Terminüberschreitung bei Schwangerschaft: Eingreifen oder Abwarten? Was Cochrane-Forscher raten

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

3. August 2020

Bei einer ansonsten normal verlaufenden, aber bereits über das errechnete Geburtsdatum hinausgehenden Schwangerschaft ist es besser, die Geburt einzuleiten statt abzuwarten. Zu diesem Ergebnis kommen die Autoren eines aktualisierten Cochrane Review unter der Leitung von Prof. Dr. Philippa Middleton vom South Australian Health and Medical Research Institute, Adelaide. Sie haben 34 Studien mit mehr als 20.000 Geburten ausgewertet [1].

Terminüberschreitung einer Schwangerschaft: Wie sollten Gynäkologen handeln?

Zum Hintergrund: Viele Frauen empfinden eine künstliche Einleitung der Geburt als schwerwiegenden Eingriff in den natürlichen Ablauf ihrer Schwangerschaft. Mögliche Risiken werden auch diskutiert: Gehen solche Geburten mit einer höheren Rate von Kaiserschnitten einher oder haben Geburtseinleitungen ein höheres Risiko für seltene, aber schwerwiegende Komplikationen? So berichteten Anfang des Jahres deutsche Medien ausführlich über Cytotec® (Wirkstoff Misoprostol), dessen unsachgemäßer Gebrauch zu Wehenstürmen mit akuter Gefahr für das Leben von Mutter und Kind führen kann.

Allerdings gehen mit der Terminüberschreitung einer Schwangerschaft (eine nicht bis zum errechneten Datum erfolgte Geburt) beziehungsweise mit einer Übertragung (davon spricht man ab 2 Wochen nach dem Termin) Gefahren einher, etwa das Risiko einer Totgeburt. Dies gilt es, bei Entscheidungen abzuwägen – dabei soll dieser Review helfen.

Auswertung von 34 randomisierten und kontrollierten Studien

Es handelt sich hier, wie Cochrane Deutschland mitteilt, nicht um einen neuen Review, sondern um die Aktualisierung einer erstmals 2006 veröffentlichten und zuletzt 2018 aktualisierten Übersichtsarbeit. Allerdings ist die Datenbasis nun deutlich breiter als zuvor, und einige der Schlussfolgerungen haben sich geändert.

Der Review beruht auf 34 randomisierten kontrollierten Studien aus 16 verschiedenen Ländern, an denen insgesamt mehr als 21.500 Frauen teilnahmen (meist mit geringem Komplikationsrisiko). Alle Studien verglichen Geburtseinleitungen, meist nach 41 abgeschlossenen Schwangerschaftswochen (> 287 Tage), mit einer Strategie des „Beobachten und Abwartens“.

Weniger Todesfälle bei Geburtseinleitung ab der 37. Woche

Die Evidenz der eingeschlossenen Studien ist größtenteils von hoher bis moderater Vertrauenswürdigkeit auf der 4-stufigen GRADE-Skala, auf der ansonsten noch niedrige und sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit genannt werden.

Middleton und Kollegen finden eine deutliche Verringerung der Todesfälle bei der Geburtseinleitung ab der 37. Woche im Vergleich zu einer abwartenden Strategie (22 Studien, 18.795 Säuglinge). Dabei sind die Raten mit 0,4 gegenüber 3 Todesfällen pro 1.000 Geburten absolut betrachtet recht gering.

In der Gruppe mit eingeleiteten Geburten lagen auch die Raten für Kaiserschnitte niedriger, ohne dabei den Anteil sogenannter vaginal-operativer Entbindungen (mit Hilfe von Geburtszangen oder Saugglocken) zu erhöhen. Es wurden auch weniger Kinder in Neugeborenen-Intensivstationen eingewiesen.

Keine eindeutigen Unterschiede zeigten sich bei dem Risiko von Dammrissen, Nachgeburtsblutungen oder bei den Aussichten, nach der Entlassung aus der Klinik erfolgreich zu stillen. Unklar bleibt auf Basis der bisherigen Evidenz auch, wann genau der beste Zeitpunkt für eine Geburtseinleitung ist.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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