Trauriger Trend auch nach 30 Jahren Wiedervereinigung: Herzinsuffizienz steigt in neuen Bundesländern stärker an – aber warum?

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

13. Juli 2020

Zur Zeit der Wiedervereinigung waren die Menschen in den neuen Bundesländern hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes und ihrer Lebenserwartung deutlich im Nachteil gegenüber den Einwohnern der alten Bundesländer. So war die Lebenserwartung um das Jahr 1990 laut einer Studie aus dem Jahr 2000 bei Frauen in der DDR um etwa 2,8 Jahre kürzer und bei Männern in der DDR um 3,5 niedriger als in der damaligen BRD.

Prof. Dr. Marcus Dörr

Hat sich hier inzwischen etwas geändert? Das fragten sich Forscher der Universität Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern. Das Ergebnis: Nicht wirklich, die Unterschiede zwischen Ost und West sind auch heute noch groß – zumindest, was die Herzinsuffizienz angeht. Die Greifswalder Wissenschaftler hatten dies in einer aktuellen Studie untersucht, die sie kürzlich auf HFA Discoveries präsentierten, einer wissenschaftlichen Plattform der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) [1].

Epidemiologische Studie sorgt für Überraschung

„Wir hatten erwartet, dass sich die Unterschiede im Laufe der Jahre, mit Implementierung eines bundesweit einheitlichen Gesundheitssystems, ausgleichen würden“, erklärt Prof. Dr. Marcus Dörr, Professor für kardiovaskuläre Epidemiologie und Prävention an der Universitätsmedizin Greifswald, im Gespräch mit Medscape. „Unsere Forschung zeigt aber bisher keine Annäherung der Fallzahlen – im Gegenteil.“

 
Wir hatten erwartet, dass sich die Unterschiede im Laufe der Jahre, mit Implementierung eines bundesweit einheitlichen Gesundheitssystems, ausgleichen würden. Prof. Dr. Marcus Dörr
 

So ist auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern das Risiko einer Klinikeinweisung wegen Herzinsuffizienz (HI) deutlich größer als in den alten, und auch die HI-bedingte Sterblichkeit im Krankenhaus ist im Osten höher: Sie lag in den alten Bundesländern im Jahre 2000 bei 39 pro 100.000 Einwohner und im Jahre 2017 bei 43 pro 100.000 Einwohner. In den neuen Bundesländern waren es 64 bzw. 65 pro 100.000 Einwohner.

 
Unsere Forschung zeigt aber bisher keine Annäherung der Fallzahlen – im Gegenteil. Prof. Dr. Marcus Dörr
 

Die Schere öffnet sich indes noch weiter: Die Zahl der HI-bedingten Hospitalisierungen stieg von 2000 bis 2017 im Westen Deutschlands um 88,3%, im Osten Deutschlands aber um 118,5%. Die Zahl der HI-assoziierten Krankenhaustage erhöhte sich in dieser Zeit in Westdeutschland um 34,6% und in Ostdeutschland um 50,6%, berichtete Dörr.

3 Gründe für die Erhöhung der bundesweiten Fallzahlen

Auf die Frage, warum überhaupt ein so drastischer Anstieg der HI-Hospitalisierungen zu verzeichnen ist (bundesweit +93,9% in nur 17 Jahren) nennt Dörr mehrere mögliche Gründe: „Erstens steigen das Durchschnittsalter der Bevölkerung und die Prävalenz weiterer Risikofaktoren wie Hypertonie, Diabetes mellitus und Adipositas“, erinnert er.

Zweitens habe sich die Akutversorgung von Menschen mit Myokardinfarkt und auch die Langzeitbetreuung von Menschen mit Diabetes oder koronarer Herzkrankheit in den letzten Jahren stetig verbessert, so dass die Patienten länger überleben und überhaupt erst eine Herzinsuffizienz entwickeln können oder mit ihrer Herzinsuffizienz älter werden.

Und drittens ist laut Dörr die Aufmerksamkeit für die Erkrankung Herzinsuffizienz etwas gewachsen, sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch in der Ärzteschaft; auch dies kann zum Anstieg der Diagnosen und Krankenhauseinweisungen beigetragen haben.

3 Gründe für das noch schlechtere Abschneiden der neuen Bundesländer

Vor 30 Jahren ließ sich der Unterschied im Gesundheitsstatus in Ost und West noch weitgehend aus der unterschiedlichen Infrastruktur erklären. In der ehemaligen DDR gab es zwar flächendeckende Reihenuntersuchungen und Impfungen, jedoch oftmals Lücken in der technischen Ausstattung der Kliniken und Polikliniken. So kam Ende der 1980er-Jahre in der DDR ein medizinisches Ultraschallgerät auf 32.000 Einwohner, in Westdeutschland dagegen eines auf 2.500 Einwohner. Daneben könnten auch die unterschiedlichen Umwelt- und Arbeitsbedingungen einen Einfluss gehabt haben.

Warum aber spielt das heute noch eine Rolle? Dörr postuliert erstens einen gewissen Legacy-Effekt: „Wer in jungen Jahren ungünstigen gesundheitlichen Bedingungen ausgesetzt war, kann diesen Nachteil womöglich später nicht mehr vollständig ausgleichen“, vermutet er.

 
Wer in jungen Jahren ungünstigen gesundheitlichen Bedingungen ausgesetzt war, kann diesen Nachteil womöglich später nicht mehr vollständig ausgleichen. Prof. Dr. Marcus Dörr
 

Zweitens sind die Versorgungslücken auch heute noch keineswegs geschlossen. Dies gilt insbesondere für die Facharztdichte, so Dörr: Die Verteilung der niedergelassenen Kardiologen ist weiterhin sehr asymmetrisch zu Ungunsten der neuen Bundesländer (mit Ausnahme von Berlin). Und die von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie ins Leben gerufenen überregionalen Zentren für Herzinsuffizienz wurden bislang 27-mal in den alten Bundesländern, jedoch nur 3-mal in den neuen Bundesländern (in Leipzig, in Jena und im brandenburgischen Bernau) zertifiziert.

Die dritte Überlegung führt wieder zurück zu den Risikofaktoren – zum Lebensalter und den kardiometabolische Grunderkrankungen: Die Menschen in den neuen Bundesländern sind im Durchschnitt älter. Das allein würde aber das schlechtere Outcome nicht erklären, so Dörr. „Auch in einem altersadjustierten Rechenmodell war der Unterschied zum Nachteil der neuen Bundesländer weiterhin nachweisbar“, betont er.

 
Auch in einem altersadjustierten Rechenmodell war der Unterschied zum Nachteil der neuen Bundesländer weiterhin nachweisbar. Prof. Dr. Marcus Dörr
 

Jedoch sind auch Hypertonie, Adipositas und Diabetes im Gebiet der ehemaligen DDR häufiger, und das gibt womöglich den Ausschlag für die höhere Rate stationär behandlungsbedürftiger HI-Patienten. Warum das so ist, lässt sich derzeit noch nicht schlüssig erklären; dafür sind weitere Studien notwendig, so wie auch insgesamt noch mehr „Awareness“ für die Herzinsuffizienz geschaffen werden muss, wünscht sich Dörr.

 

Kommentar

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