RKI mit Update zur aktuellen Corona-Situation: Das Virus nicht unterschätzen! Kreis Gütersloh im Lock-Down

Sonja Boehm

Interessenkonflikte

23. Juni 2020

Die letzte Pressekonferenz des Robert Koch-Instituts (RKI) zur Corona-Krise fand Mitte Mai statt. Jetzt hat sich das RKI angesichts der aktuellen Situation erneut zu Wort gemeldet.

Die Reproduktionszahl ist, wie RKI-Chef Prof. Dr. Lothar H. Wieler in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz sagte, aktuell auf 2,76 gestiegen. Schon seit dem 21. Juni liege sie „zwischen 2 und 3“. Der stabilere 7-Tage-R-Wert betrage derzeit 1,83. Allein gestern sind insgesamt mehr als 500 Neuinfektionen an das RKI gemeldet worden.

Keine 2. Welle in Deutschland – trotz hoher Reproduktionszahl

Aber: Auch, wenn bei einem solchen Wert der Reproduktionszahl ein Infizierter rein rechnerisch mehr als eine Kontaktperson infiziert – sich das Infektionsgeschehen also weiter ausbreitet – will Wieler derzeit nicht von einer 2. Welle in Deutschland sprechen. Der gestiegene R-Wert werde als Ausdruck einiger weniger lokaler Ausbrüche – unter anderem im Fleischereibetrieb Tönnies in Gütersloh und Umgebung – interpretiert, sagte er. Immerhin sei in der vergangenen Woche auch aus 137 Kreisen in Deutschland gar kein Fall einer Neu-Infektion gemeldet worden, betonte er.

Erneuter Lock-Down für den Kreis Gütersloh

Zeitgleich zur RKI-Pressekonferenz hat Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet einen Lock-Down für den Kreis Gütersloh und für Teile des angrenzenden Kreises Warendorf verhängt – zunächst bis zum 30. Juni.

Damit werden wieder Kontaktbeschränkungen eingeführt: Nur Angehörige einer Familie oder eines Hausstandes bzw. 2 Personen dürfen sich in der Öffentlichkeit zusammen aufhalten. Freizeitaktivitäten in geschlossenen Räumen sind wieder verboten, Ausstellungen und Museen werden wieder geschlossen. Restaurants und Gaststätten blieben geöffnet, doch dürfen nur noch Menschen aus einem Hausstand gemeinsam speisen.

Die Tests in der Bevölkerung sollen mit Hilfe von mobilen Testteams massiv ausgeweitet werden, betonte der NRW-Regierungschef. 1.533 der insgesamt 7.000 Mitarbeiter des Fleischereibetriebs sind – wie berichtet – positiv getestet worden. Ein Zentrum der Ansteckung scheint dabei die Abteilung Fleischzerteilung gewesen zu sein, wie die Tagesschau berichtet. Derzeit gibt es laut Laschet nur 24 Infizierte im Kreis Gütersloh, die nicht bei Tönnies arbeiten.

RKI will örtliches Geschehen eng im Blick behalten

Man werde das örtliche Geschehen eng im Blick behalten, sagte Wieler. Er zeigte sich optimistisch, dass es gelinge, „mit den Maßnahmen, die bisher gut gewirkt haben“, eine Ausbreitung des Infektionsgeschehens in die übrige Bevölkerung zu verhindern. Der RKI-Chef verwies dabei auf die unter dem Akronym „AHA“ subsummierten Maßnahmen ‚Abstand halten, Hygiene und Atemmasken‘.

Weiter betonte er die wichtige Rolle der Gesundheitsämter, die hohen Testkapazitäten sowie das niedrigschwellige Angebot der Tests. Möglicherweise könne auch die Corona-Warn-App, die inzwischen von mehr als 12 Millionen Menschen auf ihre Smartphones geladen worden ist, dazu beitragen, die Kontakte effektiv nachzuverfolgen und das Infektionsgeschehen einzugrenzen.

Wieler warnt: Gefahr durch das Virus nicht unterschätzen!

Optimistisch mache ihn auch, dass derzeit Menschen höheren Alters, Senioren- und Pflegeheime, nicht mehr so stark betroffen sind. Bislang sind für Deutschland laut RKI rund 190.000 Infektionsfälle gemeldet worden, knapp 9.000 Menschen sind im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben.

Waren Mitte April noch im Schnitt 250 Todesfälle pro Tag gemeldet worden, sei diese Zahl inzwischen auf wenige Fälle täglich gesunken. Die Sterberate für Deutschland beträgt derzeit 4,7% – und ist damit zwar niedriger als in den meisten anderen europäischen Ländern, aber – so Wieler – „für eine Infektionskrankheit immer noch ziemlich hoch“.

Er warnte davor, die Gefahr durch das Virus zu unterschätzen. Zwar seien die Corona-Toten im Schnitt 81 Jahre alt gewesen, doch sind auch 3 Personen, die noch keine 20 Jahre alt waren, an den Folgen einer Infektion mit SARS-CoV2 gestorben – alle 3 hatten allerdings Vorerkrankungen.

Die aktuellen Zahlen bestätigten, so der RKI-Chef, dass knapp 20% der Infizierten mit einem schweren Verlauf zu rechnen haben und hospitalisiert werden müssen. Das Risiko dafür steige ab dem 50. Lebensjahr und mit dem Vorliegen weiterer Erkrankungen an. „Aber wir haben in Deutschland viele ältere Menschen und viele davon haben solche Risikofaktoren“, betonte er.

Warum ist die Fleischverarbeitung besonders betroffen?

Derzeit scheint sich das Infektionsgeschehen in Deutschland laut RKI auf Schlachtbetriebe und Menschen, die in „schwierigen sozialen Bedingungen leben“ zu beschränken. So gibt es bekanntlich auch Ausbrüche in Wohnkomplexen in Göttingen, Magdeburg und dem Berliner Stadtteil Neukölln. Ob sogenannte „Hygiene-Demos“ zur Ausbreitung der Infektion beigetragen haben, dazu gibt es laut Wieler bislang keine Hinweise.

Beim aktuellen Ausbruch bei Tönnies lasse sich nicht sagen, inwieweit die Wohnverhältnisse der dort Arbeitenden zur Ausbreitung beigetragen haben, so der RKI-Chef. Doch das kühle und feuchte Raumklima bei der Fleischverarbeitung können ebenso ein Faktor sein, der die Bildung von Aerosolen und damit die Virusverbreitung begünstige. Auch in anderen Ländern, etwa auf dem amerikanischen Kontinent, werden Ausbrüche in fleischverarbeitenden Betrieben gemeldet.

Weltweit in einigen Ländern schon die 2. Welle …

Global gesehen hat laut RKI die Zahl der nachgewiesenen Infektionen nun fast 9 Millionen erreicht. Hotspots sind dabei unter anderem einige südliche Bundesstaaten der USA, in denen die Abstandsregeln frühzeitig gelockert wurden, und Brasilien. Aus Afrika werden derzeit weniger als 5% aller weltweiten Infektionen gemeldet, was zum einen eventuell auf die relativ junge Bevölkerung dort, aber auch auf die geringe Verfügbarkeit von Tests und eine eher schlechte Infrastruktur im Gesundheitswesen zurückzuführen sein könnte.

Eine 2. Welle des Infektionsgeschehens hat wohl bereits im Iran – und eventuell auch in Israel – eingesetzt. In Israel hat sich vor allem die Zahl der Infektionen in den Schulen nach deren Wiedereröffnung stark erhöht. Daher, so sagte Wieler, sei es wichtig, die Schulöffnungen in Deutschland mit „guten Hygienekonzepten“ sowie mit entsprechenden Studien zu begleiten.

Er verwies darauf, dass die Corona-Pandemie weder global noch national überwunden sei. Es sei wichtig, auch in den kommenden Wochen und Monaten „weiter achtsam zu bleiben“.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....