach einer Mitbeteiligung des zentralen oder peripheren Nervensystems gesucht werden.“ Hintergrund dieser Empfehlung: Eine kürzlich publizierte Studie zeigte, dass allein 65% der kritisch kranken COVID-19-Patienten mindestens ein neurologisches Problem hatten, bei 7 von 86 dieser Patienten wurde sogar ein Schlaganfall diagnostiziert. 

 
Neurologische Manifestationen von COVID‐19 können leicht in der schwerwiegenden, pulmonal dominierten Intensivsituation maskiert bleiben. DGN
 

Berlit: „Das zeigt, wie enorm wichtig die neurologische Diagnostik bei schwerkranken COVID-19-Patienten ist, denn die invasiv beatmeten Menschen erhalten in der Regel eine Analgosedierung, sind also nicht bei Bewusstsein und können daher nicht über neu auftretende Symptome berichten.“ Ohne ein routinemäßiges neurologisches Screening könnten schwere neurologische Begleiterkrankungen vom Hirninfarkt bis zur Enzephalomyelitis völlig unerkannt bleiben. Der Experte ergänzt: „Es wurde bereits viel über die hohe Sterblichkeit von beatmeten COVID-19-Patienten diskutiert, die in Deutschland etwa 50% betrug.“ Es sei denkbar, dass viele von ihnen nicht rechtzeitig diagnostizierte neurologische Komplikationen gehabt hätten. „Eine neurologische Mitbetreuung von intensivpflichtigen COVID-19-Patienten ist daher aus unserer Sicht essentiell“, fordert der DGN-Generalsekretär.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.
 

Kommentar

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