Worüber sich Patienten beschweren: Oft über Krankenkassen, aber auch über verweigerte Behandlungen durch Ärzte

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

16. Juni 2020

Viele Dauerbrenner, einige gelöste Probleme, aber auch neue problematische Entwicklungen in der Versorgung – das ist das Fazit des Monitors Patientenberatung 2019 der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) [1].

Die meisten Beschwerden richteten sich dabei gegen Krankenkassen – aber auch Ärzte kommen nicht immer gut weg. Vor allem das Problem von verweigerten Behandlungen oder Verordnungen am Ende des Quartals beschäftigte die Patienten. Und in jüngster Zeit kam natürlich Corona hinzu.

2 Drittel der Anfragen zu Leistungsansprüchen

Die UPD ist eine gemeinnützige Einrichtung, die allen Bürgern kostenlos zur Verfügung steht. Sie arbeitet mit 30 festen Beratungsstellen in Deutschland und rund 100 Standorten, die regelmäßig von einem Beratungsmobil angefahren werden. Ingesamt führte die UDP im Jahr 2019 rund 130.000 Beratungen durch: persönlich, am Telefon, per Post und online.

Der Monitor Patientenberatung ist der offizielle Bericht an die Patientenbeauftragte der Bundesregierung Prof. Dr. Claudia Schmidtke, leitende Oberärztin in der Herz- und Gefäßchirurgie des Herzzentrums Bad Segeberg.

 
Gegenüber dem Vorjahr haben die Beratungen zu Widersprüchen sogar noch zugenommen. Das ist ein besonderer Missstand. Thorben Krumwiede
 

Zwei Drittel der Beratungen entfielen, wie schon in den Vorjahren, auf rechtliche Fragen. Vor allem ging es um Leistungsansprüche gegenüber Kostenträgern. „Gegenüber dem Vorjahr haben die Beratungen zu Widersprüchen sogar noch zugenommen. Das ist ein besonderer Missstand“, sagt UDP-Geschäftsführer Thorben Krumwiede.

So gebe es immer noch Kassen, die in Widerspruchsverfahren „Zwischennachrichten“ an Patienten schickten – obwohl dies nach einer Anweisung des Bundesamtes für Soziale Sicherung unzulässig ist. „Versicherte können regelmäßig nicht erkennen, ob es sich dabei um eine Entscheidung handelt und fühlen sich nicht selten dazu gedrängt, ihren Widerspruch zurückzunehmen“, berichtet Krumwiede.

Vielfach klagten Ratsuchende auch darüber, dass Krankenkassen sie nicht darüber informieren, ob und wie sie gegen einen Bescheid vorgehen können. Dies ist eigentlich vorgeschrieben.

Ärger am Ende des Quartals

Weitere knapp 20% der Anfragen betrafen medizinische Themen, vor allem aus der Inneren Medizin. Patienten hatten beispielsweise Fragen zu Risikofaktoren und Ursachen von Krankheiten, zu Früherkennung, Vorsorge, Therapie und Prognose.

Aber auch die rechtlichen Anfragen betrafen oft ärztliches Handeln. Am häufigsten waren dabei Klagen über eine abgelehnte Behandlung: „Ratsuchende berichten vielfach über Ärztinnen und Ärzte, die eine notwendige Verordnung etwa von Physiotherapie oder die weitere Behandlung im laufenden Quartal pauschal mit der Begründung ablehnen, ihr Budget sei erschöpft“, sagt Krumwiede.

Rein rechtlich dürfen Ärzte eine medizinisch notwendige Leistung nicht aus Budget-Gründen verweigern, stellt die UDP klar. Dennoch haben Patienten faktisch keine Möglichkeit, eine Leistung auch einzufordern, denn die „Therapiehoheit“ liegt beim behandelnden Arzt. Den Patienten bleibt eigentlich lediglich, sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung zu beschweren, den Arzt zu wechseln – oder bis zum nächsten Quartal zu warten.

 
Ratsuchende berichten vielfach über Ärztinnen und Ärzte, die eine notwendige Verordnung … oder die weitere Behandlung im laufenden Quartal pauschal mit der Begründung ablehnen, ihr Budget sei erschöpft. Thorben Krumwiede
 

Ein weiteres häufiges Thema im Bezug auf Ärzte war die Einsichtnahme in die Patientenakte und die Frage, wer eventuelle Kopien bezahlen muss. „Leider ist diese Frage nach wie vor ungeklärt“, stellt die UDP fest. Nach der Europäischen Datenschutzgrundverordnung müssen Ärzte den Patienten zwar die erste Kopie kostenfrei überlassen. Doch nach der nationalen Vorschrift im Bürgerlichen Gesetzbuch müssen die Patienten die Kopierkosten selbst tragen. „Wünschenswert wäre hier, dass der Gesetzgeber klarstellt, welche der beiden Regelungen Vorrang hat“, mahnt die UDP.

Weniger Streit um Krankengeld

Der Monitor berichtet aber auch über positive Entwicklungen. So sind die Anfragen zum Krankengeld deutlich zurückgegangen: „Das seit vielen Jahren bestehende Problem, durch Unterbrechungen in den Arbeitsunfähigkeitszeiten den Anspruch auf Krankengeld zu verlieren, konnte durch gesetzgeberische Maßnahmen gelöst werden“, betont Schmidtke.

Dafür zeigen sich neue Probleme, etwa in der Zahnmedizin: Zunehmend berichten ältere Menschen, dass sie sich ohne ausreichende Beratung von ihrem Zahnarzt zu teuren Implantaten gedrängt fühlen. „Hier sehen wir Anzeichen für eine Überversorgung, gerade weil es älteren Menschen oft besonders schwerfällt, ihre Rechte auf Aufklärung und Information einzufordern“, sagt Krumwiede.

Und schließlich melden sich bei der UDP auch viele Menschen, die „mit unklaren Beschwerden durch das System irren“, wie es der Monitor nennt. Etwa die Frau, die seit vielen Jahren an unklaren Magen-Darm-Beschwerden mit Krämpfen und Blähungen leidet: „Ich habe schon eine Vielzahl von Ärzten aufgesucht, mehrere Magen-Darm-Spiegelungen hinter mir, verschiedene Heilfastenkuren probiert, aber es hilft nichts. Mein Arzt sagt, dass ich mir das alles nur einbilde, aber ich gehe wegen der Schmerzen schon fast nicht mehr aus dem Haus. Was kann ich noch tun?“

In solchen Fällen klären die Berater, welche Anlaufstellen noch in Frage kommen, etwa Spezialambulanzen oder Zentren für seltene Erkrankungen. Und sie ermutigen die Patienten, nicht ständig zu neuen Ärzten zu gehen – sondern eine langfristige Versorgung anzustreben.

Anlässlich der Veröffentlichung des Monitors gab die UDP auch eine erste Auswertung zu Corona-bezogenen Anfragen bekannt: Von März bis Mai 2020 meldeten sich dazu rund 22.000 Menschen bei der Beratungsstelle.

 

Kommentar

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