COVID-19-Patienten haben erhöhte Kortisolspiegel im Blut – dies korreliert mit einer erhöhten Mortalität

Roland Fath

Interessenkonflikte

17. Juli 2020

Durch die Corona-Pandemie nehmen die psychischen Belastungen weltweit zu; bei vielen Menschen steigen die Spiegel des Stresshormons Kortisol. Insbesondere für Patienten mit Hormon- und Stoffwechselerkrankungen könne dies ungünstige Folgen haben, berichteten Diabetologen und Endokrinologen bei einer gemeinsamen Online-Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) [1].

Chronisch Erkrankte sorgen sich in Zeiten der Corona-Pandemie in besonderer Weise um ihre Gesundheit, da sie häufig als Risikopatienten gelten. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen zu den psychischen Auswirkungen der Corona-Pandemie sind vor allem Menschen, die an mehreren Erkrankungen leiden, häufig verunsichert und verängstigt. Diese Menschen gerieten schnell in einen Teufelskreis aus Angst, Stress und schlechter Stoffwechsellage, was zu besonderen gesundheitlichen Herausforderungen führe, berichtete Prof. Dr. Matthias M. Weber.

„Mentaler Stress hat großen Einfluss auf Hormon- und Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus und Bluthochdruck“, erklärte der Leiter des Schwerpunktes Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen der Universitätsmedizin Mainz und Mediensprecher der DGE. Bei Stress wird aus der Nebennierenrinde das Hormon Kortisol freigesetzt, das an vielen Stoffwechselprozessen beteiligt ist. Chronisch erhöhte Kortisolspiegel führten zur Abschwächung des Immunsystems, einer Zunahme der Infektanfälligkeit und zu einem Anstieg der Blutzucker- und Blutdruckwerte.

Eine aktuelle britische Kohortenstudie mit insgesamt 535 Patienten zeigte erstmals, dass das Stresshormon Kortisol auch eine Schlüsselrolle im Infektionsverlauf von COVID-19 spielen könnte [2]. Die Kortisolkonzentration im Blut war bei Patienten mit SARS-CoV-2 Infektion höher als bei Patienten ohne Infektion.

Bei den 403 Patienten mit nachgewiesener COVID-19-Erkrankung – 40% von ihnen waren Diabetiker und fast 50% hatten Bluthochdruck – korrelierte die Höhe der Kortisolspiegel mit der Prognose. Eine Verdopplung der Kortisolkonzentration wurde mit einem Anstieg der Mortalität um 42% assoziiert. Auch die mediane Überlebenszeit nahm mit zunehmenden Kortisolwerten ab.

 
Mentaler Stress hat großen Einfluss auf Hormon- und Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus und Bluthochdruck. Prof. Dr. Matthias M. Weber
 

„Kortisol könnte bei COVID-19-Patienten ein Biomarker zur Vorhersage des Krankheitsverlaufs sein“, sagte Weber. Allerdings handele es sich um erste Daten, die weiter überprüft werden müssten.

Der Einfluss sowohl von Kortisol als auch von therapeutisch eingesetzten Kortikosteroiden auf das Immunsystem ist komplex. Patienten, die wegen eines Ausfalls der Hirnanhangsdrüse oder Nebennierenrinde zu wenig Kortisol bilden, zum Beispiel Patienten mit Morbus Edison, hätten ebenfalls eine erhöhte Infektionsneigung, berichtete Weber.

Ähnlich in Bezug auf Infektionsrisiko und COVID-19-Verlauf ist der Einsatz von Kortikosteroiden zu bewerten. Aus einer Studie bei COVID-19-Intensivpatienten gibt es erste Hinweise dafür, dass durch eine Akutgabe von Dexamethason der Krankheitsverlauf verkürzt und die Mortalität verringert werden könnte (wie Medscape berichtete). „Aber es besteht noch viel Forschungsbedarf“, betonte Weber. Sowohl WHO als auch endokrinologische Fachgesellschaften warnten vor dem breiteren Einsatz von Dexamethason bei COVID-19-Patienten außerhalb von klinischen Studien.

 
Kortisol könnte bei COVID-19-Patienten ein Biomarker zur Vorhersage des Krankheitsverlaufs sein. Prof. Dr. Matthias M. Weber
 

Bei chronischem Einsatz von Kortikosteroiden, insbesondere höher dosierten, wird das Immunsystem bekanntlich unterdrückt und es ist eher mit nachteiligen Effekten zu rechnen.

Tipps für Diabetiker

Diabetiker und Patienten mit anderen Hormon- und Stoffwechselerkrankungen wie M. Cushing oder M. Edison sollten in Corona-Zeiten besonders gut überwacht werden, riet Weber – was allerdings in der Praxis in den vergangenen Wochen nur schwer umzusetzen war. Viele Patienten seien aus Angst vor Corona nicht zu den Kontrollterminen gekommen, berichtete Prof. Dr. Baptist Gallwitz, stellvertretender Direktor der Medizinische Klinik IV des Universitätsklinikum Tübingen und Mediensprecher der DDG. Patientenschulungen mussten ausgesetzt werden.

Inzwischen liefen ambulante und stationäre Angebote für Diabetes-Patienten zwar wieder an, aber die Versorgung der Patienten habe längst noch nicht den Stand vor der Pandemie erreicht.

„Eine gute Blutzuckereinstellung ist relevant für den Verlauf einer Infektion“, sagte Gallwitz. Er riet Patienten mit Infektzeichen dazu, sich auf SARS-CoV-2 testen zu lassen, um durch Optimierung der Blutzuckereinstellung gegensteuern zu können. Gesunde Diabetiker sollten ihre Diabetesmedikation wie verordnet weiter einnehmen.

 
Die Diabetes-Pandemie wurde lange unterschätzt. Prof. Dr. Baptist Gallwitz
 

Im Falle einer akuten Infektion mit Fieber über 38,5 Grad Celsius sollten Metformin und SGLT2-Hemmer vorübergehend abgesetzt und die Patienten eventuell passager auf eine Insulintherapie umgestellt werden. Nach den aktuellen Praxisempfehlungen der DDG sollte der Blutglukosewert von infizierten Diabetespatienten idealerweise zwischen 70 und 180 mg/dl (3,9-10 mmol/dl) und der HbA1c < 7,5% liegen.

Bei intensivmedizinisch betreuten COVID-19-Patienten sollte ein Blutzuckerwert zwischen 140 und 180 mg/dl (7,8 bis 10 mmol/dl) angestrebt werden. Der Blutdruck sollte sowohl bei milden sowie schweren Verläufen 135/85 mmHg möglichst nicht übersteigen.

Diskutiert wird derzeit darüber, ob eine COVID-19-Erkrankung auch einen Diabetes auslösen könnte (wie Medscape berichtete). Möglicherweise könnten Coronaviren die ACE-2-Expression beeinflussen und dadurch Insulin-produzierende Beta-Zellen schädigen, erklärte Gallwitz. Es seien bisher aber keine eindeutigen Signale gefunden worden, die diese These wirklich stützen können.

„Die Diabetes-Pandemie wurde lange unterschätzt“, so Gallwitz weiter. Die Zahl der Diabetiker von aktuell rund 7 Millionen in Deutschland könne laut Schätzungen bis auf 12 Millionen im Jahr 2040 steigen. Zur Eindämmung der Pandemie seien weitere Forschungsanstrengungen und weitere Maßnahmen zur Diabetes-Prävention dringend erforderlich. Diabetologen setzen dabei auch auf die Politik und die Entwicklung nationaler Strategien.

 

Kommentar

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