Der neue Ethik-Report: Jeder 3. Arzt räumt ein, Fehler vertuscht zu haben – aber Corona hat viele besonders motiviert

Sebastian Alers, Claudia Gottschling

Interessenkonflikte

16. Juni 2020

Fast ein Drittel aller Ärzte und Ärztinnen (32%) vertuschte laut dem aktuellen Medscape Ethik-Report 2020 schon einmal einen Fehler. Die große Mehrheit der Befragten (68%) zeigt jedoch moralische Größe und steht zu ihren Fehlleistungen im Praxisalltag. Fast 9 von 10 Medizinern geben an, sich bei ihren Patienten dafür entschuldigt zu haben.

Solche moralischen Prinzipien sollten Mediziner grundsätzlich bei ihrer Arbeit leiten. Aber wie weit klaffen Erwartungshaltung und Realität auseinander – vor allem in besonderen Zeiten wie der Corona-Krise?

Spannende Antworten auf heikle Fragen liefert der aktuelle Medscape Ethik-Report 2020 „Was Ärzte über Sex, Alkohol, Behandlungsfehler, Impfpflicht, Sterbehilfe und COVID-19 denken“ . An der Online-Befragung, die zwischen Januar und März 2020 von Medscape Deutschland durchgeführt worden ist, haben  sich über 1.000 Ärztinnen und Ärzte beteiligt. 2 Kurzumfragen im April mit rund 800 und 500 Teilnehmern mit Fragen zur Corona-Krise ergänzen den Report.

Weitere 30 Slides mit den Ergebnissen des Ethik-Reports finden Sie hier .

Ärzte in Corona-Zeit: Die Motivation ist besonders hoch

Für ihren Einsatz wurde Ärzten und anderen Beschäftigten im Gesundheitswesen derzeit viel Respekt gezollt und Applaus gespendet. Doch wie steht es tatsächlich um die Motivation der Ärzte?

Durchaus gut: Jeder 2. Arzt sagt, dass er in der Krise besonders motiviert und froh ist, als Arzt zu arbeiten. Die Mehrzahl ist dabei ziemlich furchtlos: 77% der Befragten geben an, keine Angst vor einer Ansteckung zu haben oder nicht zu Hause bleiben zu wollen. Mehr als die Hälfte (55%) stellen den Schutz der Gesundheit über die wirtschaftlichen Folgen eines Shutdowns.

Ohne Beistand sterben oder eine schlechte Prognose schönreden?

Viele Ärzte wollen in der Corona-Krise nicht in Kauf nehmen, dass Patienten mit COVID-19 im Krankenhaus ohne Beistand ihrer Angehörigen oder Geistlicher sterben. Man solle versuchen, so meinen 2 von 3 Ärzten, einen Weg zu finden, damit sich die Angehörigen verabschieden können. Nur jeder 10. Umfrage-Teilnehmer meinte, dass das Virus auch in dieser speziellen Situation das Kontaktverbot unumgänglich mache.

Der Umgang mit Schwerkranken bringt auch in Corona-freien Zeiten viele Gewissenskonflikte mit sich. Auf die Frage, ob sie als Arzt gegenüber ihren Patienten schlechte Nachrichten zurückhalten würden, antworten ebenfalls rund 2 Drittel (66%) mit „Nein“. Nur knapp jeder 10. Arzt würde selektive Informationen bei unheilvoller Perspektive befürworten.

Belästigungen und Mobbing: Ärzte schauen nicht weg

Die MeToo-Debatte erregte weltweit Aufsehen und machte in vielen Lebensbereichen auf das Ausmaß sexueller Übergriffe aufmerksam. Die Ergebnisse des Medscape-Reports zur sexuellen Belästigung in Praxen und Kliniken aus dem vergangenen Jahr zeigen: 15% der Ärzte und Ärztinnen haben sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz beobachtet, 7% waren solchen Übergriffen ausgesetzt.

Hat die MeToo-Bewegung den Umgang der Beschäftigten im Gesundheitswesen verbessert? Zumindest ein bisschen. Während knapp die Hälfte keinen Unterschied wahrnimmt, meinen 15% der Ärzte, dass die MeToo-Debatte die Einstellung zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zum Besseren verändert hat

Wie gehen Ärzte mit Mobbing um? Über die Hälfte der Befragten (53%) gibt an, Kollegen grundsätzlich beim Chef oder den entsprechenden Stellen zu melden, wenn sie Belästigungen, Mobbing oder Drangsalierungen beobachtet haben, Nur eine kleine Minderheit (10%) schaut weg. 37% machen eine Meldung von den Umständen abhängig.

Interessant: Die Ergebnisse des Reports legen nahe, dass Fachärzte sich stärker für eine Aufarbeitung solcher Fälle aussprechen als Hausärzte. Womöglich, weil sie in größeren Praxen oder Kliniken mit etablierten Anlaufstellstellen für Beschwerden arbeiten.

Liebesbeziehungen mit Patienten: Kein kategorisches Nein“

Eine Affäre oder vielleicht sogar die große Liebe mit einer Patientin oder einem Patienten – was halten Sie davon? Anscheinend bestimmen die Umstände und Zwischentöne den Umgang mit romantischen Gefühlen zu Hilfesuchenden: 25% könnten sich eine Liebe und/oder Sex generell schon vorstellen – je nach Umständen eben. Weitere 21% würden eine Wartezeit von 6 Monaten akzeptabel finden, bevor sie sich auf eine Beziehung oder Affäre mit Ex-PatientInnen einlassen. Nur 44 Prozent der Befragten antworten mit einem klaren „Nein“. In teils emotionalen Kommentaren berichten einige Ärzte sogar, dass sie mit einer ehemaligen Patientin verheiratet sind.

Impfpflicht: Ambivalente Haltung

Seit März 2020 gilt in Deutschland die Masernimpfpflicht für bestimmte Berufsgruppen – vor allem auch aus dem Gesundheitsbereich. Wie stehen Ärzte zu diesem politisch brisanten Thema? 87% der Fachärzte befürworten das Masernschutzgesetz. Unter den Hausärzten sind es mit 72% etwas weniger. Jeder 5. Hausarzt (22%) meint, der Gesetzgeber solle sich bei dieser Frage nicht einmischen.

Doch wenn es um die eigene Haut geht, sind Ärzte durchaus ambivalenter. Selbst bei häufigem Patientenkontakt, befürworten erstaunlicherweise nur 41% der Ärzte eine jährliche Pflichtimpfung gegen Grippe. Ein Großteil (47%) ist sogar dagegen.

Genervt von Impfgegnern?

Wie hoch die Achtung von Ärzten vor einer individuellen und freien Entscheidung ist, zeigt deren Haltung gegenüber Impfgegnern: In der Befragung geben 2 von 3 Ärzten an, auch Impfgegnern eine Behandlung nicht zu verweigern. Nur 13% verneinen die Frage, ob sie Impfgegner behandeln würden. Eine Allgemeinmedizinerin aus München erklärt: „Ich würde versuchen, die Familie von den Vorteilen der Impfungen zu überzeugen, aber ich würde auch ihre Meinung respektieren, wenn ich sie nicht überzeugen kann.“
 

Kommentar

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