Schlaganfälle und sogar Psychosen – UK-Studie zu psychiatrischen Symptomen bei COVID-19-Patienten mit schwerem Verlauf

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

3. Juli 2020

Dass SARS CoV-2 auch die Nerven angreifen kann, wurde bereits mehrfach berichtet, allerdings meist mit kleineren Fallzahlen. Eine Studie in Lancet Psychiatry untersucht nun insgesamt 125 hospitalisierte Patienten im Vereinigten Königreich [1].

Dabei zeigten sich bei der Mehrzahl neurologische Symptome, vor allem Schlaganfälle, aber auch psychiatrische Diagnosen bis hin zu einer Psychose. Die Daten sind allerdings möglicherweise durch die Art der Meldung beeinflusst – viele stammten von Schlaganfall-Spezialisten.

Viele Jüngere mit psychiatrischen Symptomen

Für die Erhebung richtete das Team um Dr. Benedict Michael von der Universität Liverpool ein eigenes Meldesystem in Großbritannien ein: eine Art Register, in das behandelnde Ärzte neurologische und psychiatrische Symptome bei COVID-19-Patienten eintragen konnten.

Die Forscher konnten so auf Daten zwischen dem 2. und 26. April 2020 zurückgreifen. Für 125 Patienten lagen vollständige klinische Datensätze vor. Die Altersspanne reichte von 23 bis 94 Jahren, der Median lag bei 71 (die Hälfte der Patienten war älter, die Hälfte jünger).

62% der Patienten hatten ein zerebrovaskuläres Ereignis, die meisten davon einen Schlaganfall. Dier größte Teil der Patienten (82%) waren über 60 Jahre alt.

Am zweithäufigsten traten psychiatrische Symptome auf (31% aller Patienten), wobei hier mit 49% der Fälle auch Jüngere oft betroffen waren. „Der hohe Anteil jüngerer Patienten könnte allerdings auch dadurch bedingt sein, dass Jüngere eher zum Psychiater überwiesen werden, während bei Älteren eine Verwirrung eher dem Alter zugeschrieben und nicht weiter untersucht wird“, schreiben die Autoren.

Die häufigste psychiatrische Diagnose war eine Psychose (10 Fälle), gefolgt von Änderungen im Verhalten, Verwirrung, Demenz und Depressionen. Fast alle Patienten (92%) hatten zuvor keine psychiatrische Diagnose gehabt.

Bei neurologischen Symptomen auch an COVID-19 denken

Die Ergebnisse sind in zweifacher Hinsicht klinisch von Bedeutung, schreiben die Autoren: „Zum einen sollten Behandler damit rechnen, dass COVID-19-Patienten auch neurologische Symptome entwickeln können.“ Zum anderen sollte bei Patienten mit akuten neurologischen oder psychiatrischen Symptomen auch an COVID-19 als mögliche Ursache gedacht werden.

 
Behandler sollten damit rechnen, dass COVID-19-Patienten auch neurologische Symptome entwickeln können. Dr. Benedict Michael und Kollegen
 

Die Autoren räumen ein, dass es in ihrer Erhebung keine Grundgesamtheit von COVID-19-Patienten gab und keine Kontrollgruppe – gemeldet wurden gerade (nur) jene, die neurologische Symptome aufwiesen. Daher kann aus der Studie kein allgemeines Risiko berechnet werden, bei COVID-19 auch neurologische Sympome zu entwickeln.

Auch wurden nur Patienten in Kliniken untersucht. Und die meldenden Fachärzte waren unterschiedlich aktiv. So kamen 41% aller Meldungen von Schlaganfall-Spezialisten. Unklar bleibt auch, inwiefern die in der Klinik eingesetzten Medikamente, etwa Sedativa, einen Einfluss hatten, und wie lange die Symptome anhielten.

Ist das Virus die Ursache oder sind es die Vorerkrankungen?

Auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat bereits auf den möglichen Zusammenhang von COVID-19 und Schlaganfall hingewiesen. Allerdings müsse noch weiter untersucht werden, „ob die zerebrovaskulären Ereignisse eine direkte Infektionsfolge sind oder ob sie bei schwerkranken COVID-19-Patienten häufiger auftreten, weil sie in der Regel mehr Schlaganfall-begünstigende Begleiterkrankungen aufweisen.“

 
Die Neurologie ist aus der Versorgung von COVID-19-Patienten nicht wegzudenken. Prof. Dr. Peter Berlit
 

Wichtig sei aktuell, dass Schlaganfälle auch bei beatmeten Patienten rechtzeitig erkannt und behandelt würden, erklärt DGN-Generalsekretär Prof. Dr. Peter Berlit. Vieles deute darauf hin, dass COVID-19 kein rein pneumologisches Krankheitsbild ist: „Die Neurologie ist aus der Versorgung von COVID-19-Patienten daher nicht wegzudenken.“

 

Kommentar

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