Corona-Pandemie: Jeder 9. hat Termine zur Krebs-Früherkennung verschoben – ist das tatsächlich so schlimm?

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

17. August 2020

Aus Angst vor COVID-19 haben nicht wenige Menschen Früherkennungstermine und Zahnarztbesuche verschoben. Dies bestätigt eine repräsentative Umfrage der Universität Erfurt, an der auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) als Partnerin beteiligt ist [1].

Die Auswirkungen sind unklar: „Experten befürchten, dass man es an den Krebsraten sehen könnte, wenn Menschen später oder gar nicht zur Früherkennung gehen, oder auch bei Symptomen zu lange zögern“, sagt Dr. Birgit Hiller vom Krebsinformationsdienst (KID) des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg gegenüber Medscape. Ein entsprechender Effekt werde sich aber wohl erst in ein bis 2 Jahren zeigen. Mittlerweile ziehen viele Bürger aber laut der Umfrage einen Praxisbesuch wieder in Betracht.

11 Prozent haben die Krebs-Früherkennungstermine verschoben

Die Ergebnisse wurden im Rahmen des COVID-19 Snapshot Monitorings (COSMO) erhoben. Dazu befragt die Universität Erfurt in regelmäßigen Abständen rund 1.000 Bürger repräsentativ zu ihren Wahrnehmungen, Einstellungen, ihrem Wissen und Verhalten zu COVID-19.

 
Die COSMO-Daten zeigen, dass Menschen wegen der Corona-Situation weniger Früherkennungs- und Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Prof. Dr. Heidrun Thaiss
 

Die aktuelle Welle enthielt unter anderem die Frage „Haben Sie seit März 2020 Krebsvorsorge-Untersuchungen wegen der Corona-Situation aufgeschoben?“ Insgesamt 11% beantworteten das mit „ja“. Die Zurückhaltung war bei Frauen ausgeprägter als bei Männern (14% versus 8%). Altersmäßig betraf sie am meisten die 30- bis 49-Jährigen (15%) und weniger die 65- bis 74-Jährigen (10%).

Auch nach Gesundheits-Check-ups wurde gefragt: 19% der Frauen und 14% der Männer haben diese wegen der Corona-Krise verschoben. Auch hier zeigten die mittleren Altersgruppen am meisten Zurückhaltung. Allerdings hat die Umfrage in Bezug auf die Vorsorge eine Schwäche: Es bleibt unklar, ob die Befragten überhaupt vorhatten, einen Termin wahrzunehmen, oder ob sie generell nicht zur Vorsorge gehen und daher auch nichts verschieben mussten.

Der größte Hemmfaktor war Corona aber offenbar für Zahnarztbesuche: Hier gaben 22% an, diesen verschoben zu haben (Frauen 25%, Männer 19%). Laut BZgA handelte es sich hauptsächlich um Vorsorge- oder Kontrolltermine.

Manche kommen auch, wenn sie schon Symptome haben

Die Tatsache, dass mehr Frauen als Männer Termine verschoben hatten (und mehr Frauen als Männer zur Vorsorge gehen), legt nahe, dass diese Dynamik die Antworten beeinflusst hat. Denn nicht einmal jeder Zweite in Deutschland nutzt alle von der Krankenkasse finanzierten Vorsorge-Untersuchungen. Bei Frauen sind es nach einer Befragung im Auftrag der Pronova BKK nur 45%, bei Männern 41% (Daten von 2018).

Allerdings haben die Früherkennungsprogramme teilweise auch einen anderen Effekt: Personen, die sie regulär nicht nutzen, nehmen sie dann doch in Anspruch, wenn sie Symptome haben. Der KID kennt dieses Phänomen aus seiner Beratung. „Wenn man gesundheitliche Probleme hat oder Veränderungen bemerkt, ist es natürlich besonders wichtig, dass Termine nicht lange hinausgezögert werden“, sagt Hiller.

Früherkennung sollte auch in Pandemiezeiten wahrgenommen werden

„Die COSMO-Daten zeigen, dass Menschen wegen der Corona-Situation weniger Früherkennungs- und Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen“, sagt Prof. Dr. Heidrun Thaiss, Leiterin der BZgA, laut einer Pressemitteilung. „Diese Untersuchungen können jedoch helfen, eine Erkrankung frühzeitig zu entdecken. Früh diagnostiziert, haben auch Krebserkrankungen eine deutlich bessere Prognose. Deshalb sollten Früherkennungsuntersuchungen auch in Zeiten der Pandemie konsequent wahrgenommen werden.“

 
Früherkennungsuntersuchungen sollten auch in Zeiten der Pandemie konsequent wahrgenommen werden. Prof. Dr. Heidrun Thaiss
 

Möglicherweise lag es auch an den fehlenden Möglichkeiten. Anfang April gaben nur 66% der Befragten an, dass notwendige Arztbesuche für sie zurzeit möglich sind. Jetzt sagen dies 89%. „Vielleicht zeigt sich hier, dass Ängste vor Ansteckungen in Arztpraxen zurückgegangen sind oder Behandlungen, die zunächst aufgeschoben wurden, nun nachgeholt werden“, folgern die Autoren der Befragung.

Wie relevant sind 2 Monate Verschiebung?

Der Rückgang von Früherkennungsuntersuchungen zeigt sich auch in anderen Ländern. So ist etwa in den USA die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen auf Brust-, Darm- und Gebärmutterhals-Krebs im März um 94% gesunken. Manche Experten dort sehen das auch als Chance, um Art und Weise der Programme generell zu überprüfen.

 
Wenn uns ein Test jetzt das Risiko nicht wert ist, sollten wir überlegen, warum er das vor der Pandemie war. Prof. Dr. Bishal Gyawali
 

„Wenn uns ein Test jetzt das Risiko nicht wert ist, sollten wir überlegen, warum er das vor der Pandemie war“, sagt Prof. Dr. Bishal Gyawali von der Queen's University in Kingston gegenüber Medscape USA . Denn viele Vorsorgeprogramme beinhalteten auch sonst das Risiko einer Überdiagnose und unnötiger weiterer Eingriffe, gibt er zu bedenken.

Viel gravierender sei, wenn Patienten mit Symptomen eine Behandlung verschöben, meint Prof. Dr. Norman Sharpless, Direktor des National Cancer Institute. Aber die Routine-Mammografie? „Die kann wahrscheinlich eine Weile verschoben werden.“ Der Unterschied ist allerdings, ob man, wie Sharpless, bei der Betrachtung der Auswirkungen auf den einzelnen Patienten fokussiert oder auf die gesamte Bevölkerung.

„Die meisten Krebsarten entwickeln sich zwar nur langsam“, mahnt denn auch Hiller. „Aber hier geht es auch um die Statistik: Wenn sehr viele Personen zum Beispiel eine Darmspiegelung um 2 Monate verschieben, gibt es dann vielleicht doch einzelne, bei denen sich ein Darmpolyp genau in dieser Zeit zum Krebs entwickelt.“

 
Wenn sehr viele Personen zum Beispiel eine Darmspiegelung um 2 Monate verschieben, gibt es dann vielleicht doch einzelne, bei denen sich ein Darmpolyp genau in dieser Zeit zum Krebs entwickelt. Dr. Birgit Hiller
 

Der KID spricht aber grundsätzlich keine Empfehlung pro oder contra Teilnahme aus. „Auch in der Corona-Krise bleibt die Früherkennung eine persönliche Entscheidung, bei der viele Faktoren abgewogen werden sollten“, sagt Hiller. „Wichtig ist aber, sich gut zu informieren, bevor man darauf verzichtet.“
 

Kommentar

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