MEINUNG

Mammographie-Screening stoppen – fordert eine Studie: Expertin erklärt Vor- und Nachteile und wie sie Frauen individuell berät

PD Dr. Georgia Schilling

Interessenkonflikte

19. Oktober 2020

PD Dr. Georgia Schilling diskutiert engagiert eine kritische, australische Studie, die die Einstellung des Screenings fordert. Doch sie widerspricht und plädiert für „eine ganz individuelle Beratung der Frauen“. 

Transkript des Videos von PD Dr. Georgia Schilling:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Georgia Schilling. Ich bin Chefärztin der Internistisch-Onkologischen Rehabilitation in der Nordsee-Klinik in Westerland auf Sylt und ich bin auch leitende Oberärztin des Asklepios-Tumorzentrums in Hamburg.

Ich möchte heute mit einem immer wieder aktuellen und immer wieder heiß diskutierten Thema auf Sie zukommen, und zwar geht es um das Mammographie-Screening.

Ende Juni dieses Jahres hat eine Arbeitsgruppe aus der Provinz Victoria in Australien neue Daten veröffentlicht, die wieder Öl ins Feuer gießen, was den Nutzen und die Risiken des Mammographie-Screenings angehen.

Der Artikel von Burton und Stevenson wurde in JAMA Network Open publiziert und trägt den Titel „Assessment of Breast Cancer Mortality Trends Associated With Mammographic Screening and Adjuvant Therapy From 1986 to 2013 in the State of Victoria, Australia“.

Mammographie-Screening in Deutschland

In Deutschland nehmen jedes Jahr rund 2,7 Mio. Frauen am Mammographie-Screening teil. Das ist eine Teilnehmerrate von knapp 60%.

Mit diesem Mammographie-Screening werden viele Karzinome in einem relativ frühen Stadium aufgespürt. Rund 12.000 sind maximal 2 cm groß und haben noch keine Lymphknoten befallen. Sie befinden sich also in einem sehr frühen Stadium.

 
Von den 130.000 Frauen, die aufgrund einer Auffälligkeit in der Mammographie nochmal einbestellt werden, ist bei ca. 34.000 eine Gewebeentnahme erforderlich. PD Dr. Georgia Schilling
 

Von den 130.000 Frauen, die aufgrund einer Auffälligkeit in der Mammographie nochmal einbestellt werden, ist bei ca. 34.000 eine Gewebeentnahme erforderlich. Davon hat dann tatsächlich die Hälfte Brustkrebs, das sind 13% aller Frauen, die zur erneuten Untersuchung eingeladen wurden.

Was bedeutet ein gutes Screening?

Gutes Screening heißt, dass es frühe Stadien von Tumorerkrankungen detektieren soll. Die Inzidenz fortgeschrittener Tumorstadien soll durch das Screening gesenkt werden. Insgesamt soll natürlich die Mortalität verringert werden.

Genau diese Punkte haben die Australier jetzt in Victoria untersucht. Sie analysierten die relative Risikoreduktion durch Mammographie-Screening im Vergleich zur adjuvanten endokrinen Therapie bei Frauen mit einem frühen Mammakarzinom, die beides erhalten haben.

Damit wollte man die Frage beantworten, ob die Abnahme der Brustkrebs-Mortalität seit den 1990er Jahren auf die adjuvante Therapie oder auf das Mammographie-Screening zurück zu führen ist. Das ist die Gretchenfrage schlechthin.

Das Ergebnis kurz zusammengefasst: Nicht das Mammographie-Screening, sondern die adjuvante Therapie ist für die Abnahme der Mortalität von frühem Brustkrebs verantwortlich.

Das Mammographie-Screening hat nicht zu einem Downstaging geführt, wie man es sich von einem guten Screening erhofft.

Damit ist die Studie auf der gleichen Linie wie andere Studien aus den letzten Jahren aus einer anderen australischen Provinz, aus den USA, aus Norwegen und aus den Niederlanden, die auch nicht zeigen konnten, dass es durch das Screening zu einem Downstaging der fortgeschrittenen Stadien kam. Deren Inzidenz war stabil oder hat sogar eher zugenommen.

 
Die australische Arbeitsgruppe kommt daher zu der Schlussfolgerung, dass das Mammographie-Screening eingestellt werden sollte. PD Dr. Georgia Schilling
 

Die australische Arbeitsgruppe kommt daher zu der Schlussfolgerung, dass das Mammographie-Screening eingestellt werden sollte.

Was sollen wir jetzt tun?

Sollen wir nun das, wofür wir viele Jahre gekämpft haben, aufgeben? Vor etwa 2 Jahren haben wir noch diskutiert, ob man das Screening erweitern soll und man auch Frauen unter 50 Jahren und Frauen im Alter zwischen 70 und 75 Jahren einladen soll. Derzeit werden Frauen zwischen 50 und 69 zum Screening eingeladen.

Wir wissen, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Screening in einem Positionspapier empfiehlt. Wir kennen das Positionspapier des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA).

Vor- und Nachteile des Screenings

Das Screening hat Vorteile, weil wir sehr kleine Tumoren entdecken können, bei denen noch in über 90% der Fälle eine Heilung möglich ist.

Wir denken immer noch, dass wir die Brustkrebsmortalität in der Altersgruppe zwischen 50 und 70 senken können. Hier konnte man zeigen, dass das Nutzen-Risiken-Verhältnis am günstigsten ist.

Wir wissen, dass Frauen, die eine unauffällige Mammographie haben, sicher sein können, dass sie aktuell nicht an Brustkrebs erkrankt sind. Ich betone aktuell.

Denn wir wissen auch, dass Intervallkarzinome, also Karzinome zwischen 2 Screening-Terminen auftreten können. Das Screening bietet also keine Sicherheit, dass man in den nächsten 2 Jahren keinen Brustkrebs entwickelt.

Die Strahlenbelastung ist m.E. eher zu vernachlässigen.

Wir produzieren durch das Screening eine Reihe falsch positiver Befunde. Wir setzen also Frauen für eine gewisse Zeit einem Krebsverdacht aus, der sich dann glücklicherweise in vielen Fällen nicht bestätigt. Aber diese Zeit ist für die Frauen sehr belastend.

 
Wir haben auch etwa 10% falsch negative Befunde. Wir induzieren durch das Screening eine gewisse Sicherheit, die falsch ist. PD Dr. Georgia Schilling
 

Wir haben auch etwa 10% falsch negative Befunde. Wir induzieren durch das Screening eine gewisse Sicherheit, die falsch ist.

Wir wissen, es müssen extrem viele Frauen untersucht werden, damit man letztendlich ein Frauenleben durch das Screening rettet.

Wir wissen, dass wir durch die Screening-induzierte Übertherapie von vielleicht niemals behandlungsbedürftig werdenden Karzinomen zu Spätkomplikationen und Langzeitnebenwirkungen beitragen.

Individuelle Beratung als Voraussetzung

Das sind die Vor- und Nachteile des Screenings. Jetzt aber zu sagen, wir stellen dieses Screening-Programm ganz ein, würde ich persönlich – auch als Frau, die gerade in der Screening-Altersgruppe ist, nicht empfehlen.

Wir brauchen eine ganz individuelle Beratung der Frauen, weil sich jede Frau sicherer oder unsicherer fühlt, je nachdem, ob sie an einem Screening teilnimmt oder nicht. Es ist ganz wichtig, den Frauen klar zu machen, was das Screening erreicht und was es nicht erreicht.

Es ist nicht sinnvoll, auf die Frauen Druck auszuüben und einfach zu sagen, dass sie unbedingt zum Screening gehen sollen. Jede Frau hat das Recht, sich auch gegen das Screening zu entscheiden.

Für mich ist dies der klassische Shared-Decision-Making-Process, den wir in diesem Fall wirklich durchziehen sollten.

Diese neue Studie, die eher davon abrät, das Screening durchzuführen, sollte uns aber nochmal kritisch nachdenken lassen.

In diesem Sinne sage ich „Tschüss“ und verabschiede mich für heute von Ihnen.
 

Kommentar

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