Wie gefährlich sind Kortikosteroide bei drohender Fehlgeburt? Neue Studie liefert Hinweise auf Risiken für Kinder

Michael Simm

Interessenkonflikte

18. Juni 2020

Dem Nutzen pränataler Kortikosteroide bei drohender Frühgeburt steht offenbar ein erhöhtes Risiko von mentalen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten gegenüber. Auch wenn die Kinder vollständig ausgetragen werden, scheint dieses Risiko um annähernd 40% erhöht zu sein. Zu dem Ergebnis kommen Dr. Katri Räikkönen von der University of Helsinki und Kollegen in JAMA  [1]. Sie haben Daten einer bevölkerungsbasierten Kohorte retrospektiv ausgewertet.

Risiken der pränatalen Kortikosteroid-Gabe waren unklar

Zum Hintergrund: Eine vorgeburtliche Behandlung mit Kortikosteroiden ist üblich, um das Wachstum des Fötus zu beschleunigen, wenn dessen voraussichtlicher Geburtstermin vor der 34. Schwangerschaftswoche liegt. Die mögliche Ausweitung dieser Indikation über die 34. Woche hinaus wird angesichts begrenzter Daten kontrovers diskutiert.

Räikkönen und Kollegen wollten mit einer populationsbasierten, retrospektive Kohortenstudie offene Fragen klären. Sie werteten Daten zu allen zwischen 2006 und 2017 in Finnland einzeln geborenen Kindern aus, welche 1 Jahr nach der Geburt noch am Leben waren. Vergleiche zwischen nicht frühgeborenen Geschwisterpaaren kamen mit hinzu. Gegenübergestellt wurden pränatale Kortikosteroid-Behandlungen und mentale Störungen beziehungsweise Verhaltensauffälligkeiten.

Kortikosteroide mit höheren Risiken assoziiert

  • Für die Analyse konnten Daten zu 670.097 von 674.877 Einzelgeburten ausgewertet werden. Das Follow-up lag im Median bei 5,8 Jahren.

  • 14.868 (2,22%) der Kinder hatten pränatal Kortikosteroide erhalten.

  • In der Steroid-Gruppe waren 45,27% vollständig ausgetragen worden (≥ 37 Wochen) gegenüber 54,74%, die frühzeitig zur Welt gekommen waren.

  • In der Gesamtpopulation gab es 241.621 vollständig ausgetragene Geburten von Geschwisterpaaren, unter denen 4.128 (1,71%) diskordant bezüglich der Kortikosteroid-Gabe waren.

  • Die Exposition mit Kortikosteroiden war in der gesamten Kohorte mit einem höheren Risiko von mentalen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten assoziiert (12,01% versus 6,45%). Die absolute Differenz von 5,56 Prozentpunkten hatte ein 95%-Konfidenzintervall von 5,04 bis 6,19. Das adjustierte Chancenverhältnis HR betrug 1,33 (95%-KI 1,26 – 1,41).

  • Für die Gruppe der vollständig ausgetragenen Kinder ergab sich ein Verhältnis von 8,89% versus 6,31 % (HR 1,47). Beim Vergleich der diskordanten Geschwister waren 6,56% versus 4,17 % auffällig (HR 1,38).

  • Bei frühgeborenen Kindern war die kumulative Inzidenz von mentalen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten nach Kortikosteroid-Exposition erhöht (14,59% versus 10,71%); es gab jedoch keinen signifikanten Unterschied (HR 1,00).

Mehr Nutzen als Risiken in der klinischen Praxis?

Die Größe der Studienpopulation und die Vollständigkeit der Daten untermauern den Befund der Autoren, dass eine pränatale Kortikosteroid-Behandlung mit einer signifikanten Erhöhung mentaler- und Verhaltensstörungen einhergeht.

 
In der Summe überwiegt der Nutzen, aber das gilt womöglich nicht für alle Kinder. Dr. Sara B. DeMauro
 

Trotzdem spricht viel für die Pharmakotherapie: Die Cochrane Collaboration fand Hinweise auf einen Nutzen für Kinder. Und in einem begleitenden Editorial [2] weist Dr. Sara B. DeMauro vom Children’s Hospital of Philadelphia detailliert auf Vorteile hin: eine niedrigere Neugeborenen-Sterblichkeit, die beschleunigte Reifung der Lungen und weniger Hirndefekte. Als Schwäche der Kohortenstudie bewertet sie die vergleichsweise kurze Nachbeobachtungszeit von 6 Jahren. Auch seien nur Diagnosen von Spezialisten erfasst worden, aber nicht vom Kinderarzt. DeMauro: „In der Summe überwiegt der Nutzen, aber das gilt womöglich nicht für alle Kinder.“ Vor einer Ausweitung der Indikation sollten daher weitere Daten zur Sicherheit gesammelt werden.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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