Wissenschaftliches Plädoyer für die rasche Behandlung einer Psychose: Darum schadet Abwarten gerade zu Therapiebeginn

Michael Simm

Interessenkonflikte

27. Juli 2020

Die verzögerte Behandlung einer 1. psychotischen Episode gefährdet den gesamten Behandlungserfolg, insbesondere zu Beginn der Erkrankung. Das berichtet ein Team um Dr. Richard J. Drake von der University of Manchester in The Lancet Psychiatry[1]. Die Wissenschaftler bestätigen damit eigene Hypothesen und fordern frühzeitige Interventionen.

Kohorte mit 1.280 Patienten untersucht

Zum Hintergrund: Eine verzögerte Behandlung der 1. psychotischen Episode gilt schon länger als prädiktiv für ein schlechteres Behandlungsergebnis. Hier haben Drake und Kollegen Hypothesen zum zeitlichen Verlauf überprüft: Durch die Verzögerung werden sämtliche Symptome eher refraktorisch, und die Verschlechterung schreitet erst schnell, dann langsamer voran. Außerdem, so postulieren sie, verringert sich zwar das Ansprechen durch eine verzögerte Behandlung. Durch eine Verschlimmerung der Symptome wird jedoch die Behandlung beschleunigt, so dass die schädlichen Auswirkungen wieder abgemildert werden.

Um die Fragen zu klären, arbeitete Drakes Team mit einer Langzeitanalyse und Modellierung von 2 Kohorten. Eingeschlossen wurden insgesamt 1.280 Patienten, die mit einer 1. psychotischen Episode bei frühen Interventionsdiensten in England vorstellig wurden und antipsychotische Dopamin-Antagonisten erhalten hatten. Zu diesem Zeitpunkt sowie nach 6 und nach 12 Monaten wurden alle Patienten mit 5 verschiedenen diagnostischen Instrumenten bewertet, u.a. mit der Positive and Negative Symptom Scale (PANSS).

Plädoyer für frühe Interventionen

Zur Beschreibung des Zusammenhangs zwischen der verlängerten Nichtbehandlung einer Psychose (duration of untreated psychosis, DUP) und der Schwere der Symptome waren logarithmische Modelle am besten geeignet. Eine längere DUP sagt ein schlechteres Ansprechen auf die Behandlung voraus, aber die Verschlechterung läuft langsamer, je länger die Psychose nicht behandelt wird.

Bei einer Verzehnfachung der Nichtbehandlungszeit reduzierte sich die Verbesserung in der Gesamtsymptomatik in den beiden Kohorten hochsignifikant um 7,339 bzw. 3,846 Punkte auf der PANSS-Skala. Unter allen Arten von Symptomen waren dennoch nur Depressionen mit einer längeren DUP assoziiert.

„Eine lange DUP war mit einem verminderten Ansprechen auf die Behandlung über Subskalen hinweg verbunden“, fassen die Autoren zusammen. „Das Ansprechen schien sich zunächst schnell, dann langsamer zu verschlechtern. Diese Zusammenhänge unterstreichen die Bedeutung eines raschen Zugangs zu einem umfassenden Behandlungsspektrum, insbesondere in den ersten Wochen nach Ausbruch der Psychose.“

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de .

 

Kommentar

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