Gewalt, Pornos, Safer Sex und die wundersame Rolle von Testosteron: Studien decken auf, wie Corona unser Liebesleben verändert hat

Edna Astbury-Ward

Interessenkonflikte

10. Juli 2020

Pandemien sind dafür bekannt, dass sie Ängste auslösen und die psychische Gesundheit beeinträchtigen. Wer längere Zeit zu Hause isoliert im Lockdown verbringt, kann dadruch Ängste, Depression, Wut, Langeweile, Frustration und posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) entwickeln.

Wenn Bewältigungsstrategien fehlen, es an der medizinischen Versorgung hapert, weniger soziale und familiäre Unterstützung sowie weniger Freizeitressourcen zur Verfügung stehen, führt das oft auch zu mehr sexueller Gewalt, warnte Prof. Dr. Joana Carvalho von der Universidade Lusófona de Humanidades e Tecnologias, Lissabon, Portugal, während eines Webinars, das von der International Society for Sexual Medicine (ISSM) veranstaltet wurde.

Das Webinar brachte Experten aus der ganzen Welt zusammen, um Herausforderungen und Veränderungen der sexuellen Gesundheit und des sexuellen Verhaltens während der SARS-CoV-2-Pandemie zu diskutieren.

Unkontrollierter Pornokonsum in Corona-Zeiten

Carvalho zufolge könne Not und die häusliche Quarantäne „zu unkontrolliertem Pornokonsum als Folge negativer Stimmungen“ führen. Sie bezeichnete dies als „sexualisierte Bewältigungsstrategie“.

Auch die sexuelle Gewalt habe zugenommen, wie eine Studie belegt. Als Referenz nennt Carvalho einen Preprint von Jung et al. aus 2020. Die Arbeitsgruppe aus Deutschland hat während des Höhepunkts der Lockdown-Maßnahmen, nämlich vom 1. April bis zum 15. April 2020, Umfragen durchgeführt.

Es zeigte sich, dass 5% der Befragten (n=3.545) von interpersoneller Gewalt berichteten. Die Prävalenz während eines Monats im Lockdown entsprach der Prävalenz während eines ganzen Jahres unter normalen Bedingungen.

Carvalho fordert umfassendere Beurteilungen, die alle Stressoren berücksichtigen, die als Folge von COVID-19 auftreten. Als spezifische Auslöser für negative Gedanken und Verhaltensweisen nennt sie insbesondere:

  • Arbeitslosigkeit

  • Überlastung am Arbeitsplatz oder im Haushalt

  • Änderungen der Familienrollen

Sie ist nicht die Einzige, die sich Sorgen über die Auswirkungen des Lockdowns macht. Phumzile Mlambo-Ngcuka, Executive Director von UN Women, sagt: „Der Lockdown fördert Spannungen und Belastungen, die durch Sicherheits-, Gesundheits- und Geldsorgen entstehen, und er verstärkt die Isolation von Frauen mit gewalttätigen Partnern“.

Sie beschreibt die Situation als „perfekt zur Kontrolle gewalttätigen Verhaltens hinter verschlossenen Türen“. Es sei offensichtlich, dass Frauen während der Pandemie unverhältnismäßig anfällig für zwischenmenschliche Gewalt seien und dass es sich um eine globale Krise handele.

UNO-Generalsekretär António Guterres fordert Maßnahmen gegen eine „erschreckende globale Welle häuslicher Gewalt“ gegen Frauen und Mädchen, die mit Abriegelungen aufgrund von SARS-CoV-2 zusammenhänge.

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Schwere von COVID-19

Es wurde mehrfach nachgewiesen, dass Männer wesentlich stärker von körperlichen Symptomen bei COVID-19 betroffen sind als Frauen. Was weniger gut verstanden wird, sind die oathophysiologischen Ursachen. Es gibt Theorien, dass es mit dem Berufsrisiko, dem Rauchen oder dem Lebensstil zusammenhängen könnte, aber in letzter Zeit konzentriert sich die Forschung mehr auf biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, insbesondere auf chromosomale und hormonelle Effekte.

Dr. Dolores Lamb, stellvertretende Vorsitzende der Abteilung für urologische Forschung bei Weill Cornell Medicine, New York, erörterte im ISSM-Webinar die Rolle von Testosteron und COVID-19. Sie präsentierte Statistiken aus den Centers for Disease Control and Prevention.

Dabei betonte Lamb, jüngere Männer hätten eine höhere Mortalitätsrate bei COVID-19 als ältere Männer. Während bei Frauen die Mortalitätsrate während ihrer gesamten Lebensspanne relativ stabil bleibe. Erst wenn Männer etwa 85 Jahre alt würden, begännen sich die Mortalitätsrate den Werten von Frauen anzugleichen. Dies, so Dr. Lamb, „erinnert an den Rückgang des Testosteronspiegels bei alternden Männern“. Sie hält weitere Untersuchungen in diesem Bereich für sinnvoll.

Außerdem wies die Expertin auf Forschungsergebnisse aus Italien hin. Untersucht wurde, ob es einen schützenden Effekt der Androgen-Entzugstherapie gegen COVID-19 gibt. Solche Präparate werden zur Behandlung von Prostatakrebs regelmäßig verordnet. Die Ergebnisse zeigten, dass Prostatakrebs-Patienten unter Androgenentzug teilweise vor SARS-CoV-2-Infektionen geschützt zu sein scheinen. Es gebe eine Reihe laufender Studien, die sich auf endokrine Manipulationen zur Beeinflussung der Schwere der COVID-19-Krankheit konzentrieren, so Lamb. „Im Moment sind die Daten unvollständig, aber ermutigend.“

Die Expertin berichtete auch von der Theorie, dass SARS-CoV-2 die Hoden beeinflussen könnte. Man wisse, „dass die Orchitis eine Komplikation von SARS (einem anderen Coronavirus) ist, aber es ist unklar, welche Auswirkungen SARS-CoV-2 auf die Hoden hat.“ Es sei auch unklar, ob die direkte Schädigung des Hodens durch das Virus oder die Folge einer Entzündung durch den Zytokinsturm hervorgerufen werde.

„Schädliche Auswirkungen auf die Hoden können durch hohe Temperaturen, die durch Fieber in Verbindung mit dem Coronavirus verursacht werden, die Spermatogenese negativ beeinflussen“, erklärt Lamb. Sie wünscht sich, dass therapeutischer Ansätze, welche den Androgenrezeptor-Signalweg vorübergehend hemmen, intensiv untersucht würden. „Das wäre mit einer Reihe von Nebenwirkungen verbunden, aber offensichtlich wäre dies nur eine kurzfristige Behandlung im Vergleich zu Männern, die wegen fortgeschrittenem Prostatakrebs behandelt werden“, so Lamb weiter.

Kryokonservierung von Sperma während der Pandemie

Wegen möglicher Effekte von SARS-CoV-2 auf die Hoden und auf die Spermatogenese gab es während der Pandemie ein großes Interesse an der Kryokonservierung von Spermien. Lamb: „Darauf gibt es keine gute Antwort. Es ist allgemein bekannt, dass es eine Reihe von Viren gibt, welche mit dem Sperma ausgeschieden werden können, manchmal lange, nachdem die Symptome abgeklungen sind. Das Zika-Virus ist ein sehr gutes Beispiel dafür.

Bisher deuten die Daten jedoch darauf hin, dass die Ausschüttung von SARS-CoV-2 über Sperma gering zu sein scheint. Wichtig für Samenbanken ist, dass die Viren bei ultratiefen Temperaturen stabil sind, so dass SARS-COV-2 nach der Kryokonservierung und dem Auftauen intakt bleiben kann.“

Sie stellte klar, dass es zwar keine registrierten Fälle von viraler Kreuzkontamination zwischen kryokonservierten Spermaproben gebe; das Risiko einer Kreuzkontamination als „vernachlässigbar, aber nicht Null“ angesehen werde. Sie empfahl, dass Kryo-Röhrchen, die Samen von Männern mit SARS-CoV-2-Infektion enthalten, getrennt gelagert werden sollten. Bis man mehr Erkenntnisse dazu hat.

Wie haben sich sexuelle Verhaltensweisen während der Pandemie verändert?

Das Experten-Panel diskutierte beim Webinar eine Reihe internationaler Veröffentlichungen, insbesondere eine kleine britische Studie von Jacob et al., 2020. Wissenschaftler fanden heraus, dass es wichtig sei, Interventionen zu entwickeln, um das Wohlbefinden während der COVID-19-Pandemie zu fördern – und zwar mit Fokus auf der sexuellen Gesundheit.

Aus einer italienischen Studie geht beispielsweise hervor, dass mehr als 40% der Befragten ein gesteigertes sexuelles Verlangen während der Quarantäne hatten, jedoch nicht häufigeren Geschlechtsverkehr.

Dr. Paolo Capogrosso, Urologe an der Universität Vita-Salute San Raffaele, Mailand, sagt: „Obwohl die soziale Distanzierung aufgrund der COVID-19-Pandemie zu einem allgemeinen Rückgang der sexuellen Aktivität geführt hat, gibt es keine überzeugenden Beweise für eine Zunahme der sexuellen Funktionsstörungen während der Sperrphase.“

Sex während der Pandemie: Wie sollte man sich verhalten?

Im Vereinigten Königreich gibt es keine von zentraler Stelle veröffentlichten Informationen zum Sexualverhalten während der Pandemie. Als Quellen kommen die Faculty of Sexual & Reproductive Healthcare, die British Association for Sexual Health und HIV (die spezielle Leitlinien herausgegeben haben), Sexwise und andere in Frage.

In den USA veröffentlichen nationale Organisationen wie das Guttmacher-Institut veröffentlichen regelmäßig Materialien. Auch das New Yorker Gesundheitsamt macht beim Thema Safer Sex und COVID-19 klare Vorgaben:

  • Das Virus verbreitet sich durch Speichel, Schleim und Atem von Personen mit COVID-19.

  • Das Virus wurde in Kot und Sperma gefunden.

  • Sie selbst sind Ihr sicherster Sexualpartner.

  • Der nächste, sicherste Sex-Partner ist jemand, mit dem Sie zusammenleben.

Schränken Sie den Sex mit Personen außerhalb Ihres Haushalts ein.

Risiko der Virusübertragung von COVID-19 beim Sex

Die ISSM und die International Society for the Study of Women's Sexual Health (ISSWSH) haben Erklärungen herausgegeben, in denen sie Anleitungen zu sexuellen Aktivitäten in COVID-19-Zeiten sowie Ratschläge zur Vermeidung risikoreichen Sexualverhaltens geben, zu dem nun auch das Küssen gehört.

Prof. Dr. Sharon Parish vom Weill Cornell Medical College, New York, die ebenfalls am ISSM-Webinar teilnahm, fügte hinzu, dass vor allem Personen mit hohem Risiko, sich im beruflichen Umfeld zu infizieren, gefährdet seien.

Interessanterweise erklärte Capogrosso im Webinar, dass es „widersprüchliche Aussagen zum Vorhandensein von SARS-CoV-2 in Samen- oder Vaginalflüssigkeit“ gebe.

Das Positionspapier der ISSWSH geht noch weiter: „Es ist jetzt bekannt, dass das Virus im Urin und im Samen von Männern vorhanden ist, die akut erkrankt sind und sich von einer COVID -19-Infektion erholen. (…) Es ist nicht bekannt, wie lange das Virus im Samen vorhanden ist und ob der Samen ein Übertragungsrisiko birgt.“ Lamb sagte, dass bezüglich des Risikos einer Virusübertragung über den Samen „die Daten noch unvollständig sind und die Studien, die durchgeführt wurden, sich auf kleine Stichprobengrößen beziehen“.

Im Verlauf der Coronavirus-Pandemie werden noch viele neue Erkenntnisse über die Auswirkungen auf die menschliche Sexualität, die sexuelle Gesundheit und das Sexualverhalten aufkommen. Alle Experten im Webinar waren sich einig, dass es zudem noch viel darüber zu lernen gebe, wie COVID-19 die Geschlechter in Bezug auf psychosoziale, biologische und verhaltensbezogene Aspekte ihres Lebens unterschiedlich beeinflusse.

Dieser Artikel ist im Original bei medscape.com erschienen. Er wurde von Michael van den Heuvel übersetzt und adaptiert.
 

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