Schulstart in Pandemiezeiten: Reichen die Hygienekonzepte aus? Viele Experten sind skeptisch

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

18. August 2020

Kaum geöffnet und schon wieder geschlossen – nach nur 4 Tagen Regelbetrieb mussten 2 Schulen in Mecklenburg-Vorpommern Corona-bedingt wieder schließen, in Berlin meldeten 8 Schulen Corona-Fälle, die erste Schule wurde schon wieder geschlossen. Für den Regelbetrieb unter Pandemie-Bedingungen haben die einzelnen Bundesländer Hygiene-Konzepte vorgelegt (wie Medscape berichtet hatte). Doch die Frage bleibt: Wie tragfähig sind die?

„Es ist eine Art Experiment, das wir jetzt durchführen“, kommentiert Dr. Martin Stürmer dazu bei Lanz . In Klassenräumen herrsche eine Situation, die mitverantwortlich für Übertragungen sei. „Ein geschlossener Raum, der schlecht gelüftet werden kann, viele Kinder, die den Abstand nicht einhalten können und die keine Masken tragen, im Unterricht wird gesprochen – das ist eine Situation, die wir eigentlich vermeiden müssen“, sagt der Facharzt für Mikrobiologie und Lehrbeauftragte für Virologie an der Universität Frankfurt.

„Kinder sind keine Virenschleudern, sie können sich aber infizieren und das Virus weitergeben“, sagt Stürmer. Die meisten Studien, die das Infektionsgeschehen bei Kindern untersucht haben, seien in Zeiten des Lockdowns oder der Notbetreuungen entstanden: „Diese Daten jetzt 1 zu 1 auf die Situation im Vollbetrieb übertragen zu wollen, ist meiner Meinung nach eher gefährlich.“

Virologen warnen davor, Kindern keine Rolle in der Pandemie einzuräumen

Auch die Deutsche Gesellschaft für Virologe (GfV) warnt in ihrer Stellungnahme, dass fehlende Präventions- und Kontrollmaßnahmen in kurzer Zeit zu Ausbrüchen führen könnten, die dann erneute Schulschließungen erzwingen. Die Virologen – darunter Prof. Dr. Christian Drosten, Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, Prof. Dr. Stephan Becker und Helmholtz-Forscherin Prof. Dr. Melanie Brinkmann – schreiben: „Wir warnen vor der Vorstellung, dass Kinder keine Rolle in der Pandemie und in der Übertragung spielen.“

Infektionsraten bei Kindern und deren Rolle in der Pandemie seien bisher nur unvollständig durch wissenschaftliche Studien erfasst. Neuere wissenschaftliche Veröffentlichungen deuteten darauf hin, „dass die initial teilweise angenommene, minimale Rolle von Kindern in Frage gestellt werden muss.“

 
Wir warnen vor der Vorstellung, dass Kinder keine Rolle in der Pandemie und in der Übertragung spielen. Prof. Dr. Christian Drosten, Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, Prof. Dr. Stephan Becker und Prof. Dr. Melanie Brinkmann
 

Auch die GfV weist darauf hin, dass die meisten frühen Studien unter Lockdown-Bedingungen oder in Zeiten niedriger Grundinzidenz unmittelbar nach dem Lockdown durchgeführt wurden. Solche Studien hätten als Entscheidungsgrundlage nur einen eingeschränkten Aussagewert.

Kleinere Klassen, mehr Räume, besserer Luftaustausch

Neuere Erkenntnisse zur Aerosolübertragung erforderten zusätzliche Maßnahmen wie kleinere Klassen, mehr Räume und pragmatische Lösungen für einen besseren Luftaustausch in Schulen. Der Unterricht könnte per Kleingruppe über verschiedene Tageszeiten und Wochentage verteilt werden und digitale Lösungen mit einem Mix aus Präsenzunterricht und Heimarbeit die angespannte Raum-Situation entlasten.

Deutliche Kritik an den Hygienekonzepten der Bundesländer kommt vom Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V., der ein einheitliches Konzept für die „digitale Schule“ und die Schulung der Digitalkompetenz von Lehrern für Homeschooling fordert. „Völlig unverständlich ist, warum die 6 Wochen Sommerferien nicht genutzt wurden, um alle Lehrer auf einen einheitlichen digitalen Wissenstand zu bringen, während Eltern in den vergangenen Monaten zusätzlich zu ihrem eigentlichen Job das Homeschooling für ihre Kinder übernehmen mussten“, kritisiert Marco Zingler, Vizepräsident des BVDW.

Die Kultusministerkonferenz habe zwar Ende März „entschlossenes Handeln“ in der Corona-Krise angekündigt, ein einheitliches Konzept gebe es aber immer noch nicht. Auch die Lehrer selbst sehen sich digital nicht gut vorbereitet: Laut Report Mainz können 2 Drittel der Lehrer bei einer Corona-bedingten Schulschließung nicht auf digitalen Fernunterricht umschalten. Das geht aus einer Umfrage unter 3.000 Lehrern hervor.

Zweite Schulstudie aus Sachsen: Keine akuten Infektionen gefunden

Derweil zeigt auch die zweite Schulstudie aus Sachsen, dass es kaum COVID-19-Infektionen unter Schülern gab. „Die akute Ansteckung lag bei Null. Von 2.599 Kindern und Lehrern war keiner infiziert“, sagte Prof. Dr. Wieland Kiess, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, bei der Vorstellung der Studie in Dresden.

Ende Mai/Anfang Juni wurden an 10 Grundschulen und 9 Gymnasien in Leipzig, Dresden und Zwickau 1.884 Schüler und 803 Lehrer untersucht. Von 2.599 Probanden wurde ein Rachenabstrich gemacht, 2338 Teilnehmern wurde eine Blutprobe entnommen und auf Antikörper getestet. In 14 der 2.338 Proben (0,6%) wurden Antikörper gefunden. Im September und November sollen in der untersuchten Gruppe weitere Antikörpertests durchgeführt werden, um die Entwicklung des Infektionsgeschehens einschätzen zu können, so Kiess.

Doch lässt sich aus den Studienergebnissen ableiten, dass das Infektionsrisiko unter Schülern grundsätzlich gering ist? Die Tests wurden in einem Zeitraum durchgeführt, in dem die Inzidenz in Sachsen und auch bundesweit gering war. Nach RKI-Angaben sank der Anteil der positiv ausgefallenen Tests (Positiven-Rate) von 9% Ende März/Anfang April auf 1,1% Ende Mai. Je niedriger diese Positiven-Rate ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass das Infektionsgeschehen richtig eingeschätzt wird. Ist die Inzidenz allerdings sehr gering lässt sich kaum ablesen, ob die Öffnung von Schulen nun besonders riskant ist oder nicht.

Empfehlungen der Kinder und Jugendmediziner

Masken im Unterricht tragen? Lüften: wann, wie oft, wie lange? Was tun, wenn Infektionen auftreten? Ein breites Bündnis von Fachgesellschaften aus der Kinder- und Jugendmedizin und medizinischer Hygiene hat Anfang August ein detailliertes Regelwerk zum Infektionsschutz vorgelegt. 

Dieses enthält konkrete altersadaptierte Empfehlungen zu den Basisregeln wie Abstand halten, Händehygiene und Alltagsmasken, zum regelmäßigen Lüften, zur Reinigung und Flächendesinfektion und zur Gruppen- bzw. Kohorten-Konstanz in Schulen und Kindergärten und zeigt auf, unter welchen Bedingungen Schulöffnungen möglich sind. 

„Wir sind der festen Überzeugung, dass die Notwendigkeit der Öffnung ohne Alternative ist und diese Herausforderung bestanden werden muss, um das Recht der Kinder und Jugendlichen auf Bildung, Teilhabe, Förderung und Betreuung zu garantieren“, sagt Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz, Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), unter deren Dach die Kinder- und Jugendmediziner zusammen mit den Krankenhaushygienikern die Kriterien für die Hygienekonzepte in Schule und Kita erarbeitet haben.

Im Vergleich zu Erwachsenen, so die Autoren des Regelwerks, bestehe bei Kindern und Jugendlichen basierend auf bisherigen Erkenntnissen eine geringere Infektionshäufigkeit, sie erkrankten im Schnitt weniger schwer und tragen auch ein deutlich geringeres Risiko für schwerste und tödliche Verläufe. Vieles spreche bislang dafür, dass Kinder und Jugendliche (zumindest bis 14 Jahre) SARS-CoV-2 seltener als Erwachsene auf andere Menschen übertragen.

 
Wir sind der festen Überzeugung, dass die Notwendigkeit der Öffnung ohne Alternative ist … Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz
 

Auch niedergelassene Kinderärzte plädieren für Schule im Regelbetrieb, aber mit festen Gruppen – das ist das Ergebnis der Studie „Homeschooling und Gesundheit 2020“ der pronova BKK. Befragt wurden 150 niedergelassene Kinderärzte. Die Ärzte verweisen auf die negativen Folgen von Schul- und Kitaschließungen und eingeschränkten Kontakten für die gesunde Entwicklung junger Menschen.

In den Praxen ließe sich beobachten, dass seelische Leiden zugenommen haben. 68% der Befragten rechnen mit Corona-bedingten Traumata bei Heranwachsenden. „Kindern und Jugendlichen wurde ihr gewohnter Alltag genommen, vertraute Strukturen brachen weg. Für viele eine einschneidende Erfahrung, die sie noch lange beschäftigen wird“, sagt Gerd Herold, Beratungsarzt bei der pronova BKK.

 
Kindern und Jugendlichen wurde ihr gewohnter Alltag genommen, vertraute Strukturen brachen weg. Für viele eine einschneidende Erfahrung, die sie noch lange beschäftigen wird. Gerd Herold
 

Auch aus Sicht der Bundesärztekammer spielen Kinder keine maßgebliche Rolle in der Pandemie: „Kinder und Jugendliche gehören offensichtlich nicht zu den Risikogruppen der Corona-Pandemie. Wir müssen aber verhindern, dass sie durch Kita-Schließungen und den stark eingeschränkten Präsenzbetrieb in den Schulen zu besonderen Verlierern der Corona-Krise werden“, betont Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt.

Schnelle Kontaktnachverfolgung ist essentiell

Dass eine schnelle Kontaktnachverfolgung eine wichtige Voraussetzung für die Öffnung von Schulen ist, zeigen eine Modellierungsstudie aus Großbritannien und eine Real World-Studie aus Australien, die die Virusverbreitung, Teststrategie und Kontaktnachverfolgung an Schulen untersucht hatten.

 
Wir müssen aber verhindern, dass sie durch Kita-Schließungen und den stark eingeschränkten Präsenzbetrieb in den Schulen zu besonderen Verlierern der Corona-Krise werden. Dr. Klaus Reinhardt
 

Prof. Dr. Martin Hibberd, Infektiologe an der London School of Hygiene & Tropenmedizin, stellt fest, dass beide Studien „vernünftige Szenarien“ lieferten, unter denen Schuleröffnungen möglich seien – wenn COVID-19 Neuinfektionen nicht zunehmen. „Eine klare Botschaft ist aber, dass die Ermittlung von Kontaktpersonen funktionieren muss, um die Zahl der Infektionen unter Kontrolle zu halten – auch, wenn Kinder das Virus weniger wirksam übertragen als Erwachsene“, so Hibberd. Die Real World-Daten der australischen Studie zeigen, dass ein Infizierter durchschnittlich 50 Kontakte aufwies.

Nach aktuellem Stand scheinen Kinder zwar nicht besonders zur schnellen Ausbreitung des Erregers beizutragen, sagt Prof. Dr. Hans-Georg Kräusslich, Abteilungsleiter der Virologie am Universitätsklinikum Heidelberg gegenüber dem Science Media Center (SMC). Er stellt aber auch fest: „Klar ist, dass Kinder infiziert werden und das Virus auch weitergeben können.“

Ob Kinder genauso häufig wie Erwachsene infiziert werden und wie effektiv sie die Infektion auf andere weiter übertragen „ist im Moment noch nicht ausreichend verstanden“, sagt Prof. Dr. Isabella Eckerle von der Abteilung für Infektionskrankheiten an der Universität Genf. Die Datenlage verdichte sich, dass Kinder wahrscheinlich zum größten Teil asymptomatisch infiziert sind. „Das ist zunächst einmal eine gute Nachricht, macht es allerdings viel schwieriger, Infizierte zu erkennen und entsprechend zu isolieren“, so Eckerle.

Jüngere Kinder übertragen SARS-CoV-2 seltener

Kinder bis 10 Jahre scheinen SARS-CoV-2 seltener zu übertragen – darauf weisen verschiedene Studien hin. So stellten französische Wissenschaftler, die Ende April Antikörper-Tests an Schulen in der stark von COVID-19 betroffenen nordfranzösischen Stadt Crépy-en-Valois durchgeführt hatten, ein interessantes Muster fest: Während sich das Virus im Gymnasium stark ausgebreitet hatte (38% der Schüler, 43% der Lehrer und 59% des nicht unterrichtenden Personals waren infiziert), galt dies nicht für die 6 Grundschulen der Stadt.

Insgesamt waren dort nur 9% der Schüler im Grundschulalter, 7% der Lehrer und 4% des nicht unterrichtenden Personals infiziert worden. Vor der Schließung der Schule am 14. Februar besuchten 3 mit SARS-CoV-2 infizierte Grundschüler 3 verschiedene Schulen, ohne dass es in den folgenden 14 Tagen unter Schülern, Lehrern und nicht lehrendem Personal derselben Schulen zu weiteren Fällen kam. „Die Ergebnisse zeigen, dass Jugendliche genauso ansteckend sind wie Erwachsene", so Studienleiter Dr. Arnaud Fontanet gegenüber dem Guardian . „Aber in den jüngeren Altersgruppen ist es anders. Die scheinen das Virus nicht in gleichem Maße zu übertragen.“

 
In den jüngeren Altersgruppen ist es anders. Die scheinen das Virus nicht in gleichem Maße zu übertragen. Dr. Arnaud Fontanet
 

Eine epidemiologische Studie aus Südkorea mit 65.000 Menschen, in der die Kontakte von Infizierten zwischen Ende Januar und Ende März nachverfolgt wurden kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Sie zeigt, dass Kinder im Alter von 10 bis 19 Jahren das Virus genauso gut wie Erwachsene verbreiten können. Kinder unter 10 Jahren hingegen übertragen das Virus offenbar deutlich seltener.

Auch eine britische Studie legt nahe, dass Kinder (unter 16 Jahre) bei der Infektion und Übertragung keine große Rolle spielen. Trotz der großen Zahl getesteter Kinder (35.200) machten diese nur 1% der COVID-19-Fälle aus.

„Noch ist unklar, warum kleine Kinder im Vergleich zu älteren Kindern oder Erwachsenen ein geringeres Infektionsrisiko haben. Eine Theorie lautet, dass Kinder im Vergleich zu Erwachsenen weniger ACE2-Rezeptoren haben, an die das Virus andocken kann“, sagt Erstautor Dr. Shamez Ladhani.

 
Eine Theorie lautet, dass Kinder im Vergleich zu Erwachsenen weniger ACE2-Rezeptoren haben, an die das Virus andocken kann. Dr. Shamez Ladhani
 

Das sei zwar beruhigend, es dürfe aber nicht vergessen werden, dass im Untersuchungszeitraum – 16. Januar bis 3. Mai – weitgehend ein Lockdown geherrscht habe, Kinder also mit geringerer Wahrscheinlichkeit dem Virus ausgesetzt waren. „Doch der Lockdown wird aufgehoben, die Kinder werden in den kommenden Wochen vermehrt Kontakt zu anderen haben. Wir brauchen mehr Informationen über asymptomatische Infektionen und die stille Übertragung“, betont Ladhani.

Risiko für Schulausbrüche steigt mit dem Gesamt-Infektionsgeschehen

„Es sieht so aus, als ob Kinder insgesamt eine Übertragungseffizienz von etwa 50% der Erwachsenen haben, obwohl dies je nach Altersgruppe dramatisch variiert“ sagt Dr. Susan Coffin, Infektiologin am Kinderkrankenhaus von Philadelphia, gegenüber dem Guardian . „Wenn Kinder ins Teenageralter kommen, beginnt die Übertragungseffizienz sich der von Erwachsenen anzunähern.“

Eckerle verweist auf Ausbrüche an Schulen in Israel, Frankreich und Australien. „Es scheint vor allem dann ein Risiko für Schulausbrüche zu geben, wenn das Gesamt-Infektionsgeschehen in der Bevölkerung zunimmt – genauso wie es gerade in Deutschland der Fall ist.“ Die „rasche Identifizierung und Eindämmung möglichst aller Infektionsherde“ werde „entscheidend sein“, betont Kräusslich.

Eckerle erinnert an die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Übertragung durch Aerosole und an das hohe Risiko, wenn sich viele Menschen länger in geschlossenen Räumen aufhalten. Starte man ohne durchdachtes Konzept bei aktuell bundesweit steigenden Infektionszahlen ins neue Schuljahr, „riskiert man auch bei uns Schulausbrüche“, warnt sie.

 

Kommentar

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