Bereit sein, ist alles: 5 Experten diskutieren, wie die Kliniken auf eine 2. Corona-Welle vorbereitet werden sollten

Christian Beneker

Interessenkonflikte

24. Juni 2020

Wie geht es weiter mit den Krankenhäusern unter Corona-Bedingungen? Der Fachbeirat des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) wird am Montag die Zukunftsfragen der Krankenhäuser angesichts einer möglichen 2. Welle von Corona-Infektionen debattieren. Welche Häuser werden die Versorgung übernehmen? Was müsste bis dahin organisiert werden? Wie ist das Ganze zu finanzieren?

Diese und weitere Fragen kommentieren die Experten

  • Prof. Dr. Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen, TU Berlin,

  • Prof. Dr. Max Geraedts, Leiter des Instituts für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie, Philipps-Universität Marburg,

  • Prof. Dr. Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI),

  • Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin München Klinik Schwabing,

  • Prof. Dr. Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereiches „Gesundheit“, RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Essen.

Nur ausgewählte Krankenhäuser für COVID-19-Patienten?

Fast einig sind sich die Experten bei der Frage, ob es unter den Krankenhäusern zukünftig Spezialisten für die Versorgung von Corona-Patienten geben soll. Ja, es brauche solche spezialisierten Häusern, um die schwer Erkrankten zu behandeln, sagt Busse, schon wegen der notwendigen technischen und personellen Ausstattung. „Weil COVID-19-Patienten zudem infektiös und andere Patienten per definitionem ‚Risikopatienten‘ für COVID-19 sind, sollten genügend Krankenhäuser ausschließlich für Nicht-COVID-19-Patienten genutzt werden, um diese nicht unnötig zu gefährden“, so der Berliner Professor.

 
Weil COVID-19-Patienten infektiös und andere Patienten per definitionem ‚Risikopatienten‘ für COVID-19 sind, sollten genügend Krankenhäuser ausschließlich für Nicht-COVID-19-Patienten genutzt werden … Prof. Dr. Reinhard Busse
 

DIVI-Präsident Janssens fordert dazu ein bundesweites Konzept. Es soll nach Absprache untereinander in den Regionen regeln, ob die Patienten durch einen Maximalversorger versorgt werden, die etwa auch eine ECMO einsetzen können, oder durch nachgeschaltete Zentren, die „alle nichtinvasiven und invasiven Beatmungsformen und die damit verbundenen differenzierten Techniken“ anwenden können, sagt Janssens.

Häuser einer dritten Stufe sollten dann nicht-Corona-Patienten aufnehmen. Auch Boris Augurzky spricht sich für so ein „Kaskadenmodell“ aus. „Die Frage ist allerdings: Wer möchte COVID-19-Haus werden?“, so Augurzky. Ob sich ein Krankenhaus bereit erklärt, hänge von der Vergütung ab. Und einer weiteren Frage stellt sich: Was macht das Haus mit den vielen vorgehaltenen Betten, wenn die Corona-Welle abebbt?

 
Die Frage ist allerdings: Wer möchte COVID-19-Haus werden? Prof. Dr. Boris Augurzky
 

Zudem könnten Patienten nach der Epidemie das Haus meiden und es damit in die Pleite treiben. „Ideal für eine Funktion als Zentrum für COVID-19-Patienten wäre ein Krankenhaus im Rahmen eines Verbundes, der mehrere Kliniken umfasst“, sagt Augurzky. „Diese könnten ein COVID-19-Haus für ihren Verbund definieren, während die anderen Kliniken des Verbundes andere Patienten behandeln. Dann würden die Patienten nur intern umgeleitet. Wenn dann die eine Klinik ‚gewinnt‘ und die andere ‚verliert‘, bleibt beides im Verbund.“

10 Level-1-Häuser für die schweren Fälle – wie sollte die Krankenhauslandschaft umorganisiert werden?

Busse sieht perspektivisch bundesweit nur 10 Level-1-Häuser mit besonderer Expertise und Ausstattung für Corona-Patienten. Sie sollten andere Kliniken im Zweifel telemedizinisch unterstützen.

Auf Level 2 bräuchte man maximal 400 Krankenhäuser, die über personell und technisch gut ausgestattete Intensivstationen verfügen, meint Busse. „Level-3-Krankenhäuser, also weitere Krankenhäuser mit Intensivstationen, sollten sich auf andere Patienten konzentrieren und nur im äußersten Notfall auch COVID-19-Patienten aufnehmen. Krankenhäuser ohne Intensivstationen sollten überhaupt keine Rolle in der COVID-19-Versorgung spielen.“

 
Darüber hinaus brauchen wir eine stärkere Verzahnung des ambulanten und stationären Sektors, um mehr Fälle ambulant versorgen zu können. Prof. Dr. Max Geraedts
 

Um die Krankenhäuser mit der nötigen Technik und dem nötigen Personal auszustatten, brauche es klare Definitionen, welches Haus welche Erkrankungen behandelt. Darauf macht Geraeds aufmerksam. „Darüber hinaus brauchen wir eine stärkere Verzahnung des ambulanten und stationären Sektors, um mehr Fälle ambulant versorgen zu können.“ Wendtner, selbst Infektiologe, fordert denn auch für die nächste Corona-Welle infektiologische Schwerpunktzentren, um die anderen Klinken zu entlasten.

Einfach wird die Verabredung der Versorgung indessen nicht, meint Janssens. Weil die Krankenhäuser in Deutschland so unterschiedlich ausgerichtet sind, sei eine homogene Lösung nur schwer zu erreichen. „Es bleibt zu befürchten, dass aufgrund der föderalen Struktur auch dabei wieder jedes Bundesland seinen eigenen Weg gehen wird.“

Die passende Bettenzahl bereithalten

Auf dem Höhepunkt der Pandemie-Welle benötige man durchschnittlich maximal 2% der normalen Krankenhausbetten und 10% der Intensivbetten für COVID-19-Patienten. Regional gab es höhere Bedarfe, rechnet Busse vor.

Um auf eine zweite Welle gefasst zu sein, brauche es mehr regionale Daten, um den Bettenbedarf zu ermitteln. „Die Faustregel dafür lautet: Pro zehn Neuinfektion am Tag brauche ich ungefähr zwei freie Krankenhausbetten und 0,7 Intensivbetten. Diese Kapazitäten sollten von den Level-1- und Level-2-Zentren vorgehalten werden, die übrigen 1.000 Krankenhäuser bräuchten keine Betten vorzuhalten“, so Busse.

Solche Kapazitäten müssten schnell geschaffen werde können. Dazu müsse man rasch ermitteln, wer in den Regionen welche hat. Allerdings fehlen noch die digitalen Netze, um die Daten abzurufen. Deshalb plädiert Geraedts dafür, die Kapazitäten der einzelnen Krankenhäuser kontinuierlich an die Gesundheitsämter zu melden.

Grundsätzlich seien die Krankenhäuser schnell in der Lage, sich auf eine Pandemie und die damit verbundene Notlage einzustellen, sagt Janssens. Den Bau von Notkrankenhäusern findet er deshalb sekundär, denn woher sollten die Ärztinnen und Ärzte und die Pflegenden kommen?

Augurzky will darüber nachdenken, ob die Krankenhäuser statt zu 80% nun zu 70% ausgelastet werden, um 10% Puffer für eventuelle Pandemie-Patienten vorzuhalten. Simulationen müssten zeigen, ob das funktioniere.

Und die Finanzierung?

Die Krise kostet. Wie kann man die Krankenhäuser zwischen Leerstand und Überfüllung gerecht finanzieren? Busse will die Freihaltepauschalen für Corona-Betten von derzeit 560 Euro pro Tag und Bett verstetigen. „Die Freihaltepauschalen aber nur für die Betten, die als Reserve regional wirklich freigehalten werden sollen“, sagt er, „nicht für Betten, die einfach leer stehen.“ 

Geraedts will das Prinzip der Vorhaltekosten sogar noch ausbauen. „Krankenhäuser sollten größtenteils über die Finanzierung von Vorhaltekosten bezahlt werden. Diese Finanzierung sollte eine gute technische und personelle Ausstattung jeder Klinik erlauben – jeweils nach ihrem vorab definierten Zweck“, sagt er. Hinzu träte eine Leistungs- und Qualitätskomponente bei der Bezahlung.

Wendtner spricht sich für „finanzielle Reserven im Vergütungssystem“ aus, die in gesundheitlichen Bedrohungslagen an die Kliniken ausgeschüttet werden können. Augurzky schließlich fordert einen Finanzierungsplan B, der dafür sorgt, Betten freizuhalten, Geräte vorrätig zu haben und das Personal regelmäßig zu schulen – und das Ganze auch bezahlen zu können. Kündigt sich die Krise an, wird der Plan aus der Schublade gezogen.

 
Krankenhäuser sollten größtenteils über die Finanzierung von Vorhaltekosten bezahlt werden. Prof. Dr. Max Geraedts
 

Eine Lösung indessen, die auf die DRGs ganz verzichten würde, wären Regionalbudgets für die Krankenhäuser. „Pro Region, die vorab definiert ist, gibt es eine Art Gesundheitsbudget, das die Region mit der Aufgabe bekommt: ‚Haltet die Leute in der Region gesund, und wenn sie krank werden, versucht, sie zu heilen‘“, erklärt Augurzky. „Wie man das dann konkret macht, ist der einzelnen Region überlassen, ob das ambulant, stationär oder sogar mithilfe von Telemedizin erfolgt – das ist dann frei vor Ort gestaltbar.“

Der Charme an der Idee: Leistungen müssten in Zweifel nicht gestrichen, sondern könnten umgeschichtet werden. Sobald COVID-19-Fälle aufträten und die elektiven Behandlungen verschoben werden müssten, würde man die COVID-19-Patienten im Rahmen des Budgets behandeln. Die anderen Behandlungen kämen zunächst auf eine Warteliste. Augurzky: „Die Erlöse der Krankenhäuser würden sich so fast gar nicht verändern.“

 

Kommentar

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