HIV-Prävention: PreP-Spritze alle 8 Wochen mindestens so wirksam wie tägliche PreP-Tabletten

Antje Sieb

Interessenkonflikte

15. Juni 2020

In der HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) könnte es bald eine Alternative zu täglichen Pillen geben. Die Wirkung einer Spritze mit dem Integrase-Inhibitor Cabotegravir hält nach vorläufigen Studienergebnissen 8 Wochen lang an, und sie kann Männer und Transgender-Frauen mindestens so zuverlässig vor HIV-Infektion schützen wie der momentane PrEP-Therapiestandard. Der wird als tägliche Tablette eingenommen, und enthält die Wirkstoffe Tenofovirdisoproxil und Emtricitabin.

Prof. Dr. Christoph Stephan

Neben dem Originalmedikament Truvada® sind mittlerweile mehrere Generika auf dem Markt. In einer jetzt vorzeitig entblindeten Studie wurden beide Therapieformen miteinander verglichen. „Der Verum-Arm war der zu spritzende Integrase-Inhibitor Cabotegravir, ein neues Studienmedikament, was für die HIV-Therapie in wenigen Wochen zugelassen sein wird und was hier seine Wirksamkeit in der PrEP deutlich gezeigt hat“, erklärt Prof. Dr. Christoph Stephan, Leiter des HIV-Centers am Frankfurter Uniklinikum.

Studie in besonders betroffener Gruppe

An der randomisierten, doppelt verblindeten Studie HPTN 083 nehmen seit Ende 2016 insgesamt über 4.500 Männer und Transgender-Frauen teil. Sie bekamen entweder die tägliche Tabletten-PrEP mit Truvada® und eine Placebo-Spritze, oder die Spritze mit langwirksamem Cabotegravir und Placebo-Tabletten.

Die Verblindung der Studie wurde im Mai nun vorzeitig aufgehoben, da eine Zwischenauswertung einer unabhängigen Expertengruppe bereits belastbare Ergebnisse zutage förderte: Die neue Spritzentherapie hat sich als mindestens so wirksam erwiesen wie die seit Jahren eingesetzten Tabletten. Insgesamt traten über die Studienlaufzeit 50 HIV-Infektionen auf, davon 38 im Truvada®-Arm der Studie und nur 12 im Cabotegravir-Arm.

Ob das neue Medikament sogar überlegen sei, müsse eine weitere Datenanalyse zeigen. „Die Ergebnisse sind bisher vorläufig“, sagte Studienleiter Prof. Dr.Raphael J. Landovitz von der University of California, Los Angeles, in einer Pressekonferenz [1].

Die Zusammensetzung der Studienteilnehmer repräsentiere eine besonders betroffene Gruppe, die ein erhöhtes Risiko für eine HIV-Infektion haben und bei denen HIV-Infektionen entgegen dem Trend teilweise ansteigen: vor allem junge homosexuelle Männer und Transgender-Frauen. Letztere stellten 12% der Teilnehmer, und insgesamt lag das Durchschnittsalter der Studienpopulation bei 28 Jahren. Die Hälfte der US-Teilnehmer waren Afro-Amerikaner, eine weitere Gruppe, die als stärker gefährdet gilt. „Auf diese Zusammensetzung sind wir besonders stolz“, sagte Landovitz.

Die Studiengruppe HIV Prevention Trials Network (HPTN) hatte die Absicht, eine Population mit einem Hintergrundrisiko einer HIV-Infektion von etwa 4,5% zu rekrutieren. Ob das exakt gelungen ist, ist allerdings unklar, da die Studie keine klassische Kontrollgruppe beinhaltet. Die durchschnittliche Infektionsrate in beiden Gruppen gemeinsam lag allerdings unter 1%, was zeige, dass beide Therapien hoch effektiv seien, sagte Landovitz.

Einzelne Infektionen trotz Spritzentherapie

Warum sich allerdings auch unter den Empfängern der PrEP-Spritze 12 Teilnehmer mit HIV infiziert haben, können die Verantwortlichen bisher nicht sagen. Sie wollen die Daten mit Hinblick darauf nochmal gezielt analysieren.

Stephan könnte sich vorstellen, dass es damit zusammenhängt, dass die PrEP-Spritze nur einen einzigen Wirkstoff enthält. „Es gibt ja auch Viren, die resistent sein können gegen Intergrase-Inhibitoren. In solch einem Fall wäre es denkbar, dass es auch während der PrEP zu einer Infektion durch Integrase-Inhibitor-resistente HI-Viren kommen kann. Das bedarf aber der genauen Analyse.“

Grundsätzlich sei die PrEP mit Cabotegravir als Monotherapie aber durchaus logisch, erklärt HIV-Experte Stephan. Denn für die Prophylaxe werden im Prinzip die gleichen Medikamente genutzt, die man auch in der Therapie der HIV-Infektion einsetzt. Die Anzahl der Medikamente wird aber in der Regel reduziert. „In der PrEP war schon immer eine unvollständige Kombinationstherapie Standard, weil weniger Substanzen auch weniger Nebenwirkungen verursachen.“

Die gängige Tabletten-PrEP für Nichtinfizierte, die 2 Wirkstoffe enthält, ist dabei abgeleitet von einer HIV-Therapiekombination aus 3 Wirkstoffen. Die PrEP-Spritze mit Cabotegravir ergibt sich aus einer laut Stephan kurz vor der Zulassung stehenden HIV-Therapiekombination aus 2 Medikamenten: Cabotegravir und Rilpivarin.

PrEP sollte individuell anpassbar sein

Eine Alternative zur Tabletten-PrEP wäre in jedem Fall zu begrüßen, findet Stephan: „Die PrEP hat ein Problem, und das ist die Medikamententreue des Kollektivs, das die PrEP einnehmen soll. PrEP eingenommen wirkt, aber das Problem ist die Compliance.“ Die Spritze, für die ein Arztbesuch nötig ist, lasse sich nicht so leicht vergessen wie eine tägliche Tablette.

 
Die PrEP hat ein Problem, und das ist die Medikamententreue des Kollektivs, das die PrEP einnehmen soll. Prof. Dr. Christoph Stephan
 

Dabei wäre die Zweimonats-Spritze sicher trotzdem nicht die Methode der Wahl für jeden. Denn die PrEP-on-demand, also die Tabletteneinnahme gezielt für kurze Zeit, z.B. vor einem Urlaub, würde damit nicht funktionieren. „So unterschiedlich wie die Leute sind, sind auch die Sexsituationen, und für den einen kann die On-demand-PrEP die beste Lösung sein, für den anderen die Spritze, die dauerhaft wirkt“, sagt Stephan.

In den bisherigen Ergebnissen sind nur wenige Nebenwirkungen der PrEP-Spritze mit Cabotegravir erwähnt. Daten aus anderen Studien zeigen allerdings, dass man Langzeitnebenwirkungen im Auge behalten sollte, meint Stephan: „Wir wissen von Integrase-Inhibitoren, dass sie als unerwünschte Nebenwirkung eine Gewichtszunahme haben können. Das wurde in Studien schon beobachtet. Die Pressemitteilung, die über die aktuelle Studie bisher vorliegt, sagt dazu nichts aus.“

 
So unterschiedlich wie die Leute sind, sind auch die Sexsituationen, und für den einen kann die On-demand-PrEP die beste Lösung sein, für den anderen die Spritze, die dauerhaft wirkt. Prof. Dr. Christoph Stephan
 

Eine Veröffentlichung zu den Zwischenergebnissen der Studie liegt bisher nicht vor. „Langzeitnebenwirkungen werden zu beobachten sein, das betrifft insbesondere die Gewichtszunahme, und dann auch die Frage, wie sich Resistenz-Situationen entwickeln. Das wird die Zukunft zeigen“, so Stephan.

Schwesterstudie läuft unverändert weiter

Auslöser für die Zwischenauswertung der HPTN 083-Studie war die Corona-Krise: Weil mehrere der beteiligten Studienzentren zeitweise schließen mussten, war nicht klar, wie sich das auf die Ergebnisse der Studie auswirken würde. Da die bisher analysierten Daten aber schon ausreichend sicher die Gleichwertigkeit des neuen Medikaments nachweisen konnten, kam es zur Empfehlung, die Studie unverblindet weiterzuführen.

 
Langzeitnebenwirkungen werden zu beobachten sein, das betrifft insbesondere die Gewichtszunahme, und dann auch die Frage, wie sich Resistenz-Situationen entwickeln. Prof. Dr. Christoph Stephan
 

Die ein Jahr später begonnene Schwesterstudie HPTN 084 an Frauen in mehreren afrikanischen Ländern läuft bisher wie geplant weiter. Auch das war die Empfehlung einer Zwischenanalyse unabhängiger Experten. Eine Wirksamkeit der PrEP bei Frauen nachzuweisen, kann schwierig sein, erklärt Stephan. Denn im Gegensatz zum Kollektiv der Männer, die Sex mit Männern haben, befinden sich betroffene Frauen mit hohem HIV-Risiko in einem ganz anderen Umfeld.

„Bei Frauen ist das häufig eine Situation, die von Gewalt geprägt ist, wo z.B. die Frauen nicht selbst entscheiden können, wann sie Sex haben, und entsprechend wird die Einnahme der Medikamente verknüpft mit dieser Gewalterfahrung. Das ist eine schwierige Gesamtsituation. Und häufig wird es abgelehnt, Tabletten oder Medikamente zu nehmen, die für PrEP gedacht sind.“ Auch organische Gründe für eine unterschiedliche Wirkung bei Frauen seien denkbar.

 

Kommentar

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