Riskanter Fokus auf Corona-Impfung: Erfolge, Hürden und warum der Schutz gegen Influenza, Pneumokokken & Co. wichtig ist

 Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

16. Juli 2020

Derzeit befinden sich laut „COVID-19 Vaccine Tracker“ 194 Impfstoffkandidaten gegen SARS-CoV-2 in der Entwicklung und 17 in der klinischen Testung und die ersten ermutigenden Ergebnisse von Phase 1 Studien werden veröffentlicht (siehe Kasten unten).

Beim Online-Webinar „Hoffnungsträger Impfen: Chancen nutzen“ der WISA S.E. Consulting GmbH berichteten Experten über Herausforderungen bei der Impfstoffentwicklung. Sie warnten aber auch, sich auf das neuartige Coronavirus zu fokussieren und andere Infektionserkrankungen, etwa Influenza oder Pneumokokken, zu vernachlässigen [1].

SARS-COV-2 hat die Sichtweise auf Impfungen verändert

Prof. Dr. Markus Rose, Ärztlicher Leiter des Bereichs Pädiatrische Pneumologie und Allergologie am Klinikum Stuttgart ging der Frage nach, ob man in SARS-CoV-2-Zeiten wieder mehr Indikationsimpfungen benötige. Darunter versteht man bekanntlich Impfungen für bestimmte Personengruppen. Doch welche möglichen Zielgruppen gibt es?

Quarantänemaßnahmen und Lockdowns hätten laut Rose zu einem „Paradigmenwechsel in der Gesellschaft“ geführt: „Vor wenigen Monaten wurde noch gestritten, ob wir für Teile der Bevölkerung eine Masern-Impfpflicht wollen oder ob das ein zu starker Eingriff in die Freiheit mancher Mitbürger wäre.“ Jetzt würde der Wunsch nach einem Impfstoff gegen SARS-CoV-2 immer lauter, um einen Weg zurück in die Normalität zu finden. „Rund 9.000 Tote durch SARS-CoV-2 haben die Gesellschaft massiv verändert“, resümiert der Experte.

„Unabhängig von Corona gibt es immer mehr Menschen mit einer Abwehrschwäche, etwa aufgrund eines angeborenen Immundefekts, einer HIV-Infektion oder einer Immunsuppression“, weiß Rose. Bei ihnen sei das Pneumonie-Risiko 4 Mal höher als im Bevölkerungsdurchschnitt. „Diese Patienten müssen auch gut versorgt werden“, sagt Rose. Sie seien wichtige Zielgruppen für Indikationsimpfungen.

Gleichzeitig betont der Pädiater: „Seit Anfang der Pandemie wissen wir, dass wir medizinisch keine Probleme mit Kindern haben.“ Insgesamt mussten nur 180 behandelt werden. „Die Isolation schädigt sie mehr, als sie davon als Schutzmaßnahme profitieren würden.“

Die Hürden auf dem Weg zum SARS-CoV-2-Impfstoff

Mittelfristig würden Milliarden an Dosen benötigt, so Dr. Jens Vollmar. Er ist Head Therapeutic Area Vaccines, GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG. Vom Modell der natürlichen Herdenimmunität hält er nichts; dies würde mehrere Jahre dauern, bis man Effekte sehe.

Doch die Impfstoff-Entwicklung schreitet voran (siehe Kasten). „Normalerweise liegt die Entwicklungszeit bei 10 Jahren; wir wollen auf 1,5 Jahre kommen“, sagt Vollmar. „Das ist eine extreme Herkules-Aufgabe, aber dennoch realistisch, weil viele Forscher daran arbeiten und es viele Kooperationen gibt.“

Neben der Forschung selbst nennt der Experte Herausforderungen bei der Herstellung. Denn ab der Phase 3 soll jede Vakzin-Dosis aus der Produktionsanlage kommen, und nicht mehr aus dem Labor. Das heißt, Produktion und klinische Entwicklung laufen parallel.

Vollmar: „Für Hersteller ist die Entwicklung risikoreich; nur 10% aller Kandidaten werden im Schnitt zugelassen. Man müsse immer mit einem Scheitern rechnen, falls beispielsweise die Immunantwort zu schwach ausfalle. Auch die Sicherheit spiele eine große Rolle: „Impfstoffe dienen der Prophylaxe, und schwere Nebenwirkungen sind – anders als bei Pharmakotherapien gegen Krankheiten – nicht akzeptabel.“

Als Beispiel nennt er die bekannten infektionsverstärkenden Antikörper (antibody dependent enhancement, ADE): Antikörper binden an der Oberfläche von Viren binden, ohne diese zu neutralisieren. Die Aufnahme in Wirtszellen wird dadurch erleichtert.

Unterschiedliche Strategien der Impfstoffforscher

Vollmar nennt mehrere Möglichkeiten, nach denen Forscher Impfstoffe entwickeln:

  • Chemische Inaktivierung von Viren (wie bei Influenza)

  • Attenuierte Lebendimpfstoffe (wie bei Masern)

  • Proteinbasierte Impfstoffe (wie bei Hepatitis B oder HPV)

  • Virale Vektoren (bisher ohne Zulassung)

  • RNA-Impfstoffe (bisher ohne Zulassung)

Hinsichtlich der Hochskalierbarkeit bewertet Vollmar die RNA-Impfstoffe als positiv; diese könne man im Labor, also ohne biotechnologische Verfahren herstellen.

Erste Ergebnisse zum Moderna-Impfstoff gegen SARS-CoV-2

Alle Probanden, die mRNA-1273, einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 erhielten, entwickelten eine Immunantwort auf das Virus, heißt es in einer Pressemeldung von Moderna. Die Ergebnisse wurden auch im NEJM veröffentlicht.

Beim Impfstoff handelt es sich um eine Messenger-RNA (mRNA). Sie enthält den Code zur Biosynthese des Spike-Proteins, eines Schlüsselproteins auf der Oberfläche des Virus, das es ihm ermöglicht, in Zellen einzudringen. Nach der Injektion produzieren körpereigene Immunzellen Kopien des Spike-Proteins, und es kommt zur Immunität.

Bei der Phase-1-Studie wurden alle Probanden in 3 Gruppen zu je 15 Personen eingeteilt. Sie erhielten im Abstand von 28 Tagen 2 Impfungen: entweder 25, 100 oder 250 μg.

Jede Person in der Studie entwickelte neutralisierende Antikörper. Bei allen 45 Personen kam es zu leichten Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und Muskelschmerzen.

Das Unternehmen testet den Impfstoff bereits in einer größeren Phase-2-Studie. Es ist geplant, Ende Juli mit Phase-3-Studien zu beginnen.

Die Phase-2-Studie schließt 300 gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 55 Jahren sowie weitere 300 Erwachsene im Alter von 55 Jahren und älter ein. An der Phase-III-Studien sollen ab 27. Juli bis zu 30.000 Personen teilnehmen. Sie erhalten 100 μg der RNA-Vakzine.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf  WebMD .

Nicht vergessen: Koinfektionen sind ein COVID-19-Risikofaktor

Koinfektionen spielen auch bei SARS-CoV-2 eine Rolle. Experten zitiert während des Webinars verschiedene chinesische Arbeiten, denen zufolge 100% aller Patienten mit schwerer COVID-19 auch virale, bakterielle oder fungale Koinfektionen hatten. Das kenne man auch von Patienten mit der „Schweinegrippe“. Gegen manche – aber nicht alle – Erreger gebe es Impfungen.

„Pneumokokken sind das Hauptrisiko – man kann daran versterben“, so Roses Einschätzung. Auch Impfungen gegen Masern, Haemophilus influenzae B und Influenza seien vor allem bei Risikopatienten wichtig, wie ein Blick auf Daten zeige. „Je nach Grippesaison haben wir bis zu 20.000 Tote als Exzess-Mortalität – ein klares Argument, Impfungen trotz Corona nicht aus den Augen zu verlieren.“

Mehr Indikationsimpfungen für Risikogruppen

Dabei gebe es einen wesentlichen Unterschied zwischen Influenza und SARS-CoV-2: „Kinder befeuern die Ausbreitung einer Grippe, spielen beim Coronavirus aber eine untergeordnete Rolle“, erklärt der Experte.

Er befürworte deshalb die WHO-Empfehlung, Kinder bereits ab dem 2. Lebenshalbjahr gegen Influenza zu impfen – abweichend von bekannten STIKO-Empfehlungen. Weitere Zielgruppen sind bei Influenza Risikopatienten, Senioren, aber auch Schwangere. „Wir dürfen nicht vergessen, auch Kontaktpersonen zu impfen“, rät Rose. Das seien bei einem Frühgeborenen etwa die Eltern und Geschwister.

Pneumokokken beträfen wiederum die Generation ab 60. Hier zeigten Studien, dass Pneumokokken- und Influenza-Impfungen unabhängig von SARS-CoV-2 die Mortalität deutlich verringert hätten.

Roses Fazit: „Wir müssen alles tun, um Impflücken zu schließen, denn sie gefährden unser aller Gesundheit.“ Die STIKO selbst veröffentliche nur Empfehlungen. „Jeder Arzt hat die Möglichkeit und sogar die Pflicht, die gesundheitliche Situation von Patienten zu überprüfen und auf weitere erforderliche Impfungen hinzuweisen“, so der Referent.

Kein Wundermittel gegen die Impfmüdigkeit

Doch was bringen die besten Vakzine, wenn Patienten Impfungen ablehnen? Winfried Plötze, Landesgeschäftsführer der Barmer Baden-Württemberg, berichtete von besonders niedrigen Impfquoten bei Kindern im Kammerbezirk. Woran könnte das liegen? „Impfgegner stellen laut WHO eine Gefahr für die globale Gesundheit dar“, weiß Plötze. Und laut Umfragen hielten nur 84% aller Deutschen Impfstoffe für sicher, Stand 2018.

„Durch Corona hat das Thema wieder an Bedeutung gewonnen, und die Impfbereitschaft hat sich wohl erhöht“, vermutet der Referent. „Bei Masern hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die richtigen Akzente gesetzt, aber es gilt, auf die Effekte zu warten.“ Plötzes Credo: „Informieren, aufklären, überzeugen – Impfpflicht ja, aber Freiwilligkeit steht an 1. Stelle.“

Ärzte seien die wichtigsten Vertrauenspersonen; sie sollten das Thema proaktiv ansprechen. Darüber hinaus hält Plötze regelmäßige Kampagnen für zielführend. Auch Modellprojekte wie der Impfbus im Kreis Ludwigsburg bei Stuttgart hätten Erfolge gezeigt. Nicht zuletzt sei es wichtig, an Impfungen erinnert zu werden. Die Barmer habe einen digitalen Impfplaner entwickelt – als Vorgriff auf die elektronische Patientenakte.

 

Kommentar

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