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„Vor der Operation hatte ich Panikattacken“: So erlebte ein Chirurg nach einer Sepsis die Amputation seiner beiden Beine

Siobhan Harris

Interessenkonflikte

1. Juli 2020

Während seiner Karriere als Gefäßchirurg und Konsiliararzt hat der Brite Neil Hopper hunderte Gliedmaßen amputiert. Dann erkrankte der 43-Jährige im April letzten Jahres an einer schweren Sepsis und verlor in der Folge der Komplikationen selbst seine beiden Unterschenkel. Seine Kollegen mussten sie ihm unterhalb des Knies amputieren.

Quelle: Mr Neil Hopper

Hopper, der am Royal Cornwall Hospital in Truro, Cornwall, arbeitet, hat inzwischen wieder nach seiner Rückkehr in den Job seine erste Operation durchgeführt: eine Amputation. Derzeit arbeiten er und seine Kollegen im Kampf gegen das Corona-Virus.

Hier erzählt er im Interview mit Medscape UK von seiner Angst, seiner Wut und wie ihn diese Operation aus der Bahn geworfen hat. Aber auch, mit welchen Strategien er sich zurückkämpfte in seinen Job. Heute sagt er: „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass mir dies gelingen würde.“ Die Rückkehr zur Arbeit hat ihm auch geholfen, mit seiner neuen Situation zurechtzukommen.

Medscape: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Ihre beiden Beine verloren?

Hopper: Letztes Jahr habe ich um Ostern herum mit meinen beiden Kindern einen Campingausflug unternommen. Meine Tochter und ich erkrankten in der ersten Nacht, in der wir weg waren, an Fieber und Erbrechen – früh am nächsten Morgen haben wir uns entschlossen, den Campingausflug zu beenden und nach Hause zu fahren. 

In den nächsten Tagen ging es meiner Tochter zwar besser, aber ich fühlte mich immer noch lethargisch und fiebrig. Wir wollten eigentlich meine Schwiegereltern besuchen. Meine Tochter hatte sich erholt, und so beschlossen wir, dass meine Frau Rachel und die Kinder ins Landesinnere reisen und ich zu Hause bleibe.

Am Tag nach ihrer Abreise fühlte mich immer noch müde, aber im Großen und Ganzen dachte ich, es ginge mir besser. Schmerzen in meinen Schultern und in meinen Füßen kamen hinzu, also beschloss ich, einen Whisky zu trinken und früh ins Bett zu gehen.

Danach weiß ich nicht mehr, was geschah. Meine nächste konkrete Erinnerung ist der Aufenthalt auf der Intensivstation des Royal Cornwall Hospital. Ich habe ansonsten schemenhafte Erinnerungen – aber ich bin mir nicht sicher, wie verlässlich sie sind.

Meine Frau hatte versucht, mich anzurufen, und ich war ans Telefon gegangen, hatte aber nur Kauderwelsch mit ihr gesprochen. Sie hatte Rachel Barnes, eine Kollegin, die in der Nähe wohnte, gebeten, nach mir zu sehen. Als Rachel mich fand, rief sie sofort einen Krankenwagen. Mein Blutdruck war niedrig, und ich konnte nicht wach bleiben.

Mit intravenöser Flüssigkeit und mit Antibiotika verbesserte sich mein Zustand rasch. Ich erinnere mich, dass mir die Füße weh taten, und ich erinnere mich auch, dass ich mir während meines Aufenthalts auf der Intensivstation dachte, dass diese in ernsthaften Schwierigkeiten seien.

Die einzige Hoffnung, meine Füße zu retten, bestand in einer hyperbaren Sauerstofftherapie. Diese konnte in Cornwall nicht durchgeführt werden. Deshalb wurde ich in das DDRC (Diving Diseases Research Centre, auch bekannt als Hyperbaric Medical Centre) in Plymouth verlegt und erhielt eine Sauerstoff-Notfalltherapie, bei der ich in eine Druckkammer ging und 3 oder 4 Stunden lang 100%igen Sauerstoff unter hohem Druck einatmete. Es handelt sich um dieselbe Kammer, die sie zur Behandlung von Tiefseetauchern mit der Dekompressionskrankheit verwenden.

Der Behandlungsverlauf bestand aus einem 3-stündigen „Tauchgang“ pro Tag für 2 Wochen. Dazwischen wurde ich im Derriford Hospital von Francis Dix und Commander Christopher Parry betreut. Ich kannte beide Chirurgen beruflich. Sie haben sich hervorragend um mich gekümmert. Ich erinnere mich lebhaft an ihre Bemühungen, meine Füße zu retten – aber nach ein paar Wochen wurde klar, dass die hyperbare Sauerstoffbehandlung nichts brachte.

Obwohl ich sehen konnte, dass sich der Zustand meiner Füße verschlechtert hatte und ich mehrere Sepsis-Episoden erlitten hatte, war es für mich äußerst schwierig zu hören, dass ich amputiert werden musste. Ich habe es auf intellektueller Ebene verstanden – ich wusste, dass es die einzige Option war – aber es schien nicht real zu sein, bis ich am Tag vor der geplanten Operation die Einwilligungserklärung unterschreiben musste.

Am Abend vor meiner Operation hatte ich eine Panikattacke. Ich hatte noch nie zuvor eine Panikattacke gehabt, und sie war unglaublich beängstigend. Ich hatte das Gefühl, als laste ein massives Gewicht auf meiner Brust, und ich konnte nicht atmen. Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, was mit mir geschehen würde. Es war, als hätte ich die Kontrolle verloren: ein völlig fremdes Gefühl für mich. Ich wusste, dass es eine Panikattacke war, aber ich konnte mich kaum davon erholen.

Am nächsten Tag wurde ich operiert. Ich habe keine Ahnung, wie es für Chris und Fran gewesen sein muss, die Operation durchzuführen. Aber sie verlief gut, und fast sofort fühlte ich mich körperlich fitter. Mein Energielevel verbesserte sich, und alles schien bestens zu sein. Nach etwa einer Woche oder so wurde ich nach Hause entlassen.

Medscape: Wie war es, zur Arbeit zurückzukehren?

Hopper: Ich bin Chirurg. Für mich ist das kein Beruf – es ist eine Berufung. Wenn Sie mich in zwei Hälften schneiden würden, würde dastehen: „Neil Hopper – Gefäßchirurg“. Es war schwierig, nicht zu arbeiten. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich jemals wieder an meinen Arbeitsplatz zurückkehren kann. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich gut gehen oder lange genug stehen können würde, um gefäßchirurgische Eingriffe durchzuführen.

Aber nachdem mir meine Beinprothesen angepasst worden waren, entspannte ich mich ein wenig. Ich stellte fest, dass ich einigermaßen gut gehen konnte, und ich machte schnell Fortschritte. Ende August bekam ich meine Prothesen, und im Oktober fühlte ich mich bereit, um meine Arbeit schrittweise wieder aufzunehmen.

Ich begann mit leichten klinischen Tätigkeiten und Papierkram. Allmählich konnte ich wieder Operationen und Bereitschaftsdienste machen. Im Februar, 10 Monate nach der Operation, kehrte ich wieder in den vollen Dienst zurück. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass mir dies gelingen würde.

Meine größte Schwierigkeit war, Menschen davon zu überzeugen, mich arbeiten zu lassen, da ich sehr frustriert war. Die psychologischen Auswirkungen meiner Situation waren offensichtlich. Ich hatte mich so sehr auf meine physische Rehabilitation konzentriert, dass ich mir vermutlich nicht genug Zeit genommen hatte, um alles zu verarbeiten. Ich erlebte ein paar unerwartete Situationen, in denen ich mich mit meiner neuen Realität konfrontiert sah.

Die Rückkehr zur Arbeit hat mir wirklich geholfen, mit den Dingen zurechtzukommen, denn es war schön, meine Freunde, Kollegen und Patienten zu sehen und wieder etwas Normalität in mein Leben zu bringen.

Medscape: Wie verlief Ihre Rehabilitation nach der Operation, und was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt?

Hopper: Ich glaube nicht, dass irgendein Chirurg wirklich eine Ahnung hat, was es für Patienten bedeutet, eine Amputation durchzumachen. Ich habe es auf intellektueller Ebene verstanden – aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie es ist! Es verändert absolut alles! Es verändert die Art und Weise, wie man mit der Umwelt umgeht. Es verändert die Art und Weise, wie man von anderen Menschen gesehen wird. Und wie man sich selbst sieht.

Ich habe dadurch furchtbar viel über mich selbst gelernt. Ich habe erfahren, dass ich widerstandsfähiger und hartnäckiger war, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe wahrgenommen, dass ich ungeduldig und regelrecht empört sein konnte! Ich habe leider auch lernen müssen, dass man als Patient manchmal drängen muss, um die beste Versorgung zu bekommen.

Meine Erfahrung in der Rehabilitation war eine Erfahrung der Frustrationen. Ich muss ein schrecklicher Patient gewesen sein. Ich wollte Fortschritte machen, und ich hatte klare Vorstellungen, welche Services und Angebote verfügbar sein sollten.

Jeder einzelne Behandler, den ich auf meinem Weg durch die Reha und bei der Anpassung meiner Prothesen traf, arbeitete extrem hart und war unglaublich gut in seinem Job. Das Problem war, dass für mich alles viel zu lange dauerte, es zu wenige Kontakte, aber auch Lücken in der Versorgung gab. In meinem Rehabilitationszentrum fehlte beispielsweise die Möglichkeit, Psychologen direkt zu kontaktieren.

Außerdem musste ich für die Prothesen-Anfertigung und für spezielle Physiotherapie mehrmals nach Plymouth reisen. Im Nachhinein betrachtet, wusste ich es damals nicht besser, aber ich hätte wirklich mehr psychologische Unterstützung gebrauchen können. Ich habe die Wut und die Depression überstanden – aber ich vermute, dass dies mit der Hilfe eines Coachs oder Psychologen einfacher gewesen wäre.

Amputierte scheinen eine verlorene Gruppe an Patienten zu sein; Ressourcen werden eher anderen Menschen zur Verfügung gestellt. Ich hoffe, dass ich daran arbeiten kann, dieses Ungleichgewicht zu beheben und die Situation der Amputierten in Cornwall zu verbessern.

Medscape: Inwiefern gibt Ihnen Ihre Erfahrung eine neue Perspektive darauf, wie es tatsächlich ist, die Operation zu haben und mit Amputationen zu leben?

Hopper: Ich habe so viele Dinge gelernt. Ich weiß jetzt, wie sich Phantomschmerzen anfühlen (verdammt schrecklich!). Ich weiß, wie benebelt man sich durch die Medikamente fühlt. Pregabalin ist so, als würde man sich mit Sirup übergießen. Ich weiß, wie schwierig es ist, Medikamente abzusetzen. Ich hatte keine Ahnung, wie süchtig sie machen. Ich weiß, wie es ist, in einem Rollstuhl zu leben. Ich weiß, wie schwierig es ist, ein behindertengerechtes Badezimmer zu benutzen oder zu duschen, wenn man nicht aufstehen kann. Ich habe auch gelernt, wie es sich anfühlt, von anderen Menschen abhängig zu sein. Selbst so einfache Dinge wie die irrationale Peinlichkeit, jemanden zu bitten, den Nachttisch wegzuräumen, sind eine große Sache, wenn man als Patient im Krankenhaus liegt.

Ich wusste bereits, dass das Personal des NHS großartig ist – und fühle mich in meiner Meinung jetzt bestärkt. Ich habe auch die im Allgemeinen weniger beachteten Mitglieder des therapeutischen Teams bewusster wahrgenommen: die Gesundheitsassistenten, die erstaunliche Pflege leisteten und mich bei Laune hielten, die Physioassistenten, die mich zusätzlich motivierten, Sport zu treiben, und das Catering-Personal, das einen Löffel Zucker auf meinen Zwieback streute, wenn ich wenig Appetit hatte.

Ich habe auch viele praktische Dinge gelernt. Zuvor habe mich ich mich immer gefragt, warum Amputierte an den unteren Gliedmaßen oft Shorts tragen. Das liegt daran, dass es viel einfacher ist als das Tragen von langen Hosen. Man kann die Stumpfstrümpfe leichter anpassen, und man muss nicht ständig Prothesenfüße durch die Hosenbeine fädeln. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass ich nicht ständig erklären muss, warum ich nicht allzu lange stillstehen kann, warum ich beim Gehen ein wenig watschle oder warum ich beim Treppensteigen langsam bin.

Ich habe auch gelernt, dass Amputierte eine freundliche und hilfsbereite Gemeinschaft sind. Ich habe so viele neue Freunde kennen gelernt, und sie sind oft die einzigen Menschen, die Dinge wie diese peinliche Situation verstehen, wenn die Luft aus Ihrem Prothesen-Beinschaft entweicht und ein furzendes Geräusch macht!

Medscape: Es muss für Ihre Patienten, die eine Amputation haben, ermutigend sein, zu sehen, wie Sie damit umgegangen sind…

Hopper: Ich war nie sportlich. Ich war nie dafür bekannt, besonders wendig oder körperlich aktiv zu sein. Ich bin wahrscheinlich von allen am meisten überrascht, wie die Dinge gelaufen sind. Als ich vor einem Jahr in einem Krankenhausbett saß, hätte ich nie gedacht, dass ich auf dieses funktionale Niveau kommen würde. Deshalb bin ich unglaublich glücklich, meine Patienten zu ermutigen, dass sie Ähnliches versuchen können. Aber natürlich ist es ein zweischneidiges Schwert.

Nicht jeder wird mit Prothesen so gut zurechtkommen wie ich. Meine Patienten sind meist älter und haben oft kardiologische oder respiratorische Erkrankungen. Es ist wichtig, ihre Erwartungshaltung zu dämpfen. Ich versuche auch, zu erklären, wie schwierig es ist, mit den Prothesen zu gehen, dass es sehr ermüdend ist. Auch mache ich sie darauf aufmerksam, wie vergleichbar leicht ich mich auf einem Flur auf der Station bewegen kann – im Gegensatz zum Treppensteigen, auf Kopfsteinpflaster oder Sand.

Sicherlich spreche ich jetzt mit Patienten, die kurz vor einer Amputation stehen, anders. Ich habe eine bessere Vorstellung davon, was ihnen durch den Kopf geht und was sie vielleicht beunruhigt. Ich kann ihnen von den Schwierigkeiten berichten, denen ich begegnet bin, und ihnen sagen, dass alles in Ordnung sein wird.

Es gibt auch nichts Besseres, als meine Beinprothese abzunehmen, damit andere sehen können, wie alles funktioniert!

Medscape: Was haben Sie während der COVID-19-Pandemie getan? Wie sieht die Situation jetzt aus?

Hopper: Mein Timing war nicht brillant. Um die Zeit, als COVID-19 ausbrach, kehrte ich wieder in den vollen Dienst zurück. Das ganze Krankenhaus wurde auf den Kopf gestellt, und es war mir wichtig, mich „einzumischen“ und zusammen mit meinen Kollegen Teil des Teams zu sein. Ich wollte bei all dem wirklich nicht auf der Ersatzbank sitzen.

Wie sich herausstellte, bedeutete die Krise, dass elektive Operationen stark eingeschränkt wurden und viele Interaktionen mit den Patienten über das Telefon stattfanden. Das funktionierte gut für mich, denn dadurch wurde meine Arbeit zu einer Reihe von kurzen Einsätzen – was für mich anfangs leichter zu bewältigen war als lange Aktivitäten auf niedrigerem Niveau. Es bedeutete auch, dass meine Kollegen leichter erreichbar waren, wenn ich Schwierigkeiten hatte und Hilfe brauchte.

Jetzt normalisiert sich die Lage langsam wieder. Das ist sehr merkwürdig. Ich blicke auf das letzte Jahr zurück und kann kaum glauben, was passiert ist – es ist fast langweilig, wieder zur Normalität zurückzukehren!
 

Kommentar

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