MEINUNG

Keine faulen Kompromisse! Medizinethiker warnt vor „überstürzter" Corona-Vakzine: „Impfgegnern keinen Grund für Zweifel geben.“

Arthur L. Caplan

Interessenkonflikte

19. August 2020

Deutsche Übersetzung des Video-Transkripts, ursprünglich veröffentlicht auf der amerikanischen Seite medscape.com:

Ich begrüße Sie, mein Name ist Art Caplan und ich bin für die Abteilung für Medizinethik an der Grossman School of Medicine der Universität von New York tätig.

Haben Sie in letzter Zeit im Zusammenhang mit der Impfstoff-Entwicklung auch immer wieder Begriffe wie „Rennen“, „Beschleunigung“ oder „Warp-Geschwindigkeit“ gehört (Anm. d Red.: Überlichtgeschwindigkeit, wie in der Sciencefiction-Literatur beschrieben)?

 
Die Impfgegner haben sich mit jenen zusammengetan, die für ihre bürgerlichen Freiheiten eintreten. Arthur L. Caplan, PhD
 

Obwohl wir natürlich alle auf einen wirksamen und sicheren Impfstoff hoffen, um einen Ausweg aus dieser furchtbaren COVID-19-Pandemie zu finden, beunruhigen mich diese Formulierungen doch sehr.

Nach einigen Umfragen aus den letzten Monaten sind viele Menschen in den USA und auch auf der ganzen Welt gegenüber einem Corona-Impfstoff skeptisch eingestellt. Teilweise werden diese Sorgen und Vorbehalte leider von einer gut organisierten, lärmenden und allgegenwärtigen Anti-Impfstoff-Bewegung befeuert.

Diese Bewegung ist während der COVID-19-Pandemie immer stärker geworden und hat sich ironischerweise mit denjenigen verbündet, die keine Einschränkungen ihrer Freiheitsrechte durch Quarantäneverordnungen, Zwangsisolation, Abstandsregelungen oder Maskenpflicht hinnehmen wollen.

Wenn man so will, haben sich also die Impfgegner mit jenen zusammengetan, die für ihre bürgerlichen Freiheiten eintreten und sagen, dass eine Impfung nicht erzwungen, verordnet, gefordert oder auch nur empfohlen sein sollte.

Das macht die Menschen sehr nervös. Was sie aber auch nervös macht, ist der Gedanke, dass ein Impfstoff vielleicht überstürzt eingeführt wird, bevor die Daten eindeutig belegen, dass er sehr sicher und sehr wirksam ist.

Wenn Präsident Donals Trump, Tony Fauci, der Chef der US-Infektionsbehörde, oder andere ihre Hoffnung darüber äußern, dass es bis zum Jahresende oder zu Beginn des kommenden Jahres einen Impfstoff geben wird, denke ich mir, dass dies nicht nur aus dem Grund nahezu unmöglich zu erreichen ist, weil die Forschung möglicherweise noch keine klaren Ergebnisse hat und die Produktion schwierig ist.

Ein anderer Grund ist: Wir sollten auch in keiner Weise Abstriche an groß angelegten und angemessenen klinischen Studien zur Impfstoffentwicklung machen, an denen in der Regel Zehntausende Menschen beteiligt sind.

Bisher lagen die schnellsten Impfstoff-Entwicklungen, die es je bis zur FDA-Zulassung geschafft haben – wohlgemerkt nicht zur Herstellung, sondern nur zur Zulassung – bei über 5 oder 6 Jahren.

 
Wir sollten in keiner Weise Abstriche an groß angelegten und angemessenen klinischen Studien zur Impfstoffentwicklung machen. Arthur L. Caplan, PhD
 

Der Gedanke, bis zum Winter oder Anfang nächsten Jahres etwas in der Hand zu haben, klingt sehr nach: „Vielleicht haben wir noch nicht alle Daten zusammen, aber es wird schon reichen.“ Oder wir hören Politiker sagen: „Es handelt sich um einen Notfall, und wir können nicht warten, bis alle Daten vorliegen, also werden wir produzieren.“

In dem aktuellen Klima der Anti-Impfstoff-Rhetorik, wo 30% oder 40% der US-Bürger in Umfragen im Hinblick auf Impfstoffe Bedenken äußern, wäre das eine Katastrophe.

Wir können nicht an allen Ecken und Enden kürzen und sparen. Wir brauchen Warp-Geschwindigkeit, um zu einem sicheren und wirksamen Impfstoff zu gelangen. Wir müssen uns sputen, um einen sicheren und wirksamen Impfstoff zu finden. Das heißt: Ich bin nicht für ein gemächliches Vorgehen, aber ich bin dafür sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit weiß, dass sie nicht gefährdet wird und dass es keinen Grund für Zweifel vonseiten der Anti-Impf-Eiferer gibt, wonach man genau dem Instrument, das uns aus diesem Schlamassel befreien kann, nicht trauen dürfe.

Lassen Sie uns umsichtig vorgehen. Lassen Sie uns an die Sicherheit denken. Nutzen wir unseren gesunden Menschenverstand und teilen wir der Öffentlichkeit mit, dass wir nicht um den heißen Brei herumreden werden. Wir werden uns beeilen, aber wir werden dabei die Sicherheit im Blick behalten.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Arthur L. Caplan ist Direktor der Abteilung für Medizinethik am Langone Medical Center und an der School of Medicine der Universität von New York. Er ist Autor oder Herausgeber von 35 Büchern und 750 peer-reviewed Artikeln sowie ein häufiger Interviewpartner der Medien zu bioethischen Fragen.

Im Interesse einer besseren Lesbarkeit und Klarheit wurden dieses Transkript redaktionell bearbeitet.
 

Kommentar

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