Kein Problem, wenn Ernährungsforscher Geld von der Lebensmittelindustrie annehmen? Experten diskutieren Vor- und Nachteile

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

13. Juli 2020

Können Ernährungsforscher die Förderung von der Lebensmittelindustrie annehmen und trotzdem unabhängig forschen? Wie lässt sich das gewährleisten? Das versuchte das Panel „Bessere Ernährungsforschung und Interessenkonflikte“ auf dem „Food for Thought“-Kongress 2020, online organisiert vom British Medical Journal und dem Swiss Re Institut, zu erhellen [1]. Dabei zeigte sich: Das Thema ist vielschichtig – und auch öffentliche Förderung kann Forschungsergebnisse verzerren.

Viel Einflussnahme geschieht unbewusst

Ernährungsforschung, die durch die Lebensmittelindustrie finanziert wird, birgt 2 große Probleme, sagt Dr. Katherine Cullerton von der Universität Queensland: „Zum einen kann man sich noch so strenge Regeln auferlegen – es wird dennoch eine unbewusste Beeinflussung geben.“ Und zum anderen sehe die Bevölkerung solche Kooperationen zunehmend kritisch: „Die Leute vertrauen Industrie-finanzierten Studien einfach nicht.“

 
Die Leute vertrauen Industrie-finanzierten Studien einfach nicht. Dr. Katherine Cullerton
 

Ernährungsforschung stehe dabei besonders unter öffentlicher Beobachtung, ergänzt Prof. Dr. Nita Gandhi Forouhi von der Universität Cambridge: „Es geht ja nicht um ein Medikament für eine bestimmte Krankheit. Es geht darum, was die Menschen jeden Tag essen. Damit betrifft es jeden persönlich.“

Doch die Wissenschaftler stehen vor einem Dilemma: „Was machen Sie als junger oder auch bereits etablierter Forscher, wenn Sie nicht genügend öffentliche Mittel zur Verfügung haben – und die Industrie bietet Ihnen diese Mittel an?“, fragt Prof. Dr. Christopher Gardner von der Universität Stanford: „Es ist dann schwer, das abzulehnen.“ Er gibt offen zu: „Ohne Förderung durch die Industrie hätte ich als Forscher nicht überleben können.“

 
Ohne Förderung durch die Industrie hätte ich als Forscher nicht überleben können. Prof. Dr. Christopher Gardner
 

Öffentliche Förderung nur für das, was gerade in Mode ist?

Der Wissenschaftsjournalist Gary Taubes, Präsident der „Nutrition Science Initiative“, weist daraufhin, dass auch öffentliche Förderung Forschungsergebnisse beeinflusst: „Das National Institute of Health und auch andere Institute haben bestimmte Vorstellungen von der Wahrheit. Und Sie bekommen deren Förderung nur, wenn Ihr Forschungsansatz dieser Wahrheit entspricht.“

Das habe beispielsweise dazu geführt, dass 30 Jahre lang vor allem Forschung zu den Risiken von Fett gefördert wurde. „Wer in dieser Zeit zu den Risiken von Zucker forschen wollte, wurde als Außenseiter angesehen und bekam keine Mittel.“ Und hatte dann keine andere Wahl, als sich an die Industrie zu wenden.

Eine ähnliche Dynamik sieht Taubes bei der Forschung zu Bluthochdruck und Salz (wie Medscape berichtete): „Die vorherrschende Hypothese ist, dass Salz der Verursacher ist. Forschung, die nach anderen Ursachen sucht, wird viel weniger gefördert.“

Vollkommen auf Förderung durch die Industrie zu verzichten, halten viele für schwierig, sofern es nicht deutlich mehr öffentliche Mittel gibt. Wie lässt sich also dennoch eine möglichst unbeeinflusste Forschung sicherstellen? Auf diese Frage empfiehlt Cullerton erneut, auf Zuwendungen der Industrie möglichst zu verzichten: „Die Risiken sind einfach zu groß.“

Wenn es sich aber gar nicht vermeiden lasse, solle man darauf achten, dass das Unternehmen mit den Ergebnissen der Studie keine direkten wirtschaftlichen Interessen verbindet. „Vielen Wissenschaftlern fällt es aber schwer einzuschätzen, ob eine Kooperation problematisch werden könnte oder nicht“, so Cullerton. Ihre Universität entwickelt deshalb gerade eine Checkliste dafür.

Eine weitere Möglichkeit sei, seine Daten von unabhängiger Seite analysieren zu lassen. Gardner nutzt unter anderem diese Möglichkeit. „Zudem veröffentlichen wir die gesamte Berechnung.“

Hätte die Wissenschaft mehr tun können?

Schließlich könne aber nicht nur die Art der Förderung die eigene Forschung beeinflussen, sagte Forouhi – auch non-monetäre Motive können eine Rolle spielen: „Etwa, wenn Sie schon viel Arbeit in eine Hypothese investiert haben, aber auch kulturelle, religiöse oder sogar familiäre Prägungen.“

Letztlich könne die Wissenschaft auch nicht die Lebensmittelindustrie allein dafür verantwortlich dafür machen, dass es in 20 Jahren nicht gelungen ist, den Anstieg von Übergewicht und Diabetes aufzuhalten, sagt Taubes: „Wir müssen schon auch fragen, wo die Wissenschaft selbst mehr hätte tun können.“

Alle Panels des Kongresses wurden aufgezeichnet und sind online frei verfügbar.

 

Kommentar

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