Hormonell wirksame Chemikalien – weit verbreitet, aber wie riskant? 2 Arbeiten diskutieren Gefahren und Regulierungsbedarf

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

24. Juli 2020

Wie beeinträchtigen endokrine Disruptoren, also hormonell wirksame Chemikalien, möglicherweise die Gesundheit? Und welche regulatorischen Ansätze gibt es auf politischer Ebene? Diesen Fragen ist ein internationales Forscherteam anhand von Literaturrecherchen nachgegangen. Ihre Artikelserie ist in The Lancet Diabetes & Endocrinology veröffentlicht [1,2].

„Die Besorgnis über mögliche endokrine Gesundheitseffekte von Chemikalien wächst, und diese Studie fasst das sehr umfassend zusammen“, kommentiert Prof. Dr. Thomas Hartung gegenüber dem Science Media Center Germany. Er arbeitet an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health, Baltimore, USA. „Wie die Autoren selbst sagen, ist diese Studie kein systematischer Review.“

Hartung weist darauf hin, dass die Autoren die Qualität und den möglichen Bias von Publikation nicht betrachtet haben. Einschlusskriterien für Artikel seien auch nicht definiert worden. „Das schränkt den Wert dieser Arbeit stark ein“, schlussfolgert der Experte. „Man muss sich klarmachen, dass es bei wissenschaftlichen Arbeiten eine enorme Verzerrung gibt – wenn man keinen Effekt findet, wird man das kaum in einer guten Zeitschrift publizieren können. Deshalb versucht man das oft gar nicht. Dadurch sieht man in der Literatur oft nur die schlechten Nachrichten über die toxischen Wirkungen von Chemikalien.“

Assoziationen mit unterschiedlichen Krankheiten

Dr. Linda G. Kahn von der New York University und Kollegen fanden bei ihrer Literaturrecherche – wie sie schreiben – starke Evidenz für Assoziationen zwischen der Aufnahme von Perfluor-Alkyl-Substanzen und mehreren Krankheitsbildern: Adipositas, eine gestörte Glukosetoleranz, ein Gestationsdiabetes, ein niedrigeres Geburtsgewicht, eine verminderte Spermienqualität, ein polyzystisches Ovarialsyndrom, eine Endometriose und Brustkrebs. Perfluor-Alkyl-Substanzen sind weit verbreitet, etwa in wasserabweisenden Textilien, in Feuerlöschern oder in Schmiermitteln.

Kahns Team berichtet auch von Hinweisen auf Assoziationen zwischen Bisphenolen und gesundheitlichen Folgen. Die Autoren nennen Diabetes bei Erwachsenen, eine verminderte Spermienqualität und ein polyzystisches Ovarialsyndrom. Bisphenole sind eine Gruppe chemischer Verbindungen, die in Kunststoffen verwendet werden.

Phthalate, bekannt als Weichmacher, werden wiederum mit Frühgeburten, mit einem verminderten anogenitalen Abstand bei Jungen, mit Adipositas bei Kindern und einer gestörten Glukosetoleranz in Verbindung gebracht. Unter dem anogenitalen Abstand ist die Strecke zwischen dem hinteren Ansatz des Hodensacks und dem Anus zu verstehen. Verkürzte Werte deuten auf eine Unfruchtbarkeit hin.

Bei Organophosphat-Pestiziden fanden die Forscher Hinweise auf eine verminderte Spermienqualität sowie bei beruflicher Exposition auf Prostatakrebs. Für kognitive Defizite und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) bei Kindern nach pränataler Exposition gegenüber Bisphenol A, phosphor-organischen Pestiziden und poly-bromierten Flammschutzmitteln haben sie zumindest neue Anhaltspunkte bei ihren Recherchen entdeckt.

Politische Forderung: Endokrine Disruptoren systematisch bewerten

„Endokrine Disruptoren verursachen aufgrund der Zunahme von Krankheiten und Behinderungen erhebliche Kosten, müssen aber – im Gegensatz zu anderen Giftklassen wie Karzinogenen – erst noch als Gefahrenkategorie in Vorschriften berücksichtigt werden“, kommentiert Dr. Christopher D. Kassotis von der Duke University, Durham, USA, zusammen mit Kollegen. Sein Team hat wirtschaftliche, regulatorische und politische Ansätze zur Begrenzung der Exposition untersucht und mögliche Verbesserungen empfohlen.

 
Endokrine Disruptoren … müssen … erst noch als Gefahrenkategorie in Vorschriften berücksichtigt werden. Dr. Christopher D. Kassotis
 

In der EU fordern Regularien bei endogenen Disruptoren eine Minimierung der Exposition, eine Identifizierung besonders kritischer Chemikalien und ein Verbot der Anwendung in Pestiziden. US-Behörden wiederum konzentrieren ihre Screening- und Testprogramme ausschließlich auf östrogenartig wirksame Verbindungen.

„Eine Minimierung der Exposition des Menschen ist ohne eine klare, allgemein anerkannte Definition für endokrine Disruptoren und entsprechende Testanforderungen vor dem Inverkehrbringen unwahrscheinlich“, schreiben Kassotis und die Koautoren. Sie fordern internationale Programme, um endokrine Disruptoren zu bewerten. Dabei haben sie die Arbeit der Internationalen Agentur für Krebsforschung (International Agency for Research on Cancer, IARC) vor Augen. Bekanntlich teilt die IARC die Karzinogenität von Chemikalien in 4 Klassen ein – so könnte man den Autoren zufolge auch bewerten, ob Substanzen endokrine Disruptoren sind.

„Während der erste der beiden Artikel eine recht neutrale Zusammenfassung der Studien der vergangenen Jahre darstellt, bezieht der politische Artikel Positionen“, so Hartung weiter. „Zum Beispiel favorisieren die Autoren einen gefahrenbasierten Ansatz zur Bewertung – das ist auch die europäische regulatorische Präferenz: das eher restriktive Vorsorge-Prinzip.“ Er selbst tendiere eher zu risikobasierten Ansätzen, aber dazu benötige man gute Daten und Risikoeinschätzungen.

 
Die Industrie will nicht ihre Kunden vergiften, aber sie wollen sicher sein, dass sie wirklich ein Problem lösen, wenn sie eine Chemikalie austauschen. Prof. Dr. Thomas Hartung
 

Genau hier sieht der Experte ein Dilemma: „Die Industrie will nicht ihre Kunden vergiften, aber sie wollen sicher sein, dass sie wirklich ein Problem lösen, wenn sie eine Chemikalie austauschen“, kommentiert Hartung. „Die beste Lösung ist es, gleich sichere Chemikalien auf den Markt zu bringen – wir nennen das ‚Grüne Toxikologie‘ – und nicht Produkte erst am Ende der Entwicklung abzuschießen oder schlimmer, sie vom Markt zu ziehen mit allen nachfolgenden Konsequenzen.“

 

Kommentar

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