Corona: Wie Mitarbeiter im Gesundheitswesen testen? Nicht mit der Gießkanne! Neue S1-Leitlinie hilft bei Entscheidung

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

15. September 2020

26.000 Angestellte im Gesundheitswesen haben sich bislang nachgewiesenermaßen in Deutschland mit SARS-CoV-2 infiziert. Von ihnen mussten 1.100 stationär behandelt werden, und 63 sind gestorben. Das berichtet die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) mit Hinweis auf Erhebungen des Robert Koch-Instituts (RKI).

Ohne Frage ist das Risiko von Angestellten im Gesundheitsbereich groß. PCR-Tests spielen eine wichtige Rolle, um Infizierte zu erkennen und sie – inklusive möglicher Kontaktpersonen – zu isolieren. Mitunter wird auch gefordert, alle Angestellten regelmäßig zu testen. Doch welche Strategie ist praktikabel? Antworten gibt eine neue S1-Leitlinie. Sie wurde federführend von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Berlin, herausgegeben [1].

Prof. Dr. Uwe Janssens, Erstautor der Leitlinie, Präsident der DIVI und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler, fasst zentrale Aussagen zusammen: „Kein Gießkannenprinzip, sondern gezielt nach Relevanz testen. Alles andere kostet Zeit, Geld und wertvolle Ressourcen!“

 
Kein Gießkannenprinzip, sondern gezielt nach Relevanz testen. Alles andere kostet Zeit, Geld und wertvolle Ressourcen! Prof. Dr. Uwe Janssens
 

Zum Hintergrund erklärt der Experte: „Aktuell liegen die wöchentlichen Testkapazitäten der Labore für Corona-Tests (RT-PCR) bei ca. 1,4 Millionen Untersuchungen. Wir beschäftigen aber in Deutschland alleine etwa 5 Millionen Mitarbeiter im Gesundheitswesen.“ Das RKI empfehle eine regelmäßige Testung alle 14 Tage für Angestellte im Gesundheitswesen, auch ohne Symptome unter Berücksichtigung der epidemiologischen Lage. „Das funktioniert also nicht. Eine Übertestung sollten wir unbedingt vermeiden!“

Wie sollte man Tests priorisieren?

Als Kriterien zur Beurteilung des Risikos einzelner Mitarbeiter und damit auch der Relevanz von Tests nennt die DIVI:

  • unterschiedliche Arbeitsbereiche (z.B. ein höheres Risiko in Intensivstation oder Notaufnahmen),

  • unterschiedliche Tätigkeiten (z.B. ein höheres Risiko bei Eingriffen mit Aerosolbildung),

  • regionale Unterschiede bei SARS-CoV-2-Infektionen (ein höheres Risiko bei mehr als 50/100.000 Infektionen in den letzten 7 Tagen),

  • Besonderheiten (z.B. ein höheres Risiko in Stationen oder Kliniken mit vielen COVID-19-Patienten),

  • Besonderheiten vor Ort (Hot-Spot-Gebiete oder viele COVID-19-Patienten auf Stationen).

Wie oft sollten Mitarbeiter im Gesundheitswesen getestet werden?

Laut der S1-Leitlinie sollten Mitarbeiter folgender Einrichtungen bei Vertragsbeginn und dann – je nach individuellem Risiko – etwa alle 14 Tage untersucht werden:

  • Krankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen inklusive Ambulanzen,

  • Einrichtungen für Menschen mit Behinderung,

  • Arztpraxen oder medizinische Versorgungszentren,

  • zahnärztliche Praxen,

  • Apotheken,

  • psychotherapeutische bzw. psychologische Praxen,

  • physiotherapeutische Praxen,

  • ergotherapeutische Praxen,

  • logopädische Praxen,

  • Heilpraktiker-Praxen,

  • öffentlicher Gesundheitsdienst,

  • Abstrichzentren.

Bereiche mit höherem Risiko

In Bereichen mit höherem Risiko sollten sich Beschäftigte generell alle 14 Tage testen lassen. Dazu gehören:

  • Alten- und Pflegeheime,

  • teilstationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen,

  • Notfall- und Rettungsdienste,

  • Notaufnahmen und angeschlossene Monitorbetten,

  • Intensiv-/ und Intermediate-Care-Stationen,

  • Stationen mit Beatmungspatienten, 

  • alle stationären und ambulanten Einrichtungen mit endoskopischen Eingriffen,

  • Geriatrie/Gerontopsychiatrie,

  • Nephrologie/Dialyse,

  • HNO-Abteilungen,

  • Anästhesiologie inklusive Aufwachraum,

  • Neurologie/Neurochirurgie,

  • Stationen für Innere Medizin, speziell mit Lungen- und Herzkrankheiten,

  • Infektionsstationen,

  • Neonatologische/pädiatrische Intensivstationen,

  • Kreißsäle und Geburtshäuser,

  • Hämato-/Onkologie

  • Frührehabilitation,

  • stationäre Rehabilitationseinrichtungen bei Betreuung von Risikogruppen.

Höheres Risiko im ambulanten Bereich

Auch im ambulanten Versorgungsbereich nennt die S1-Leitlinie Bereiche mit höherem Risiko:

  • hausärztliche, pädiatrische und HNO-Praxen mit häufigem Kontakt zu Infektionspatienten,

  • Praxen, die schwerkranke Patienten behandeln, etwa Dialysepraxen oder hämatologisch/onkologische Praxen,

  • ambulante Pflegedienste.

Was tun bei knappen Testkapazitäten?

Angesichts der DIVI-Priorisierung bleibt als Frage: Reichen die genannten 1,4 Millionen RT-PCR-Tests pro Woche aus?

Im Jahr 2018 arbeiteten im Gesundheitsschutz 38.000 Personen, in Arztpraxen 700.000 Personen, in Zahnarztpraxen 356.000 Personen, in sonstigen Praxen (Heilpraktiker, Physiotherapeuten, u.a.) 521.000 Personen, in Apotheken 228.000 Personen, in der ambulanten Pflege 398.000 Personen, in stationären / teilstationären Einrichtungen 2,013 Millionen Personen, in Krankenhäusern 1,175 Millionen Personen.

„Anhand dieser Daten kann nicht verlässlich abgeschätzt werden, wie viele dieser Mitarbeiter im Gesundheitswesen tatsächlich in einem Tätigkeitsbereich mit einem höheren Infektionsrisiko arbeiten“, schreibt die DIVI. Sie rät deshalb, bei knappen Ressourcen nicht alle Personen im Gesundheitswesen, sondern vorrangig Kontaktperson 1. Grades eines laborbestätigten Falles und nachrangig Mitarbeiter aus Risikobereichen zu testen.

Wo gibt es aktuell Handlungsbedarf?

Die Leitlinienautoren wünschen sich jetzt begleitende Studien, um Teststrategien zu evaluieren und um mögliche Schwächen zu identifizieren. „Das betrifft insbesondere die Grenzwerte als Auslöser für Testungen“, weiß Janssens. „Gerade bei einer niedrigen Prävalenz von SARS-CoV-2 in einer Region ist die Gefahr falsch-positiver Testungen bei Reihentestungen besonders hoch“, warnt er.

 

Kommentar

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