Gefährlicher Zytokinsturm bei COVID-19: IL-6-Antagonist bremst überschießende Entzündung und senkt Sterblichkeit

Dr. Nicola Siegmund-Schultze

Interessenkonflikte

31. Juli 2020

Bei schwerem Verlauf von COVID-19 bremst der Interleukin-6-Rezeptor-Inhibitor Tocilizumab überschießende Entzündungsreaktionen, die Organschäden verstärken können. Eine große Kohortenstudie an Zentren besonders stark von der Pandemie betroffener Regionen in Italien weist darauf hin, dass die Gabe des Anti-Zytokin-Antikörpers die Wahrscheinlichkeit einer künstlichen Beatmung und das Sterblichkeitsrisiko erheblich reduziert. Die Studie von Dr. Giovanni Guaraldi, Universitätsklinikum von Modena, Italien, und Kollegen ist in Lancet Rheumatology erschienen [1].

IL-6-Antagonist gegen den Zytokinsturm

Das klinische Bild der SARS-CoV-2-Infektion ist sehr heterogen, 10 bis 20% der Erkrankten haben einen schweren Verlauf. Das Severe Acute Respiratory Syndrom (SARS) ist häufig mit einem Zytokinsturm assoziiert, der die Lungen, aber auch andere Organe erheblich schädigt und funktional beeinträchtigt.

Interleukin 6 (IL-6) ist eines der daran beteiligten Zytokine. Tocilizumab wird bereits bei schwer verlaufenden rheumatischen Erkrankungen angewandt, und auch bei überschießenden Immunreaktionen nach einer CAR-T-Zell-Behandlung von onkologischen Patienten. Nun ist Tocilizumab an Kliniken in stark von COVID-19 betroffenen Regionen Norditaliens Patienten zusätzlich zur Standardtherapie gegeben worden.

Standarttherapie plus Tocilizumab

In die retrospektive Kohortenstudie wurden Erwachsene (> 18 Jahre) mit schwerer COVID-19-Erkrankung eingeschlossen wurden. Die Studienperiode lag zwischen dem 21. Februar und 30 April 2020. Studienteilnehmer waren 1.351 stationär behandelte Patienten mit schwerer Pneumonie, definiert durch Kriterien wie:

  • Atemfrequenz > 30/Min,

  • Sauerstoffsättigung im peripheren Blut < 93%

  • Lungeninfiltrate von > 50% innerhalb von 48 h

Die Patienten erhielten die Standardtherapie aus Sauerstoff-Supplementation, Hydroxychloroquin, Azithromycin, antiretroviraler Medikation und niedermolekularem Heparin. Ein nicht randomisiert ausgewählter Teil erhielt zusätzlich Tocilizumab – entweder 8 mg/kg i.v. (bis maximal 800 mg) in 2 Infusionen im Abstand von 12 Stunden oder 162 mg subkutan 2 Mal (insgesamt 324 mg), je nach Verfügbarkeit des Antikörpers.

1.341 Patienten wurden stationär behandelt. Davon hatten 40% (n = 544) eine schwere Verlaufsform. 365 Patienten erhielten die Standardtherapie und 179 zusätzlich Tocilizumab. Der primäre Endpunkt war zusammengesetzt aus der Rate der Patienten mit Notwendigkeit zur künstlichen Beatmung und Sterblichkeit.

Signifikanter Effekt von Tocilizumab

In der Standardgruppe starben 20% der Patienten (n = 73) und bei der zusätzlichen Antikörpergabe 7% (n = 13) – ein hoch signifikanter Unterschied (p < 0,0001).

36,5% in der Standardgruppe erreichten den zusammengesetzten Endpunkt und 22,6% in der Tocilizumab-Gruppe. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass der zusammengesetzte Endpunkt eintrat, sank damit um 40% (adjustierte Hazard Ratio: 0,61).

Diese vergleichsweise große Kohortenstudie stützt nach Angaben der Autoren die Gabe von Tocilizumab intravenös oder subkutan bei schwerem Verlauf von COVID-19. Der IL-6-Antagonist könne das Risiko senken, künstlich beatmet werden zu müssen und zu sterben. Eine unerwünschte, aber bekannte Wirkung von Tocilizumab sind jedoch Infektionen oder Virusreaktivierungen. Diese ließen sich aber im Allgemeinen kontrollieren.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de .

 

Kommentar

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