ALK-positiver NSCLC: Bald neue Erstlinie?; Corona-Effekte auf Krebstherapie; Vitamin D senkt Risiko für progredienten Krebs

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

24. November 2020

Es tut sich viel in der Onkologie – bei steigenden Patientenzahlen. Für 2020 erwartet das RKI 510.000 Krebs-Neudiagnosen, die Hälfte davon in 4 Lokalisationen (Brustdrüse, Prostata, Dickdarm und Lunge). Unser Onko-Blog will Sie auf dem Laufenden halten mit Wissen für Ihre tägliche Praxis und für Ihre Patienten.
 

Update vom 23.11.2020

In unserem Onkologie-Blog stellen wir diesmal eine aktuelle Studie zum ALK-positiven NSCLC vor. Sie zeigt, dass der neue ALK-Hemmer Lorlatinib in der Erstlinienbehandlung besser wirkt als Crizotinib. Eine Sekundäranalyse der VITAL-Studie ergab, dass Vitamin D das Risiko für eine fortgeschrittene Krebserkrankung verringern kann, aber nur bei Normalgewichtigen. Eine holländische Arbeitsgruppe berichtet, dass eine künstliche Befruchtung das Risiko für ein Ovarialkarzinom nicht erhöht. Männer, deren Prostatakarzinom über längere Zeit mit Androgen-Inhibitoren behandelt wird, haben ein erhöhtes Risiko für einen kardiovaskulär bedingten Tod.

  • ALK-positiver Lungenkrebs: Lorlatinib in der Erstlinie besser als Crizotinib

  • COVID-19: „Zweite Welle“ verunsichert Krebspatienten

  • Krebsprävention: Vitamin D verringert bei Normalgewichtigen Risiko für fortgeschrittene Karzinome

  • Ovarialkarzinom: Kein erhöhtes Risiko durch In-vitro-Fertilisation

  • Prostatakarzinom: Längere Androgen-Deprivation assoziiert mit verringerter respiratorischer Fitness und erhöhter kardiovaskulärer Sterblichkeit

ALK-positiver Lungenkrebs: Lorlatinib in der Erstlinie besser als Crizotinib

Bei Patienten mit unbehandeltem fortgeschrittenem ALK- positivem, nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) verlängerte Lorlatinib das progressionsfreie Überleben (PFS) signifikant besser als Crizotinib. Dieses Ergebnis einer vorgeplanten Interimsanalyse der CROWN-Studie publizierte eine Arbeitsgruppe online im New England Journal of Medicine.

In der internationalen randomisierten Phase-3-Studie wird der ALK-Hemmer der 3. Generation Lorlatinib mit dem ALK-Hemmer der 1. Generation Crizotinib bei 296 nicht vorbehandelten Patienten mit fortgeschrittenem ALK- positivem NSCLC verglichen. Nach 12 Monaten lebten in der Lorlatinib-Gruppe 78% und in der Crizotinib-Gruppe 39%  der Patienten ohne Progression der Erkrankung (Hazard Ratio: 0,28). Die Ansprechraten lagen bei 76% unter der Therapie mit Lorlatinib und 58% unter Crizotinib.

Von Patienten mit nachweisbaren Hirnmetastasen sprachen 82% auf Lorlatinib und 23% auf Crizotinib ab. 71% der Lorlatinib-Gruppe sprachen komplett an.

Hyperlipidämie, Ödeme, Gewichtszunahme, periphere Neuropathie und kognitive Effekte waren die häufigsten unerwünschten Wirkungen unter Lorlatinib-Therapie. Im Vergleich zu Crizotinib waren mit Lorlatinib Nebenwirkungen vom Grad 3 oder 4 häufiger, vor allem handelte es sich um erhöhte Triglycerid- und Cholesterinwerte.

COVID-19: „Zweite Welle“ verunsichert Krebspatienten

Mit dem starken Ansteigen der SARS-CoV2-Infektionen seit Beginn des Herbstes wachsen Sorge und Risiko, dass es in der onkologischen Versorgung erneut zu Einschränkungen kommen könnte.

Während der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr war es in einigen Bereichen der onkologischen Versorgung vorübergehend zu deutlichen Einschränkungen gekommen: Therapien wurden verkürzt oder verschoben, Nachsorge und Früherkennung häufig ausgesetzt. Aus Sorge vor einer Ansteckung entschieden sich auch die Patienten selbst gegen einen Arztbesuch und schoben damit teilweise wichtige Abklärungsuntersuchungen auf.

Die Ergebnisse einer Befragung von 18 großen deutschen universitären Krebszentren zu den Effekten auf die Behandlung während der ersten Welle wurden am 13. November 2020 im Deutschen Ärzteblatt publiziert. Insgesamt ergaben sich für Patienten, die innerhalb von Comprehensive Cancer Centers betreut wurden, keine lang anhaltenden bedrohlichen Einschränkungen in der Akutversorgung, also Diagnostik und Primärtherapie.

Allerdings wurden bei der Nachsorge insbesondere in den ersten 6 Wochen (Ende März bis Anfang Mai) Einschränkungen in der Größenordnung 60–80% angegeben. Bei der Psychoonkologie war die Versorgungskapazität langfristig um ca. 30–40% reduziert. Dies kann die Patienten zusätzlich psychisch belasten und – bei langen Intervallen – auch ein Fortschreiten der Erkrankung begünstigen.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum, die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft hatten bereits im März eine gemeinsame Task Force eingerichtet, um Veränderungen in der onkologischen Versorgung zu erfassen und Entscheidungsträger informieren zu können. Das Monitoring beruhte auf einer regelmäßigen systematischen Befragung.

„Wir möchten die Menschen ermutigen, Untersuchungstermine zur Abklärung verdächtiger Symptome wahrzunehmen“, erklärt Prof. Dr. Thomas Seufferlein, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, in einer Pressemitteilung. Ein Aufschieben könne unter Umständen dazu führen, dass eine Krebserkrankung erst in einem späteren Stadium entdeckt wird und dann schlechter zu behandeln ist.

Krebsprävention: Vitamin D verringert bei Normalgewichtigen Risiko für fortgeschrittene Karzinome

Erwachsene im mittleren Alter, die über 5 Jahre niedrig dosierte Vitamin-D3-Präparate (2000 IE/Tag) nahmen, hatten ein signifikant geringeres Risiko, an einem fortgeschrittenen Karzinom zu erkranken.

Dies ergab eine sekundäre Auswertung der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten VITAL-Studie mit über 25.000 Teilnehmern, die eine Arbeitsgruppe von der Harvard Medical School in Boston in JAMA Netw. Open publiziert hat. Während sich die Krebsinzidenz insgesamt durch Einnahme von Vitamin D oder Omega-3-Fettsäuren nicht geändert hatte, kam es in der Vitamin-D-Gruppe zu einer signifikanten Reduktion von fortgeschrittenen Krebserkrankungen um 17%; p = 0,04).

Bei Stratifizierung nach dem Körpermassenindex (BMI) ergab sich für Personen mit normalem BMI (unter 25) der größte Nutzen mit einer Risikosenkung von 38% (HR: 0,62), während die Hazard Ratio bei einem BMI über 25 und unter 30 bei 0,89 und bei einem BMI von mindestens 30 bei 1,05 lag.

Die Verdünnung des fettlöslichen Vitamin D3 im vermehren Fettgewebe könnte, so Lina Zaga vom Trinity College in Dublin, Irland, im begleitenden Editorial in JAMA Netw. Open, eine Erklärung für den körpergewichtsabhängigen Effekt sein. Möglicherweise könnten übergewichtige Personen von einer höheren Vitamin-D-Dosis ebenfalls profitieren.

Zaga weiter: „Die Vorstellung, dass der Behandlungseffekt je nach BMI variieren kann, weist auf die Achillesferse randomisierter kontrollierter Studien (RCTs) hin.“ In RCT würden nur Gruppeneffekte beobachtet und verglichen. Sie berücksichtigten jedoch nicht die Heterogenität der Behandlungseffekte, weil die Heterogenität innerhalb eines Behandlungsarms zu einem Null-Effekt führen würde.

Ovarialkarzinom: Kein erhöhtes Risiko durch In-vitro-Fertilisation

Frauen haben nach künstlicher Befruchtung (ART) kein erhöhtes Risiko für ein Ovarialkarzinom im Vergleich zu kinderlosen Frauen ohne ART, wenn die höhere Rate an Kinderlosigkeit in der ART-Gruppe berücksichtigt wird.

Eine große holländische Kohorten-Studie, publiziert im Journal of the National Cancer Institute, analysierte die Daten von 30.625 Frauen mit ART und 9.988 kinderlosen Frauen ohne ART. Nach einem medianen Follow-Up von 24 Jahren waren 158 invasive Ovarialkarzinome und 100 Borderline-Tumore aufgetreten.

Das Risiko für ein Ovarialkarzinom war in der ART-Gruppe im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung zwar höher (standardisierte Inzidenzrate [SIR] = 1,43), nicht jedoch beim Vergleich mit den nichtfertilen Frauen der Nicht-ART-Gruppe (SIR = 1,02).

Schon lange ist bekannt, dass Kinderlosigkeit das Risiko für ein Ovarialkarzinom erhöht. Das erhöhte Risiko bei den künstlich befruchteten Frauen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung lässt sich nach Meinung der Autoren mit dem höheren Anteil an kinderlosen Frauen erklären.

Das Risiko für Borderline-Tumoren war bei den Frauen nach künstlicher Befruchtung im Vergleich zu Allgemeinbevölkerung (SIR = 2,20) und im Vergleich zu unfruchtbaren Frauen (HR = 1,84) erhöht. Es nahm jedoch in Abhängigkeit von der Zahl der ART-Zyklen oder der Nachbeobachtungszeit nicht zu. Hierzu die Autoren: „Das erhöhte Risiko für Borderline-Tumoren muss mit Vorsicht interpretiert werden, weil keine Dosis-Effekt-Beziehung beobachtet werden konnte.“ Weitere Forschungen zu dieser Fragestellung sind jedoch nötig.

Prostatakarzinom: Längere Androgendeprivation assoziiert mit verringerter respiratorischer Fitness und erhöhter kardiovaskulärer Sterblichkeit

Bei Patienten mit Prostatakarzinom und erhöhtem kardiovaskulären Risiko kann eine längere Androgendeprivation die kardiorespiratorische Fitness beeinträchtigten und das Risiko eines kardiovaskulär bedingten Todes erhöhen.

Eine Arbeitsgruppe des Brigham and Women’s Hospital, Boston, Massachusetts, USA, untersuchte diesen Zusammenhang in einer retrospektiven Kohortenstudie. Wie sie in JACC: CardioOncology berichtete, wurden in der Analyse 616 Patienten mit Prostatakarzinom berücksichtigt, die sich 4,8 Jahre nach der Diagnose einem Belastungstest auf dem Laufband unterzogen hatten. Hiervon hatten 24,3% eine Androgendeprivation erhalten. 504 Patienten wiesen mehr als 2 kardiovaskuläre Risikofaktoren auf.

Eine längere Androgendeprivation war in adjustierten Analysen mit einer reduzierten kardiorespiratorischen Fitness (Odds Ratio: 2,71) und mit einer erhöhten kardiovaskulären Sterblichkeit (HR: 3,87) assoziiert. Die verminderte kardiorespiratorische Fitness kann nach Ansicht der Autoren zur erhöhten kardiovaskulären Sterblichkeit beitragen.

Die Aussagekraft der Studie wird allerdings durch die relativ geringe Patientenzahl und den hohen Anteil von Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren reduziert.

Im begleitenden Editorial wird vorgeschlagen, eine Androgendeprivationstherapie nur für eine evidenzbasierte Indikation und Behandlungsdauer einzusetzen. Die kardiovaskulären Risikofaktoren der Patienten sollten sorgfältig überwacht und neue Strategien zur Verringerung des kardiovaskulären Risikos entwickelt werden.

Update vom 16.11.2020

Im aktuellen Onko-Blog geht es um eine Umfrage dazu, wie die Corona-Pandemie die Bereitschaft von Krebspatienten beeinflusst, an klinischen Studien teilzunehmen. Außerdem: Beim hormonsensitiven Brustkrebs kann der Ki67-Wert nach prä- und perioperativer Aromatasehemmung wertvolle Anhaltspunkte für die Prognose und weitere Therapieentscheidungen liefern. Eine US-Studie hat leider darin versagt, Brustkrebs-Patientinnen mit gezielten Interventionen vor einem Lymphödem zu bewahren. Eine Populationstudie hat beim Pap-Abstrich das Risiko für iatrogen bedingte Blutungen, Hämatome oder Infektionen untersucht. Und bei CML erwies sich in einer Studie das Absetzen der TKI als sicher – und besserte typische Nebenwirkungen.

  • COVID-19-Pandemie bremst Bereitschaft zur Studien-Teilnahme

  • Hormonsensitiver Brustkrebs: Ki67-Wert liefert wertvolle Prognose-Information

  • Mammakarzinom: Gezielte Prävention des Lymphödems versagt in Studie

  • Zervixkarzinom: Iatrogene Schäden durch Pap-Screening

  • CML: Absetzen der TKI ist sicher und bessert typische Nebenwirkungen

COVID-19 bremst Bereitschaft zur Studien-Teilnahme

Eine Umfrage unter US-amerikanischen Krebspatienten ergab, dass rund 20% aufgrund der SARS-CoV2-Pandemie nicht an einer klinischen Studie teilnehmen wollten, auch wenn die Zentren wieder wie vor dem Ausbruch der Pandemie arbeiteten.

Die Untersucher hatten an 3.054 Teilnehmern am American Cancer Society Cancer Action Network’s Survivor Views Panel Fragebogen versendet, von denen sie 933 zurück erhielten, wie sie in JAMA Oncology berichteten. 36,6% hatten mit ihrem Arzt über klinische Studien gesprochen, 20,6% (n = 192) war die Teilnahme an einer Studie angeboten worden.

Von den 192 Patienten, denen eine Studienteilnahme angeboten worden war, hatten 150 (78,1%) zugesagt. Von den 662 Patienten, denen keine Studienteilnahme angeboten worden war, wollten 78,4% bei einem Angebot eventuell oder sicher an einer Studie teilnehmen.

Alle Teilnehmer wurden gefragt, ob sich durch die Pandemie ihre Bereitschaft zur Teilnahme an einer Studie verändert hat. Die Mehrzahl der Befragten (79,5%) gab an, dass sich keine Änderung ergeben hat. Bei den verbleibenden Befragten wurde eine Studienteilnahme aufgrund der Pandemie eher unwahrscheinlich. Die häufigsten Gründe waren Angst vor einer verstärkten SARS-CoV2-Exposition oder Schwierigkeiten, während der Pandemie adäquat medizinisch versorgt zu werden.

Hormonsensitiver Brustkrebs: Ki67-Wert liefert wertvolle Prognose-Information

Eine prä- und perioperative endokrine Therapie hat bei postmenopausalen Frauen mit Hormonrezeptor-positivem Mammakarzinom zwar keinen direkten therapeutischen Langzeiteffekt, aber sie kann anhand des Ki67-Werts Informationen zur 5-Jahres-Prognose mit einer adjuvanten Standardtherapie liefern.

Die in Lancet Oncology publizierte offene, multizentrische, randomisierte Phase-3-Studie POETIC (Peri-Operative Endocrine Therapy - Individualising Care) einer englischen Arbeitsgruppe bestätigt, dass HER2-negative, aber HR-positive Patientinnen mit einem niedrigen Ki67-Wert nach 2wöchiger präoperativer Therapie mit Letrozol oder Anastrozol mit 4,3% nach 5 Jahren ein niedriges Rezidivrisiko hatten als Frauen mit hohem Ki67-Wert, deren Risiko bei 21,5% lag.

Die Autoren sind der Ansicht, dass Frauen mit frühem Hormon-positivem Mammakarzinom daher eine prä- und perioperative Behandlung mit einem Aromatase-Hemmer angeboten werden soll. Denn die Bestimmung des Ki-67-Werts ermöglicht es dann, auf kostengünstige Weise herauszufinden, welche Frauen adjuvant mit einer endokrinen Standardtherapie behandelt werden können und welche weiteren Therapien benötigen oder in Studien aufgenommen werden sollten.

Die Bestimmung des Ki-67-Werts bietet – so die Autoren – eine kostengünstige, leicht und rasch durchzuführende Alternative, wenn teure Genomtests nicht sofort verfügbar sind.

Mammakarzinom: Gezielte Prävention des Lymphödems versagt in Studie

Viele Frauen leiden nach der Behandlung eines Mammakarzinoms an einem Lymphödem. Lässt sich dem mit einer gezielten Intervention mit Kompression und Übungen vorbeugen? In einer randomisierten Studie ergab nach 18 Monaten kein Unterschied in der Prävention des Lymphödems zwischen Frauen, die eine solche Intervention und denjenigen, die nur eine entsprechende Aufklärung erhalten hatten.

Eine US-amerikanische Arbeitsgruppe hat in Cancer eine Studie publiziert, um Strategien zur Vermeidung eines Lymphödems endlich systematisch zu untersuchen. Die Studie umfasste 312 Teilnehmerinnen in der Gruppe mit gezielter Intervention und Aufklärung und 242 in der Gruppe nur mit Aufklärung.

Der primäre Endpunkt – die Rate der Frauen ohne Lymphödem nach 18 Monaten – betrug 55% in der Interventions- und 58% in der Kontrollgruppe. Die Beweglichkeit war in der Interventionsgruppe nach 12 Monaten besser, dieser Effekt ließ sich aber nach 18 Monaten nicht mehr nachweisen.

Die Autoren vermuten, dass die Intervention deshalb keinen Effekt zeigte, weil die Teilnehmerinnen wenig adhärent waren. Nur etwa die Hälfte der Gruppe führte die Übungen wie vorgesehen aus und weniger als ein Drittel verwendete Kompressionsmanschetten wie vorgesehen. Als Gründe für die schlechte Adhärenz gaben die Frauen Zeitmangel und vermuteten fehlenden Nutzen an.

Zervixkarzinom: Iatrogene Schäden durch Pap-Screening

Frauen mit einem Zervixkarzinom haben ein höheres Risiko, durch diagnostische Maßnahmen verletzt zu werden. Dies ergab eine große schwedische Kohortenstudie, deren Ergebnisse in Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention publiziert worden sind.

Bei mehr als 1,8 Millionen Frauen war der Pap-Abstrich normal, bei 22.435 Frauen lagen eine zervikale intraepitheliale Neoplasie (CIN1), bei 20.692 eine CIN2, bei 36.542 eine CIN3 oder ein Adenokarzinom in situ (AIS) und bei 5.189 ein invasives Zervixkarzinom vor.

Bei 42 Frauen mit abnormem Pap-Abstrich waren iatrogene Verletzungen (am häufigsten Blutungen, Hämatome und Infektionen) aufgetreten, die einen Krankenhausaufenthalt über mindestens 2 Tage erforderlich machten. Das Risiko hierfür war bei Frauen mit invasivem Zervixkarzinom am höchsten mit einer Incidence Rate Ratio (IRR) von 8,55. Weniger gefährdet waren Frauen mit CIN3/AIS mit einer IRR von 3,04, kein erhöhtes Risiko hatten Frauen mit CIN 1 und CIN 2.

Kecia Gaither, Lincoln Medical and Mental Health Center, New York City, erklärt gegenüber Medscape Oncology die Schäden damit, dass es bei einer Krebserkrankung zur vermehrten Vaskularisierung des Gewebes kommt und bei großen Biopsien deshalb Blutungen und Hämatome eher vorkommen können. Dies sei zwar sehr selten, aber durchaus denkbar.

CML: Absetzen der TKI ist sicher und bessert Durchfall, Fatigue und Schlafstörungen

Das Absetzen einer Behandlung mit Tyrosinkinase-Inhibitoren erwies sich in einer einarmigen Studie mit 172 CML-Patienten als sicher, 60,8% der Patienten blieben in therapiefreier Remission (TFR). Alle Patienten berichteten über eine Besserung von Fatigue, Durchfall, Depression und Schlafstörungen, so die amerikanischen Autoren in JAMA Oncology . Die Patient Reported Outcomes nach TKI-Absetzen wurden nun erstmals in der LAST-Studie (Life After Stopping TKIs) erfasst.

In die einarmige prospektive Studie wurden zwischen Dezember 2014 und Dezember 2016 172 CML-Patienten eingeschlossen, deren Erkrankung durch eine mindestens 3-jährige Behandlung mit Imatinib, Dasatinib, Nilotinib oder Bosutinib gut kontrolliert war. Sie hatten über mindestens 2 Jahre eine tiefe molekulare Remission erreicht (DMR).

12 Monate nach dem Absetzen der Behandlung mit dem Tyrosinkinase-Inhibitor waren noch 112 Patienten in therapiefreier Remission. Von diesen gaben 87,5% an, dass sich ihre Diarrhö deutlich verbessert hatte, 80,4% berichteten eine Verbesserung der Fatigue, 34,8% der Depression und 21,4% von Schlafstörungen. Musste die Tyrosinkinase-Inhibitor-Behandlung erneut begonnen werden, verschlechterten sich diese Faktoren wieder.

Entscheidend für die TFR ist die Tiefe des Ansprechens. Patienten, die mit konventioneller PCR oder digitaler PCR (ddPCR) als krankheitsfrei bewertet wurden, hatten ein Rückfallrisiko von 10%, während es bei weniger tiefem Ansprechen bei 50 bis 65% lag.

Update vom 09.11.2020

Im aktuellen Onkologie-Blog stellen wir eine neue Webapplikation vor: Sie soll Onkologen dabei helfen, das Risiko für den Krebspatienten zu bestimmen, wenn dieser die Behandlung wegen der Corona-Pandemie nur verzögert beginnt. Neue Daten zu AML-Rezidiven weisen darauf hin, dass dabei Milchsäure eine Rolle spielt und Natriumhydrogencarbonat hilfreich sein kann. Bei Älteren wird die Angiogenese nur noch wenig von VEGF stimuliert, möglicherweise wirkt Bevacizumab deshalb schlechter. Dann geht es noch um 2 Tumormarker: TILs können auch bei Zervixkarzinom auf ein besseres Überleben hindeuten und eine hohe Tumorlast ist nur bei gleichzeitiger Immuntherapie mit dem Überleben assoziiert.

  • COVID-19: OncCOVID-Webapplikation hilft, Risiko durch verzögerte Krebstherapie einzuschätzen

  • AML: Rezidive durch Milchsäure bedingt?

  • Melanom: Altersabhängiger Effekt von Bevacizumab?

  • Zervixkarzinom: Tumor-infiltrierende Lymphozyten als prognostischer Marker?

  • Hohe Tumorlast: Ohne Immuntherapie kein Einfluss auf das Gesamtüberleben

COVID-19: OncCOVID-Webapplikation hilft, Risiko durch verzögerte Krebstherapie einzuschätzen

Forscher an der Universität von Michigan haben die Web-basierte Applikation OncCOVID entwickelt, mit deren Hilfe das Risiko einer sofortigen im Vergleich zu einer verzögerten Krebsbehandlung besser zu beurteilen sein soll.

Das Modell berechnet die geschätzte Gesamtüberlebenszeit und die eingeschränkte mittlere Überlebenszeit von Patienten die sofort bzw. verzögert behandelt werden.

Die Applikation verfügt über 47 Eingabefelder, mit denen z. B. Alter des Patienten, Komorbiditäten, Krebsart und -stadium, Art und Dauer der Behandlung, Infektionsrisiko und Daten zum Gesundheitssystem erfasst werden.

Die Forscher testeten das Modell mit Patientendaten aus der National Cancer Database. Wie in JAMA Oncology berichtet, variierten die Auswirkungen einer verzögerten Krebsbehandlung innerhalb einer Krebsart und eines Stadiums erheblich. Diese beiden Parameter erwiesen sich damit als ungeeignet für die Beurteilung der sofortigen im Vergleich zur verzögerten Behandlung. Die individualisierten Überlebensschätzungen waren aber assoziiert mit dem Patientenalter, der Zahl der Komorbiditäten, der bisherigen Therapie und spezifischen lokalen Gegebenheiten zum COVID-19-Risiko.

Die Applikation könnte also dem Kliniker bei der Einschätzung helfen, wie sich eine Verzögerung der Therapie im Einzelfall für den Patienten auswirkt. Patienten, die eine sofortige Therapie benötigen, könnten dann bei begrenzten Behandlungsmöglichkeiten bevorzugt behandelt werden.

Im begleitenden Editorial mahnt Prof. Dr. Elizabeth Garrett-Mayer von der American Society of Oncology, die Schätzungen des OncCOVID-Modells vorsichtig zu interpretieren. Die Risikoparameter des Modells müssten laufend an die aktuellen Erkenntnisse angepasst werden, um Unsicherheiten zu beseitigen und die Genauigkeit des Systems zu verbessern.

AML: Rezidive durch Milchsäure bedingt?

Milchsäure, die von Leukämiezellen produziert wird, kann bei akuter myeloischer Leukämie (AML) die Aktivität von transplantierten T-Zellen verändern und ihre therapeutische Wirkung stören. Weitere Versuche zeigten, dass der negative Effekt von Milchsäure durch Gabe von Natriumhydrogencarbonat (Natron) aufgehoben werden kann und die Funktion der T-Zellen im Mausmodell und bei Patienten deutlich verbesserte.

Diese Untersuchungsergebnisse einer internationalen Arbeitsgruppe unter deutscher und österreichischer Beteiligung sind in Science Translational Medicine publiziert worden.

Die Forscher suchten nach einem grundlegenden Mechanismus, der für das Wiederauftreten der Leukämie nach einer Stammzelltransplantation von Bedeutung sein könnte. Mit umfangreichen Laborversuchen konnten sie nachweisen, dass Tumorzellen bei AML viel Milchsäure produzieren und in die Umgebung freisetzen. Die Säure verändert den Stoffwechsel von T-Zellen und verhindert die Vermehrung der Immunzellen sowie eine aggressive gegen den Tumor gerichtete Reaktion.

Bei Mäusen und bei AML-Patienten konnte die Milchsäure-Wirkung mit Natron aufgehoben werden: „Natriumhydrogencarbonat neutralisiert die schädliche Wirkung der Milchsäure und wandelt sie sogar in einen Energielieferanten für die T-Zellen um. So werden diese für die Bekämpfung der Tumorzellen fit gemacht“, erklärte Erstautorin Franziska Uhl, Universitätsklinikum Freiburg, in einer Pressemitteilung.

In weiteren Studien sollen nun die Effekte von Natriumhydrogencarbonat auf das langfristige Überleben der AML-Patienten sowie Kombinationen mit Immuntherapien untersucht werden.

Melanom: Altersabhängiger Effekt von Bevacizumab?

Das Alter des Patienten sollte bei der Auswahl gezielt wirkender Therapien möglicherweise stärker berücksichtigt werden. Dies schlussfolgert eine internationale Arbeitsgruppe aus der Analyse von Daten der AVAST-M-Studie, in der Melanompatienten mit Bevacizumab behandelt worden waren. Der Angiogenesehemmer hatte sich als wenig wirksam erwiesen.

Die nun in Clinical Cancer Research publizierten Ergebnisse zeigen, dass ältere Patienten auf Bevacizumab schlecht angesprochen haben, während der Angiogenesehemmer bei jüngeren Patienten krankheitsfreies und Gesamt-Überleben verbessert hat.

Weitere Untersuchungen an Mausmodellen und an Melanompatienten ergaben, dass der Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF) mit dem Alter abnimmt, dennoch nimmt die Angiogenese zu, und zwar aufgrund einer vermehrten Freisetzung des proangiogenen Faktors secreted Frizzled-Related protein 2 (sFRP2) in der Tumorumgebung bei Älteren.

Die Tumoren reagieren bei Anwesenheit von sFRP2 wenig auf eine antiangiogene Therapie, was den fehlenden Effekt von Bevacizumab bei Älteren erklären könnte. Ein besseres Verständnis der altersbedingten Änderungen in der Tumorumgebung und ihrer Effekte auf gezielt wirkende Therapien könnte die Therapieauswahl bei älteren Patienten verbessern, so die Meinung der Autoren.

Zervixkarzinom: Tumor-infiltrierende Lymphozyten als prognostischer Marker?

Tumor-infiltrierende Lymphozyten (TILs) könnten ein prognostischer Biomarker bei Patientinnen mit fortgeschrittenem Zervixkarzinom sein. Eine Anreicherung von CD3+, CD4+, CD206+ und FOXP3+ TILs in Zervixkarzinom-Biopsien von 55 Frauen war ein signifikanter Indikator für ein besseres progressionsfreies und Gesamtüberleben.

Für viele Krebsarten ist bereits gezeigt worden, dass die Menge an TILs mit der Prognose assoziiert ist, so für Brust-, Endometrium, Kolon-, Ösophaguskarzinom und das Melanom.

Die in Gynecologic Oncology publizierten Ergebnisse einer japanischen Arbeitsgruppe zeigen nun erstmals einen Zusammenhang von TIL-Konzentration und Zervixkarzinom. Retrospektiv hatten sie Biopsien von 55 Frauen mit einem Zervixkarzinom im Stadium II oder III untersucht, die sich einer Cisplatin-basieren Chemo-Radiotherapie unterzogen.

In weiteren Studien sollen nun zusätzliche Faktoren gefunden werden, die an der T-Zell-Infiltration beim Zervixkarzinom beteiligt sind. Multivariate Analysen größerer Studien sind erforderlich, um zu klären, welche TIL-Subtypen sich als prognostische Biomarker eignen könnten.

Hohe Tumorlast: Ohne Immuntherapie kein Einfluss auf das Gesamtüberleben

Die Tumorlast (TMB) variiert bei verschiedenen Tumoren stark und eine hohe Tumorlast (TMB-H) scheint bei Patienten, die nicht mit einer Immuntherapie behandelt werden, nicht mit dem Überleben assoziiert zu sein.

In der einarmigen KEYNOTE-158-Studie war gezeigt worden, dass eine Subgruppe von Patienten mit hoher Tumorlast auf Pembrolizumab gut angesprochen hatte. Dies führte im Juni 2020 zur FDA-Zulassung von Pembrolizumab zur Behandlung von Karzinomen mit hoher Tumorlast.

Unklar war bislang, welche Rolle die hohe Tumorlast selbst für das Ansprechen hatte. Daher untersuchte nun eine amerikanische Arbeitsgruppe bei den gleichen Tumortypen wie in der KEYNOTE-158-Studie Ausmaß und Einfluss der hohen Tumorlast.

Wie in JAMA Netw Open mitgeteilt, ergab die retrospektive Kohortenstudie mit den Daten von 2.589 Patienten, dass Patienten mit kleinzelligem Bronchialkarzinom und neuroendokrinen Tumoren am häufigsten eine hohe Tumorlast aufwiesen, bei Mesotheliom und Schilddrüsenkarzinom war die Tumorlast meist nicht erhöht. Patienten, die keine Immuntherapie erhielten, hatten bei hoher Tumorlast eine ähnliche Überlebenschance wie bei niedriger Tumorlast (Hazard Ratio: 0,94).

Nach Meinung von Axel Grothey, West Cancer Center, Germantown, Tennessee, in Practice Update könnten diese Befunde eine Bestätigung dafür sein, dass die mit Pembrolizumab gezeigten Überlebensdaten tatsächlich durch die Therapie bedingt sind. Außerdem legten die Ergebnisse nahe, dass die TMB im Zusammenhang mit einer Immuntherapie als prognostischer Marker verwendet werden könnte.

Update vom 03.11.2020

Im aktuellen Onko-Blog geht es um eine sehr erfolgreiche Erstlinienbehandlung der ALL ohne Chemotherapie. Beim Nierenzellkarzinom erweist sich langfristig eine Erstlinien-Kombi mit Pembrolizumab plus Axitinib dem Standard Sunitinib als überlegen. Frauen mit Endometrium-Karzinom haben eine bessere Prognose, wenn sie vor der Diagnose Sport getrieben haben – aber auch, wenn sie nach der Diagnose weiter körperlich aktiv sind. Eine Studie hat untersucht, wie entscheidend die Qualifikation des Chirurgen für das Überleben bei Darmkrebs ist. Die kurze Antwort: sehr! Und Daten beim Lungenkrebs machen deutlich, dass Nebenwirkungen auch ein positives Signal sein können: NSCLC-Patienten, die unter Checkpoint-Inhibitoren immunbezogene Nebenwirkungen an mehreren Organen entwickeln, bleiben oft länger progressionsfrei und überleben länger.

  • ALL: Erstlinientherapie ohne Chemo mit guten Ergebnissen

  • Nierenzellkarzinom: Erstlinien-Kombi schlägt langfristig Sunitinib

  • Endometriumkarzinom: Sport vor und nach Diagnose scheint sehr lohnenswert

  • Lungenkrebs: Immun-Nebenwirkungen als Hinweis auf bessere Prognose

  • Kolonkarzinom: Wie wichtig ist die Qualifikation des Chirurgen fürs Überleben?

ALL: Erstlinientherapie ohne Chemo mit guten Ergebnissen

Eine Chemotherapie-freie Induktions- und Konsolidierungstherapie mit Dasatinib und Blinatumomab als Erstlinienbehandlung führt bei Patienten mit Philadelphia-Chromosom-positiver ALL zu einem hohen molekularen Ansprechen, lässt sie länger überleben und verursacht weniger toxische Nebenwirkungen wie die Chemotherapie.

In einer einarmigen Phase-2-Studie erhielten 63 ALL-Patienten Dasatinib (140 mg/Tag) über 85 Tage als Induktionstherapie. Danach wurden sie zusätzlich mit Blinatumomab (28 µg/Tag) über mindestens 2 Zyklen behandelt.

Wie die GINEMA-Forschungsgruppe im New England Journal of Medicine berichtet, konnte bei 98% der Patienten eine komplette Remission erreicht werden. An Tag 85 nach der Dasatinib-Induktionsphase hatten 29% molekular angesprochen, nach 2 Zyklen Blinatumomab waren es 60%.

Nach im Median 18 Monaten lebten noch 95% der Patienten, davon 88% ohne erneute Erkrankung.

„Dieses neue Regime ist machbar, aktiv und sicher mit einer sehr niedrigen therapieassoziierten Sterblichkeit und vielversprechenden Ergebnissen beim Gesamtüberleben und beim Krankheits-freien Überleben“, kommentiert Prof. Dr. Dieter Hölzer, Universitätsklinikum Frankfurt, im begleitenden Editorial im NEJM. Allerdings seien noch viele Fragen offen, die in weiteren Studien geklärt werden müssten.

Nierenzellkarzinom: Erstlinien-Kombi schlägt langfristig Sunitinib

 

Die Ergebnisse einer Erstlinientherapie mit Pembrolizumab plus Axitinib im Vergleich zu Sunitinib legen nach einer Nachbeobachtungszeit von 30,6 Monaten nahe, dass diese Kombination ein Standard bei der Behandlung des fortgeschrittenen Nierenzellkarzinoms sein sollte. Dies schlussfolgern die Autoren aus in Lancet Oncology publizierten Langzeitdaten der noch laufenden offenen Phase-3-Studie KEYNOTE-426.

Zwischen Oktober 2016 und Januar 2018 waren 861 Patienten mit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom in die Studie eingeschlossen und randomisiert mit Pembrolizumab plus Axitinib (n = 432) oder Sunitinib (n = 429) behandelt worden. Schon bei der ersten Interimsanalyse nach 12,8 Monaten war die Kombination in der Wirkung auf das Gesamt- und das progressionsfreie Überleben besser als die Monotherapie gewesen.

Dieses Ergebnis konnte nun auch nach einem medianen Follow-up von fast 3 Jahren bestätigt werden. Der Median beim Gesamtüberleben war unter der Kombination noch nicht erreicht, mit Sunitinib betrug er 35,7 Monate (Hazard-Ratio 0,68, p = 0,0003).

Mit Pembrolizumab/Axitinib betrug das mediane progressionsfreie Überleben 15,4 Monate, mit Sunitinib 11,1 Monate (HR 0,71, p < 0,001).

Bei der Langzeitbeobachtung zeigten sich keine neuen, bislang nicht bekannten Nebenwirkungen.

Endometriumkarzinom: Sport vor und nach Diagnose scheint sehr lohnenswert

Frauen mit einem Endometriumkarzinom, die regelmäßig Sport treiben, haben anscheinend bessere Überlebenschancen. Dies ergab eine prospektive Kohortenstudie aus Alberta, Kanada, die im Journal of Clinical Oncology publiziert worden ist.

Die Forscher erfragten bei 425 Frauen mit invasivem Endometriumkarzinom das Ausmaß der körperlichen Aktivität vor und nach der Diagnose der Krebserkrankung. Die körperliche Aktivität wurde in Form von MET-Werten (metabolic equivalent task) erfasst, wobei 1 MET 1 kcal/kg pro Stunde und damit dem Energieverbrauch von ruhigem Sitzen entspricht.

Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 14,5 Jahren war eine vermehrte körperliche Aktivität vor der Diagnose signifikant mit einem besseren Krankheits-freien Überleben assoziiert (> 14 vs. ≤ 8 MET-h/Woche pro Jahr; Hazard-Ratio [HR] 0,54; Ptrend = 0,04), der Effekt auf das Gesamtüberleben war ebenfalls positiv, aber nicht signifikant (HR 0,56; Ptrend = 0,06).

Auch mehr körperliche Aktivität nach der Diagnose (> 13 vs ≤ 5 MET-h/Woche pro Jahr) ging mit einem verbesserten krankheitsfreien Überleben (HR 0,33, Ptrend = 0,001) und Gesamtüberleben (HR 0,33; Ptrend = 0,007) einher. Frauen, die sich sowohl vor als auch nach der Diagnose körperlich betätigten, hatten ebenfalls bessere Überlebenschancen als Frauen, die sich wenig bewegten.

Lungenkrebs: Immun-Nebenwirkungen als Hinweis auf bessere Prognose

Treten unter der Therapie mit Immuncheckpoint-Inhibitoren immunbezogene Nebenwirkungen an mehreren Organen auf, muss das keine schlechte Nachricht sein – ganz im Gegenteil: Die gesamte und die progressionsfreie Überlebenszeit von Patienten mit fortgeschrittenem nichtkleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) und solchen Nebenwirkungen ist verlängert. Dies ergab eine retrospektive Kohortenstudie mit 623 NSCLC-Patienten, deren Ergebnisse eine internationale Forschergruppe in JAMA Oncology publiziert hat.

148 Patienten (24%) entwickelten unter der Behandlung mit einem PD1- oder PD-L1-Inhibitor eine einzelne immunbezogene Nebenwirkung, bei 58 Patienten (9,3%) waren mehrere Organsysteme betroffen. Am häufigsten kam es zu Pneumonitis/Thyreoiditis (n = 7, 14%), Hepatitis/Thyreoiditis (n = 5, 10%), Dermatitis/Pneumonitis (n = 5, 10%) und Dermatitis/Thyreoiditis (n = 4, 4,8%). Risikofaktoren für eine Reaktion an mehreren Organen waren ein guter Performance-Status und eine längere Behandlung mit den Checkpoint-Inhibitoren.

Im Vergleich zu Patienten ohne immunbezogene Nebenwirkungen waren dann jedoch bei Patienten mit einem oder vor allem mit mehreren einbezogenen Organsystemen das Gesamt- und das progressionsfreie Überleben im Vergleich zu Patienten ohne immunbezogene Nebenwirkungen signifikant verlängert. Dieser Effekt konnte auch bei Adjustierung an die Therapiedauer nachgewiesen werden.

Kolonkarzinom: Wie wichtig ist die Qualifikation des Chirurgen fürs Überleben?

Patienten mit Kolonkarzinom, deren Kolektomie von einem Chirurgen mit hoher fachlicher Kompetenz ausgeführt wird, überleben länger, so das – nicht ganz überraschende – Ergebnis einer amerikanischen Studie, publiziert als Research Letter in JAMA Oncology.

Die chirurgischen Fähigkeiten der Operateure wurden anhand von Videos durch mindestens 12 Experten beurteilt und mit einem Score mit Hilfe des American Society of Colon & Rectal Surgeons Video Assessment Tool bewertet. Die Daten von 609 Patienten, die von den Chirurgen operiert worden waren, stammten aus der National Cancer Database.

Das Gesamtüberleben war mit der technisch-fachlichen Kompetenz des Operateurs assoziiert. Bei hoher Qualifikation betrug das 5-Jahres-Überleben der Patienten 79%, bei mittlerer Qualifikation 55% und bei geringerer Qualifikation 60%. Jede Zunahme des Scores um 0,1 Punkte erhöhte die Wahrscheinlichkeit für ein längeres Überleben des Patienten (HR 0,90, p = 0,01).

Update vom 27.10.2020

In unserem aktuellen Onkologie-Blog lesen Sie eine Netzwerkanalyse, welche Therapie des fortgeschrittenen Leberkarzinoms am wirksamsten ist. Beim Melanom zeigen Langzeitdaten mit Nivolumab, dass es zwar nicht bei allen Patienten wirkt, aber anhaltend bei denjenigen, die ansprechen. Neue Daten zeigen, dass bariatrische Eingriffe auch das Risiko für ein Pankreaskarzinom verringern können – und eine südkoreanische Studie liefert Hinweise, dass sich Metformin, ASS und Statine auf die Inzidenz und Sterblichkeit bei Lungenkrebs günstig auswirken. Deutsche Daten lassen schließen, dass Brustkrebs-Patientinnen auch langfristig depressionsgefährdet sind.

  • Leberkrebs: Was wirkt bei fortgeschrittenem Stadium am besten?

  • Melanom: 5-Jahresdaten mit Nivolumab in der CheckMate-066-Studie

  • Pankreaskarzinom: Bariatrische Eingriffe reduzieren das Risiko

  • Lungenkrebs: Prävention mit Metformin, ASS und Statinen?

  • Brustkrebs: Bei Langzeitüberlebenden auf Depressionen achten

Leberkrebs: Was wirkt bei fortgeschrittenem Stadium am besten?

Die therapeutischen Möglichkeiten zur Behandlung von fortgeschrittenem Leberkrebs haben sich in den letzten Jahren deutlich erweitert. Allerdings gibt es kaum Head-to-Head-Vergleiche der verfügbaren Therapeutika. Eine internationale Arbeitsgruppe verglich daher in einer systematischen Übersicht und Netzwerkanalyse die Wirksamkeit aktueller Therapiemöglichkeiten anhand von Phase-3-Studien. 8 Studien mit Erstlinientherapie umfassten 6.290 Patienten, 5 Studien in der Zweitlinienbehandlung 2.653 Patienten.

Nach den in JAMA Oncology publizierten Ergebnissen wirkte in der Erstlinientherapie die Kombination aus Atezolizumab plus Bevacizumab besser auf das Gesamtüberleben (OS) als Lenvatinib, Sorafenib und Nivolumab. Lenvatinib sowie Atezolizumab plus Bevacizumab verlängerten im Vergleich zu Sorafenib auch das progressionsfreie Überleben (PFS).

In der Zweitlinientherapie verlängerten alle aktiven Substanzen das PFS im Vergleich zu Placebo. Nur mit Regorafenib (HR: 0,62) und Cabozantinib (HR: 0,76) wurde auch das Gesamtüberleben im Vergleich zu Placebo verlängert.

Bei Patienten mit einem Alpha-Fetoprotein-Spiegel über 400 ng/ml verlängerten Regorafenib, Cabozantinib und Ramucirumab OS und PFS im Vergleich zu Placebo, zwischen den einzelnen aktiven Substanzen ergaben sich keine Unterschiede.

Bei Patienten mit fortgeschrittenem Leberkrebs sollte deshalb nach Ansicht der Autoren Atezolizumab plus Bevacizumab als Therapiestandard in der Erstlinientherapie in Erwägung gezogen werden. Regorafenib und Cabozantinib sind bei rezidivierten Patienten zu bevorzugen.

Melanom: 5-Jahresdaten mit Nivolumab in der CheckMate-066-Studie

In der multizentrischen doppelblinden Phase-3-Studie CheckMate-066 waren Patienten mit BRAF-Wildtyp-Melanom randomisiert mit Nivolumab (n = 210) oder Dacarbazin (n = 208) behandelt worden. Die erste Endpunktanalyse hatte ergeben, dass Nivolumab das Sterberisiko um 58% im Vergleich zu Dacarbazin gesenkt hatte, nach 3 Jahren war das Risiko noch um 54% niedriger.

Die Ergebnisse der 5-Jahres-Analyse der CheckMate-066-Studie zur Erstlinien-Behandlung von nicht-resezierbarem, BRAF-Wildtyp-Melanom bestätigten den Nutzen von Nivolumab im Vergleich zu Dacarbazin. Nach 5 Jahren lebten noch 39% der Nivolumab- und 17% der Dacarbazin-Patienten, ohne Progression lebten 28% bzw. 3%. Dies bedeutet eine Senkung des Sterberisiko um 50% (p < 0,0001) und des Progressions- und Sterberisikos um 60% (p < 0,0001). Dies berichtete eine internationale Arbeitsgruppe im Journal of Clinical Oncology .

Von den 42 Nivolumab-Patienten, die komplett auf die Behandlung angesprochen hatten, lebten nach 5 Jahren noch 37 (88%). Von 75 Nivolumab-Patienten die nach 5 Jahren noch lebten, hatten 83% keine weitere Therapie erhalten, 23% erhielten noch Nivolumab und 60% wurden nicht mehr behandelt.

Die Ergebnisse dieser 5-Jahres-Analyse sind nach einem Kommentar in Practice update nicht unbedingt überraschend. Wichtig sei jedoch, dass sie die Erhaltung eines Plateaus zeigten: Patienten, die nach 3 Jahren nicht progredient und noch am Leben waren, waren dies meist auch nach 5 Jahren. Der PD1-Hemmer wirkt zwar nicht bei allen Patienten, wenn er wirkt, sprechen die Patienten jedoch lang anhaltend an.

Pankreaskarzinom: Bariatrische Eingriffe reduzieren das Risiko

Bariatrische Eingriffe bei adipösen Diabetikern können das Risiko für ein Pankreaskarzinom signifikant senken, so eine bei der virtuellen UEG-Woche 2020 vorgestellte Studie.

Die amerikanische Arbeitsgruppe analysierte hierzu die Daten von 1.435.350 adipösen Diabetikern über einen 20-Jahres-Zeitraum. Hiervon hatten sich 10.620 Patienten (73% Frauen) einem bariatrischen Eingriff zur Gewichtsabnahme unterzogen. Sie entwickelten signifikant seltener ein Pankreaskarzinom (0,19%) als die Patienten ohne bariatrischen Eingriff (0,32%) (p < 0,05).

Adipositas und Diabetes sind bekannte Risikofaktoren für ein Pankreaskarzinom. Aufgrund der schlechten Prognose der Erkrankung sind prophylaktische Maßnahmen besonders gefragt. „Deshalb sollten bei Patienten mit metabolischen Erkrankungen wie Diabetes oder Adipositas ein bariatrischer Eingriff in Erwägung gezogen werden, um das Risiko für und die Belastung durch ein Pankreaskarzinom zu verringern“, so die Schlussfolgerung der Autoren.

Lungenkrebs: Prävention mit Metformin, ASS und Statinen?

Die Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS), Metformin und Statinen ist mit einer geringeren Inzidenz und Sterblichkeit an Lungenkrebs assoziiert, so eine südkoreanische Studie, die im Journal of Thoracic Oncology publiziert worden ist.

Die Forscher analysierten die Daten von 732.199 Teilnehmern, die sich 2002 und 2003 einem Gesundheits-Checkup unterzogen hatten. Sie wurden von Januar 2004 bis Dezember 2013 beobachtet.

Die Einnahme von Metformin zeigte einen protektiven Effekt auf Inzidenz und Mortalität des Lungenkrebses. Im Vergleich zu Nicht-Diabetikern war die Assoziation besonders ausgeprägt bei den Teilnehmern, die die höchsten kumulativ definierten Tagesdosen (cDDD) einnahmen.

Statine und ASS senkten die Sterblichkeit an Lungenkrebs ebenfalls dosisabhängig.

Wurden alle 3 Substanzen kombiniert, war der protektive Effekt auf Inzidenz (HR: 0,83) und Mortalität (HR: 0,83) am stärksten ausgeprägt. Er nahm mit der Dauer der Einnahme zu.

„Weitere Forschungen sind erforderlich, um klinisch anwendbare Strategien zur Krebsprävention mit diesen Substanzen zu entwickeln“, so die Schlussfolgerung der Autoren.

Brustkrebs: Bei Langzeitüberlebenden auf Depressionen achten

Eine Depression ist bei Langzeitüberlebenden eines Mammakarzinoms häufiger als bei entsprechenden Kontrollpersonen. Dies zeigt, dass die psychische Verfassung bei der Behandlung betroffener Frauen nicht vernachlässigt werden darf, so die Schlussfolgerung von Wissenschaftlern aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), die ihre Ergebnisse in Cancer Medicine veröffentlicht haben

Relativ gut untersucht ist das Auftreten von Depressionen innerhalb der ersten 5 Jahre nach der Behandlung eines Mammakarzinoms. Weil aber zur Häufigkeit von Depressionen bei Langzeitüberlebenden bislang wenig bekannt war, untersuchten dies DKFZ-Epidemiologen anhand der Daten von 3.010 Überlebenden eines Mammakarzinoms 5 bis 16 Jahre nach Diagnose und von 1.005 entsprechenden Kontrollpersonen.

An einer leichten bis schweren Depression litten mit 30,4% signifikant mehr ehemalige Mammakarzinom-Patientinnen als mit 23,8% der Kontrollgruppe (p = 0,0003). Bei einer Stratifizierung nach dem Alter waren leichte bis schwere Depressionen nur signifikant häufiger bei den Brustkrebspatientinnen unter 80 Jahren, bei den älteren Frauen ergab sich kein Unterschied.

Hatten die Frauen ein Rezidiv erlitten, waren Depressionen ebenfalls häufiger in den Altersgruppen von 30 bis 79 Jahren. Weitere Risikofaktoren für eine Depression waren höheres Alter, Übergewicht sowie eine eingeschränkte oder aufgegebene Berufstätigkeit.

Update vom 20.10.2020

Unser aktueller Onkologie-Blog beschäftigt sich zum einen mit Brustkrebs: Eine Metaanalyse zu CKD-4/6-Inhibitoren bestätigt eindeutig, dass diese bei metastasiertem HR+, HER2-Mammakarzinom die Überlebenszeit verlängern. Beim Darmkrebs hat ein großer Review geprüft, mit welchen Wirkstoffen, Nahrungsergänzungsmitteln und welcher Ernährung sich vorbeugen lässt. Beim Kehlkopf- und Nasopharynx-Karzinom beschäftigt sich eine Arbeit damit, welchen Einfluss es auf die Prognose hat, wenn der Tumor HPV+ ist und schließlich geht es beim Melanom um die Rolle der Tumor-DNA im Blut als Marker für ein Ansprechen der Therapie und beim Pankreaskarzinom um unterschiedlich aggressive Formen.

  • Brustkrebs: CDK4/6-Inhibitoren verlängern Überlebenszeit

  • Darmkrebs: Mit welchen Mitteln sich vorbeugen lässt

  • Kehlkopf- und Nasopharynx-Krebs: Effekt von HPV auf die Prognose

  • Melanom: Tumor-DNA im Blut als Marker für Therapieansprechen

  • Pankreaskrebs: Unterschiedlich aggressive Subtypen

Brustkrebs: CDK4/6-Inhibitoren verlängern Überlebenszeit

Eine Metaanalyse mit 9 Studien und 5.043 Patientinnen zeigte, dass die zusätzliche Gabe eine CDK4/6-Inhibitors zur endokrinen Therapie bei Frauen mit Hormonrezeptor-positivem, HER2-negativem metastasiertem Mammakarzinom das Gesamtüberleben (OS), das progressionsfreie Überleben (PFS) und die Ansprechraten im Vergleich zur alleinigen endokrinen Therapie verbessert.

Allerdings, so schränkt die chinesische Autorengruppe in JAMA Network Open ein, erleiden die Frauen durch die zusätzliche Gabe der CDK4/6-Inhibitoren auch vermehrt Nebenwirkungen vom Grad 3/4, wie Neutropenie, Leukopenie und Durchfall.

Zwar hatten Studien zuvor schon gezeigt, dass Substanzen wie Ribociclib, Palbociclib und Abemaciclib die Progression der Erkrankung im Vergleich zur endokrinen Therapie allein aufhalten, die Wirkung auf die Überlebenszeit war aber noch unklar.

Die aktuelle Metaanalyse ergab nun, dass die Zugabe eines CKD4/6-Inhibitors auch mit einem signifikant verlängerten Gesamtüberleben (OS) assoziiert war (Hazard-Ratio: 1,33, p < 0,001). Dieser günstige Effekt galt für alle vordefinierten Subgruppen: First-Line und Second-Line-Therapie, prämenopausale und postmenopausale Frauen, viszerale oder nur Knochenmetastasen, ein Alter über 65 oder unter 65 Jahren.

Andere Analysen mit den eingeschlossenen Studien hatten bereits zu ähnlichen Ergebnissen geführt. „Dies unterstützt die derzeitige klinische Praxis, den potenziellen Nutzen der CDK4/6-Hemmer mit nahezu allen Frauen mit HR-positivem, HER2-negativem metastasiertem Mammakarzinom zu diskutieren, so wie von den National Comprehensive Network Guidelines empfohlen“, schlussfolgern die Autoren des begleitenden Editorials.

Darmkrebs: Mit welchen Mitteln sich vorbeugen lässt

Eine internationale Arbeitsgruppe aus Frankreich, den Niederlanden und Kanada hat in einem Umbrella-Review 80 systematische Übersichten und Metaanalysen zur chemopräventiven Wirkung von Medikamenten, Nahrungsergänzungsmitteln und Lebensmitteln auf Darmkrebs ausgewertet. Aufgrund seiner langsamen Entwicklung ist das Kolonkarzinom für eine Chemoprävention besonders attraktiv. Die in Gut publizierten Ergebnisse zeigen:

  • Chemoprotektiv wirken ASS (Wirkungsbereich -14% bis -29%), NSAID (-27% bis -43%), Magnesium (-11% bis -22%), Folsäure (-12 % bis -15%), Ballaststoffe (-22% bis -43%), Milchprodukte (-13% bis -19%), Obst und Gemüse (-8% bis -52%) und Soja (-8% bis -15%).

  • Der Effekt von Kaffee, Fisch, Kalzium, Vitamin A, Vitaminen der Gruppe B und Statinen ist unklar. Einige Studien zeigten protektive Effekte, andere nicht.

  • Keinen Einfluss auf das Darmkrebs-Risiko haben Vitamin C, Vitamin E, Antioxidanzien, Beta-Carotin, Selen, Tee, Knoblauch, Vitamin D mit oder ohne Kalzium.

  • Fleisch- und Alkoholkonsum waren mit einem erhöhten Darmkrebs-Risiko assoziiert (+12% bis +20%)

Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass das Evidenzniveau in den meisten Fällen niedrig bis sehr niedrig ist. Darüber hinaus war für keine Substanz die optimale Dosis oder Expositionsdauer zu eruieren.

Kehlkopf- und Nasopharynx-Krebs: Effekt von HPV auf die Prognose

Schon länger ist bekannt, dass Patienten mit HPV-assoziierten Plattenepithelkarzinom im Mund- und Rachenbereich länger überleben. Unklar war bislang, welche Rolle HPV bei Plattenepithelkarzinomen im Kopf-Hals-Bereich spielt, die nicht den Mund-Rachenraum (Oropharynx) betreffen (non-OPSCC).

Dieser Frage ging eine kanadische Arbeitsgruppe in einer systematischen Übersicht und Metaanalyse nach, die sie in JAMA Otolaryngol. Head Neck Surg publiziert hat.

Anhand von 22 Beobachtungsstudien und 2 randomisierten klinischen Studien sowie insgesamt 24.854 Patienten mit HPV-positiven non-OPSCC konnten sie zeigen, dass bei Krebs in der Mundhöhle das Überleben nicht signifikant mit HPV assoziiert war, das krankheitsfreie Überleben war bei den HPV-positiven Mundhöhlen-Karzinomen sogar schlechter (Hazard-Ratio: 1,81).

Dagegen waren HPV-positive Larynx- und Hypopharynx-Karzinome mit einem besseren Überleben assoziiert (HR= 0,72 und HR = 0,60), während ein positiver HPV-Nachweis bei Nasopharynx-Karzinomen wiederum ohne Einfluss auf das Überleben war.

Ein positiver HPV-Nachweis hat also je nach Lokalisation des Plattenepithelkarzinoms im Kopf-Hals-Bereich eine unterschiedliche prognostische Bedeutung. Die Befunde könnten nach Ansicht der Autoren für künftige Studien bei Larynx- und Hypopharynx-Karzinomen wichtig sein.

Melanom: Tumor-DNA im Blut als Marker für Therapieansprechen?

Melanom-Patienten, die im Plasma hohe Spiegel zirkulierender Tumor-DNA (ctDNA) aufweisen, profitieren möglicherweise von einer aggressiveren Erstlinientherapie, so eine australische Studiengruppe in Clinical Cancer Research .

Die Forscher untersuchten den ctDNA-Spiegel in 125 Blutproben von 110 Patienten mit metastasiertem Melanom in 2 Krankenhäusern in Perth (West-Australien), bevor sie sich einer Erstlinien- (n = 32) oder Zweitlinientherapie (n = 27) mit Checkpoint-Inhibitoren (ICI) oder einer Erstlinientherapie mit BRAF/MEK-Inhibitoren (n = 66) unterzogen. Zur externen Validierung diente eine Gruppe von 128 Patienten, die mit Immuncheckpoint-Inhibitoren in der ersten oder zweiten Therapielinie behandelt worden waren.

Niedrige ctDNA-Spiegel (≤ 20 Kopien/ml) vor Therapiebeginn waren im Vergleich zu höheren ctDNA-Spiegeln bei den Patienten mit einem längeren progressionsfreien Überleben (PFS) assoziiert, wenn sie ICI als Erstlinientherapie erhielten. Dieser Zusammenhang fand sich jedoch bei der Zweilinienbehandlung nicht.

Die Autoren schlussfolgern aus ihren Ergebnissen, dass Melanom-Patienten mit erhöhten ctDNA-Spiegeln möglicherweise besser von ICI-Kombinationstherapien profitieren können. Allerdings müssen diese Beobachtungen an nur wenigen Patienten nun in größeren prospektiven Studien bestätigt werden.

Pankreaskarzinom: Unterschiedlich aggressive Subtypen

Anhand der Methylierungsmuster des Tumorerbguts konnten Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und im Heidelberger Institut für Stammzelltechnologie und Experimentelle Medizin (HI-STEM) 2 völlig unterschiedliche Subtypen von Adenokarzinomen definieren, die sich im Ablauf der Krebsentstehung und in der Aggressivität unterscheiden.

Wie in Cancer Discovery dargestellt, ist einer der beiden Subtypen wesentlich aggressiver als der andere. Er entsteht direkt aus den duktalen Zellen, die das Gangsystem der Bauchspeicheldrüse auskleiden, während die weniger aggressiven Tumoren aus Drüsenzellen hervorgehen. „Damit haben wir eine molekulare Signatur entdeckt, mit der sich zwei auch klinisch verschiedene Subtypen des Pankreaskarzinoms voneinander unterscheiden lassen“, erklärt Erstautorin Elisa Espinet in einer Pressemitteilung des DFKZ.

Der aggressivere Subtyp enthält in ganz bestimmte Regionen im Genom weniger Methylgruppen. Diese Erbgutabschnitte enthalten Sequenzen endogener Retroviren, also Überreste von Viren, die im Laufe der Evolution im menschlichen Genom zurückgeblieben sind. Durch die Methylierung ihrer DNA sind sie normalerweise stillgelegt und spielen bei Gesunden keine wesentliche Rolle. Bei diesem Subtyp werden sie durch die Entfernung der Methylgruppen jedoch wieder aktiv und bilden doppelsträngige RNA-Stränge.

Diese RNA-Moleküle kommen normalerweise im Körper nicht vor. Sie sind daher für das Immunsystem ein Warnsignal, dass Viren in die Zelle eingedrungen sind. In der Folge wird das Interferon-System aktiviert, das die vermeintlich eindringenden Viren zu bekämpfen versucht. Daraufhin werden in der Umgebung des Tumors auch Entzündungsbotenstoffe ausgeschüttet. „Das Vortäuschen einer Virusinfektion in genetisch veränderten Tumorzellen nennt man virale Mimikry“, erläuterte Espinet. Im Tumor fördert die virale Mimikry bestimmte Entzündungsreaktionen, die das Krebswachstum weiter stimulieren, und zudem wahrscheinlich die Metastasierung fördern.

Virale Mimikry fanden die Forscher nur beim Subtyp duktalen Ursprungs und in Spuren auch in gesunden duktalen Zellen, nicht aber in den gesunden Drüsenzellen des Pankreas oder den Pankreaskrebszellen des weniger aggressiven Subtyps. Das könnte erklären, warum Pankreastumoren, die direkt aus den Zellen der Bauchspeicheldrüsengänge entstehen und die etwa ein Drittel der untersuchten Tumoren ausmachten, besonders aggressiv sind.

Gleichzeitig eröffnet das Ergebnis neue Perspektiven für eine gezieltere und personalisierte Therapie von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Mit einer Blockade an verschiedenen Stellen der Interferon-Signalwege konnte bei Mäusen, denen menschliche Pankreaskrebszellen übertragen worden waren, das Krebswachstum gehemmt werden.

Update vom 13.10.2020

In unserem aktuellen Onkologie-Blog geht es diesmal vor allem um hämatologische Tumore. Ein Review bestätigt für AML-Patienten: Sie haben eindeutig bessere Überlebenschancen, wenn nach Therapie keine Resterkrankung mehr nachweisbar ist. Und Patienten mit B-Zell-Lymphomen sprechen zum Teil auf die innovative Therapie mit CAR-T-Zellen mehr als 9 Jahre lang an. Eine Metaanalyse suchte nach der besten Pilzprophylaxe bei hämatologischen Tumoren. Und beim Lungenkrebs ergab eine exploratorische Analyse erstmals einen Vorteil, wenn Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC Nivolumab kontinuierlich und nicht zeitlich begrenzt erhalten. Schließlich hat das IARC noch eine neue Übersicht zur Kanzerogenität von Opiumkonsum erstellen lassen.

  • AML: Keine Resterkrankung mehr messbar – bessere Überlebenschance

  • B-Zell-Lymphome: Langanhaltende Remissionen mit CAR-T-Zell-Therapie

  • Hämatologische Erkrankungen: Welches ist die beste Pilzprophylaxe?

  • Lungenkrebs: Erstmals kontinuierliche Gabe von PD1-Inhibitor untersucht

  • IARC: Krebs durch Opiumkonsum

AML: Keine Resterkrankung mehr messbar – bessere Überlebenschance

Patienten mit AML, bei denen aufgrund der Therapie keine messbare Resterkrankung (MRD) mehr nachgewiesen werden kann, haben – nicht ganz überraschend, aber jetzt bestätigt – eine bessere Überlebenschance. In einem systematischen Review mit Metaanalyse, publiziert in JAMA Oncology , hat eine amerikanisch-britische Arbeitsgruppe die Daten von 81 Publikationen mit 11.151 AML-Patienten analysiert.

Sowohl das krankheitsfreie Überleben (DFS) als auch das Gesamtüberleben (OS) war bei den Patienten besser, die durch die Behandlung MRD-negativ waren. Das 5-Jahres-Überleben betrug 68% in der MRD-negativen und 34% in der MRD-positiven Gruppe. Dies entspricht einer Senkung des Sterberisikos um relativ 64% bei MRD-Negativität. Der Effekt war in allen Subgruppen nachweisbar.

Ähnliche Ergebnisse zeigten sich für das DFS, das 5-Jahres-DFS lag bei 64% in der MRD-negativen und bei 25% in der MRD-positiven Gruppe.

Die Autoren schlussfolgern aus ihren Ergebnissen nun auch, dass der MRD-Status als Endpunkt in klinischen Studien zur schnelleren Bewertung neuer Therapien für Patienten mit AML beitragen könnte.

B-Zell-Lymphome: Langanhaltende Remissionen mit CAR-T-Zell-Therapie

Patienten mit B-Zell-Lymphomen, die gegen CD19 gerichtete CAR-T-Zellen erhalten haben, können nach einer aktuellen, im Journal of Clinical Oncology publizierten Studie bis zu mehr als 9 Jahre in anhaltender Remission bleiben. Dies legt nach Ansicht der Autoren nahe, dass mit anti-CD19-CAR-T-Zellen eine Heilung des B-Zell-Lymphoms denkbar sein könnte.

Die amerikanische Arbeitsgruppe hatte zwischen 2009 und 2015 insgesamt 43 Patienten mit rezidivierten B-Zell-Lymphomen mit 46 CAR-T-Zell-Therapien behandelt und legte nun Daten zum Langzeitverlauf vor. 51% der Patienten sprachen mehr als 3 Jahre auf die Therapie an. Das ereignisfreie Überleben lag im Median bei 55 Monaten.

Ursprünglich hatten 25 Patienten komplett auf die Therapie angesprochen. Bei 19 dieser Patienten hielt das Ansprechen bei der letzten Follow-Up-Untersuchung an, die Dauer des Ansprechens lag zwischen 43 und 113 Monaten. Hohe Werte für CAR-positive Zellen im Blut korrelierten mit dem langen Ansprechen. Späte unerwünschte Wirkungen waren selten.

Hämatologische Erkrankungen: Welches ist die beste Pilzprophylaxe?

Bei Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) oder myelodysplastischem Syndrom (MDS) erwies sich Posaconazol und bei Patienten, die sich einer hämatopoetischen Stammzelltransplantation (HSCT) unterzogen, Voriconazol zur Prophylaxe von Pilzinfektionen als am besten geeignet. So das Ergebnis eines systematischen Reviews mit Netzwerk-Metaanalyse, der von einer chinesisch-US-amerikanischen Arbeitsgruppe in JAMA Network Open publiziert worden ist.

In der Analyse wurden 69 randomisierte klinische Studien mit 14.789 Patienten ausgewertet, die mit 12 unterschiedlichen Antimykotika behandelt worden waren: Placebo, Polyen-Antimykotika, Amphotericin B, liposomales Amphotericin B, Miconazol, Ketoconazol, Fluconazol, Itraconazol, Voriconazol, Posiconazol, Caspofungin und Micafungin.

Für jede Substanz und jede Indikation wurde ein SUCRA-Wert (Surface under the cumulative ranking curve) gebildet. Je höher der SUCRA-Wert war, umso besser wirkte die Substanz. Posaconazol führte die Rangliste bei der Verhinderung invasiver Pilzinfektionen an, gefolgt von Caspofungin und Micafungin. In der Wirkung auf die Mortalität stand Micafungin auf Rang 1, gefolgt von Voriconazol und Posaconazol.

Posaconazol stand auf Platz 1 bei der Prophylaxe von Aspergillosen, Caspofungin bei der Prophylaxe von invasiver Candidiasis. Unter Voriconazol wurde die Therapie am seltensten abgebrochen.

Eine Auswertung nach Subgruppen ergab, dass Patienten mit AML und MDS am ehesten  von Posaconazol profitierten. Für Patienten, die sich einer HSCT unterzogen, erwies sich bei Berücksichtigung von Wirksamkeit und Verträglichkeit Voriconazol als am besten geeignet.

Lungenkrebs: Erstmals kontinuierliche Gabe von PD1-Inhibitor untersucht

Patienten mit fortgeschrittenem nichtkleinzelligen Bronchialkarzinom (NSCLC) lebten signifikant länger, wenn sie mit dem PD1-Inhibitor Nivolumab kontinuierlich weiterbehandelt wurden und die Therapie nicht nach einem Jahr beendet wurde.

Bei kontinuierlicher Therapie erreichten sie ein medianes progressionsfreies Überleben (PFS) von 24,7 Monaten im Vergleich zu 9,4 Monaten bei Therapiestopp nach einem Jahr (Hazard-Ratio 0,56). Das mediane Gesamtüberleben wurde ebenfalls verlängert. Neue, bislang nicht bekannte Nebenwirkungen traten nicht auf, wie eine US-amerikanische Arbeitsgruppe im Journal of Clinical Oncology berichtete.

„Nach unserer Kenntnis sind diese Befunde einer exploratorischen Analyse die ersten randomisierten Daten zur kontinuierlichen versus zeitlich begrenzten Immuntherapie bei vorbehandeltem fortgeschrittenem NSCLC und sie legen nahe, dass die Gabe von Nivolumab über 1 Jahr hinaus die Therapieergebnisse verbessern kann“, so die Schlussfolgerung der Autoren.

Primäres Ziel der CheckMate-153-Studie war es, die Toxizität der Therapie zu erfassen. Die Auswertung der längeren Therapie basierte auf einer exploratischen Analyse aufgrund einer Protokollergänzung, so die Erläuterung im begleitenden Editorial. Damit können die Daten nur als präliminär angesehen werden, sie geben keine Antwort auf die Frage nach der optimalen Therapiedauer.

IARC: Krebs durch Opiumkonsum

Opiumkonsum kann das Auftreten von Kehlkopf-, Lungen- und Blasenkrebs begünstigen. Weniger deutlich ist die Assoziation zwischen Opiumkonsum und Speiseröhren-, Magen-, Pankreas- und Rachenkarzinom.

Zu diesem Ergebnis kam eine Arbeitsgruppe aus 16 Wissenschaftlern aus 10 Ländern, die auf Einladung der International Agency for Research on Cancer (IARC) im September 2020 online getagt hatte. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse ist online in Lancet Oncology publiziert.

Die Arbeitsgruppe befasste sich ausschließlich mit Opium, also dem durch Anritzen unreifer Mohn-Samenkapseln gewonnenen und getrockneten Milchsaft, aus dem durch Trocknung das Rohopium entsteht. Es enthält mindestens 25 Alkaloide und andere Inhaltsstoffe. Opium wird in verschiedenen Formen missbräuchlich geraucht oder eingenommen.

Die Arbeitsgruppe beurteilte den Opiumgebrauch als karzinogen für Menschen. Für diese Einordnung liegen ausreichend Daten vor.

Aus experimentellen Untersuchungen ist bekannt, dass halbverkohltes gerauchtes Opium (Tschandu) aus Pfeifenrückständen (Droß) und Opiumpyrolysate genotoxisch wirken, also karzinogene Eigenschaften haben.

Die ausführlichen Ergebnisse werden von der IARC als Monographie veröffentlicht werden.

Update vom 6.10.2020

In unserem aktuellen Onkologie-Blog geht es diesmal um die HPV-Impfung: Eine große schwedische Studie bestätigt, dass sie das Risiko für ein Zervixkarzinom sehr deutlich senkt. Bei Frauen mit Brustkrebs kann das kardiovaskuläre Risiko durch eine automatisierte Auswertung der Koronarkalkwerte von CT-Scans zur Planung der Radiotherapie besser erfasst werden. Bei Männern mit Prostatakarzinom beeinflusst anscheinend das Mikrobiom im Darm die Wirksamkeit von Androgen-Inhibitoren. In der Mundhöhle kann die Besiedelung mit bestimmten Bakterien die Karzinomentstehung begünstigen. Und schließlich gilt es aufmerksam zu sein, wenn Kinder orthopädische Probleme haben: Diese können Vorboten einer ALL sein.

  • Zervixkarzinom: HPV-Impfung senkt Risiko deutlich

  • Brustkrebs: Per Koronarkalk das kardiovaskuläre Risiko messen

  • Prostatakarzinom: Mikrobiom im Darm beeinflusst Wirksamkeit von Abirateron

  • Mundhöhlenkrebs: Erreger in der Mundhöhle können Karzinome begünstigen

  • ALL bei Kindern: Erste Hinweise durch orthopädische Probleme

Zervixkarzinom: HPV-Impfung senkt Risiko deutlich

Eine HPV-Impfung senkt das Risiko für ein invasives Zervixkarzinom über eine Periode von 11 Jahren um fast 80%. Eine schwedische Arbeitsgruppe analysierte die Daten von fast 1,7 Mio. Mädchen und Frauen im Alter von 10 bis 30 Jahren aus den Jahren 2006 bis 2017. Die quadrivalente HPV-Vakzine war im Jahr 2006 in Schweden eingeführt worden.

Wie die im New England Journal of Medicine publizierten Ergebnisse zeigen, erkrankten 19 geimpfte und 538 ungeimpfte Frauen an einem Zervixkarzinom. Die kumulative Inzidenz bei den Geimpften betrug damit 47 Fälle/100.000 und bei Ungeimpften 97 Fälle/100.000.

Nach Adjustierung an alle Variablen, war die Impfung mit einer Inzidenzrate von 0,17 bei Impfung vor dem 17. Geburtstag und von 0,47 bei Impfung zwischen dem 17. und 30. Geburtstag assoziiert.

„Die stärkere Risikosenkung bei Impfung im jüngeren Alter steht im Einklang mit früheren Befunden, die ein geringeres Risiko für Genitalwarzen und zervikale Läsionen mit HPV-Impfung zeigten“, so die Autoren. „Unsere Ergebnisse stützen auch die Empfehlung, vor einer Infektion mit HPV zu impfen, um den größten Nutzen zu erzielen.“

Brustkrebs: Per Koronarkalk das kardiovaskuläre Risiko messen

Mit einer automatisierten Erfassung der Koronarkalk-Menge in CT-Scans kann bei Frauen mit Brustkrebs das kardiovaskuläre Risiko erfasst werden. Eine multizentrische retrospektive Kohortenstudie aus den Niederlanden, die am 2. Oktober 2020 bei der virtuellen 12. European Breast Cancer Conference vorgestellt worden ist, hat diese Strategie evaluiert.

Anthracycline, Trastuzumab und Bestrahlung erhöhen das kardiovaskuläre Risiko. Gefährdet sind vor allem Brustkrebs-Patientinnen mit vorbestehenden kardiovaskulären Risikofaktoren. Zur Risikobestimmung lässt sich die Menge an Koronarkalk nutzen, die bei den CT-Scans erfasst werden kann, die zur Planung der Bestrahlung erforderlich sind.

Mit Hilfe einer automatisierten Auswertung dieser CT-Scans bei 14.002 Patientinnen analysierten die Forscher die Koronarkalk-Menge. Tumor- und Therapiedaten stammten aus dem niederländischen Krebsregister und die Daten zu kardiovaskulären Erkrankungen wurden aus Krankenhaus- und Sterberegistern zusammengetragen.

29% der Patientinnen hatten einen erhöhten Koronarkalk-Wert. Innerhalb von 52 Monaten wurden 8% dieser Patientinnen wegen einer kardiovaskulären Erkrankung hospitalisiert und 1% starben.

Nach Adjustierung nach Alter und Kalenderjahr der CT-Planung ergab sich, dass das kardiovaskuläre Risiko von 5% ohne erhöhten Koronarkalk-Wert auf 28% bei einem Score über 400 stieg. Die Assoziation zwischen erhöhtem Koronarkalk und kardiovaskulärem Risiko war bei den mit Anthracyclinen behandelten Frauen am stärksten.

Prostatakarzinom: Mikrobiom im Darm beeinflusst Wirksamkeit von Abirateron

Die orale Einnahme von Abirateronacetat, einem Hemmer der Androgen-Biosynthese, führt im Darm von Patienten mit Prostatakarzinom zu einer Verarmung an Corynebacterium spp. und zu einer Anreicherung von Akkermansia muciniphila.

Wie kanadische Autoren in nature communications berichten, sind diese aktuellen Ergebnisse aus Stuhlproben von Prostatakarzinom-Patienten gut in Modellen ohne Beteiligung des Immunsystems reproduzierbar.

Kleinere Untersuchungen hatten zuvor ergeben, dass Androgenblocker wie Bicalutamid und Enzalutamid ebenfalls zu einer Anreicherung von Akkermansia muciniphila geführt hatten.

Für Akkermansia muciniphila war in verschiedenen Studien gezeigt worden, dass es die Response auf verschiedene gegen Krebs gerichtete Immuntherapeutika verbessert und dass es die Produktion von Vitamin K2 erhöht.

Die Autoren schlussfolgern aus ihren Ergebnissen, dass Akkermansia muciniphila eine Schlüsselrolle bei der durch Androgen-Antagonisten vermittelten Restrukturierung der Darmflora zukommt und dass dies den therapeutischen Effekt bei kastrationsresistenten Patienten beeinflussen könnte.

Die Wechselwirkungen zwischen Androgeninhibitor und Mikrobiom sollen in weiteren Studien untersucht werden mit dem Ziel, das Mikrobiom für die Verbesserung der Therapieergebnisse bei verschiedenen Erkrankungen zu nutzen.

Mundhöhlenkrebs: Erreger in der Mundhöhle können Karzinome begünstigen

Die periodontalen Erreger Porphyromonas gingivalis, Treponema denticola und Fusobacterium nucleatum können das Auftreten von Plattenepithelkarzinomen in der Mundhöhle (OSCC) begünstigen. Sie verstärken in Laborexperimenten die Migration von OSCC-Zellen, die Invasion und die Tumorbildung bei Mäusen. Eine kalifornische Arbeitsgruppe berichtete in PLOS Pathogens , dass daran die beiden Signalwege Integrin/FAK und TLR/MyDD88 beteiligt sind. Nisin, ein Bacteriocin und weit verbreitetes Konservierungsmittel für Lebensmittel, hemmte diese Prozesse.

Die Autoren sind deshalb der Ansicht, dass sie damit erstmals belegen konnten, dass ein Bacteriocin die Entstehung von Mundhöhlenkrebs vermittelt durch periodontale Erreger hemmen kann: „Diese Befunde können die Behandlung von Mundhöhlen-Karzinomen voran bringen und ein neues Paradigma für die Krebstherapie etablieren, nämlich eine auf antimikrobiell wirkenden Substanzen basierte Behandlung.“

ALL bei Kindern: Erste Hinweise durch orthopädische Probleme

Wenn Kinder an Osteoporose, Wirbelfrakturen, Gelenk- oder Knochenschmerzen leiden, kann dies auch ein Hinweis auf eine akute lymphatische Leukämie (ALL) sein. Orthopädische Manifestationen als erstes Zeichen dieser Erkrankung scheinen nicht unüblich zu sein, auch wenn abnorme hämatologische Werte noch fehlen, so eine indische Arbeitsgruppe im Journal of Orthopedics .

Retrospektiv hatten sie die Daten von 250 ALL-Patienten ausgewertet. Von denen hatten sich 22 Patienten (8,8%) zunächst beim Orthopäden vorgestellt, und zwar 4 mit vertebralen Kompressionsfrakturen, 12 mit Gelenkschmerzen und 6 mit Knochenschmerzen. Die 13 Jungen und 9 Mädchen waren im Mittel 5,6 Jahre alt. Bei 6 der 22 Patienten war der  Blutausstrich nicht auffällig.

Update vom 29.9.2020

In unserem aktuellen Onkologie-Blog geht es diesmal um  die Assoziation von Kaffeekonsum und längerem Überleben bei metastasiertem Darmkrebs. Außerdem: Vielen Männern mit Prostatakarzinom kann laut mehrerer aktueller Studien eine adjuvante Bestrahlung mit ihren Nebenwirkungen erspart werden. Neues zu Nebenwirkungen der Immuntherapie: Sie kann einen Typ-1-Diabetes mellitus auslösen. Und beim Appetitzügler Lorcaserin ist die FDA zu der Ansicht gelangt, dass das leicht erhöhte Krebsrisiko bei Einnahme durch seinen Nutzen nicht aufgewogen wird.

  • Metastasiertes Kolorektalkarzinom: Kaffeetrinker leben länger

  • Prostatakarzinom: Adjuvante Bestrahlung häufig entbehrlich

  • Immuncheckpoint-Blocker: Typ-1-Diabetes als Nebenwirkung

  • Lorcaserin: Erhöhtes Krebsrisiko durch Appetitzügler wiegt Nutzen nicht auf

  • Nationales Centrum für Tumorerkrankungen: 4 neue Standorte

Metastasiertes Kolorektalkarzinom: Kaffeetrinker leben länger

Vermehrter Kaffeekonsum – egal ob mit oder ohne Koffein – ist bei Patienten mit metastasiertem Kolorektalkarzinom mit einem niedrigeren Progressions- und Sterberisiko assoziiert.  

Schon länger gibt es Hinweise, dass sich Kaffeekonsum günstig bei Krebserkrankungen auswirkt. Eine US-amerikanische Arbeitsgruppe untersuchte deshalb in einer prospektiven Kohortenstudie mit 1.171 Patienten aus der Cancer and Leukemia Group B/SWOG 80405-Studie, wie sich das regelmäßige Trinken von Kaffee auf das Gesamtüberleben und das progressionsfreie Überleben auswirkte. In der Studie war eigentlich die zusätzliche Gabe von Cetuximab oder Bevacizumab zu Standard-Chemotherapie im Vergleich zur Chemotherapie allein untersucht worden.

Der Kaffeekonsum wurde mit Hilfe eines Fragebogens zu Studienbeginn erfasst. Im Vergleich zu Nicht-Kaffeetrinkern hatten Patienten mit einem Konsum von 2 bis 3 Tassen/Tag eine multivariable Hazard Ratio (HR) für das Gesamtüberleben von 0,82, bei mindestens 4 Tassen/Tag von 0,64. Für das progressionsfreie Überleben ergab sich bei 2 bis 3 Tassen/Tag eine HR von 0,82 und bei mehr als 4 Tassen/Tag von 0,78. Der Effekt war unabhängig davon, ob der Kaffee coffeinhaltig oder entcoffeiniert war.

Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass die Ergebnisse durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst sein können, wie Schlafgewohnheiten, körperliche Aktivität oder auch Veränderungen im Kaffeekonsum während der Krebserkrankung.

Ein kausaler Zusammenhang von Kaffeekonsum und dem Überleben beim Kolorektalkarzinom kann natürlich mit diesen Daten nicht hergestellt werden. Dazu sind randomisierte Interventionsstudien erforderlich.

Prostatakarzinom: Adjuvante Bestrahlung häufig entbehrlich

Bei den meisten Männern, die wegen eines lokalisierten oder lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinoms operiert wurden, kann auf die adjuvante Bestrahlung mit ihren unerwünschten Wirkungen verzichtet werden, so eine systematische Übersicht und Metaanalyse, die online in Lancet erschienen ist.

Die Autoren empfehlen, dass die Patienten nach der Operation engmaschig überprüft werden sollen. Erst bei Hinweisen auf ein Rezidiv, sollte den Männern eine Bestrahlung angeboten werden.

Die Analyse basiert auf 3 neuen Studien, nämlich der ebenfalls in Lancet publizierten RADICALS-RT-Studie und den in Lancet Oncology publizierten Studien GETUG-AFU-17 und RAVES.

In einem begleitenden Kommentar in Lancet schreiben Derya Tilki, Martini-Klinik, Prostatazentrum, Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, und Anthony V. D’Amico, Dana-Farber Cancer Institute, Boston, dass diese 4 Studien einen wichtigen Schritt nach vorne bedeuten und den Einsatz einer frühen Salvagetherapie (bei wenigen) im Gegensatz zur adjuvanten Bestrahlung bei vielen Patienten unterstützen. Nur für Patienten mit einem hohen Progressionsrisiko, die in den 3 randomisierten Studien einen Anteil unter 20% hatten, solle eine adjuvante Bestrahlung in Erwägung gezogen werden.

Immuncheckpoint-Blocker: Typ-1-Diabetes als Nebenwirkung

Bei Behandlung onkologischer Erkrankungen mit PD1- oder PD-L1-Blockern kann ein Typ-1-Diabetes ausgelöst werden. Diese unerwünschte Wirkung tritt meist früh ein und geht oft mit einer ausgeprägten Ketoazidose einher.

Aktuelle Daten zu Häufigkeit und Management dieser Nebenwirkung stellte Dr. Jeroen M.K. de Filette, Universitätsklinik Brüssel, bei der virtuellen Jahrestagung 2020 der European Association for the Study of Diabetes im September vor.

In einem systematischen Review untersuchten er und seine Kollegen die Häufigkeit von Diabetes bei Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren. Mit einer Literatursuche identifizierten sie 90 Fälle, wobei die Mehrzahl mit einem PD1- oder PD-L1-Blocker in Monotherapie (79%) oder in Kombination mit einem CTLA-4-Blocker (15%) behandelt worden war. Im Mittel trat der Diabetes nach 4,5 Zyklen auf, bei Kombinationstherapie bereits nach 2,7 Zyklen. Es wurden jedoch auch sehr frühe Fälle beobachtet.

Bei 71% der Patienten lag eine Ketoazidose vor, erhöhte Lipasespiegel wurden bei 52% gesehen. 24% der Patienten wiesen gleichzeitig Störungen der Schilddrüsenfunktion auf. Prädisponierende HLA-Allele konnten bei 65% nachgewiesen werden, meist DR4.

Die Therapie basiert in erster Linie auf der Gabe von Insulin zur Kontrolle des Blutzuckers zusammen mit weiteren supportiven Maßnahmen wie Hydratation und Korrektur von Elektrolyten. Vor hoch dosierten Glukokortikoiden warnt de Fillette. Es gebe Hinweise, dass hierdurch die Wirkung der Immuntherapie auf das Karzinom beeinträchtigt werde.

Die Belgische Gesellschaft für Onkologie (BSMO) hat ein Online-Tool mit Leitlinien zur Behandlung immunassoziierter Nebenwirkungen von Immuncheckpoint-Inhibitoren entwickelt.

Lorcaserin: Erhöhtes Karzinomrisiko durch Appetitzügler

Mitte Februar 2020 forderte die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) den Hersteller von Lorcaserin auf, das Produkt vom Markt zu nehmen, weil die randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte CAMELLIA-TIMI-61-Studie ein erhöhtes Krebsrisiko gezeigt hatte (wie Medscape berichtete). Der Hersteller ist dieser Aufforderung inzwischen nachgekommen.

In einem Beitrag im New England Journal of Medicine erläutern Autoren von der FDA nun diese Entscheidung. Die FDA analysierte sorgfältig alle Ereignisse, die nach der Randomisierung in der Studie aufgetreten waren und verwendete zusätzliche Unterlagen des Herstellers.

In der Lorcaserin-Gruppe waren 7,7% der Patienten an Krebs erkrankt, in der Placebo-Gruppe waren es 7,0%. An einer Krebserkrankung starben 0,9% in der Lorcaserin- und 0,6% in der Placebo-Gruppe. Mehr Lorcaserin-Patienten waren an Kolorektal-, Pankreas- und Lungenkarzinom erkrankt.

In der Studie war die Zahl der Patienten mit einer neuen Krebsdiagnose in den ersten 180 Tagen mit 76 unter Lorcaserin und 77 in der Placebogruppe ähnlich. Die FDA analysierte im weiteren Verlauf die Daten alle 60 Tage. Zwischen 6 Monate und 2,5 Jahre nach Randomisierung waren die Punktschätzer für die Krebsraten unter Lorcaserin konsistent über 1, was auf einen Arzneimittel-induzierten Effekt hinweist, der sich nach einer Latenzzeit manifestiert.

Bei Abwägung von Nutzen und Risiken der Substanz kam die FDA zu dem Schluss, dass der Nutzen das – wenngleich eher geringe – Krebsrisiko nicht aufwiegt.

Nationales Centrum für Tumorerkrankungen: 4 neue Standorte vorgesehen

Im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs sollen bundesweit 4 neue Standorte des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) entstehen. Für den Endausbau der Zentren in Berlin, Köln/Essen, Tübingen/Stuttgart-Ulm sowie Würzburg mit den Partnern Erlangen, Regensburg und Augsburg plant das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), je Zentrum bis zu 13 Mio. Euro pro Jahr zur Verfügung zu stellen, so eine Pressemitteilung des DKFZ, Heidelberg.

Wie die bereits bestehenden NCTs in Heidelberg und Dresden sollen die neuen NCT-Standorte patientenbezogene Spitzenforschung und onkologische Patientenversorgung unter einem Dach vereinen und im Rahmen von innovativen translationalen und klinischen Studien eine maßgeschneiderte Diagnostik und Therapie auf dem neuesten Stand der Forschung anbieten.

Update vom 22.9.2020

„Practice-changing“ – dieses Label erhielten einige der am vergangenen Wochenende beim virtuellen ESMO-Kongress vorgestellten Studien. Unser aktueller Onkologie-Blog informiert über einige der wichtigsten Ergebnisse. Es geht um neue Strategien zur Behandlung von Brustkrebs, Lungen-, Prostata- und Nierenzellkarzinomen sowie von Magen- und Speiseröhrenkrebs, die in den 3 Präsidentensitzungen präsentiert worden sind.

  • Brustkrebs: Hohes Rezidivrisiko unter Abemaciclib verringert

  • Magen- und Speiseröhrenkrebs: Immuntherapie auf dem Vormarsch

  • Lungenkrebs mit hohem Rezidivrisiko: Postoperative Bestrahlung nicht empfehlenswert

  • Lungenkrebs: Weniger Hirnmetastasen bei Behandlung mit Osimertinib

  • ALK-positiver Lungenkrebs: Lorlatinib besser als Crizotinib

  • Kastrationsresistentes Prostatakarzinom: Olaparib verlängert Überleben

  • Nierenzellkarzinom: Nivolumab plus Cabozantinib – neue Alternative in der Erstlinie

  • Kastrationsresistentes Prostatakarzinom: Mit Ipatasertib länger progressionsfrei bei Tumoren mit PTEN-Verlust

Brustkrebs: Hohes Rezidivrisiko unter Abemaciclib verringert

Erstmals hat ein CDK4/6-Inhibitor – zusätzlich zur Hormontherapie gegeben – bei Frauen mit Hormonrezeptor-positivem, HER2-negativem frühem Mammakarzinom und hohem Risiko einen signifikanten Benefit gezeigt. Unter Abemaciclib lebten die Frauen signifikant länger ohne invasive Erkrankung (IDFS) als unter einer alleinigen Hormontherapie, so eine Interimsanalyse der monarch-E-Studie.

In der beim virtuellen ESMO 2020 vorgestellten und parallel im Journal of Clinical Oncology publizierten Studie mit 5.637 Frauen war die Zahl invasiver Rezidive unter Abemaciclib mit 136 signifikant niedriger als mit 187 unter endokriner Therapie (ET) allein (Hazard-Ratio 0,747, p = 0,0096). Damit senkte der CDK4/6-Inhibitor das Risiko für eine erneute invasive Erkrankung um 25,3%. Nach 2 Jahren waren 92,2% der Frauen im Abemaciclib-Arm und 88,7% im ET-Arm ohne erneute invasive Erkrankung, der absolute Unterschied betrug damit 3,5 Prozentpunkte.

Auch das Überleben ohne distante Metastasen (DRFS) war unter Abemaciclib signifikant besser (HR: 0,717; p = 0,0085). Das Metastasen-Risiko war dabei vor allem im Knochen und in der Leber geringer.

Diskussionspunkt beim Kongress war der sehr frühe Zeitpunkt der Analyse: Rund 70% der Teilnehmer haben derzeit die auf 2 Jahre angelegte Studie noch nicht beendet. Unklar sei deshalb, so wurde diskutiert, ob Abemaciclib auch späte Rezidive verhindere. Auch die optimale Dauer der Therapie sei noch unklar. Vor dem Hintergrund hoher Kosten und deutlicher Nebenwirkungen der Behandlung sei dies ein sehr wichtiger Punkt.

Magen- und Speiseröhrenkrebs: Immuntherapie auf dem Vormarsch

Im Präsidentensymposium am Montag, den 21. September 2020, wurden interessante Studien zur Immuntherapie bei Magen- und Speiseröhren-Karzinomen vorgestellt. 2 davon hier kurz zusammengefasst:

Die CheckMate-649-Studie ist die bislang größte, internationale Phase-3-Studie mit einem PD-1-Hemmer in der Erstlinientherapie bei Patienten mit fortgeschrittenem Adenokarzinom des Magens, der Speiseröhre und des gastroösophagealen Übergangs.

Randomisiert erhielten 473 Patienten Nivolumab plus Chemotherapie (XELOX oder FOLFOX), 482 Patienten Chemotherapie allein. Etwa 60% der Patienten waren PD-L1-positiv.

Koprimäre Endpunkte waren das Gesamtüberleben (OS) und das progressionsfreie Überleben (PFS) bei Patienten mit einem PD-L1-CPS (Combined Positive Score) ≥ 5.

Die koprimären Endpunkte wurden erreicht: Die zusätzliche Gabe von Nivolumab reduzierte das Sterberisiko um 29% und das Risiko für Progression oder Tod um 23% jeweils signifikant. Auch bei den Patienten mit einem PD-L1-CPS ≥ 1 sowie in der Gesamtgruppe verlängerte der Immuncheckpoint-Inhibitor das Gesamtüberleben.

Prof. Dr. Salah-Eddin Al-Batran, Leiter der Abteilung gastrointestinale Onkologie am Krankenhaus Nordwest, Frankfurt, beurteilte bei einer virtuellen Pressekonferenz die Ergebnisse als klinisch sehr relevant. Für ihn werde die zusätzliche Gabe von Nivolumab bei diesen Tumoren bei Patienten mit einem PD-L1 CPS >5 künftig Standard sein, sagte er.

In der KEYNOTE-590-Studie wurde eine Erstlinien-Chemotherapie ohne oder mit Pembrolizumab untersucht. Eingeschlossen waren Patienten mit Plattenepithel- oder Adenokarzinomen der Speiseröhre oder Siewert Typ 1 Adenokarzinomen des gastroösophagealen Übergangs.

Randomisiert wurden 373 Patienten mit Pembrolizumab plus Chemotherapie und 376 mit Chemotherapie allein maximal 2 Jahre behandelt. In punkto Überlebenszeit (OS) profitierte laut Auswertung die gesamte Studienpopulation von Pembrolizumab plus Chemotherapie, manche Subpopulationen jedoch ganz besonders, z.B.:

  • Patienten mit Plattenepithelkarzinom des Ösophagus und einem PD-L1 CPS >10,

  • alle mit Plattenepithelkarzinomen,

  • und alle Patienten mit einem PD-L1-CPS >10

Auch das progressionsfreie Überleben (PFS) wurde insgesamt verbessert.

Diese Ergebnisse beurteilte Al-Batran ebenfalls positiv. Sie eröffneten neue Therapiemöglichkeiten. In der Erstlinientherapie ändere sich nun der Therapiestandard, sagte er, denn Patienten mit hoher PD-L1-Expression seien Kandidaten für eine Behandlung mit Immuncheckpoint-Blockern plus Chemotherapie.

Lungenkrebs mit hohem Rezidivrisiko: Postoperative Bestrahlung nicht empfehlenswert

Eine der längsten Debatten in der Thoraxonkologie scheint nun geklärt: Profitieren Patienten mit reseziertem NSLCL mit Lymphknotenbefall (Stadium IIIA N2), die ein sehr hohes Rezidivrisiko haben, von einer routinemäßigen postoperativen Bestrahlung (PORT)? Die Antwort aufgrund der beim ESMO präsentierten Phase-3-Studie LUNG-ART mit 501 Patienten lautet: Nein!

In der Studie war nach einem Follow-Up von 4,8 Jahren das krankheitsfreie Überleben (DFS) nach der Bestrahlung mit 30,5 Monaten im Median nicht signifikant besser als in der Kontrollgruppe mit 22,8 Monaten. Das 3-Jahres-DFS (Disease Free Survival) betrug bei Bestrahlung 47,1%, ohne Bestrahlung 43,8%.

Anlass zur Sorge gab, dass im PORT-Arm mit 14,6% mehr Patienten gestorben waren als im Kontrollarm mit 5,3%. Die Ursache hierfür ist noch unklar. Außerdem traten bei den bestrahlten Patienten mehr Nebenwirkungen auf, insbesondere kardiopulmonale Reaktionen. Dies muss ebenfalls noch weiter untersucht werden.

Lungenkrebs: Weniger ZNS-Rezidive bei Behandlung mit Osimertinib

Erste beeindruckende Daten der ADAURA-Studie, die beim virtuellen ASCO-Kongress im Juni vorgestellt worden sind, haben gezeigt, dass eine adjuvante Therapie mit Osimertinib (Tagrisso®) bei Patienten mit EGFR-mutiertem Lungenkarzinom das Risiko für Rezidiv oder Tod signifikant um 83% im Vergleich zu Placebo senken kann (wie Medscape berichtete).

Weil ZNS-Metastasen bei Patienten mit NSCLC häufig und gefürchtet sind, analysierten die Autoren nun den Effekt von Osimertinib auf die Rezidivlokalisation. Während in der Placebogruppe nach einer Follow-Up-Zeit von 22 Monaten 39/343 Patienten (11%) eine ZNS-Metastasierung als Rezidiv aufwiesen, waren es in der Osimertinib-Gruppe nur 6/339 Patienten (2%). Es ergab sich also eine klinisch bedeutsame Verbesserung des krankheitsfreien Überlebens (DFS) im Hinblick auf einen Befall des ZNS mit einer Risikoreduktion von 82% für ein ZNS-Rezidiv bzw. Tod.

ALK-positiver Lungenkrebs: Lorlatinib besser als Crizotinib

Lorlatinib (Lorviqua®) ist ein ALK-Tyrosinkinase-Hemmer der 3. Generation. Er gilt als hochpotent und selektiv wirksam und wirkt auch bei ALK-Mutationen von Patienten, die eine Resistenz gegen ALK-Tyrosinkinase-Inhibitoren der 1. und 2. Generation entwickelt haben. Lorlatinib ist in der EU für die Zweitlinientherapie von ALK-positivem, fortgeschrittenem Lungenkrebs zugelassen.

Nun dürfte die Substanz vermutlich auch bald für die Erstlinientherapie zur Verfügung stehen, denn beim virtuellen ESMO vorgestellte Ergebnisse einer vorgeplanten Interimsanalyse der Phase-3-Studie CROWN zeigten, dass Lorlatinib in der Erstlinie bei Patienten mit ALK-positivem nichtkleinzelligen Bronchialkarzinom (NSCLC) das progressionsfreie Überleben (PFS) im Vergleich zu Crizotinib (Xalkori®) signifikant verbesserte.

In der offenen, randomisierten, multizentrischen Phase-3-Studie wurden 296 nicht vorbehandelte Patienten mit ALK-positivem NSCLC randomisiert mit Lorlatinib (100 mg/Tag) oder Crizotinib (250 mg zweimal täglich) behandelt.

Das Risiko für eine Progression der Erkrankung oder Tod war unter Lorlatinib signifikant um 72% im Vergleich zu Crizotinib gesenkt (HR 0,28, p < 0,001). Das mediane PFS ist in der Lorlatinib-Gruppe noch nicht erreicht, unter Crizotinib betrug es 9,3 Monate. 76% der Patienten sprachen auf den neuen ALK-TKI an, 58% auf Crizotinib. Besonders beeindruckend war die Ansprechrate von Hirnmetastasen mit 82% vs. 23%.

Dies kann mit der guten ZNS-Gängigkeit der Substanz erklärt werden. Sie zieht aber auch unerwünschte Wirkungen wie kognitive Störungen nach sich. Eine weitere Besonderheit der Substanz ist, dass sie zu Hypercholesterinämie, Hypertriglyzeridämie und Gewichtszunahme führen kann.

Lorlatinib sollte nach Meinung der Autoren als neuer Standard in der Erstlinientherapie bei ALK-positivem NSCLC überlegt werden.

Kastrationsresistentes Prostatakarzinom: Olaparib verlängert Überleben

Männer mit rezidiviertem metastasiertem, kastrationsresistentem Prostatakarzinom (mCRPC) sowie einer Mutation in BRCA1, BRCA2 oder ATM überleben unter Olaparib signifikant länger als unter einer Behandlung mit Prednison plus Enzalutamid oder plus Abirateron. Das Risiko zu sterben war mit dem PARP-Inhibitor um 31% geringer als in der Kontrollgruppe.

Diese finalen Daten zum Gesamtüberleben aus der PROfound-Studie, sind beim Kongress vorgestellt und parallel im New England Journal of Medicine publiziert worden. In der Studie hatten die Patienten randomisiert Olaparib (300 mg zweimal täglich) oder Prednison plus Enzalutamid (160 mg einmal täglich) bzw. plus Abirateron (1.000 mg einmal täglich) erhalten. Die Ergebnisse zu den primären und sekundären Endpunkten waren beim ESMO-Kongress 2019 und im New England Journal of Medicine präsentiert worden (wie Medscape berichtete): Olaparib hatte das progressionsfreie Überleben (PFS) im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant verlängert und die Ansprechrate verbessert.

Nun zeigen die neuen Daten, dass auch das Gesamtüberleben (OS) durch Olaparib in der Kohorte A (Patienten mit Mutationen in BRCA1, BRCA2 oder ATM) im Median von 14,7 Monaten auf 19,1 Monate verlängert wurde (HR = 0,69, p =0,02). Dies, obwohl 67% der Patienten nach Progression von der Kontroll- in die Olaparib-Gruppe gewechselt hatten.

Der Diskutant beim virtuellen ESMO-Kongress merkte allerdings an, dass die Interpretation der Daten bei einem so starken Crossover schwierig sei. Auch wies er darauf hin, dass die Patienten in der Kontrollgruppe eine quasi unwirksame Therapie erhalten hatten, denn die Erkrankung sei bei den Patienten zuvor unter Androgen-Deprivation bereits fortgeschritten.

Nierenzellkarzinom: Nivolumab plus Cabozantinib – neue Alternative in der Erstlinie

In der Erstlinientherapie bei nicht vorbehandelten Patienten mit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom (aRCC) haben sich schon verschiedene Kombinationen als besser wirksam als der Standard Sunitinib erwiesen. Nun gesellt sich eine weitere Therapiemöglichkeit dazu.

Die Kombination aus Nivolumab plus Cabozantinib verbesserte in der offenen Phase-3-Studie CheckMate 9ER im Vergleich zu Sunitinib das Gesamtüberleben (HR: 0,60, p = 0,001), das progressionsfreie Überleben (16,6 vs. 8,3 Monate; HR: 0,51) und die Ansprechrate (55,7% vs. 27,1%, p < 0,0001) signifikant.

Die Lebensqualität wurde unter der Kombinationstherapie aufrechterhalten, während sich die Werte in der Sunitinib-Gruppe verschlechterten.

„Diese Ergebnisse unterstützen den Einsatz von Nivolumab plus Cabozantinib als potenzielle First-Line-Option für Patienten mit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom“, so die Schlussfolgerung der Autoren.

Die bisher vorliegenden Phase-3-Studien zur Erstlinien-Kombinationstherapie des fortgeschrittenen Nierenzellkarzinoms sind allerdings im Design so unterschiedlich, dass direkte Vergleiche kaum möglich sind. Derzeit kann sich die Wahl der Kombination nach Ansicht des Diskutanten der Studie nur an der Aggressivität des Tumors ausrichten. Dieser schlug für einen aggressiven Tumor eine Kombitherapie aus Immuncheckpoint-Inhibitor plus VEGFR-Tyrosinkinase-Inhibitor vor, in anderen Fällen könne man eine Kombination aus Immuntherapeutika nutzen.

Kastrationsresistentes Prostatakarzinom: Mit Ipatasertib länger progressionsfrei bei Tumoren mit PTEN-Verlust

Bei etwa 40 bis 60% der Patienten mit einem mCRPC besteht ein funktioneller Verlust des Tumorsupressorproteins PTEN im Tumor. Dies resultiert in einer Überaktivierung des PI3K/AKT-Signalwegs und verschlechtert die Prognose der Erkrankung.

Mit Ipatasertib befindet sich ein oral applizierbarer, hoch spezifischer Hemmer aller 3 Isoformen der AKT in klinischer Prüfung, der den PI3K/AKT-Signalweg hemmt.

In der Phase-3-Studie IPATential150 nahmen 1.101 nicht vorbehandelte mCRPC-Patienten teil, die alle Abirateron und Prednison/Prednisolon erhielten. Randomisiert wurde dann zusätzlich Ipatasertib bzw. Placebo gegeben. Koprimäre Endpunkte waren das radiologisch bestätigte progressionfreie Überleben (rPFS) bei Patienten mit PETN-Verlust und in der Gesamtgruppe.

Nach einem medianen Follow-Up von 19 Monaten war der primäre Endpunkt bei den Patienten mit PETN-Verlust-Tumoren erreicht: das rPFS betrug im Median 18,5 Monate unter Ipatasertib und 16,5 Monate in der Vergleichsgruppe (HR 0,77, p = 0,0335). In der Intention-to-Treat-Gruppe wurde das rPFS nicht signifikant verlängert.

Die Zeit bis zur PSA-Progression und bis zum PSA-Ansprechen wurde durch Ipatasertib verbessert. Die Gesamtansprechrate war in der Verumgruppe höher.

Unter Ipatasertib wurden vermehrt Durchfall und Hautreaktionen beobachtet, die durch prophylaktische Gabe von Antidiarrhoika und Antihistaminika kontrolliert werden konnten.

Noch müssen weitere Ergebnisse abgewartet werden, um den Stellenwert der neuen Substanz besser einordnen zu können, hieß es beim Kongress.

Update vom 14.9.2020

In unserem aktuellen Onkologie-Blog geht es um die Alters-Obergrenze beim Mammographie-Screening: Immer mehr Sterbefälle an Brustkrebs bei Frauen über 70 stellen diese in Frage. Zudem gute Nachrichten für Brustkrebs-Patientinnen: Kognitive Störungen durch die adjuvante Chemo sind meist vorübergehend, zeigen Studiendaten. Entwarnung auch für Kinder mit Krebs: Nach retrospektiven Daten sind sie durch COVID-19 nicht stärker gefährdet. Und zum Abschluss noch etwas Kulinarisches: In der diesjährigen Nationalen Krebspräventionswoche geht es um Ernährung – inklusive Rezeptvorschlägen vom Meisterkoch.

  • Mammographie-Screening: Endet es in Deutschland zu früh?

  • Brustkrebs: Kognitionsstörungen durch Chemo meist vorübergehend

  • Peniskarzinom: Erste S3-Leitinie zu Diagnostik, Therapie und Nachsorge

  • Kinder mit Krebs: Keine erhöhte Gefahr durch COVID-19

  • Nationale Krebspräventionswoche: Risikosenkung mit Messer und Gabel

Mammographie-Screening: Endet es in Deutschland zu früh?

Die altersstandardisierte Neuerkrankungsrate an Brustkrebs war in den USA zwischen 1975 und 2015 viel höher als in Deutschland. Die Brustkrebs-Sterblichkeit dagegen war schon ab den 1990er Jahren dort deutlich niedriger als in Deutschland.

Die größten Unterschiede gab es bei Frauen, die 70 Jahre und älter waren. Im Jahr 2015 lag die Neuerkrankungsrate in dieser Altersgruppe in Deutschland um 19% niedriger, die Sterblichkeit jedoch um 45% höher als bei den US-amerikanischen Frauen. Das entspricht 87 weniger Brustkrebs-Diagnosen, aber 46 mehr Brustkrebs-Sterbefällen pro 100.000 Frauen in Deutschland.

In dieser Altersgruppe wurden auch große Unterschiede in der Verteilung der Tumorstadien zum Zeitpunkt der Diagnose beobachtet: In Deutschland erhielten 29% der Frauen die Brustkrebs-Diagnose in einem der beiden fortgeschrittenen Stadien III und IV, in den USA dagegen nur 15%.

Bei jüngeren Patientinnen im Alter von 50 bis 69 Jahren glichen sich dagegen im Verlauf des Untersuchungszeitraums die Unterschiede in Neuerkrankungsrate, Sterblichkeit sowie 5-Jahresüberleben zwischen den USA und Deutschland zunehmend an.

Dies zeigt eine in Cancers publizierte Analyse des Deutschen Krebsforschungszentrums und der Gesellschaft der Epidemiologischen Krebsregister (GEKID).

„Die Unterschiede in der Brustkrebs-Sterblichkeit bei älteren Frauen lassen sich nicht durch Unterschiede in der Qualität der Krebsversorgung erklären", betont Studienleiter Prof. Dr. Hermann Brenner, Leiter der Abteilung für Klinische Epidemiologie und Alternsforschung im DKFZ. „Die Hauptursache für die erhebliche Differenz dürfte die spätere Einführung und die geringere Inanspruchnahme des Mammographie-Screenings in Deutschland sein. Die Ergebnisse unterstreichen einmal mehr, wie wichtig Vorsorge und Früherkennung für eine verbesserte Krebsbekämpfung sein können."

„Auf Basis der Studienergebnisse sollte auch darüber diskutiert werden, ob das deutsche Mammographie-Screening nicht zu früh, nämlich schon mit 69 Jahren, endet", meint Prof. Dr. Alexander Katalinic, Coautor der Studie und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Mammographie-Screenings, Lübeck: „In anderen Ländern, wie Frankreich und Niederlande wird das Mammographie-Screening bis zum Alter von 74 Jahren angeboten und auch die WHO sieht ausreichende Belege für ein höheres Screeningalter.“

Brustkrebs: Kognitionsstörungen durch Chemo meist vorübergehend

Die adjuvante Chemotherapie kann bei Frauen mit Brustkrebs früh kognitive Störungen auslösen – diese halten jedoch nicht an. Diese Befunde bedeuten für Patientinnen und Ärzte eine gewisse Sicherheit, wenn eine adjuvante Chemotherapie indiziert ist, meinen die Autoren einer Auswertung der TAILORx-Studie, die im Journal of Clinical Oncology erschienen ist.

Sie untersuchten prospektiv bei 552 Frauen kognitive Beeinträchtigungen mit dem Functional Assessment of Cancer Therapy-Cognitive Function (FACT-Cog) Questionnaire. Die Frauen waren in der TAILORx-Studie randomisiert mit Chemotherapie plus endokriner Therapie (CT + E) oder endokriner Therapie allein adjuvant behandelt worden. Die Patienten füllten den Fragebogen zu Studienbeginn, nach 3, 6, 12, 24 und 36 Monaten aus.

Primärer Endpunkt waren Veränderungen an der FACT-Cog-PCI-Skala, die mit 20 Items die kognitiven Beeinträchtigungen erfasst. Die kognitiven Beeinträchtigungen waren im CT+E-Arm stärker als im E-Arm, und zwar vor allem nach 3 Monaten, gefolgt vom 6-Monats-Zeitpunkt. In den Monaten 12, 24 und 36 unterschieden sich die Scores zwischen den Behandlungsgruppen dann nicht mehr.

Peniskarzinom: Erste S3-Leitinie zu Diagnostik, Therapie und Nachsorge

Erstmals wurde im Rahmen des Leitlinienprogramms Onkologie unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. eine S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Peniskarzinoms erstellt. Hieran waren insgesamt 22 Fachgesellschaften und Organisationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beteiligt.

Ziel der Leitlinie ist es, die Versorgung von Betroffenen in frühen und späteren Erkrankungsstadien zu optimieren und somit eine verbesserte Lebensqualität zu erreichen. Zudem wurden in die Behandlungsempfehlungen auch psycho-onkologische Maßnahmen integriert. Auf Grundlage von systematischen Evidenzsynthesen wurde somit erstmalig ein Behandlungsstandard für diese seltene Tumorerkrankung geschaffen.

Kinder mit Krebs: Keine erhöhte Gefahr durch COVID-19

Kinder mit Krebs sind vermutlich nicht stärker durch eine Infektion mit SARS-Co-V2 gefährdet als gesunde Kinder. Dies schlussfolgert eine Arbeitsgruppe vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York, die in einem Letter in JAMA Oncology über ein Screening- und Testprogramm auf COVID-19 bei Kindern mit Krebserkrankungen berichtet.

Zwischen dem 10. März und dem 12. April 2020 führten die pädiatrischen Onkologen 335 COVID-19-Tests an Kindern und ihren Betreuern durch. Von den 178 Patienten im Durchschnittsalter von 11,1 Jahren wiesen 20 (11,2%) einen positiven Test auf, davon waren nur 3 Mädchen betroffen. Von Kindern mit bekannter Exposition oder Symptomen hatten 17 (29,3%) ein positives Testergebnis, bei den 120 Kindern ohne bekannte Exposition und ohne Symptome waren es nur 3 (2,5%).

Nur 1 Kind musste wegen COVID-19 hospitalisiert werden. 3 Kinder wurden wegen Fieber und Neutropenie oder geplanter Chemotherapie ins Krankenhaus aufgenommen. Alle anderen Kinder hatten nur leichte Symptome und wurden zu Hause betreut.

Unter den 74 Betreuern waren 13 (17,6%) von 10 Patienten positiv für SARS-Co-V2. Bemerkenswert war nach Aussage der Autoren, dass auch von den 68 asymptomatischen Betreuern 10 (14,7%) positiv getestet worden sind.

Die Ergebnisse sprechen nach Ansicht der Autoren auch dagegen, dass Kinder ein Reservoir für nicht erkannte SARS-CoV2-Infektionen bilden.

Nationale Krebspräventionswoche: Risikosenkung mit Messer und Gabel

Derzeit (vom 14. bis 18. September 2020) ist Krebspräventionswoche, in der sich dieses Jahr alles um das Thema Ernährung dreht. Rund 40% der Krebs-Neuerkrankungen in Deutschland könnten durch eine gesunde Lebensweise vermieden werden, knapp 8% allein durch eine vielseitigere und ausgewogenere Ernährung.

Auf dieses ungenutzte Potenzial der Krebsprävention machen das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) und die Deutsche Krebshilfe mit der diesjährigen Nationalen Krebspräventionswoche aufmerksam. Der Berliner Meisterkoch Thomas Kammeier unterstützt die Aktion „Krebsrisiko senken mit Messer und Gabel“ mit Rezepten für 5 gesunde Gerichte, die Betriebskantinen in ganz Deutschland während der Aktionswoche auf den Speiseplan setzen können.

Alle Rezepte der Aktion „Krebsrisiko senken mit Messer und Gabel“ stehen online zur Verfügung unter: www.dkfz.de/rezepte bzw. www.krebshilfe.de/rezepte und können in Form einer Rezept-Broschüre bestellt werden. Zudem gibt es dazu Koch-Videos mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen sowie Rezept-Videos im Zeitraffer.

Weitere Informationen zur Krebspräventionswoche unter: www.dkfz.de/krebspraeventionswoche  bzw. www.krebshilfe.de/krebspraeventionswoche

Update vom 7.9.2020

Unser aktueller Onkologie-Blog informiert über erste Daten zu Dabrafenib/Trametinib beim Gallengangskarzinom und über 5-Jahres-Daten mit der gleichen Wirkstoff-Kombination beim malignen Melanom. Außerdem Entwarnung für topische Calcineurin-Inhibitoren in der Behandlung der atopischen Dermatitis: Sie erhöhen das Risiko für weißen Hautkrebs wohl nicht. Und beim Hodgkin-Lymphom gibt es neue Daten zur Lebensqualität von Langzeit-Überlebenden – diese wird durch die Therapie anscheinend kaum negativ beeinflusst.

  • Cholangiokarzinom: Dabrafenib plus Trametinib bei BRAF-V600E-Mutation eine neue Option

  • Malignes Melanom mit BRAF-Mutation: Nach 5 Jahren jeder Zweite ohne Rezidiv

  • Weißer Hautkrebs: Topische Calcineurin-Inhibitoren erhöhen das Risiko doch nicht

  • Hodgkin-Lymphom: Kaum Langzeit-Folgen der Therapie auf die Lebensqualität Überlebender

  • Europa will im Kampf gegen Krebs mehr und besser zusammenarbeiten

Cholangiokarzinom: Dabrafenib plus Trametinib bei BRAF-V600E-Mutation eine neue Option

Für die Therapie von Patienten mit Gallenwegskarzinomen, deren Tumor nach einer Gemcitabin-basierten Chemotherapie fortschreitet, wird dringend nach wirksamen Optionen gesucht. Etwa 5% der Gallenwegskarzinome weisen eine Mutation der BRAF-Gene auf.

In einer derzeit noch laufenden, offenen, einarmigen, multizentrischen Basket-Studie wird die Wirkung von Dabrafenib und Trametinib bei seltenen Tumoren mit BRAF-V600E-Mutation untersucht. Eine internationale Arbeitsgruppe publizierte nun in Lancet Oncology aus dieser Basket-Studie Ergebnisse von 43 Patienten mit BRAF-mutiertem Gallenwegskarzinom.

Nach einem medianen Follow-Up von 10 Monaten sprachen 22/43 Patienten (51%) auf die Therapie an. Das Ansprechen hielt bei 67% der Responder 6 Monate, bei 36% 12 Monate und bei 13% 24 Monate an. Bei 9 Patienten kam es zu schweren therapieassoziierten Nebenwirkungen.

Trotz der kleinen Patientenzahl und des nichtrandomisierten Designs weisen die Ergebnisse darauf hin, dass mit Dabrafenib plus Trametinib eine potenzielle neue Option für die Behandlung einer definierten Patientengruppe mit Gallenwegskarzinomen zur Verfügung stehen könnte, was aber noch in weiteren Untersuchungen bestätigt werden muss. Die Studie betont aber auf jeden Fall den Wert einer umfassenden molekular-genetischen Untersuchung bei diesem Tumor.

Malignes Melanom mit BRAF-Mutation: Nach 5 Jahren jeder Zweite ohne Rezidiv

Patienten mit malignem Melanom mit lokoregionärer Ausbreitung (Stadium III) und BRAF-Mutation profitieren von einer adjuvanten Therapie mit Dabrafenib plus Trametinib. In der COMBI-AD-Studie verbesserte die Kombination den primären Endpunkt, das rezidivfreie Überleben, signifikant von 39% unter Placebo auf 58% (HR: 0,47). 870 Patienten hatten die Kombinationstherapie oder Placebo randomisiert über 12 Monate erhalten.

Die internationale Arbeitsgruppe hat nun online im New England Journal of Medicine Langzeitdaten publiziert. Nach einem Follow-Up von 59 Monaten lebten noch 52% der Patienten der Dabrafenib/Trametinib-Gruppe ohne Rezidiv, in der Placebo-Gruppe waren es 36% (HR: 0,51). Bei 65% der Verum- und bei 54% der Placebo-Gruppe waren keine distanten Metastasen aufgetreten (HR: 0,55).

Die Patienten müssen weiter nachbeobachtet werden, um zu klären, ob sich diese Ergebnisse auch in einem längeren Gesamtüberleben niederschlagen.

Nicht melanozytärer Hautkrebs: Topische Calcineurin-Inhibitoren erhöhen das Risiko doch nicht

Calcineurin-Inhibitoren wie Tacrolimus oder Pimecrolimus, die zur topischen Behandlung einer atopischen Dermatitis eingesetzt werden, erhöhen bei Erwachsenen das Risiko für einen weißen Hautkrebs doch nicht.

In den USA gibt es für diese Salben eine Black-Box-Warnung, die auf ein erhöhtes Hautkrebsrisiko hinweist.

Wie hoch das Risiko für ein Basalzellkarzinom (BCC) und ein spinozelluläres Karzinom (SSC) tatsächlich ist, hat nun eine amerikanische Arbeitsgruppe retrospektiv anhand der Daten von 93.746 Patienten untersucht. Das Ergebnis: Das Risiko für ein BCC und ein SCC unterschied sich bei Patienten, die mit topischen Calcineurin-Inhibitoren behandelt worden waren, nicht von dem der Patienten, die nur topische Kortikoide verwendeten oder keine der beiden Therapien einsetzten.

„Diese Befunde deuten darauf hin, dass topische Calcineurininhibitoren im Hinblick auf das Risiko eines weißen Hautkrebses bei Erwachsenen mit atopischer Dermatitis sicher sind“, so die Schlussfolgerung der Autoren in JAMA Dermatology .

Hodgkin-Lymphom: Kaum Langzeit-Folgen der Therapie auf die Lebensqualität Überlebender

Das Hodgkin-Lymphom ist eine der am besten heilbaren malignen Erkrankungen. Da es immer mehr Langzeit-Überlebende gibt, nimmt die Bedeutung der Spätfolgen und der gesundheitsbezogenen Lebensqualität in dieser meist jungen Patientengruppe zu.

In einer Längsschnittstudie untersuchte nun die Deutsche Hodgkin-Studien-Gruppe (GHSG) anhand der Daten der GHSG-Studien HD13, HD14 und HD15 umfassend die Lebensqualität-Domänen bei 4.215 Patienten mit Hodgkin-Lymphom von der Diagnose bis zu 5 Jahre danach. Sie analysierten die Einflüsse von Patienten-, Lymphom- und Therapie-Charakteristika.

Nach den Anfang September 2020 im Journal of Clinical Oncology publizierten Ergebnissen haben Tumorlast und Therapie bei der Diagnose und während der Behandlung eine starke negative Wirkung auf viele Domänen der Lebensqualität.

In der anschließenden Zeit aber hatte die zuvor erfolgte Therapie keinerlei Effekte mehr auf eine der Variablen der Lebensqualität. In allen 3 Studien waren die verschiedenen Domänen der Lebensqualität 2 und 5 Jahre nach der Therapie signifikant durch die Scores zu Beginn der Untersuchung und das Alter der Patienten beeinflusst, nicht jedoch durch die Therapie.

Viele Ärzte und Patienten meinen, dass die Chemotherapie ein so genanntes „Chemobrain“ auslöst und die Lebensqualität lang anhaltend und irreversibel störe. Diese Analyse kann dies jedoch nicht bestätigen. Die meisten Störungen der Lebensqualität in der Zeit nach der Therapie basieren auf psychosozialen Faktoren.

Patienten mit schon beeinträchtigter Lebensqualität vor der Behandlung und/oder ältere HL-Patienten sollten nach Meinung der Autoren auf jeden Fall zusätzliche Unterstützung erhalten, um negative Langzeitfolgen der für sie besonders belastenden Krebserkrankung zu verhindern.

Europa will im Kampf gegen Krebs mehr und besser zusammenarbeiten

Krebserkrankungen bleiben ein zentrales Thema in der Gesundheitsversorgung. Das wurde bei einem Expertentreffen des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium (BGM) Anfang September deutlich. Die Frage war, auch anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, wie sich europaweit Verbesserungen in der Versorgung von Krebspatienten erreichen lassen.

Etwa ein Drittel aller Menschen in Europa muss damit rechnen, im Laufe des Lebens an einem bösartigen Tumor zu erkranken. Im Jahr 2020 werden voraussichtlich etwa 2,7 Mio. EU-Bürger an Krebs erkranken und 1,3 Mio. an der Krankheit sterben. Bereits heute leben in Europa rund 12 Mio. Menschen mit oder nach einer Krebserkrankung. Der demographische Wandel trägt zu weiter steigenden Neuerkrankungsraten bei.

Dr. Thomas Gebhart, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Gesundheit, wies darauf hin, wie wichtig die Verfügbarkeit von Behandlungsdaten für eine optimale Versorgung der Patienten ist. „Wir werden die deutsche EU-Ratspräsidentschaft nutzen, um die Weichen zu stellen für einen europäischen Gesundheitsdaten-Raum. Ein EU-weiter Zugang und Austausch von Daten nach unseren Regeln erleichtert die Forschung und verbessert die Versorgung von EU-Bürgerinnen und -Bürgern. Im Kampf gegen Krebs müssen wir in Europa zusammenstehen", sagte er.

Margaritis Schinas, Vizepräsident der EU-Kommission, betonte in einer Videobotschaft, dass der Europäische Aktionsplan zur Krebsbekämpfung (Europe‘s Beating Cancer Plan) noch in diesem Jahr präsentiert werden soll.

Mehrere Experten sprachen an, dass heute noch erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen EU-Staaten bei der Versorgung von Krebspatienten bestehen. Ziel sei ein gerechtes, solidarisches Europa. Menschen in allen EU-Staaten müssten im gleichen Maße Zugang zu innovativen Diagnose- und Therapiemethoden erhalten. Tragfähige Netzwerke und europäische Partnerschaftsmodelle könnten ein wichtiger Schritt sein, um für Krebspatientinnen und -patienten in ganz Europa einheitliche Versorgungsstandards zu etablieren.

Eine Videoaufzeichnung der Konferenz kann abgerufen werden unter: www.dkfz.de/EU2020-Event.

Update vom 31.8.2020

Unser aktueller Blog beschäftigt sich u.a. mit neuen Erkenntnissen zur CLL: So haben Patienten – bei allen Fortschritten mit den Bruton-Tyrosinkinase-Hemmern (BTKi) – unter der Behandlung ein erhöhtes Risiko für Sekundärmalignome. Und: Vor der CLL-Diagnose leiden die Patienten bereits über Jahre gehäuft an Infektionen. Beim metastasiertem kastrationsresistenten Prostatakarzinom gibt es mit dem PARP-Hemmer Rucaparib nun eine weitere zielgerichtet wirkende Substanz – die auch schon die FDA-Zulassung hat. RET-Inhibitoren sind eine neue Art von Therapie über Entitätsgrenzen hinweg – auch hier gibt es eine Neu-Zulassung der FDA. Und: Erstmal hat nun eine Fachgesellschaft, nämlich die ESMO, Empfehlungen veröffentlicht, welche Krebs-Patienten Kandidaten für eine Gensequenzierung sind.  

  • CLL: Unter BTKi erhöhtes Risiko für Sekundärmalignome 

  • CLL: Schon 6 Jahre vor der Diagnose sind Infektionen häufig

  • Prostata-Ca mit BRCA-Mutation: Rucaparib als neue Behandlungsoption

  • RET-Inhibitoren: Zulassung für Tumortherapie über Entitätsgrenzen hinweg

  • ESMO-Empfehlung: Wer ist ein Kandidat für das Next generation sequencing?

CLL: Unter BTKi erhöhtes Risiko für Sekundärmalignome

Patienten mit chronischer lymphatischer Leukämie (CLL) haben aufgrund der gestörten Funktion des Immunsystems ein erhöhtes Risiko, an Sekundärmalignomen zu erkranken. Eine Therapie kann das Risiko weiter erhöhen.

Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer (BTKi) wie Ibrutinib und Aclabrutinib werden aufgrund ihrer guten Wirkung zunehmend zur Behandlung der CLL eingesetzt. Zur Häufigkeit von Sekundärmalignomen lagen bislang keine Daten vor.

Deshalb untersuchte eine Arbeitsgruppe aus Columbus im US-Bundesstaat Ohio dies retrospektiv bei 691 Patienten, die zwischen 2009 und 2017 am Ohio State University Comprehensive Cancer Center mit einem BTKi behandelt worden waren. Hierzu verglichen sie die Inzidenzrate unter BTKi mit der standardisierten Inzidenzrate der Allgemeinbevölkerung.

Wie sie in Leukemia berichteten, war nach einer Nachbeobachtungszeit von fast 4 Jahren (44 Monate) bei 9% der Patienten (64 von 691) ein Sekundärmalignom aufgetreten, wobei Erkrankungen an weißem Hautkrebs (nicht Melanom-Hautkrebserkankungen – NMSC) nicht berücksichtigt waren.

Für NMSC betrug die kumulierte 3-Jahres-Inzidenz sogar 16–7% für andere Sekundärmalignome. Lungenkrebs gehörte zu den häufigsten sekundären Malignomen.

Das Verhältnis von beobachteter und (aufgrund von Zahlen aus der Allgemeinbevölkerung) zu erwartender Malignomrate war mehr als verdoppelt, was auf ein erhöhtes Risiko für Zweitmalignome unter BTKi-Behandlung hinweist. Die Empfehlung für die Praxis lautet daher, Patienten mit einer CLL sorgfältig zu überwachen, um Sekundärmalignome rechtzeitig aufzudecken.

CLL: Schon 6 Jahre vor der Diagnose sind Infektionen häufig

Weitere News zur CLL: Eine dänische Registerstudie zeigt, dass in den 6 Jahren vor der CLL-Diagnose bereits der Einsatz von Antibiotika signifikant im Vergleich zu entsprechenden Kontrollen ansteigt.

Die in Leukemia publizierte Auswertung bestätigt und ergänzt bisherige Untersuchungen, nach denen das Infektionsrisiko mit der Annäherung an den Zeitpunkt der CLL-Diagnose zunimmt. Nach Ansicht der Autoren belegt dies auch, dass die zunehmenden Infektionen Ausdruck einer Störung des Immunsystems sind, die aus einer monoklonalen B-Lymphozytose (MBL, einem CLL-Vorläufer) und/oder einer nicht diagnostizierten CLL resultieren.

Retrospektiv verglichen die dänischen Forscher die Daten von 8.161 Patienten mit CLL und 47.172 CLL-freien Personen aus den Jahren 1996 bis 2017. Die Analyse zeigte, dass der Antibiotika-Verbrauch ab 6 Jahre vor der CLL- Diagnose zunahm. Vor diesem Zeitpunkt war der Gesamtverbrauch von Antibiotika in beiden Gruppen ähnlich.

Allerdings hatten CLL-Patienten schon vor der 6-Jahres-Frist signifikant häufiger Makrolide (relatives Risiko = 1,15), Antimykotika (1,18) und Virostatika (1,62) im Zeitraum bis zu 22 Jahre vor der Leukämie-Diagnose erhalten.

Prostata-Ca mit BRCA-Mutation: Rucaparib als neue Behandlungsoption

Patienten mit einem kastrationsresistenten metastasierten Prostatakarzinom (mCRPC) und BRCA-Mutationen sprechen auf die Behandlung mit dem PARP-Inhibitor Rucaparib gut an. Dies berichtet eine internationale Arbeitsgruppe im Journal of Clinical Oncology.

Etwa 12% der Patienten mit einem mCRPC haben eine BRCA-Mutation. In solchen Fällen bietet sich die Therapie mit einem PARP-Inhibitor an.

In der offenen einarmigen Phase-2-Studie TRITON2 (Trial of Rucaparib in prostate indications) erhielten 115 Männer mit mCRPC und BRCA-Mutation nach Taxan-basierter Chemotherapie und Behandlung mit Abirateron oder Enzalutamid den PARP-Inhibitor Rucaparib (600 mg zweimal täglich oral).

Die Therapie dauerte im Median 8,1 Monate, die Nachbeobachtungszeit lag bei 17,1 Monaten.

Der primäre Endpunkt, die objektive radiologische Ansprechrate, lag bei 43,5%, die Untersucher-bestätige Ansprechrate betrug 50,8%. Die Ergebnisse in den Subgruppen waren ähnlich. Bei 54,8% der Patienten sank der PSA-Wert.

Die Männer blieben unter der Therapie im Schnitt 9 Monate (radiologisch gemessen) progressionsfrei. Die Daten zum Gesamtüberleben sind noch nicht reif.

Die FDA hat aufgrund dieser Ergebnisse Rucaparib (Rubraca®) im Mai 2020 beschleunigt für diese Patientengruppe zugelassen. Nach Olaparib und Pembrolizumab gibt es damit eine 3. zielgerichtet wirkende Substanz für diese Indikation. Für den Einsatz dieser Substanzen ist in jedem Fall eine genetische Testung Voraussetzung.

RET-Inhibitoren: Zulassung für Tumortherapie über Entitätsgrenzen hinweg

Bei tumoragnostischen Therapieansätzen werden Tumoren über Entitätsgrenzen hinweg anhand molekularer Marker behandelt. Beispiele sind die NTRK-Hemmer Larotrectinib (Vitravki®) und Entrectinib (Rozlytrek®) oder auch der PD1-Hemmer Pembrolizumab (Keytruda®).

Mit dem RET-Inhibitor Selpercatinib (Retevmo®, Lilly) hat die FDA im Mai 2020 nun beschleunigt einen neuen Therapieansatz für die Behandlung von Tumoren mit RET-Mutationen oder RET-Fusionen zugelassen.

Aktivierende RET-Mutationen werden z.B. bei Schilddrüsenkarzinomen nachgewiesen. RET-Fusionen bei nichtkleinzelligem Bronchialkarzinom.

Die Zulassung der FDA basierte auf den Ergebnissen der offenen Phase-1/2-Studie LIBRETTO-001, in die Patienten mit Tumoren und RET-Veränderungen eingeschlossen worden waren.

Wie nun PD Dr. Lori J. Wirth, Massachusetts General Hospital, Boston, USA, und ihre Kollegen aktuell im New England Journal of Medicine berichteten, konnte bei 64% der vorbehandelten Patienten mit Schilddrüsenkarzinom und 85% der nicht vorbehandelten Patienten mit Selpercatinib ein Ansprechen erreicht werden.

Dr. Alexander Drilon, Memorial Sloan Kettering Cancer Center, New York (USA), und seine Kollegen publizierten in der gleichen Ausgabe des New England Journal of Medicine ebenfalls positive Ergebnisse bei Patienten mit Lungenkarzinom aus der LIBRETTO-001-Studie.

Von 105 Patienten mit RET-fusionspositivem NSCLC und mindestens einer platinbasierten Chemotherapie als Vorbehandlung sprachen 64% an. Das Ansprechen hielt im Median 17,5 Monate an. Von 39 nicht vorbehandelten Patienten sprachen 85% an. Bei 90% der Responder hielt das Ansprechen mehr als 6 Monate an. 10 von 11 Patienten (91%) mit Hirnmetastasen zeigten ebenfalls ein Ansprechen.

ESMO-Empfehlung: Wer ist ein Kandidat für das Next generation sequencing?

Mit dem Aufkommen von immer mehr zielgerichteten Therapien stellt sich natürlich die Frage, welche Patienten Kandidaten für eine Gensequenzierung sind. Erstmals hat nun mit der European Society for Medical Oncology (ESMO) eine wissenschaftliche Fachgesellschaft Empfehlungen zum Next generation sequencing (NGS) für Patienten mit fortgeschrittenen Karzinomen in Annals of Oncology veröffentlicht.

NGS sollte routinemäßig bei fortgeschrittenem Lungenkarzinom, Prostatakrebs, Ovarialkarzinom und bei Cholangiokarzinom vorgenommen werden. Bei anderen Tumoren können sich die Patienten zusammen mit ihrem Arzt ebenfalls für ein NGS entscheiden, wenn hierdurch keine zusätzlichen Kosten für das Gesundheitssystem entstehen und die Patienten über den möglicherweise geringen Nutzen informiert werden.

Die ESMO empfiehlt weiter, dass klinische Forschungszentren zur Entwicklung von Innovationen NGS durchführen sollen.

Zusätzlich rät die ESMO, die Tumorlast bei Patienten mit Zervixkarzinom, gut und moderat differenzierten neuroendokrinen Tumoren, Speicheldrüsen-, Schilddrüsen- und Vulvakarzinomen zu testen, weil hiermit eine Vorhersage der Wirkung von Pembrolizumab möglich ist.

Dr. Joaquin Mateo, Co-Autor und Vorsitzender der ESMO-Arbeitsgruppe für translationale Forschung und Präzisionsmedizin, Barcelona, beschrieb in einer Pressemitteilung der ESMO als Vorteil des NGS, dass nur geringe Mengen an Gewebe benötigt werden und damit Biopsien vermieden werden können. „Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass sich die Karzinome im Verlauf der Zeit ändern können, weil sie sich an neue Therapien anpassen.“

Update vom 24.8.2020

Unser aktueller Blog beginnt mit guten Nachrichten: Dank moderner Therapien sterben weniger Menschen an Lungenkrebs, wie US-Daten zeigen. Zudem gibt es wichtige News für die Risikoberatung in der Praxis: Das Risiko für Prostatakrebs ist auch dann erhöht, wenn Vater oder Bruder nur Krebsvorstufen hatten. Bei frühem Brustkrebs scheint eine einmalige Bestrahlung während der OP vergleichbar gut wie die konventionelle Bestrahlung zu wirken. Schon länger bekannt ist, dass Antibiotika die Wirkung von Immuntherapeutika verschlechtern können. Nun gibt es auch Daten zu Patienten mit Blasenkarzinomen. Ältere Patienten mit akuter myeloischer Leukämie überleben unter einer Erstlinientherapie mit Venetoclax länger.

  • Lungenkrebs: Sterblichkeit in den USA sinkt

  • Prostatakarzinom: Auch Vorstufen eines Prostatakarzinoms bei Verwandten erhöhen das Erkrankungsrisiko

  • Brustkrebs: Einmalige Bestrahlung während der Lumpektomie als Ersatz für die konventionelle Radiotherapie?

  • Blasenkarzinom: Atezolizumab wirkt schlechter, wenn Patienten mit Antibiotika behandelt werden

  • Akute myeloische Leukämie: Mit Venetoclax sprechen ältere Patienten besser an

Lungenkrebs: Sterblichkeit in den USA sinkt

Die Sterblichkeit an nichtkleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) ist in den USA in den Jahren von 2013 bis 2016 stark gesunken und das Überleben nach der Diagnose hat sich deutlich verbessert. Dies ist vor allem auf die Fortschritte in der Behandlung zurückzuführen, so die Erklärung der Autoren einer Studie des National Cancer Institute (NCI), die im New England Journal of Medicine publiziert worden ist.

„Ein verringerter Tabakkonsum in den USA wurde mit einem fortschreitenden Rückgang der Todesfälle durch Lungenkrebs in Verbindung gebracht, der um 1990 bei Männern und um 2000 bei Frauen begann. Bisher wussten wir jedoch nicht, ob neuere Behandlungen zu einigen der jüngsten Verbesserungen beitragen könnten“, sagt Dr. Douglas R. Lowy, stellvertretender NCI-Direktor und Mitautor der Studie in einem Pressestatement.

„Diese Analyse zeigt zum ersten Mal, dass die landesweiten Sterblichkeitsraten für die häufigste Form des Lungenkrebses, den nicht-kleinzelligen Lungenkrebs, schneller sinken als ihre Inzidenz, ein Fortschritt, der mit der Zulassung von mehreren gezielt wirkenden Medikamenten durch die FDA korreliert.“

Bei Männern sanken die Todesfälle durch ein NSCLC von 2006 bis 2013 jährlich um 3,2% und von 2013 bis 2016 um 6,3%, während die Inzidenz von 2001 bis 2008 jährlich um 1,9% und von 2008 bis 2016 um 3,1% jährlich zurückging. Das Zweijahresüberleben von Männern mit NSCLC verbesserte sich von 26% bei 2001 diagnostizierten Patienten auf 35% bei 2014 diagnostizierten Patienten. Eine ähnliche Verbesserung wurde bei Frauen beobachtet.

Der 2013 einsetzende beschleunigte Rückgang der NSCLC-Mortalität korrespondiert mit der Zeit, als begonnen wurde, Patienten routinemäßig auf genetische Veränderungen zu testen und entsprechend gezielt zu therapieren.

„Der Überlebensvorteil für Patienten mit NSCLC, die gezielt behandelt wurden, ist in klinischen Studien nachgewiesen worden. Diese Studie zeigt jedoch die Auswirkungen dieser Behandlungen auf Bevölkerungsebene“, kommentierte Studienleiterin Dr. Nadia Howlader vom NCI.

Prostatakarzinom: Auch Vorstufen bei Verwandten erhöhen das Erkrankungsrisiko

Ein Mann, dessen Verwandter ersten Grades (Vater oder Bruder) an einer Vorstufe eines Prostatakarzinoms erkrankt ist, hat ein 1,7-fach erhöhtes Risiko, selbst an einem invasiven Prostatakarzinom zu erkranken. Dies gilt im Vergleich zu Männern ohne Prostatakrebs oder dessen Vorstufen in der Familienanamnese.

Der stärkste Risikofaktor für ein Prostatakarzinom scheint nach mehreren Studien Erkrankungen in der Familie zu sein. Bekannt ist, dass invasive Prostatakarzinome bei Familienangehörigen das Risiko für ein Prostatakarzinom etwa 2-fach erhöhen.

Ob auch bestimmte Vorstufen von Prostatakrebs, z.B. atypische mikroazinäre Proliferation (ASAP) oder prostatische intraepitheliale Neoplasie (PIN), in der Familiengeschichte dieses Risiko erhöhen, wurde jetzt erstmals in einer großen Studie von Forschern des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT), Heidelberg, zusammen mit Kollegen aus Lund untersucht und in Cancer publiziert.

In der bislang weltweit größten Kohortenstudie zu familiärem Prostatakrebs haben sie die Daten von 6,3 Mio. nach 1931 geborenen schwedischen Männern und deren Eltern ausgewertet. Während des Studienzeitraums von 1958 bis 2015 erkrankten 238.196 Männer (3,8%) an einem invasiven Prostatakarzinom und 5.756 Männer (0,09%) an einer der untersuchten Vorstufen von Prostatakrebs.

Männer, deren Bruder oder Vater an einer Vorstufe von Prostatakrebs erkrankt waren, hatten ein um 70% erhöhtes Risiko, an einem invasiven Prostatakarzinom zu erkranken und zu versterben, im Vergleich zu Männern ohne eine solche Krebs-Vorstufe bei Verwandten ersten Grades.

„Gibt es in der Familiengeschichte Vorstufen von Prostatakrebs, sind diese Tumorformen also genauso relevant wie invasive Formen von Prostatakrebs bei Verwandten – und zwar sowohl in Bezug auf das Auftreten von Prostatakrebs als auch auf die Sterblichkeit“, so Dr. Mahdi Fallah, Leiter der Gruppe Risikoadaptierte Prävention in der Abteilung Präventive Onkologie des DKFZ und am NCT Heidelberg, in einer Pressemitteilung.

Brustkrebs: Bestrahlung während der Lumpektomie als Ersatz für die konventionelle Radiotherapie?

Das Konzept der intraoperativen gezielten Radiotherapie (TARGIT-IORT) erwies sich in einer internationalen prospektiven, randomisierten, offenen Studie mit insgesamt 2.298 Frauen mit frühem Mammakarzinom als vergleichbar wirksam wie eine konventionelle Strahlentherapie.

Zwischen März 2000 und Juni 2012 erhielten 1.140 Frauen TARGIT-IORT, 1.158 wurden konventionell bestrahlt. Bei der TARGIT-IORT wurde das Tumorbett einmalig als Teil der Operation gezielt bestrahlt.

Die Langzeitergebnisse der im BMJ publizierten Studie belegen, dass TARGIT-IORT nicht schlechter als konventionelle Bestrahlung wirkt. Nach 5 Jahren Follow-Up betrug das Risiko für ein lokales Rezidiv 2,11% in der TARGIT-IORT-Gruppe und 0,95% in der Vergleichsgruppe, der Unterschied war klinisch nicht signifikant. Unter TARGIT-IORT kam es zwar häufiger zu lokalen Rezidiven (24 vs. 11), aber es starben auch 14 Patientinnen weniger (42 vs. 56).

Nach durchschnittlich 8,6 Jahren zeigten sich keine signifikanten Unterschiede im Überleben ohne lokales Rezidiv, Überleben ohne Mastektomie, im Gesamtüberleben und in den Brustkrebs-bedingten Todesfällen.

Nach Ansicht der Autoren stellt die risikoadaptierte TARGIT-IORT eine effektive Alternative zur konventionellen Bestrahlung dar und sollte mit geeigneten Patientinnen bei der Therapieplanung diskutiert werden.

Blasenkarzinom: Atezolizumab wirkt schlechter, wenn Patienten mit Antibiotika behandelt werden

Verschiedene Arbeiten haben gezeigt, dass eine Antibiotika-Therapie die Wirkung von Immuntherapeutika bei Krebspatienten verringern kann. Zu Patienten mit Blasenkarzinom gab es bislang keine Daten. Daher analysierte nun eine australische Arbeitsgruppe Post-hoc-Daten der einarmigen IMvigor210-Studie mit Atezolizumab und der randomisierten Phase-3-Studie IMvigor-211-Studie mit Atezolizumab versus Chemotherapie. Als Antibiotikagebrauch war eine Anwendung 30 Tage vor und 30 Tage nach Beginn der Immuntherapie definiert.

Wie die in European Urology publizierten Ergebnisse zeigen, war eine Antibiotika-Therapie unter Atezolizumab mit einem schlechteren Gesamtüberleben (OS) (Hazard Ratio: 1,44) und einem schlechteren progressionsfreien Überleben (PFS) (HR: 1,24) assoziiert. Dies war bei Patienten unter Chemotherapie nicht der Fall (OS HR: 1,15; PFS HR: 1,09).

In der randomisierten IMvigor-211-Studie lag die HR für das Gesamtüberleben bei Antibiotika-Gabe unter Atezolizumab versus Chemotherapie bei 0,95, ohne Antibiotika bei 0,73.

Die Autoren weisen darauf hin, dass es die Ergebnisse diese Studie nicht rechtfertigen, dass bakterielle Infektionen bei einer Immuntherapie von Krebskranken nicht mehr adäquat mit Antibiotika behandelt werden. „Aber es gibt Hinweise, dass bei Krebspatienten Antibiotika zu häufig eingesetzt werden. Hierdurch wird nicht nur zusätzlich das Risiko resistenter Erreger erhöht, die Studienergebnisse weisen auch darauf hin, dass besondere Vorsicht angebracht ist, wenn Immuntherapeutika eingesetzt werden.“

Prospektive Studien zu dieser Fragestellung sind dringend erforderlich. Sollte sich dann herausstellen, dass Antibiotika die Wirksamkeit der Immuntherapie über ihre Wirkungen auf die Mikroflora des Darms kausal verändern, müsste überlegt werden, ob Immuntherapeutika in solchen Fällen geeignet sind.

Akute myeloische Leukämie: Mit Venetoclax sprechen ältere Patienten besser an

Venetoclax zusätzlich zu Azacitidin verlängerte in der Erstlinientherapie bei älteren Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) das Überleben und erhöhte die Rate kompletter Remissionen im Vergleich zu Azacitidin-Monotherapie. Dies zeigte die internationale Studie VIALE-A unter Beteiligung der Ulmer Universitätsmedizin, deren Ergebnisse nun im New England Journal of Medicine publiziert worden sind.

431 ältere Patienten mit AML, die aufgrund des hohen Alters oder wegen Vorerkrankungen nicht intensiv chemotherapiert werden konnten, erhielten randomisiert Azacitidin plus Venetoclax (n = 286) oder Azacitidin allein (n = 145). Nach einem medianen Follow-Up von 20,5 Monaten lag das Gesamtüberleben im Median in der Azacitidin-Venetoclax-Gruppe bei 14,7 Monaten, in der Kontrollgruppe bei 9,6 Monaten (HR: 0,66; p < 0,001). 36,7% der Venetoclax-Patienten erreichten eine komplette Remission, in der Vergleichsgruppe waren es 17,9% (p < 0,001).

„Die Ergebnisse mit dem BCL-2-Inhibitor Venetoclax aus der internationalen VIALE-A Studie stellen einen Meilenstein in der Leukämie-Behandlung dar und werden den Therapiestandard für ältere Patienten neu definieren“, erläuterte Prof. Dr. Hartmut Döhner, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin III am Universitätsklinikum Ulm und Co-Autor der Studie, in einem Pressestatement. „Die Ergebnisse sind so eindrucksvoll, dass wir mit unserer Studiengruppe jetzt auch eine Studie mit Venetoclax bei jüngeren Patienten mit AML in Planung haben“, ergänzt er.

Update vom 18.8.2020

Unser aktueller Onkologie-Blog klärt Sie auf, warum ASS zur Krebsprävention bei Älteren keine gute Idee ist. Lesen Sie, warum die US-Gastroenterologen-Gesellschaft eine Kehrtwende macht und wieder auf mehr Stuhltests beim Darmkrebs-Screening setzt. Gute Nachrichten für Rektum-Karzinom-Patienten: Auf die adjuvante Therapie nach Resektion kann wohl verzichtet werden, wenn der Krebs pathologisch komplett auf die neoadjuvante Radiochemo-Therapie angesprochen hat. Außerdem: Cave bei frisch erkanntem Diabetes und einer nicht beabsichtigten Gewichtsabnahme! Beides kann ein Hinweis auf ein Pankreaskarzinom sein. Zudem hat die WHO nun weltweit dem Zervixkarzinom den Kampf angesagt – Genaueres zu den geplanten Maßnahmen. Und: Die Diskussion, ob BEACOPP oder ABVD das bessere Therapieregime beim Hodgkin-Lymphom ist, hat eine umfassende Studie versucht zu klären …

  • ASS zur Tumorprävention? Keine gute Idee! Bei Älteren sogar beschleunigte Progression

  • Kolorektal-Karzinom: AGA mit Kehrtwende – mehr Stuhltests zum Screening

  • Rektumkarzinom: Adjuvante Therapie nach der Resektion verzichtbar, wenn der Tumor pathologisch komplett auf die neoadjuvante Chemoradio-Therapie angesprochen hat

  • Pankreaskarzinom: Diabetes und Gewichtsabnahme als frühe Indikatoren

  • Zervixkarzinom: WHO beschließt weltweite Strategie zur Prävention und Kontrolle

  • Hodgkin-Lymphom: BEACOPP und ABVD im Vergleich

ASS zur Tumorprävention? Bei Älteren keine gute Idee! Eher beschleunigte Progression

Bislang gab es vor allem Belege für Menschen mittleren Lebensalters, nach denen ASS das Risiko für eine Krebserkrankung, vor allem für Darmkrebs, reduziert. Es gibt aber nun auch eine Studie, nach der bei älteren Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung die zusätzliche Gabe von ASS sogar die Progression beschleunigen und früher zum Tod führen kann.

Eine US-amerikanisch-australische Arbeitsgruppe hatte die ASPREE-Studie (ASS in Reducing Events in the Elderly) initiiert, weil Informationen für Menschen im höheren Lebensalter fehlten. In der Studie hatten 19.114 Australier und US-Amerikaner im Alter von mindestens 70 Jahren ohne kardiovaskuläre Erkrankungen, Demenz oder körperliche Einschränkungen randomisiert über im Median 4,7 Jahre ASS (100 mg/Tag) oder Placebo erhalten. Wie bereits im Jahr 2018 im NEJM publiziert, erhöhte hier ASS insbesondere die Krebs-bedingte Sterblichkeit.

Nun hat die Arbeitsgruppe am 11. August 2020 online eine detaillierte Analyse der durch ASS bedingten erhöhten Krebs-Sterblichkeit im Journal of the National Cancer Institute publiziert.

Danach bestanden zwischen der ASS- und der Placebo-Gruppe keine signifikanten Unterschiede, insgesamt an Krebs zu erkranken (Hazard-Ratio 1,04) oder auch eine spezifische Krebsform zu entwickeln. Allerdings war unter ASS im höheren Lebensalter das Risiko um 19% erhöht, dass eine Krebserkrankung im metastasierten Stadium diagnostiziert wurde, das Risiko für die Diagnose eines fortgeschrittenen Karzinoms war um 22% erhöht. Teilnehmer mit fortgeschrittenem Karzinom, die ASS einnahmen, hatten ein höheres Sterberisiko als Teilnehmer, die Placebo nahmen.

Als eine mögliche Erklärung für diesen Befund vermuten die Autoren, dass ASS entzündliche und immunologische Reaktionen hemmt, welche das Wachstum und die Verbreitung des Tumors in späteren Stadien kontrollieren.

„Wenn die Ergebnisse bestätigt werden, könnten diese Befunde für die Anwendung von ASS bei Älteren wichtig werden“, so die Autoren. Allerdings sei die Risikoerhöhung in der ASPREE-Studie mit zusätzlich 1,5 Krebs-bedingten Todesfällen pro 1.000 Personenjahre nicht allzu hoch gewesen.

Kolorektal-Karzinom: AGA mit Kehrtwende – mehr Stuhltests zum Screening

Die American Gastroenterological Association (AGA) hat in der Frage des Darmkrebs-Screening eine Kehrwende vollzogen: Sie wendet sich in einem aktuellen White Paper von der Koloskopie als Standard ab, und schlägt eine neue Vorgehensweise vor. Diese kombiniert eine bessere Risikoerfassung, vermehrte nichtinvasive Tests, etwa auf okkultes Blut im Stuhl und gezieltere Empfehlungen für eine Koloskopie. Damit könnten die Compliance der Patienten verbessert und viele Leben gerettet werden, meinen sie.

Die Alternativen zur Koloskopie müssten in organisierte Screeningprogramme integriert werden. Die Koloskopie sollte initial nur Patienten mit hohem Risiko angeboten werden.

„Wenn wir Tests anbieten, die einfach, genau und kostengünstig sind und wenn wir Menschen helfen können, aufgrund ihres individuellen Krebsrisikos die beste Option zu wählen, werden wir mehr Leben retten können,“ sagte Prof. Dr. Joshua E. Melson, Rush University Medical Center, Chicago, zu Medscape Medical News .

Allerdings: Der optimale nichtinvasive Test muss erst noch entwickelt werden. Quantitative immunologische Stuhltests (iFOBT) weisen zwar Blut im Stuhl nach, aber nicht jeder bösartige Tumor blutet. Mit dem iFOBT kann ein fortgeschrittener Polyp von 10 mm oder größer nur mit einer Wahrscheinlichkeit von unter 50% entdeckt werden. Ein Multitarget-DNA-Test (MT-sDNA) erwies sich im direkten Vergleich mit dem immunologischen Test  zwar als sensitiver, aber seine Kosten sind deutlich höher.

Rektumkarzinom: Keine adjuvante Therapie bei pathologisch komplettem Ansprechen

Bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem Rektumkarzinom, die auf eine neoadjuvante Radiochemo-Therapie mit anschließender Resektion pathologisch komplett angesprochen haben, kann man auf eine anschließende adjuvante Chemotherapie verzichten. Dies ist die Schlussfolgerung einer chinesischen Arbeitsgruppe aus einer retrospektiven Studie.

Wie sie im British Journal of Cancer mitteilten, hatten sie die Daten von 5.567 Patienten analysiert, von denen 1.041 pathologisch komplett angesprochen hatten. Nach einem 1:3 Propensity Score Matching wurden hiervon 297 Patienten ohne adjuvante Therapie mit 712 Fällen verglichen, die eine Fluorpyrimidin-basierte Chemotherapie über im Median 4 Zyklen erhalten hatten.

Nach der Kaplan-Meier-Analyse hatten Personen mit und ohne adjuvante Therapie nach 3 Jahren ein ähnliches Outcome beim Gesamtüberleben, beim krankheitsfreien Überleben, beim Überleben ohne lokales Rezidiv und beim Überleben ohne distante Metastasen. Auch in der Subgruppe der Hochrisiko-Patienten verbesserte die adjuvante Therapie die Überlebensdaten nicht.

In den aktuellen S3-Leitlinien „Kolorektales Karzinom“ der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) heißt es derzeit: „Eine Empfehlung für oder gegen eine adjuvante Chemotherapie nach erfolgter neoadjuvanter Radiochemo-Therapie kann auf Grundlage der vorhandenen Datenlage beim Rektumkarzinom nicht geben werden.“

Pankreaskarzinom: Diabetes und Gewichtsabnahme als frühe Indikatoren

Personen mit neu diagnostiziertem Diabetes und unabsichtlichem Gewichtsverlust haben ein hohes Risiko, ein Pankreaskarzinom zu entwickeln. Für diese Gruppe könnte es sinnvoll sein, einen Verdacht auf Pankreaskarzinom abzuklären, so die Schlussfolgerung aus einer am 13. August 2020 in JAMA Oncology publizierten Kohortenstudie.

Die US-amerikanische Autorengruppe analysierte die Daten von 112.818 Frauen aus der Nurses‘ Health Study und von 46.207 Männern aus der Health Professionals Follow-Up Study. Dabei fanden sie 1.116 Fälle mit einem Pankreaskarzinom.

Personen mit einem frisch diagnostizierten Diabetes hatten im Vergleich zu Personen ohne Diabetes eine altersadjustierte Hazard-Ratio (HR) für ein Pankreaskarzinom von 2,97. Bei schon länger bestehendem Diabetes lag die HR bei 2,16.

Personen mit einem unbeabsichtigten Gewichtsverlust von mehr als 3,6 kg hatten im Vergleich zu Personen ohne Gewichtsabnahme eine altersangepasste HR von 1,92 im Vergleich zu Personen ohne Gewichtsverlust.

Das Risiko für ein Pankreaskarzinom war besonders ausgeprägt bei Personen mit frisch diagnostiziertem Diabetes und Gewichtsverlust: HR 3,61 bei Gewichtsverlust bis 3,6 kg, HR 6,75 bei Gewichtsverlust über 3,6 kg.

Zervixkarzinom: WHO beschließt weltweite Strategie zur Prävention und Kontrolle

Die 73. virtuell abgehaltene Weltgesundheitsversammlung verabschiedete im Mai 2020 u.a. eine globale Strategie zur beschleunigten Elimination des Zervixkarzinoms und legte die Ziele für die Jahre 2020 bis 2030 fest. Die Strategie basiert auf 3 Säulen:

  • Prävention durch HPV-Impfung

  • Screening auf und Behandlung von präkanzerösen Läsionen

  • Management des invasiven Zervixkarzinoms einschließlich Zugang zu palliativer Therapie

Um das Zervixkarzinom auszurotten, müssen alle Länder eine Inzidenz unter 4 pro 100.000 Frauenjahre erreichen und aufrechterhalten. Alle Länder sind aufgefordert, bis zum Jahr 2030 folgende Ziele zu erreichen:

  • 90% der Mädchen im Alter von 15 Jahren müssen gegen HPV geimpft sein

  • 70% der Frauen müssen gescreent werden (einmal im Alter von 35 und einmal im Alter von 45 Jahren)

  • 90% der Frauen mit Zervixerkrankung müssen behandelt werden.

Diese 90-70-90-Ziele werden zur Senkung von Inzidenz und Sterblichkeit führen. Nach Aussage der WHO könnte bei ihrer Einhaltung die mediane Inzidenzrate des Zervixkarzinoms bis zum Jahr 2030 um 10% zurückgehen.

Hodgkin-Lymphom: BEACOPP und ABVD im Vergleich

Die Kombination aus Doxorubicin (Adriamycin), Bleomycin, Vinblastin und Dacarbazin (ABVD) ist ein Standard in der Therapie des Hodgkin-Lymphoms (HL). Das von der deutschen Hodgkin-Studiengruppe (GHSG) entwickelte BEACOPP-Schema mit Bleomycin, Etoposid, Doxorubicin, Cyclophosphamid, Vincristin (Oncovin), Procarbazin und Prednison hatte sich im direkten Vergleich zu ABVD in Phase-3-Studien zwar in der Krankheitskontrolle als überlegen erwiesen, aber der Effekt auf das Gesamtüberleben erreichte keine statistische Signifikanz.

In einer in Cancer Medicine publizierten Analyse verglich nun eine europäische Arbeitsgruppe die Effekte der beiden Schemata anhand der gepoolten individuellen Patientendaten aus 4 randomisierten Phase-3-Studien mit insgesamt 1.227 Patienten. 622 Patienten hatten das ABVD-Schema, 605 das BEACOPP-Schema erhalten.

Das Gesamtüberleben unterschied sich in den ersten 18 Monaten der Nachbeobachtungszeit in beiden Gruppen nicht (Hazard Ratio: ABVD vs. BEACOPP 0,715; p = 0,22).

Nach 18 Monaten war das Sterberisiko der ABVD-Patienten höher als das der BEACOPP-Patienten (HR: 1,59; p = 0,0167) 5 Jahre überlebten 88,3% der ABVD-Patienten und 93,2% der BEACOPP-Patienten.

Im ABVD-Arm starben die meisten der 93 Patienten am HL (n = 57), gefolgt von toxischen Nebenwirkungen (n = 15) und Sekundärkarzinomen (n =8). Ein Sekundärkarzinom war die häufigste Todesursache bei den 73 im BEACOPP-Arm gestorbenen Patienten. Von den 22 am Sekundärkarzinom Gestorbenen waren 10 an sekundärer Myelodysplasie/akuter myeloischer Leukämie erkrankt. An der Progression des HL starben 21 und an Toxizitäten 16 Patienten.

Die Autoren schlussfolgern aus ihren Ergebnissen, dass die gepoolte Analyse keinen klinisch bedeutsamen Unterschied der beiden Schemata auf das Gesamtüberleben zeigt. BEACOPP in der Erstlinientherapie erhöhte im Vergleich zu ABVD die Inzidenz sekundärer Leukämien, halbierte aber den Bedarf an Stammzell-Transplantationen. Die bisherige Nachbeobachtungszeit von 7 Jahren sei jedoch eventuell zu kurz, um spät auftretende unerwünschte Wirkungen zu erkennen. Ein längerer Follow-Up sei erforderlich, um letztlich die Effekte von BEACOPP und ABVD auf Fertilität, Sekundärmalignome und Überleben beurteilen zu können.

Update vom 11.8.2020

Register zum Nutzenvergleich; CAR-T-Zell-Therapie in Deutschland; Vergleich adjuvanter Brustkrebstherapien

Was bringen Registerdaten, um den Nutzen unterschiedlicher onkologischer Therapien zu vergleichen? Dies ist ein Thema unseres aktuellen Onkologie-Blogs. Ein weiteres sind CAR-T-Zell-Therapien in Deutschland: Wie breit werden sie genutzt? Antwort auf die Frage, was als frühes Rezidiv eines Rektumkarzinoms nach Operation definiert werden kann, hat eine chinesische Studie gesucht. Eine Netzwerkanalyse verglich die Wirksamkeit verschiedener adjuvanter Chemotherapien bei Frauen mit frühem Mammakarzinom. Und eine weitere Studie testete eine systemische Steroidtherapie gegen schwere Imatinib-bedingte Hautreaktionen.

  • Nutzenbewertung von Onkologika: An der RCT führt noch kein Weg vorbei

  • CAR-T-Zell-Therapie: Wirksam und teuer – aber in Deutschland angekommen

  • Rektumkarzinom: Was gilt als frühes Rezidiv?

  • GIST: Systemische Steroide gegen schwere Imatinib-bedingte Hautreaktionen

  • Brustkrebs: Adjuvante Therapien im (indirekten) Vergleich

Nutzenbewertung von Onkologika: An der RCT führt noch kein Weg vorbei

Nicht umsonst werden Daten aus Patientenregistern für die Nutzenbewertung medizinischer Interventionen eher kritisch gesehen. Eine US-amerikanische Auswertung, publiziert in JAMA Network Open , hat dies nun für onkologische Studien erneut belegt. Verglichen wurden Überlebensdaten verschiedenen Krebstherapien – einmal erhoben in retrospektiven Registerstudien und zum anderen aus randomisierten klinischen Studien (RCT).

Die Autoren verglichen Ergebnisse aus 141 RCT mit Register-Daten der National Cancer Database (NCDB): Nur bei 56% bis 70% (abhängig von der Analysemethode) der Registerdaten stimmten die Hazard-Ratios für das Überleben mit den Werten aus den RCT überein. Bei den p-Werten fanden sich Übereinstimmungen nur bei 41 bis 46% der Fälle.

„Obwohl einige Diskrepanzen zwischen Datenbank-basierten Analysen und RCT auf Zufall oder größeren Patientenpopulationen beruhen können, ist die große Stärke dieser Arbeit, dass sie belegt, dass auch mit einer optimal geplanten Registerstudie nicht unbedingt Ergebnisse wie mit einer RCT erhalten werden. Diese Befunde haben direkte Auswirkungen für die FDA und für Ärzte, die Krebspatienten behandeln“, so Dr. Rahul Banerjee, Abteilung für Hämatologie/Onkologie, Universität von Kalifornien, San Francisco, USA, im begleitenden Editorial.

Wichtig sei ein System, mit dem die Wirksamkeit von Therapien so rasch und kostengünstig wie möglich verglichen werden könne, bei dem aber trotzdem nur möglichst wenige Patienten mit dem geringer wirksamen Regime behandelt werden. Viele seien der Ansicht, dass Real-World-Beobachtungsstudien diese Lücke eines Tages schließen könnten, aber die Ergebnisse der aktuellen Studie von Dr. Abhisek Kumar, Universität von Kalifornien, San Diego, USA, und Kollegen erinnere daran, dass derzeit nach wie vor die Randomisierung der Referenzstandard in der Onkologie sei.

CAR-T-Zell-Therapie: Wirksam und teuer – aber in Deutschland angekommen

Die CAR-T-Zell-Therapie hat ohne Frage neue Perspektiven für eine gezielte Immuntherapie maligner Erkrankungen eröffnet. Vor 10 Jahren sind die ersten Patienten mit dem innovativen Verfahren behandelt worden (wir berichteten) Die beiden ersten kommerziell verfügbaren Präparate sind vor 2 Jahren für Patienten mit rezidivierten/refraktären, aggressiven B-Zell-Lymphomen und rezidivierter/refraktärer B-Linien-ALL zugelassen worden. Die Therapie ist wirksam und sicher, aber auch aufwendig und teuer.

An einer Online-Umfrage der DGHO im Mai 2020 zum aktuellen Stand dieses Therapieverfahrens nahmen 25 der 26 deutschen Zentren teil. Die Ergebnisse:

  • In Deutschland haben 26 Zentren Verträge mit Pharmafirmen über verfügbare CAR-T-Zellen abgeschlossen. Die Zahl der Zentren ist hier weit höher als in anderen europäischen Ländern.

  • Die Zahl der bisher durchgeführten CAR-T-Zelltherapien mit kommerziellen Produkten liegt mit 313 (B-NHL-Therapien ) bzw. 29 (B-Linien-ALL) Behandlungen deutlich unter den Schätzungen von etwa 600 Patienten pro Jahr mit B-NHL bzw. von 50 bis 65 Patienten mit B-Linien ALL. Die Diskrepanz kann durch initiale organisatorische Probleme und eine stringente Indikationsstellung bedingt sein. Die Mehrzahl der Zentren rechnet mit steigenden Patientenzahlen in den nächsten 12 Monaten. Prof. Dr. Lorenz Trümper, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO und Direktor der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen, sieht noch andere Gründe: „Zusammen mit den CAR-T-Zellen haben wir gerade bei den aggressiven Lymphomen in den letzten Jahren erfreulicherweise mehrere neue Arzneimittel mit Heilungschancen in die Hand bekommen. Die Kunst besteht in der Wahl der richtigen Therapie für den richtigen Patienten zum richtigen Zeitpunkt.“

  • Die Rate der intensivpflichtigen Patienten liegt bei 14% und ist damit deutlich niedriger, als zunächst erwartet. Die Sterblichkeit liegt bei 3%

  • Die Durchführung von CAR-T-Zelltherapien wurde durch die COVID-19-Pandemie nur gering beeinträchtigt.

  • Die Finanzierung der Therapie im stationären Bereich ist ein großer Diskussionspunkt. Für die nicht durch abrechenbare DRG-Pauschalen gedeckten Kosten wurde zwischen der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem GKV-Spitzenverband ein Pauschalbetrag von 15.000 Euro vereinbart, der von den meisten Zentren aber als nicht kostendeckend angesehen wird.

Nach Aussage von Trümper sind CAR-T-Zellen in Deutschland inzwischen in der Versorgung angekommen. Mit zunehmender Vertrautheit mit der CAR-T-Zell-Therapie sei auch mit zunehmenden Patientenzahlen zu rechnen. Als nächste Indikation wird die Zulassung von CAR-T-Zellen für Patienten mit Multiplem Myelom erwartet.

Rektumkarzinom: Was gilt als frühes Rezidiv?

Was ist ein „frühes“ Rezidiv nach der Operation eines Rektumkarzinoms? Bislang war dies unklar. Eine prospektive chinesische Studie, publiziert im European Journal of Surgical Oncology schafft nun Klarheit: Ein Rezidiv innerhalb von 24 Monaten nach der Operation gilt als früh.

Der Grenzwert von 24 Monaten ergibt sich aufgrund von Daten zum rezidivfreien Überleben. Ausgewertet wurden die Daten von 763 Patienten mit einem lokal fortgeschrittenen Rektumkarzinom, die eine neoadjuvante Chemotherapie erhalten hatten und operiert worden waren. Diejenigen mit einem „frühen“ Rezidiv überlebten nur 12 Monate rezidivfrei; diejenigen mit einem „späten“ Rezidiv 22 Monate. Am häufigsten traten Lungen-Metastasen auf. Leber-Metastasen waren bei frühem Rezidiv mit 27,2% signifikant häufiger als bei spätem Rezidiv mit 9,5% (p = 0,019).

Als Risikofaktoren für ein frühes Rezidiv erwiesen sich präoperativ erhöhte CEA-Werte, höherer pathologischer TNM-Status, positiver zirkumferentieller Sicherheitsabstand und perineurale Invasion.

GIST: Systemische Steroide gegen schwere Imatinib-bedingte Hautreaktionen

Oral appliziertes Prednisolon kann Imatinib-induzierte schwere Hautreaktionen bei Patienten mit gastrointestinalen Stromatumoren (GIST) effektiv kontrollieren. Die Imatinib-Therapie kann damit trotz der dermatologischen Nebenwirkungen ohne Dosisreduktion weiter geführt werden, so das Ergebnis einer südkoreanischen einarmigen Phase-2-Studie, die in The Oncologist publiziert worden ist.

29 GIST Patienten mit Hautausschlag und Juckreiz vom Schweregrad ≥ 2 nach Imatinib-Gabe erhielten über 3 Wochen Prednisolon oral 30 mg/Tag. Anschließend wurde die Prednisolon-Dosis über 12 Wochen ausgeschlichen.

Bei 22 Patienten (75,8%) war die Steroid-Behandlung erfolgreich, bei 2 Patienten (6,9%) versagte die Therapie und 5 Patienten (17,2%) waren nicht auswertbar. Einer der Therapieversager beendete die Steroidbehandlung nach 7 Wochen, weil er eine schwere Steroid-assoziierte Pneumocystis- Pneumonie entwickelte.

Bei 7 Patienten trat der Hautausschlag nach der Steroid-Behandlung erneut auf, in 4 Fällen konnte er mit einer weiteren Steroid-Gabe erfolgreich therapiert werden. Eine Hyperglykämie (58,6% der Patienten) war die häufigste Steroid-bedingte Nebenwirkung.

Die Aussagekraft der ersten Studie zu dieser Fragestellung mit einem neuen Steroid-Applikationsschema ist allerdings dadurch eingeschränkt, dass sie einarmig und nur bei einer relativ kleinen Patientenzahl durchgeführt worden ist. Die Autoren sind dennoch der Ansicht, dass sie „einen Meilenstein darstellt, um evidenzbasierte Therapierichtlinien für Imatinib-assoziierte Hautreaktionen zu etablieren“.

Brustkrebs: Adjuvante Therapien im (indirekten) Vergleich

Bei Frauen mit HER2-negativem Brustkrebs im frühen Stadium sind die in der adjuvanten Therapie eingesetzten modernen Anthracyclin-haltigen Regime alle ähnlich gut wirksam. Das gilt auch für das nicht Anthracyclin-haltige Regime aus Docetaxel plus Cyclophosphamid. Dies zeigt eine in Clinical Breast Cancer publizierte Netzwerkanalyse von 7 klinischen Studien.

Derzeit werden verschiedene Chemotherapie-Regime für die adjuvante Therapie des frühen Brustkrebses empfohlen. Bekannt ist, dass moderne Anthracyclin-haltige Regime besser wirken als ältere Regime wie Doxorubicin plus Cyclophosphamid über 4 Zyklen (AC) oder Doxorubicin plus Cyclophosphamid über 4 Zyklen gefolgt von 4 Zyklen Paclitaxel. Ferner weiß man, dass Docetaxel plus Cyclophosphamid über 4 Zyklen (TCx4) besser als AC wirkt. Unklar ist jedoch, ob moderne Regime alle ähnlich gut wirksam sind und ob TC mit Anthracyclin-basierten Regimen hier ebenfalls mithalten kann.

Die Netzwerkanalyse ergab nun, dass die Wirksamkeit von

  • dosisdichtem Doxorubicin plus Cyclophosphamid über 4 Zyklen gefolgt von dosisdichtem Paclitaxel über 4 Zyklen (DDACT),

  • Doxorubicin plus Cyclophosphamid über 4 Zyklen gefolgt von wöchentlichem Paclitaxel über 12 Zyklen (ACWKT) und

  • Docetaxel, Doxorubicin plus Cyclophosphamid über 6 Zyklen (TAC)

untereinander sowie mit TCx4 vergleichbar ist. Mit dem TCx4-Schema werden zudem Anthracyclin-bedingte Nebenwirkungen vermieden. Die Autoren mahnen jedoch: „Unsere Analyse ersetzt keine randomisierten kontrollierten Studien wie sie eigentlich für solche Vergleiche notwendig sind.“

Update vom 3. August 2020
Krebs in Corona-Zeiten; Schwerpunkt Brustkrebs weltweit; CAR-T-Zellen beim Hodgkin-Lymphom

Wie versorgt man am besten Krebspatienten während der Corona-Pandemie? Unser aktueller Onkologie-Blog stellt neue Consensus-Publikationen dazu vor (ESMO und deutschsprachige Fachgesellschaften). Der Schwerpunkt diese Woche liegt jedoch beim Brustkrebs. Inzidenz und Sterblichkeit nehmen weltweit zu, vor allem in ärmeren Ländern sterben viele Patientinnen. Bei Frauen mit extrem dichter Brust ist die Mammographie bekanntlich weniger aussagekräftig – doch die Tomosynthese ist als Screeningverfahren hier anscheinend auch nicht besser, so neue Daten. Und eine australische Autorengruppe stellt sogar den Nutzen des klassischen Mammographie-Screenings aufgrund ihrer Analysen in Frage. Schließlich gibt es Neues zur CAR-T-Zelltherapie: Sie erzielt bei Patienten mit r/r-Hodgkin-Lymphom gute Ansprechraten.

  • COVID-19: Consensus-Papiere zum Management von Krebspatienten

  • Brustkrebs: Weltweite Entwicklung bei prä- und postmenopausalen Frauen

  • Mammografie: Bei sehr dichtem Drüsengewebe ist Tomosynthese nicht vorteilhafter

  • Brustkrebs: Ist das Mammographie-Screening unnötig?

  • Rezidiviertes Hodgkin-Lymphom: CAR-T-Zelltherapie vielversprechend

COVID-19: Consensus-Papiere zum Management von Krebspatienten

Eine interdisziplinäre Expertengruppe der European Society for Medical Oncology (ESMO) hat am 31. Juli 2020 in den Annals of Oncology ein Consensus-Papier zum Management von Krebspatienten während der COVID-19-Pandemie publiziert. Es fordert Onkologen dazu auf, keine Krebsbehandlung wegen der COVID-19-Pandemie verzögert zu starten oder sie gar abzubrechen

Auch seien nicht alle Krebspatienten als besonders gefährdet durch die SARS-CoV2-Infektion einzustufen – dies könne ihre optimale Behandlung gefährden.  

Zwar hatte man zu Beginn der Pandemie zunächst alle Krebspatienten als besonders stark gefährdet angesehen, inzwischen sei jedoch klar, dass viele Patienten mit soliden Tumoren durch die Infektion nicht stärker gefährdet seien als die Allgemeinbevölkerung. Nach derzeitigem Kenntnisstand sind vor allem ältere oder multimorbide Patienten und solche, die mit einer Chemotherapie behandelt werden, einem höheren Risiko ausgesetzt. Bei diesen Patienten soll deshalb vor Therapiebeginn ein Test auf SARS-CoV2 durchgeführt werden.

Laufend aktualisiert werden die Onkopedia-Leitlinien zum Umgang mit COVID-19 bei Patienten mit Blut- und Krebserkrankungen. Die Leitlinien richten sich an alle, die Patienten mit Krebserkrankungen behandeln. Sie wurden unter der fachlichen Leitung von Prof. Dr. Marie von Lilienfeld-Toal, Jena, entwickelt, deren Arbeitsschwerpunkte Infektionen in der Hämatologie und Onkologie sind. Neben allgemeinen Maßnahmen und Verhaltensregeln wird der derzeitige Kenntnisstand zur Behandlung von COVID-19 erläutert. Ein weiterer Abschnitt widmet sich organisatorischen Maßnahmen zur Sicherstellung der Versorgung von Krebspatienten.

Empfehlungen zum Vorgehen bei einzelnen Krankheitsentitäten oder Krankheitssituationen sind nach dem jeweils gleichen Schema gegliedert. Experten auf den einzelnen Gebieten beschreiben die Evidenz zu COVID-19, das Risiko für einen schweren Verlauf, die Betreuung der Patienten angesichts der Bedrohung durch COVID-19 und die Änderung der Betreuung bei Nachweis einer SARS-CoV2-Infektion.

Brustkrebs: Weltweite Entwicklung bei prä- und postmenopausalen Frauen

Brustkrebserkrankungen nehmen weltweit zu – und zwar bei prä- und postmenopausalen Frauen, so eine populationsbasierte Analyse der weltweiten Inzidenz und Mortalität, die eine kanadische Arbeitsgruppe in Lancet Global Health publiziert hat.

So wurden im Jahr 2018 weltweit Mammakarzinome bei rund 645.000 prämenopausalen und 1,4 Mio. postmenopausalen Frauen diagnostiziert, die bei 130.000 bzw. 490.000 Patientinnen zum Tod führten. Frauen aus Ländern mit einem niedrigen Human Development Index (HDI – ein Wohlstandsindikator der UN für Staaten) erkrankten häufiger prämenopausal an einem Brustkrebs, als Frauen aus Ländern mit einem hohen HDI. Auch die Sterblichkeit war bei niedrigem HDI höher.

Dabei war in Ländern mit einem sehr hohen HDI die altersstandardisierte Inzidenz an  Brustkrebs (ASIR) prä- und postmenopausal mit 30,6 bzw. 253,6 Fällen/100.000 am höchsten. Jedoch war die altersstandardisierte Mortalität (ASMR) in Ländern mit niedrigem und mittlerem HDI prä- und postmenopausal am höchsten (88,5 und 53,3 Todesfälle/100.000).

Laut Trendanalyse nahm die altersstandardisierte Inzidenzrate für prämenopausale Mammakarzinome in 20 von 44 Populationen signifikant zu, für postmenopausale Mammakarzinome sogar in 24 von 44 Populationen. Prämenopausale Brustkrebserkrankungen nehmen vor allem in reichen Ländern zu, während ein Anstieg postmenopausaler Erkrankungen vorwiegend in Ländern mit einer Besserung der ökonomischen Lage (Länder in Transition) zu beobachten ist.

Die Autoren diskutieren verschiedene Faktoren für diese Ergebnisse, wie Änderungen im Lebensstil (Stichworte Adipositas, Alkohol), im Reproduktionsverhalten (weniger Kinder, Geburten im höheren Lebensalter), Hormonersatztherapie, vermehrtes Screening sowie unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten.

Die Autoren des begleitenden Editorials sind der Meinung, dass die Vergrößerung der Mortalitätslücke und die Zunahme des Ungleichgewichts im Zugang zu und in der Qualität der Behandlungsmöglichkeiten nach Diagnose einer Brustkrebserkrankung in den verschiedenen Regionen der Welt eine globale Antwort erfordere.

Brustkrebs: Tomosynthese keine Vorteile bei sehr dichtem Drüsengewebe

Die digitale Brust-Tomosynthese (DBT) – auch 3D-Mammografie genannt – ist nicht bei allen Frauen besser zur Untersuchung auf ein Mammakarzinom geeignet als die klassische 2D-Mammographie. Sie scheint insbesondere bei Frauen mit sehr dichtem Brustgewebe keine besseren Ergebnisse als die Mammographie zu liefern.

Erstmals hatte eine in JAMA Network Open publizierte Kohortenstudie untersucht, ob es zwischen den beiden Verfahren Unterschiede in Abhängigkeit von der Dichte der Brust, vom Alter und vom Zeitpunkt der Untersuchung (erstes oder nachfolgendes Screening) gibt.

Die US-amerikanische Arbeitsgruppe analysierte 1.273.492 klassische Mammografien und 310.587 Tomosynthesen aus 46 Zentren. Der absolute Nutzen der Tomosynthese war im Vergleich zur Mammografie bei der ersten Untersuchung am größten mit weniger Wiedereinbestellungen und höheren Krebsentdeckungsraten.

Auch bei den nachfolgenden Untersuchungen besserte sich mit der DBT bei den meisten Frauen die Wiedereinbestellungs- oder die Krebserkennungsrate.

Nur bei Frauen mit einer extrem dichten Brust zeigte die DBT keinen Vorteil im Vergleich zur klassischen Mammographie, was eine Herausforderung ist, denn bei sehr dichter Brust wird ein Tumor leichter übersehen und das Krebsrisiko ist höher.

Im begleitenden Editorial wird zu weiteren Untersuchungen geraten, um den Nutzen anderer Verfahren wie MRT, molekularer Bildgebung oder Ultraschall in Abhängigkeit von den Risikofaktoren der Frauen besser einordnen zu können und um heraus zu finden, welche Screeningmethode für Frauen mit dichter Brust am besten geeignet ist.

Brustkrebs: Ist das Mammographie-Screening unnötig?

Die Analyse verschiedener Querschnittsstudien in Australien ergab, dass durch das Mammographie-Screening nicht – wie bei einem Nutzen des Screenings eigentlich zu erwarten - vermehrt früher Brustkrebs und weniger fortgeschrittene Stadien nachgewiesen worden sind. Die Autoren der im Juni 2020 in JAMA Network Open publizierten Studie schlagen deshalb sogar vor, das Mammographie-Screening ganz einzustellen.

Sie fanden bei ihrer Analyse der Daten von 76.630 Frauen im Bundesstaat Victoria, die zwischen 1982 und 2013 ins Victoria Cancer Registry aufgenommen worden waren, dass sich die Inzidenz fortgeschrittener Mammakarzinome zwischen 1986 und 2013 von 12,2/100.000 Frauen auf 23,9/100.000 Frauen verdoppelt hatte.

Trotzdem nahm nach 1994 die Mortalität um 30% bis zum Jahr 2013 ab. Die Autoren gehen davon aus, dass dies allein auf die Verbesserungen der adjuvanten Therapie zurück zu führen ist.

In einem Kommentar bei Medscape Oncology meint Prof. Dr. Andrew M. Kaunitz, Universität von Florida, Jacksonville: „Wenngleich einige die Ergebnisse und Empfehlungen dieser australischen Autorengruppe skeptisch oder gar ablehnend beurteilen werden, ordne ich sie als ‚Good News‘ ein. Wir haben die Behandlung des Mammakarzinoms so dramatisch verbessert, dass es schwierig geworden ist, den Nutzen eines frühen Tumornachweises mit dem Screening nachzuweisen.“ Kaunitz rät daher umso mehr, Entscheidungen zum Screening in enger Absprache mit den Frauen zu treffen.

Rezidiviertes Hodgkin-Lymphom: CAR-T-Zelltherapie vielversprechend

Die CAR-T-Zelltherapie gibt es inzwischen seit 10 Jahren – und sie ist in dieser Zeit stark gehypt worden. Neue Erfolge mit der Methode werden nun bei stark vorbehandelten Patienten mit rezidiviertem/refraktärem Hodgkin-Lymphom berichtet. Bei ihnen erwies sich eine gegen CD30 gerichtete CAR-T-Zelltherapie als sicher und hoch aktiv mit einer Gesamtansprechrate von 72%, wobei komplett 59% der Patienten ansprachen, so eine Phase-1/2-Studie im Journal of Clinical Oncology .

Das Hodgkin-Lymphom kann zwar bei bis zu 85% der Patienten geheilt werden. Diejenigen, bei denen die Erkrankung rezidiviert oder nicht auf eine Behandlung anspricht, haben aber eine schlechte Prognose.

Eine Arbeitsgruppe vom UNC Lineberger Comprehensive Cancer Center und Baylor College of Medicine in Houston untersuchte nun Wirksamkeit und Verträglichkeit einer gegen CD30 gerichteten CAR-T-Zelltherapie bei Patienten, die zuvor ein Konditionierungsregime aus Bendamustin, Bendamustin/Fludarabin oder Cyclophosphamid/Fludarabin zur Lymphozyten-Depletion erhalten hatten. Im Verlauf der Studie stellte sich die Fludarabin-basierte Vorbehandlung als die wirksamste Variante heraus.

Auf die CAR-T-Zellbehandlung sprachen 19 von 32 (59%) mit Fludarabin präkonditionierte Patienten komplett an. Nach einem medianen Follow-Up von 533 Tagen lagen das 1-Jahres-progressionsfreie Überleben (PFS) bei 36% und das 1-Jahres-Gesamtüberleben (OS) bei 94%.

Bei den unerwünschten Wirkungen waren hämatologische Toxizitäten vom Grad 3 oder höher am häufigsten. Bei 10 Patienten kam es zu einem Zytokin-Freisetzungssyndrom vom Grad 1. Neurotoxische Effekte wurden nicht beobachtet.

Update vom 28.7.2020

Mehr Krebs-Tote durch Pandemie erwartet; Brustkrebs: 3 Bisphosphonate im Vergleich; Orales Mikrobiom und Magenkrebs

Unser aktueller Onkologie-Blog informiert über eine Modellierungsstudie aus England. Sie prognostiziert mehr krebsbedingten Todesfälle in den nächsten 5 Jahren. Der Grund sollen verzögerte Diagnosen wegen der COVID-19-Pandemie sein. Eine andere interessante Studie hat 3 Bisphosphonate bei Frauen mit einem Mammakarzinom direkt verglichen. Neue Daten bestätigen, dass Langzeitüberlebende nach Brustkrebs ein höheres Sterberisiko, vor allem aufgrund kardiovaskulärer Erkrankungen haben. Und Menschen mit Parodontose und Zahnverlust in der Anamnese erkranken häufiger an einem Speiseröhren- oder Magenkarzinom. Interessant auch: Der Immuncheckpoint-Inhibitor Pembrolizumab wirkt beim fortgeschrittenen Melanom unabhängig vom BRAF-Mutationsstatus und von einer Vortherapie mit BRAF-Inhibitoren ohne oder mit MEK-Inhibitoren.

  • Verzögerte Diagnose durch COVID-19: Bald mehr Krebstote in England?

  • Brustkrebs: Head-to-Head-Vergleich von 3 Bisphosphonaten

  • Mammakarzinom überlebt, aber höhere (kardiovaskuläre) Sterblichkeit

  • Speiseröhren- und Magenkrebs: Bei Parodontose und Zahnverlust höheres Risiko

  • Metastasiertes Melanom: Pembrolizumab wirkt unabhängig vom BRAF-Mutationsstatus und vorangegangener gezielter Therapie

COVID-19: Anstieg vermeidbarer Krebstodesfälle in England erwartet

In England wird ein Anstieg von vermeidbaren krebsbedingten Todesfällen erwartet, weil Krebserkrankungen aufgrund der COVID-19-Pandemie verzögert diagnostiziert werden. Dies folgert eine in Lancet Oncology publizierte Modellierungsstudie.

Durch Brust-, Kolorektal-, Ösophagus- und Lungenkarzinom könnten deshalb innerhalb der nächsten 5 Jahre zwischen 3.291 bis 3.621 mehr Patienten sterben, so die Analyse. Die Autoren errechneten mit Hilfe dreier unterschiedlicher Szenarien, dass innerhalb der nächsten 5 Jahr nach Diagnose zusätzlich 281 bis 344 Patienten (8-10%) an Brustkrebs, 1.445 bis 1.563 (15-17%) am Kolorektal-Karzinom, 1.235 bis 1.372 (5%) an Lungenkrebs und 330 bis 342 (6%) an Speiseröhrenkrebs sterben werden.

Es seien dringend politische Interventionen erforderlich, um die gesamte Routinediagnostik aufgrund der Pandemie nicht zu stark zurückzufahren, warnen die Autoren. Mehr dazu bei Medscape Oncology .

Brustkrebs: Head-to-Head-Vergleich von Bisphosphonaten in der Adjuvans

Die 3 Bisphosphonate Zoledronsäure, Clodronsäure und Ibandronsäure wirken in der adjuvanten Therapie bei Frauen mit frühem Mammakarzinom auf das krankheitsfreie Überleben (DFS) und das Gesamtüberleben (OS) ähnlich gut. Eine US-amerikanische Arbeitsgruppe verglich Wirksamkeit und Verträglichkeit in der randomisierten S0307-Studie an 6.097 Patienten und publizierte die Ergebnisse im Juli im Journal of the National Cancer Institute .

Die Frauen erhielten über 3 Jahre Clodronsäure (1.600 mg täglich oral), Ibandronsäure (50 mg täglich oral) oder Zoledronsäure (i.v. 4 mg monatlich über 6 Monate, dann 4 mg alle 3 Monate über 2,5 Jahre). Nach 5 Jahren lebten unter Clodronsäure 87,6%, unter Ibandronsäure 87,4% und unter Zoledronsäure 88,3% der Patientinnen krankheitsfrei. Die 5-Jahres-Gesamtüberlebensraten betrugen 92,6%, 92,9% bzw. 92,6%. Die Ergebnisse unterschieden sich nicht in Abhängigkeit vom Alter oder Tumorsubtyp.

Grad-3/4-Nebenwirkungen traten bei 8,3% unter Clodronsäure, 10,5% unter Ibandronsäure und 8,8% unter Zoledronsäure auf. Eine Kieferosteonekrose trat bei 0,36%, 0,77% bzw. 1,26% der Frauen auf, sie war also unter Zoledronsäure am häufigsten. Die Patientinnen bevorzugten die oralen Darreichungsformen.

Die Autoren des begleitenden Editorials bedauern, dass in der Studie eine Placebogruppe fehlte, das sei aber angesichts der Studienlage zu Beginn der S0307-Studie im Jahr 2006 verständlich gewesen.

Die Ereignisrate sei zudem niedriger als erwartet gewesen. Dies sei vermutlich u.a. auf bessere adjuvante Behandlungsmöglichkeiten zurückzuführen, was für die Patientinnen eine gute Nachricht sei.

Brustkrebs: höhere (kardiovaskuläre) Sterblichkeit bei Langzeitüberlebenden

Langzeitüberlebende einer Brustkrebserkrankung haben im Vergleich zu Frauen ohne Mammakarzinom ein höheres Sterberisiko (Hazard Ratio: 1,79), und zwar unabhängig von der Zeit nach der Diagnose, vom Tumorstadium, vom Östrogenrezeptorstatus und von einem Alter von mindestens 70 Jahren bei der Diagnose. Eine Arbeitsgruppe von der John-Hopkins-Universität in Baltimore, USA, berichtete die Ergebnisse der CLUE-II-Studie, einer prospektiven Kohortenstudie, im Juli im Journal of the National Cancer Institute .

Sie verglich die Gesamt- und die kardiovaskuläre Sterblichkeit von 628 Frauen mit Mammakarzinom und 3.140 gematchten Kontrollen ohne Krebs über 25 Jahre. Bei den Frauen mit einem Mammakarzinom in der Anamnese nahm ab 8 Jahren nach der Diagnose die Häufigkeit kardiovaskulärer Todesfälle im Vergleich zu den Kontrollpersonen zu, wobei ältere Frauen (HR: 2,24) und Frauen mit Östrogenrezeptor-positivem Tumor (HR: 1,85) das höchste Risiko hatten. Eine kardiovaskuläre Herzerkrankung war die häufigste Todesursache bei den Kontrollen und die zweithäufigste Todesursache bei den Brustkrebs-Patientinnen.

Die Ursache der erhöhten Sterblichkeit in dieser und anderen Studien basiert nach Aussage der Autoren des begleitenden Editorials im JNCI auf einer Mischung verschiedener Risikofaktoren. So könnte die Krebstherapie eine Rolle spielen, aber natürlich auch die bekannten Faktoren wie Rauchen, Übergewicht, Diabetes, Hypertonie, Fettstoffwechselstörungen oder fortgeschrittenes Alter.

Die Editorialisten fordern u.a. weitere Untersuchungen zum Effekt der Suppression der ovariellen Funktion und zum Einsatz von Aromatasehemmern. Zudem sollten Strategien zur präemptiven Behandlung einer asymptomatischen Koronarsklerose bei postmenopausalen Frauen nach Brustkrebs entwickelt werden.

Speiseröhren- und Magenkrebs: Parodontose und Zahnverlust erhöhen Risiko

Das orale Mikrobiom scheint für die Entstehung von Speiseröhren- und Magenkrebs von Bedeutung zu sein. Dies schlussfolgern Chun-Han Lo und Kollegen aus Boston, USA, aus den Befunden einer prospektiven Analyse der Daten von 98.459 Frauen aus der Nurses‘ Health Study und 49.685 Männern aus der Health Professionals Follow-up-Study, die sie als Letter online im Juli in Gut publizierten.

Innerhalb einer Nachbeobachtungszeit von 22 bis 28 Jahren traten 199 Adenokarzinome der Speiseröhre und 238 Adenokarzinome des Magens auf. Eine Parodontose in der Anamnese erhöhte das Risiko für ein Speiseröhrenkarzinom um 43% und für ein Magenkarzinom um 52%. Der Verlust von mindestens 2 Zähnen ging ebenfalls mit einem erhöhten Risiko für ein Speiseröhren- und Magenkarzinom einher im Vergleich zu Personen ohne Zahnverlust.

Verschiedene bakterielle Erreger aus dem entzündeten Zahnfleisch wie Tannerella forsythia und Porphyromonas gingivalis können das Krebswachstum in Speiseröhre und Magen begünstigen. Eine mangelhafte Oralhygiene und Zahnfleischentzündungen fördern die Bildung endogener Nitrosamine, die ein Magenkarzinom durch Nitrat-reduzierende Bakterien auslösen können.

Metastasiertes Melanom: Pembrolizumab wirkt unabhängig vom BRAF-Mutationsstatus und vorangegangener gezielter Therapie

Patienten mit fortgeschrittenem Melanom können unabhängig vom BRAF-Mutationsstatus und unabhängig von einer vorhergehenden Behandlung mit einem BRAF-Inhibitor ohne oder mit einem MEK-Inhibitor mit dem Immuncheckpoint-Inhibitor Pembrolizumab behandelt werden. Dies zeigte eine in JAMA Oncology online publizierte retrospektive Post-hoc-Subgruppen-Analyse der 3 klinischen Studien KEYNOTE-001, KEYNOTE-002 und KEYNOTE-006, in die 1.558 Patienten mit fortgeschrittenem Melanom und bekanntem BRAF-Status eingeschlossen worden waren.

Alle Patienten waren mit Pembrolizumab behandelt worden. Die Gesamtansprechrate (ORR) lag bei 38,3%, 4 Jahre überlebten 36,9% der Patienten, ohne Progression 22,0% der Patienten.

Bei BRAF-Wildtyp (n = 1.124) bzw. BRAF-V600E/K-Mutation (n = 434) lag die ORR bei 39,8% bzw. 34,3%, das 4-Jahres-OS bei 37,5% bzw. 35,1% und das 4-Jahres PFS bei 22,9% bzw. 19,8%.

Bei Patienten mit einem BRAF-mutierten Melanom, die zuvor einen BRAF-Inhibitor ± MEK-Inhibitor (n = 271) bzw. keine gezielte Therapie (n = 163) erhalten hatten, lag die ORR bei 28,4% bzw. 44,2%, das 4-Jahres-OS bei 26,9% bzw. 49,3% und das 4-Jahres PFS bei 15,2% bzw. 27,8%. Allerdings bestand bei den Ausgangsparametern der Patienten ein Ungleichgewicht. Patienten, die zuvor mit gezielter Therapie behandelt worden waren, hatten eine schlechtere Ausgangsprognose als unbehandelte Patienten. Dies erklärt nach Aussage der Autoren die schlechteren Werte bei Vorbehandlung.

Ähnliche Befunde wie mit Pembrolizumab waren bereits mit dem Immuncheckpoint-Inhibitor Nivolumab berichtet worden. Insgesamt legen diese Ergebnisse nahe, dass eine Immuntherapie möglichst früh in der Therapie des fortgeschrittenen Melanoms eingesetzt werden solle, so die Autoren in einem Presse-Statement.

Update vom 21.7.2020

Venöse und arterielle thromboembolische Komplikationen bei Tumorerkrankungen

In dieser Ausgabe unseres Onkologie-Blogs geht es um die bekannte Assoziation von Krebs und Thromboembolien. Wir haben für Sie vom virtuellen Jahreskongress der International Society of Thrombosis and Haemostatis (ISTH) die wichtigsten Präsentationen zum Thema kurz zusammengefasst.

  • Krebspatienten mit COVID-19: Venöse Thromboembolien häufiger bei schweren Infektionen

  • Krebspatienten unter Chemotherapie: Bei welchen Patienten wirkt eine Prophylaxe mit Apixaban besonders gut?

  • Checkpoint-Inhibitoren und VTE-Risiko

  • Hirntumoren, Leber- und Pankreaskarzinom: Hohes Risiko für arterielle Thrombosen

  • Lungenkarzinom: ALK-Translokation als Risikofaktor für VTE

  • Ticagrelor: Plättchenhemmer wirkt in vitro gegen Tumoren

Krebspatienten mit COVID-19: Venöse Thromboembolien häufiger bei schweren Infektionen

Nicht ganz unerwartet, aber jetzt mit Zahlen unterlegt: Venöse Thromboembolien (VTE) nehmen bei mit SARS-CoV-2 infizierten Krebspatienten umso stärker zu, je schwerer sie an COVID-19 erkrankt sind. Bei leichter COVID-19-Erkrankung lag die VTE-Rate bei 1,2%, bei mittelschwerer Infektion bei 4,1% und bei schwerer Infektion bei 11,9%. Dies zeigen vorläufige Ergebnisse einer Registerstudie des COVID-19 and Cancer Consortium (CCC19), die eine US-amerikanische Arbeitsgruppe als Poster beim ISTH-Kongress 2020 präsentiert hat.

In die Analyse hatten sie die Daten von 2.541 Krebspatienten mit COVID-19 eingeschlossen, von denen jedoch nur 41% in den vergangenen 3 Monaten eine Krebsbehandlung erhalten hatten. Die höchsten VTE-Raten wiesen Patienten mit Blasenkrebs und hämatologischen Erkrankungen auf. Bei Patienten unter aktiver Krebstherapie waren VTE mit 5,2% ebenfalls häufiger als bei Patienten ohne aktive Krebsbehandlung mit 2,5%. Eine progressive Erkrankung erhöhte das VTE-Risiko ebenfalls im Vergleich zu einer Erkrankung in Remission (6,8 vs 2,3%).

Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass die Zahlen möglicherweise das Risiko unterschätzen, weil die Patienten oft nicht lange genug beobachtet werden konnten.

Eine andere amerikanische Untersuchung der STOP-COVID-Gruppe mit 3.239 schwer an COVID-19 erkrankten Patienten ergab, dass die Inzidenz von VTE unabhängig von Komorbiditäten innerhalb von 14 Tagen bei einem Aufenthalt auf der Intensivstation bei 6,3% lag.

Krebspatienten unter Chemotherapie: Bei wem wirkt eine Prophylaxe mit Apixaban besonders gut?

In der AVERT-Studie verringerte eine prophylaktische Gabe von Apixaban (2,5 mg 2-mal täglich) im Vergleich zu Placebo das Risiko von VTE bei Krebs-Patienten, die eine Chemotherapie begonnen hatten (Hazard Ratio: 0,41). Nun untersuchte eine kanadische Arbeitsgruppe in einer vordefinierten Post-hoc-Analyse, bei welchen Patienten Apixaban in dieser Studie besonders gut wirkte.

Das VTE-Risiko wurde durch die Apixaban-Prophylaxe besonders gut bei Patienten im Alter unter 75 Jahren (HR: 0,37), bei Männern (HR: 0,25), bei Patienten mit einem Körpergewicht über 90 kg (HR: 0,18), bei Patienten ohne vorhergehende VTE (HR: 0,41) und bei metastasierter Erkrankung (HR: 0,45) gesenkt. VTE waren zudem seltener bei soliden Tumoren und etwas häufiger bei hämatologischen Erkrankungen.

Checkpoint-Inhibitoren und VTE-Risiko

Krebspatienten, die mit einem Checkpoint-Inhibitor behandelt werden, haben ein substanzielles Risiko für eine venöse und eine arterielle Thromboembolie (ATE). Tritt eine VTE auf, beeinflusst sie den klinischen Verlauf und die Prognose.

Dies zeigte eine österreichische Arbeitsgruppe, die retrospektiv die Daten von 580 Patienten analysierte, die zwischen 2015 und 2018 an der Medizinischen Universitätsklinik von Wien mit einem Immuncheckpoint-Inhibitor behandelt worden waren.

In der medianen Nachbeobachtungszeit von 8,0 Monaten traten 39 VTE und 7 ATE auf, die kumulative Inzidenz lag damit bei 12,9% bzw. 1,9%. Das Auftreten einer VTE war mit einer erhöhten Sterblichkeit und einem erhöhten Risiko der Krankheitsprogression assoziiert.

Alle VTE traten im Stadium IV einer Krebserkrankung auf. Außerdem ist das VTE-Risiko bei vorangegangener VTE erhöht. Tumortyp und Art des Checkpoint-Inhibitors hatten keinen Einfluss auf die VTE-Rate.

Hirntumoren, Leber- und Pankreaskarzinom: Hohes Risiko für arterielle Thrombosen

Bei Krebskranken ist nicht nur das Risiko für VTE, sondern auch für arterielle Thromboembolien (ATE) einschließlich Herzinfarkt und Schlaganfall erhöht, so das Ergebnis einer populationsbasierten Studie einer holländischen Arbeitsgruppe.

Sie analysierte Daten aus dänischen Registern von 458.462 Krebspatienten und 1.375.386 Vergleichspersonen. In den ersten 6 Monaten nach einer Krebsdiagnose betrug die Inzidenz arterieller Thromboembolien 1,6% in der Krebsgruppe und 0,89% in der Vergleichsgruppe. Das ATE-Risiko bei den Krebskranken stieg mit zunehmendem Alter von 0,64% bei unter 60 Jahre alten Patienten auf 2,39% bei Patienten über 74 Jahren.

Als Risikofaktoren für eine ATE ergaben sich männliches Geschlecht, frühere ATE und Diabetes mellitus. Das ATE-Risiko variierte deutlich mit der Art der Krebserkrankung. Am stärksten betroffen waren Patienten mit Hirntumoren, Leber- und Pankreaskarzinom.

Lungenkarzinom: ALK-Translokation als Risikofaktor für VTE

Patienten mit einem ALK-positiven Lungenkarzinom haben ein 4-fach erhöhtes Risiko für eine venöse Thromboembolie und ein 3-fach erhöhtes Risiko für eine arterielle Thrombose. Dies ergab eine retrospektive Kohortenstudie einer Arbeitsgruppe aus Boston. Sie analysierte die Daten von 422 ALK-positiven und 385 ALK-negativen Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkarzinom.

Die ALK-positiven Patienten waren jünger, hatten einen besseren Performance-Status und wiesen weniger Risikofaktoren für ein thromboembolisches Ereignis auf. Dennoch kam es häufiger zu initialen VTE (42,7% vs 28,6%) und zu VTE-Rezidiven (13,5 % vs 3,1%) als bei Patienten ohne ALK-Translokation. Das VTE-Risiko und auch das ATE-Risiko waren durch die ALK-Translokation signifikant erhöht (p < 0,001 bzw. p = 0,038).

Die Autoren schlussfolgern aus ihren Ergebnissen, dass vor allem die ALK-positiven Patienten von einer pharmakologischen Thromboseprophylaxe profitieren könnten.

Ticagrelor: Plättchenhemmer wirkt in vitro gegen Tumoren

Die Therapie mit dem reversiblen P2Y12-Antagonisten Ticagrelor war in 2 klinischen Studien mit einer niedrigeren Inzidenz solider Tumoren assoziiert. Daher untersuchten Forscher aus Perth, Australien, in vitro und im Mausmodell die antiproliferative Wirkung des Thrombozytenfunktionshemmer. Thrombozyten sind ein wichtiger Bestandteil der Tumor-Mikroumgebung, die bei der Metastasierung und einer Chemotherapie-Resistenz beteiligt ist.

Die Versuche zeigten, dass Ticagrelor die Proliferation von Krebszellen des Pankreas in vitro hemmte und synergistisch mit Gemcitabin, Paclitaxel, Cisplatin und Erlotinib wirkte. Im Mausmodell verringerte Ticagrelor, zusätzlich zu Gemcitabin gegeben, das Tumorwachstum, während Gemcitabin alleine keinen signifikanten Effekt hatte.

Nach Aussage der Autoren belegen die Ergebnisse eine Antitumor-Wirkung von Ticagrelor und die wichtige Funktion des P2Y12-Signals bei Krebszellen, was zumindest teilweise die geringere Inzidenz solider Tumoren erklären könnte, die zum Teil in klinischen Studien unter dem Plättchenhemmer beobachtet worden ist.

Update vom 14.7.2020
  Niedrigdosis-CT zum Lungenkrebsscreening; Vorsicht mit Darmspiegelung bei Älteren; Erstmals gezielte Therapie beim Pankreaskrebs zugelassen

Unser Onkologie-Blog informiert diesmal über 6 Themen: Bei der Therapie-induzierten Kieferosteonekrose kann Teriparatid die Heilungschancen erhöhen. Übergewichtige Frauen mit Mammakarzinom, die mit einer Docetaxel-haltigen Chemotherapie behandelt werden, haben eine schlechtere Prognose als schlanke. Die U.S. Preventive Services Task Force empfiehlt Rauchern im Alter zwischen 50 und 80 Jahren einmal jährlich eine Niedrigdosis-Computertomografie zum Screening auf Lungenkrebs. Bei Menschen über 75 Jahren sind Komplikationen nach einer Darmspiegelung zum Screening auf ein Kolonkarzinom innerhalb von 30 Tagen nach der Untersuchung häufiger. Die EU-Kommission hat erstmals eine zielgerichtete Therapie zur Behandlung des Pankreaskarzinoms zugelassen. Und das Wachstum von Pankreaskarzinom-Zellen kann durch einen Eingriff in die Cholesterinablagerung in den Zellen aufgehalten werden.

  • Kieferosteonekrose: Teriparatid verbessert Heilungschancen

  • Brustkrebs: Docetaxel wirkt bei Übergewichtigen schlechter

  • Lungenkrebs: Jährliche Niedrigdosis-CT zur Früherkennung bei Risikopersonen in den USA empfohlen

  • Kolorektalkarzinom: Mehr Komplikationen durch Koloskopie-Screening bei Älteren

  • Pankreaskarzinom: Erstmals PARP-Inhibitor zur Therapie zugelassen

  • Pankreaskarzinom: Hemmung der verstärkten Cholesterinsynthese stoppt Krebszellwachstum

Kieferosteonekrose: Teriparatid verbessert Heilungschancen

Die Therapie-induzierte Kieferosteonekrose ist eine gefürchtete, wenn auch seltene Nebenwirkung bei der Behandlung mit knochenmodifizierenden Substanzen wie Bisphosphonaten oder Denosumab. Durch Optimierung der Mundgesundheit kann sie heute weitgehend verhindert werden. Tritt sie dennoch auf, gibt es derzeit keine Standardtherapie.

Nun scheint mit dem Osteoanabolikum Teriparatid, das zur Behandlung der Osteoporose eingesetzt wird, eine viel versprechende Möglichkeit zur Verfügung zu stehen, so eine aktuell im Journal of Clinical Oncology publizierte australische Studie.

In einer doppelblinden, randomisierten Studie erhielten 34 Patienten mit 47 kiefernekrotischen Läsionen über 8 Wochen Teriparatid (20 µg/Tag s.c.; n = 15) oder Placebo (n = 19) zusätzlich zu Calcium- und Vitamin-D-Supplementierung. Nach 12 Monaten waren in der Teriparatid-Gruppe 45,4% der Läsionen, in der Placebo-Gruppe 33,3% verschwunden. Knochendefekte besserten sich nach 52 Wochen bei 80% der Patienten unter Teriparatid und bei 31,3% unter Placebo. Die Nebenwirkungsrate war in beiden Gruppen ähnlich.

Erstmals konnte damit nach Aussage der Autoren in einer prospektiven randomisierten, placebokontrollierten Studie der Effekt einer Therapie bei dieser Medikamenten-induzierten Nebenwirkung gezeigt werden.

Brustkrebs: Docetaxel wirkt bei Übergewichtigen schlechter

Übergewichtige und adipöse Frauen mit einem Mammakarzinom, die mit einer Docetaxel-haltigen Chemotherapie behandelt werden, haben ein schlechteres krankheitsfreies (DFS) und Gesamtüberleben (OS) als schlanke Patientinnen. Die ergab eine retrospektive Analyse der Daten der adjuvanten BIG-2-98-Studie, die von einer internationalen Arbeitsgruppe Anfang Juli online im Journal of Clinical Oncology publiziert worden ist.

Taxane wie Docetaxel und Paclitaxel sind extrem lipophil. Um sie intravenös infundieren zu können, werden Lösungsvermittler zugesetzt. Bekannt ist zudem, dass sich pharmakokinetische/pharmakodynamische Parameter bei übergewichtigen und schlanken Patienten unterscheiden können. Daher ist bislang unklar, ob die Hauptergebnisse großer randomisierter Studien zur Krebsbehandlung für alle BMI-Subgruppen gleichermaßen gelten.

Die Forscher analysierten deshalb retrospektiv anhand der Daten der BIG-2-98-Studie, ob sich der Effekt einer Chemotherapie mit und ohne Docetaxel in Abhängigkeit vom BMI der 2.887 Patientinnen unterschied. Frauen mit einem BMI von 18,5 bis < 25 galten als schlank, von 25 bis < 30 als übergewichtig und ≥ 30 als adipös.

Bei den nicht mit Docetaxel behandelten Frauen waren in Abhängigkeit vom BMI keine Unterschiede im DFS und OS nachzuweisen. Bei Therapie mit Docetaxel nahmen DFS und OS mit steigendem BMI ab. Die adjustierten Hazard-Ratios für DFS bzw. OS betrugen:

  • 1,12 (p = 0,21) bzw.1,27 (p = 0,04) für übergewichtige versus schlanke Frauen

  • 1,32 (p = 0,007) bzw. 1,63 (p < 0,001) für adipöse versus schlanke Frauen

Diese Daten müssen noch in weiteren Studien belegt werden. Die Autoren planen nun eine prospektive Pharmakokinetik-Studie sowie ähnliche Analysen mit weiteren adjuvanten Taxan-Studien.

Lungenkrebs: Jährliche Niedrigdosis-CT zur Früherkennung bei Risikopersonen in den USA empfohlen

Die U.S. Preventive Services Task Force (USPSTF) empfiehlt in einem zur öffentlichen Diskussion gestellten Papier bei Personen im Alter zwischen 50 und 80 Jahren, die aufgrund ihres Rauchverhaltens ein hohes Risiko haben, einmal jährlich eine Niedrigdosis-Computertomografie (LDCT) zum Screening auf ein Lungenkarzinom durchzuführen.

Die Empfehlung basiert vor allem auf den Ergebnissen des National Lung Screening Trial (NLST) und der Nederlands-Leuvens Longkanker Screenings Onderzoek (NELSON), da dies die bislang einzigen adäquat gepowerten randomisierten Studien sind.

Nach den Ergebnissen des NLST sank durch ein jährliches LDCT-Screening über 3 Jahre bei aktuellen oder früheren Rauchern im Alter zwischen 55 und 74 Jahren die Sterblichkeit an Lungenkrebs (Inzidenzrate: 0,85) und die Gesamtsterblichkeit (IRR: 0,93) im Vergleich zur Röntgenuntersuchung.

Die NELSON-Studie ergab eine geringere Sterblichkeit an Lungenkrebs (IRR: 0,75), die Gesamtsterblichkeit änderte sich jedoch nicht (IRR: 1,0) bei viermaligem LDCT-Screening im Vergleich zu Personen ohne Screening.

Nach Informationen des Krebsinformationsdienstes wird in Deutschland derzeit kein flächendeckendes Screening empfohlen: „Damit ein Früherkennungsprogramm für Lungenkrebs eingeführt werden kann, müssen Voraussetzungen geschaffen werden, welche die Abfolge für Personen mit hohem Lungenkrebsrisiko reibungslos und so risikoarm wie möglich gestalten. Auch die Kostenübernahme muss geregelt sein“, so der KID in einem Informationsblatt. Im Einzelfall können sich Personen mit erhöhtem Risiko an ein spezialisiertes Zentrum wenden.

Kolorektalkarzinom: Mehr Komplikationen durch Koloskopie-Screening bei Älteren

Bei Personen im Alter über 75 Jahren sollte eine Darmspiegelung zum Screening auf ein Kolonkarzinom sorgfältig überlegt werden, denn Komplikationen innerhalb von 30 Tagen nach der Untersuchung sind häufiger, insbesondere wenn gleichzeitig Komorbiditäten vorliegen.

Dies ergab eine populationsbasierte, retrospektive Kohortenstudie, die von einer kanadischen Arbeitsgruppe online in JAMA Netw Open publiziert worden ist.

Sie schlossen 38.069 Personen in die Analyse ein, die sich im mittleren Alter von 65,2 Jahren einer Darmspiegelung unterzogen. Insgesamt traten bei 1.310 Personen (3,4%) innerhalb von 30 Tagen nach der ambulanten Untersuchung Komplikationen auf, die eine Hospitalisierung oder einen Besuch in der Notfallambulanz erforderten.

Die kumulative Inzidenz von Komplikationen war bei Personen im Alter ≥ 75 Jahren mit 6,8% signifikant höher, als bei den jüngeren Personen mit 2,6% (p < 0,001). Die Rate an postkoloskopischen Blutungen war mit insgesamt 0,4% gering, sie war aber mit 0,9% vs. 0,3% bei den Älteren signifikant höher. Auch kardiovaskuläre Komplikationen waren bei den Älteren mit 1,8% versus 0,5% signifikant häufiger.

Eine multivariate logistische Regressionsanalyse ergab als Risikofaktoren für Komplikationen einer Darmspiegelung u.a. Alter über 75 Jahre, Anämie, kardiale Arrhythmien, Herzinsuffizienz, Hypertonie, chronische Nierenerkrankung, Lebererkrankungen, Rauchen und Übergewicht.

Pankreaskarzinom: Erstmals PARP-Inhibitor zur Therapie zugelassen

Erstmals hat die EU-Kommission am 8. Juli 2020 eine zielgerichtete Therapie zur Behandlung von Patienten mit Pankreaskarzinom zugelassen: Der PARP-Inhibitor Olaparib (Lynparza®) kann nun für die Erhaltungstherapie bei Patienten mit metastasiertem Pankreaskarzinom und einer BRACA-1/2-Keimbahnmutation eingesetzt werden, wenn das Karzinom nach einer mindestens 16-wöchigen platinhaltigen Erstlinientherapie nicht fortgeschritten ist.

Die Zulassungserweiterung von Olaparib basiert auf den Ergebnissen der Phase-3-Studie POLO, die beim ASCO-Kongress 2019 vorgestellt und parallel im New England Journal of Medicine publiziert worden ist (wie Medscape berichtete). Olaparib verlängerte in der doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Studie mit 154 Patienten das progressionsfreie Überleben signifikant von 3,8 Monaten unter Placebo auf 7,4 Monate.

Pankreaskarzinom: Hemmung der verstärkten Cholesterinsynthese stoppt Krebszellwachstum

Das Wachstum von Pankreaskarzinom-Zellen kann durch einen Eingriff in die Cholesterinablagerung in den Zellen aufgehalten werden. Diese in Labormodellen und Tierexperimenten erhobenen Befunde ermöglichen eventuell eine neue Strategie zur Behandlung dieser prognostisch ungünstigen Erkrankung.

Wissenschaftler vom Cold Spring Harbor Laboratory (New York, USA) berichteten im Journal of Experimental Medicine , dass Pankreaskarzinomzellen exzessiv Cholesterin produzieren, was das Wachstum der Zellen fördert. Dabei spielt das Enzym Sterol-O-Acyltransferase (SOAT1) eine Rolle, das in den Krebszellen im Überfluss vorhanden ist. Es katalysiert die Umwandlung von freiem Cholesterin in inerte Cholesterinester, eine Lagerform. Dadurch wird die Synthese von freiem Cholesterin in der Zelle über den Mevalonat-Stoffwechselweg aufrechterhalten.

Wenn die Forscher SOAT1 durch genetische Manipulation ausschalteten, stoppte die Proliferation der Pankreas-Karzinomzellen. Auch in Tierexperimenten blockierte eine Hemmung des Enzyms das Krebszellwachstum. Zusätzlich fanden die Forscher, dass die Blockade von SOAT1 nur auf Zellen wirkte, die eine p53-Mutation in beiden Tumorsuppressorgenen aufwiesen.

Die Wissenschaftler hoffen nun, dass es gelingt, eine Substanz zu entwickeln, die selektiv die SOAT1 hemmt und nur auf Krebszellen und nicht auf gesunde Zellen wirkt.

Update vom 3.7.2020

Gentest vor FU-Gabe; Beugt Vitamin Kolitis vor? Die Langzeitfolgen einer Immuntherapie und ein neuer Ansatz gegen Gliome

Die neue Ausgabe unseres Onkologie-Blogs informiert wieder über viele praxisrelevante Fragen. Diesmal geht es z.B. um Nebenwirkungen der Krebstherapie, wie sie sich mittels eines neuen empfohlenen Gentests vermeiden lassen, aber auch welche Langzeiteffekte, etwa nach einer Immuntherapie, drohen. Nicht neu, aber erneut belegt: Frauen, die regelmäßig das verordnete Tamoxifen nehmen, senken so eindeutig ihr Brustkrebsrisiko. Eine große weltweite Analyse bestätigt die (gefühlte) Zunahme bei Schilddrüsenkarzinomen in den letzten 3 Jahrzehnten. Und bei den IDH-mutierten Gliomen – gefürchtet, weil sie oft bei jungen Menschen auftreten und eine schlechte Prognose haben – tut sich mit PAR-Glykohydrolase-Hemmer eine neue Behandlungsoption auf.

  • Gentest vor Fluorouracil-Behandlung: DGHO macht Vorgaben für die Praxis

  • Immuntherapie-induzierte Kolitis: Senkt Vitamin-D-Gabe das Risiko?

  • Immuntherapie: Mit welchen Folgen müssen Langzeit-Überlebende rechnen?

  • Brustkrebs: Tamoxifen-Spiegel deckt Non-Adhärenz und höheres Rezidivrisiko auf

  • Schilddrüsenkarzinom: Die Inzidenz steigt tatsächlich weltweit an

  • Lymphome: Besteht bei atopischen Ekzemen ein erhöhtes Erkrankungsrisiko?

  • IDH-mutierte Gliome: Neue Therapiestrategie mit PAR-Glykohydrolase-Hemmer

Gentest vor Fluorouracil-Behandlung: DGHO macht Vorgaben für die Praxis

Seit kurzem empfehlen die Zulassungsbehörden (EMA, BfArM), Patienten vor einer systemischen Therapie mit FU-haltigen Substanzen auf einen DPD-Mangel zu testen. Zur Umsetzung der Empfehlung hat die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DHGO) nun gemeinsam mit anderen medizinischen Fachgesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ein Positionspapier erarbeitet.

Nahezu jeder 10. Mensch in Europa hat aufgrund von Varianten im Dihydro-Pyrimidin-Dehydrogenase-Gen (DPYD) einen Mangel am Enzym DPD, das für den Abbau des Zytostatikums Fluorouracil (FU) nötig ist. Bei einem Enzymmangel ist aber das Risiko für schwere Nebenwirkungen unter FU-haltigen Arzneimitteln (5-Fluorouracil, Capecitabin oder Tegafur) stark erhöht.  Fluoropyrimidine wie 5-FU gehören zu den häufigsten eingesetzten Zytostatika. In Deutschland werden jährlich 80.000 bis 110.000 Patienten mit einer FU-haltigen Substanz behandelt

Nach den neuen Empfehlungen soll vor Therapie auf die 4 häufigsten Varianten im DPYD getestet werden. Aus den Ergebnissen ergibt sich ein Score der DPD-Aktivität, der Grundlage für das weitere risikoadaptierte Vorgehen ist.

Patienten, deren DPD keine Funktion hat, dürfen nicht mit FU-haltigen Substanzen behandelt werden, bei Patienten mit einem Score von 1,0 soll die Dosis um 50%, bei einem Score von 1,5 um 25% reduziert werden. Gegebenenfalls ist ein Drug Monitoring von 5-FU angezeigt. Bei einem Score von 2 kann die Therapie wie geplant ablaufen (siehe hierzu auch Bericht bei Medscape ).

Immuntherapie-induzierte Kolitis: Senkt Vitamin-D-Gabe das Risiko?

Die Immuntherapie verzeichnet, etwa bei malignen Melanomen, hervorragende Erfolge. Eine einschränkende Nebenwirkung von Checkpoint-Inhibitoren ist aber die Kolitis. Vitamin D kann eventuell das Risiko einer Kolitis verringern. Dies ergab eine retrospektive Analyse am Dana-Farber Cancer Institute, Boston, die online im Juni in Cancer publiziert worden ist.

Die Analyse der Daten von 213 Melanompatienten, die mit einem PD1- und/oder einem CTLA-4-Blocker behandelt worden sind, ergab, dass 37 Patienten (17%) eine Kolitis entwickelten. Vor Beginn der Immuntherapie hatten 66/213 Patienten (31%) Vitamin D eingenommen. Nach einer multivariablen Regressionsanalyse senkte die Vitamin-D-Gabe das Risiko für eine Kolitis signifikant um 65% (OR 0,35).

Diese Befunde wurden in einer weiteren Gruppe von 169 Patienten bestätigt, von denen 49 (29%) eine Kolitis entwickelten. Hier senkte Vitamin D das Kolitis-Risiko um 54%.

Vor einer Änderung der Praxisempfehlungen sollten diese Ergebnisse allerdings am besten noch in einer prospektiven Analyse bestätigt werden.

PD-1- und PD-L1-Inhibitoren: Mit welchen Folgen müssen Langzeit-Überlebende rechnen?

Viele Tumoren, etwa Melanome, Nieren- oder auch Lungenkrebs, sprechen langanhaltend auf eine Immuntherapie mit PD-1- oder PD-L1-Inhibitoren an. Doch ist bislang zu den Langzeiteffekten dieser Substanzen sehr wenig bekannt.

Eine US-amerikanische Arbeitsgruppe hat nun online im European Journal of Cancer eine Studie mit 217 Patienten publiziert, die nach dem Ende der Behandlung eines Melanoms, eines Nierenzellkarzinoms oder eines nichtkleinzelligen Lungenkarzinoms (NSCLC) mit einem PD-1- oder PD-L1-Inhibitor mehr als 2 Jahre überlebt hatten.

Die Mehrzahl der Patienten sprach anhaltend auf die Therapie an und wies eine gute Lebensqualität auf.

Die typischen immunbezogenen Nebenwirkungen, etwa im endokrinen System, scheinen nach den Befunden dieser Studie im Langzeitverlauf häufiger zu sein als bisher vermutet. So litten 2 Jahre nach Ende der Therapie 10,6% an Hypothyreose, 3,2% an Arthritis, 3,2% an Nebenniereninsuffizienz und 2,8% an einer Neuropathie. Bei 6,5% der Patienten war ein Diabetes mellitus Typ 2 und bei 6,0% eine Hypertonie neu aufgetreten, wobei unklar ist, ob hier ein Zusammenhang mit der Immuntherapie besteht.

 

Brustkrebs: Tamoxifen-Spiegel deckt Non-Adhärenz und höheres Rezidivrisiko auf

Ein therapeutisches Drug Monitoring von Tamoxifen-Serumspiegeln hilft Frauen zu identifizieren, die adjuvant verordnetes Tamoxifen nicht einnehmen und deshalb ein höheres Rezidivrisiko für ein Mammakarzinom haben.

Dies zeigt eine prospektive französische Studie mit 1.177 prämenopausalen Frauen aus der CANTO-Kohorte, die im Juni 2020 online im Journal of Clinical Oncology publiziert worden ist. Als biochemische Non-Adhärenz war ein Tamoxifen-Spiegel unter 60 ng/ml ein Jahr nach Verordnung definiert.

16,0% der untersuchten Frauen (n = 188) hatten einen zu niedrigen Wert, hiervon gaben 55% selbst an, Tamoxifen nicht regelmäßig genommen zu haben.

Nach einer weiteren medianen Nachbeobachtungszeit von 24,2 Monaten war das Überleben ohne Fern-Metastasen oder die Zeit bis zum Tod signifikant kürzer bei biochemisch nicht-adhärenten Frauen im Vergleich zu adhärenten Frauen (Hazard-Ratio: 2,31; p = 0,036).

Fazit der Autoren: Die Adhärenz der Patientinnen muss durch gezielte Interventionen gefördert werden, um das Outcome zu verbessern.

Schilddrüsenkarzinom: Die Inzidenz steigt tatsächlich weltweit an

Weltweit nimmt die Häufigkeit von Schilddrüsenkarzinomen zu, so das Ergebnis einer in JAMA Netw Open publizierten Studie.

Die chinesischen Autoren sammelten epidemiologische Daten mit dem Global Health Data Exchange query Tool und erfassten Personen mit einem Schilddrüsenkarzinom in den Jahren 1990 bis 2017 in 195 Ländern und 21 Regionen. Sie untersuchten Änderungen der Inzidenz, Todesfälle und der Disability Adjusted Life Years (DALY) zwischen 1990 und 2017.

Im Untersuchungszeitraum nahmen die Schilddrüsenkarzinome um 169% zu, und zwar von 95.030 Fällen im Jahr 1990 auf 255.490 Fälle im Jahr 2017. Die Todesfälle stiegen um 87% und die DALYs um 75%. Frauen waren häufiger von der Erkrankung betroffen, ihr Anteil betrug 70% bei der Inzidenz, 58,4% bei den Todesfällen und 58,7% bei den DALYs.

Die altersstandardisierte Sterberate und der altersstandardisierte DALY-Wert nahmen von 1990 bis 2017 ab, was die Autoren mit einer Verbesserung der therapeutischen Möglichkeiten erklären.

Die meisten Patienten waren zwischen 50 und 69 Jahre alt. Frauen erkrankten eher im jüngeren Alter zwischen 15 und 49 Jahren, Männer zwischen 50 und 69 Jahren. 34% der Erkrankten lebten in einem Land mit hohem soziodemographischem Index.

Die 3 Länder mit den meisten Erkrankten – China (11.016 bzw. 41.511), die USA (10.823 bzw. 25.896) und Indien (5.680 bzw. 19.153)– änderten sich von 1990 bis 2017 nicht. In China war die Letalität der an einem Schilddrüsenkarzinom Erkrankten zu beiden Zeitpunkten am höchsten. Der höchste DALY-Wert wechselte von China (1990) nach Indien (2017).

In Deutschland stieg die Fallzahl von 4.497 im Jahr 1990 auf 6.796 im Jahr 2017, wobei in der Mehrzahl Frauen (3.337 bzw. 4.329) betroffen waren.

Lymphome: Besteht bei atopischen Ekzemen ein erhöhtes Erkrankungsrisiko?

Haben Menschen mit atopischen Ekzemen ein erhöhtes Krebsrisiko? In 2 großen populationsbasierten Kohortenstudien in England und in Dänemark konnte kein erhöhtes Risiko für die meisten Krebserkrankungen bei Menschen mit einem atopischen Ekzem festgestellt werden (adjustierte Hazard-Ratio 1,04 in England und 1,05 in Dänemark).

Allerdings zeigte sich bei Personen mit schweren atopischen Ekzemen in beiden Ländern eine Assoziation mit Lymphomen, vor allem Non-Hodgkin-Lymphomen (HR 1,48 in England, 1,31 in Dänemark).

Die Autoren der im Juni 2020 online in JAMA Dermatology publizierten Studie halten weitere Untersuchungen zu dieser Frage für sinnvoll, denn in näherer Zukunft werden neue immunmodulatorisch wirkende Substanzen zur Behandlung des atopischen Ekzems zur Verfügung stehen, die möglicherweise das Krebsrisiko verändern können.

IDH-mutierte Gliome: Neue Therapiestrategie mit PAR-Glykohydrolase-Hemmer

Gliome mit mutierten Isocitrat-De-Hydrogenase-Genen (IDH) gehören zu den häufigsten Hirntumoren bei jüngeren Erwachsenen. Die aggressive Therapie mit Operation, Bestrahlung und Chemotherapie ist meist nicht kurativ. Eine Forschergruppe aus Boston hat nun eine neue Behandlungsstrategie in Cancer Discovery publiziert.

IDH-mutierte Gliome sind empfindlich auf Therapien, die den Spiegel von Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid (NAD) senken, ein im Stoffwechsel verbreitetes Coenzym, das an zahlreichen Redoxreaktionen beteiligt ist. Außerdem werden durch eine Chemotherapie Poly(ADP-Ribose)-Polymerasen (PARPs) aktiviert, die NAD in Poly-ADP-Ribose (PAR) überführen – es resultieren hohe PAR und niedrige NAD-Spiegel, und zwar spezifisch in IDH-mutierten Gliomzellen und nicht in normalen Zellen.

Die neue Strategie beinhaltet nun das Chemotherapeutikum Temozolomid, das schon lange bei Gliomen eingesetzt wird, kombiniert mit einem PAR-Glykohydrolase-Hemmer, um den PAR-Abbau zu hemmen. Die Forscher konnten zum ersten Mal in verschiedenen In-vitro- und In-vivo-Modellen zeigen, dass ein PAR-Glykohydrolase-Hemmer die Wirkung der Chemotherapie bei Tumoren mit Empfindlichkeit auf einen NAD-Mangel verstärken kann. Dieser Ansatz muss nun in klinischen Studien geprüft werden.

Update vom 23. Juni 2020

Onkologen raten zum Alkohol-Verzicht; Stillen gegen das Ovarial-Ca; Kardiovaskuläre Effekte neuer Onkologika und mehr

Unser aktueller Onkologie-Blog informiert über aktuelle Publikationen zu verschiedenen praxisrelevanten Fragen. In dieser Ausgabe geht es um die Krebsprävention durch Ernährung und Bewegung, Prophylaxe des Ovarialkarzinoms durch Stillen und um ein neues Positionspapier zu kardiologischen Nebenwirkungen der Onkologika.

Außerdem gibt es nun eine Antwort auf die Frage, ob sich der HbA1c-Wert zum Screening auf Pankreaskrebs eignet und eine deutsche Arbeitsgruppe hat US-amerikanische Prognosedaten beim malignen Melanom im Stadium III hinterfragt. Zum Schluss eine Meldung vom EHA-Kongress: Der PD1-Inhibitor Pembrolizumab könnte ein neuer Therapiestandard beim rezidivierten Hodgkin-Lymphom werden.

  • Krebsprävention: Die American Cancer Society empfiehlt Verzicht auf Alkohol

  • Ovarialkarzinom: Stillen schützt auch vor prognostisch schlechten Subtypen

  • Neue Tumortherapien: Deutsches Positionspapier zu Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislauf-System

  • Pankreaskarzinom: Screening mit Hilfe des HbA1c-Werts nicht sinnvoll

  • Malignes Melanom: Prognose in Stadium III doch nicht so gut?

  • Burkitt-Lymphom: Risiko-adaptiertes Schema wirkt

  • Rezidiviertes Hodgkin-Lymphom: Paradigmenwechsel durch Pembrolizumab

Krebsprävention: Die American Cancer Society empfiehlt Verzicht auf Alkohol

Die amerikanische Krebsgesellschaft (ACS) hat ihre Leitlinien zur Rolle der Ernährung und körperlichen Aktivität in der Prävention von Krebserkrankungen aktualisiert und am 9. Juni online in CA: A Cancer Journal for Clinicians publiziert. Zu den wichtigsten Änderungen im Vergleich zur Vorversion von 2012 gehört die Empfehlung, keinen Alkohol zu trinken.

In der Vorversion war eine Einschränkung auf ein Glas pro Tag für Frauen und 2 Gläser pro Tag für Männer empfohlen worden. Nach der Definition der ACS entspricht 1 Standarddrink ca. 350 ml Bier, 150 ml Wein oder 30 ml Schnaps mit jeweils etwa 14 g reinem Alkohol (Ethanol). Die Empfehlung zum reduzierten Alkoholgenuss ist nach wie vor enthalten, wird aber nun verschärft durch die Ergänzung: „Es ist das Beste, gar keinen Alkohol zu trinken.“

Die Empfehlung zum kompletten Verzicht auf Alkohol wurde übrigens bei Medscape Oncology USA heftig diskutiert. Viele Diskutanten sprachen sich gegen die Null-Alkohol-Empfehlung aus, ein anderer Teil konterte dies dann mit dem Argument, dass die Alkoholbefürworter möglicherweise selbst ein Problem mit Alkohol hätten.

Außerdem wird in den aktuellen Empfehlungen verstärkt empfohlen, auf rotes und prozessiertes Fleisch, gesüßte Getränke und stark prozessierte Nahrungsmittel zu verzichten und vermehrt Gemüse in verschiedenen Farben, Obst in Form ganzer Früchte und in verschiedenen Farben sowie Ballaststoffe zu verzehren. Auf ein gesundes Körpergewicht ist zu achten.

Erwachsene sollten sich 150 bis 300 Minuten pro Woche mäßig stark oder 75 bis 150 Minuten pro Woche stark bewegen. Optimal wäre es, wenn 300 Minuten oder mehr körperliche Aktivität erreicht würden.

Diese Leitlinien der amerikanischen Krebsgesellschaft sind mit den Leitlinien der amerikanischen Kardiologen und Diabetologen abgestimmt und entsprechen auch den allgemeinen Gesundheitsempfehlungen.

Ovarialkarzinom: Stillen schützt auch vor prognostisch schlechten Subtypen

Bei Frauen, die Stillen, sinkt das Risiko, an einem Ovarialkarzinom zu erkranken. Dies gilt besonders für den Subtyp mit der schlechtesten Prognose, das hochgradig seröse Ovarialkarzinom. Eine lange Stillzeit senkt das Risiko weiter.

Zu diesem Ergebnis kam eine gepoolte, in JAMA Oncology publizierte Analyse aus den USA. Sie umfasst die Daten von 9.973 Frauen mit Ovarialkarzinom und 13.843 Kontrollen aus 13 Fallkontroll-Studien, die aus den Jahren 1989 bis 2009 stammten.

Stillen senkte das Risiko für ein invasives Ovarialkarzinom um 24%. Stillten die Frauen über 1 bis 3 Monate, nahm das Karzinomrisiko um 18% ab, bei einer Stilldauer von 12 Monaten und mehr um 34%. Das Risiko sank am stärksten bei den Frauen, die innerhalb der letzten 10 Jahre gestillt hatten (44%), eine Risikosenkung war aber auch noch nachzuweisen, wenn seit der letzten Stillperiode mehr als 30 Jahre vergangen waren (17%).

Zur Frage des biologischen Mechanismus sind die Autoren der Meinung, dass die bislang favorisierte Hypothese der Suppression der Ovulation während der Stillens nicht alles erklären könne, denn dieser Effekt käme vor allem in der ersten Zeit nach der Geburt zum Tragen. Er erkläre jedoch die deutlich stärkere Risikosenkung mit zunehmender Stilldauer nicht. Möglicherweise moduliert Stillen über eine längere Zeit entzündliche, immunologische und metabolische Stoffwechselwege und beeinflusst so das Risiko für einen Eierstockkrebs.

Neuartige Tumortherapien: Deutsches Positionspapier zu langfristigen Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislauf-System

Die durch Tumortherapien ausgelösten Nebenerkrankungen betreffen häufig das Herz-Kreislauf-System und stehen im Fokus der Onkologischen Kardiologie. Wichtig ist es, die kardiovaskulären Nebenwirkungen einer Therapie möglichst früh zu erkennen, Risiken abzuschätzen und entsprechende Behandlungsmethoden zu entwickeln.

Drei Fachgesellschaften, nämlich die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung, die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler und die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie gehen nun in ihrem Konsensus-Papier „Onkologische Kardiologie“ auf Risikofaktoren für eine mögliche unerwünschte Reaktion unter Tumortherapeutika ein.

Es erfasst spezifische Nebenwirkungsprofile verschiedener Therapiegruppen. Schwerpunkt der Ausführungen sind neuartige Therapeutika sowie Empfehlungen zur Behandlung spezifischer Patientengruppen.

Pankreaskarzinom: Screening mit Hilfe des HbA1c-Werts nicht sinnvoll

Weil das Pankreaskarzinom häufig zu spät entdeckt wird und dann eine sehr schlechte Prognose hat, sucht man Screening-Parameter, mit denen diese Erkrankung früher erkannt werden kann.

Bei Patienten mit einem Pankreaskarzinom wird häufig bis zu 3 Jahre vor der Diagnose eine Hyperglykämie diagnostiziert. Deshalb wurde retrospektiv in einer Kohortenstudie, die am 12. Juni 2020 online in JAMA Netw. Open publiziert worden ist, untersucht, ob sich eine Messung des HbA1c-Werts als Screening-Parameter eignen könnte.

Die Studie ergab jedoch, dass eine alleinige Messung des HbA1c-Werts bei Personen über 50 Jahren für ein Screening auf ein Pankreaskarzinom nicht geeignet ist. In der Studie waren die Daten von 851.402 Patienten im Alter zwischen 50 und 84 Jahren aus einer kalifornischen Datenbank analysiert worden.

Malignes Melanom: Prognose in Stadium III doch nicht so gut?

Das maligne Melanom vom Stadium III ist durch regionale Lymphknoten- oder Hautmetastasen gekennzeichnet. Die 8. Version des American Joint Committee on Cancer Classification (AJCCv8) teilt das Stadium III nach der N- und T-Klassifikation in je weitere 9 Subgruppen, was zu 78 prognostisch relevanten unterschiedlichen Kombinationsmöglichkeiten führt. Diese wiederum werden in prognostisch relevante Gruppen unterteilt mit jeweils folgendem Melanom-spezifischen 5- bzw. 10-Jahres-Überleben:

  • Gruppe III gesamt: 77% bzw. 69%.

  • Gruppe IIIa: 93% bzw. 88%

  • Gruppe IIIb: 83% bzw. 77%

  • Gruppe IIIc :69% bzw. 60%

  • Gruppe IIId: 32% bzw. 24%

Weil die Überlebensraten in der Gesamtgruppe und den Gruppen IIIa und IIIb überraschend günstig erschienen, analysierte nun eine Arbeitsgruppe des Deutschen zentralen Melanom-Registers und der European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC) anhand von 3 unabhängigen Kohorten die Überlebensdaten erneut. Die Ergebnisse der Analyse wurden unter Leitung von Claus Garbe von der Universitätshautklinik in Tübingen am 12. Juni 2020 online im Journal of Clinical Oncology publiziert.

Garbe und seine Kollegen fanden deutlich niedrigere melanomspezifische 5- und 10-Jahres Überlebensraten:

  • Gruppe III gesamt: 67% bzw. 56%.

  • Gruppe IIIa: 80% bzw. 71%

  • Gruppe IIIb: 75% bzw. 61%

Die Autoren vermuten, dass sich die unterschiedlichen Werte dadurch erklären lassen, dass die günstigen AJCCv8-Daten auf Studien beruhen, in denen Melanom-bedingte Todesfälle fälschlicherweise zu wenig berichtet wurden. Die US-amerikanischen Daten waren in 10 Registern unter verschiedenen nationalen und kulturellen Bedingungen mit unterschiedlichen Follow-up-Plänen gesammelt worden. Die Erfassung der Todesursache ist hierbei oft schwierig, weil viele Patienten nicht im Krankenhaus sterben.

Die von Garbe und Kollegen verwendeten Daten stammen aus prospektiven Registern mit klinischen Studien, in denen die Todesfälle sorgfältig kontrolliert worden sind. Die Prognosedaten sind für die Information des Patienten, die Therapieempfehlung – Stichwort adjuvante Therapie – und für das Design klinischer Studien von großer Bedeutung.

Burkitt-Lymphom: Risiko-adaptiertes Schema wirkt

Das Burkitt-Lymphom ist bei Erwachsenen selten, mit einer intensiven Chemotherapie kann jedoch eine hohe Heilungsrate erzielt werden, allerdings auf Kosten einer hohen Nebenwirkungsrate und von Spätfolgen wie Sekundär-Malignomen.

Mit einer an das Risiko angepassten Dosierung des EPOCH-R-Schemas mit Etoposid, Doxorubicin, Cyclophosphamid, Vincristin, Prednison und Rituximab konnte nun bei 84,5% von 113 Erwachsenen nach im Median 58 Monaten Nachbeobachtung ein Ereignis-freies Überleben erreicht werden. Die Gesamtüberlebensrate lag bei 87%. Vorteilhaft ist zudem, dass das Dosis-adaptierte Schema ambulant angewendet werden kann.

Die Patienten mit bislang nicht behandeltem Burkitt-Lymphom waren in der multizentrischen Studie, publiziert im Journal of Clinical Oncology , in 2 Risikogruppen eingeteilt worden. Patienten mit niedrigem Risiko erhielten 3 Zyklen ohne ZNS-Prophylaxe, Patienten mit hohem Risiko 6 Zyklen plus ZNS-Prophylaxe. Von den 113 Patienten der Studie gehörten 87% zur Hochrisiko-Gruppe.

Das Dosis-adaptierte Schema (DA-EPOCH-R) erwies sich z. B. unabhängig vom Alter und HIV-Status als wirksam. Bei Befall der Zerebrospinalflüssigkeit war das Risiko für Toxizität und Therapieversagen allerdings hoch.

Derzeit fehlt jedoch der direkte Vergleich des DA-EPOCH-R-Schemas mit dem nicht dosisadaptierten Schema (siehe hierzu auch Medscape.com ).

Rezidiviertes Hodgkin-Lymphom: Paradigmenwechsel durch Pembrolizumab

Der PD1-Hemmer Pembrolizumab erwies sich In einem Head-to-Head-Vergleich bei Patienten mit rezidiviertem/refraktärem klassischen Hodgkin-Lymphom (R/R cHL) als signifikant besser wirksam als Brentuximab Vedotin. Dies ergab die KEYNOTE 204-Studie, die als Late-Breaker-Abstract von Pier Luigi Zinzani, Bologna, auf dem virtuellen Kongress der European Hematology Association präsentiert worden ist.

In der Phase-3-Studie erhielten 304 Patienten mit rezidiviertem oder refraktärem Hodgkin-Lymphom bis zu 35 Zyklen Pembrolizumab oder Brentuximab Vedotin. Die Studie erreichte den primären Endpunkt: Pembrolizumab verlängerte das progressionsfreie Überleben (PFS) im Median auf 13,2 Monate im Vergleich zu 8,3 Monaten unter Brentuximab Vedotin. Damit senkte der PD1-Inhibitor das Risiko für Progression oder Tod um 35% im Vergleich zur Kontrollsubstanz (HR= 0,65, p = 0,00271).

Auf Pembrolizumab sprachen 65,6% der Patienten, auf Brentuximab Vedotin 54,2% an (p = 0,0225). Das Ansprechen hielt unter Pembrolizumab 20,7 Monate, unter Brentuximab Vedotin 13,8 Monate an. Es traten keine neuen, bislang unbekannten Nebenwirkungen auf.

„Diese Ergebnisse legen nahe, Pembrolizumab als neuen Standard bei Patienten mit R/R cHL einzusetzen“, so das Fazit des italienischen Onkologen.

Update vom 19. Juni 2020

 Krebs-Studien für die Praxis: Biologika und Melanom-Risiko, Kolonkarzinom und Diabetes, Tumormarker bei Herzinsuffizienz

Unser aktueller Onkologie-Blog stellt aktuelle Studien zu vielen praxisrelevanten Fragen vor. Etwa, ob eine Therapie mit Biologika, wie sie Patienten mit CED, Rheuma oder Psoriasis erhalten, das Melanom-Risiko steigert; wie gefährlich ein DCIS langfristig tatsächlich ist, warum bei Diabetikern ein früher Start mit dem Darmkrebs-Screening angebracht sein kann und warum nicht bei jeder Krebsdiagnose ein möglichst rascher Therapiebeginn notwendig – und vielleicht sogar Abwarten manchmal besser ist.

  • Melanome: Steigt das Risiko unter einer Therapie mit Biologika?

  • Zervixkarzinom: 8 Wochen Warten auf OP verschlechtert nicht die Prognose

  • DCIS: Risiko für invasiven Brustkrebs und Tod ist langfristig erhöht

  • Kolonkarzinom: Diabetes als Risikofaktor – frühes Darmkrebs-Screening lohnt

  • Kolorektalkarzinom: Bessere Prognose bei guter antidiabetischer Therapie?

  • Tumormarker: Auch bei Herzinsuffizienz prädiktiv

  • AML: Patienten können von verzögertem Therapiestart profitieren

Melanome: Steigt das Risiko unter einer Therapie mit Biologika?

Für Patienten, die wegen chronisch-entzündlicher Darmerkrankung, rheumatoider Arthritis oder Psoriasis mit Biologika behandelt werden, kann ein erhöhtes Risiko, an einem Melanom zu erkranken, nicht völlig ausgeschlossen werden.

Die Autoren eines in JAMA Dermatology publizierten systematischen Reviews mit Metaanalyse haben Daten von 34.029 mit Biologika behandelten und 135.370 anderweitig systemisch therapierten Patienten aus 7 Kohortenstudien analysiert.

Es fand sich eine Assoziation der Behandlung mit Biologika mit einem Melanom bei Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (gepooltes relatives Risiko 1,20), mit rheumatoider Arthritis (gepooltes relatives Risiko 1,20) und mit Psoriasis (Hazard-Ratio 1,57). Dies jeweils im Vergleich zu einer konventionellen systemischen Therapie. Allerdings war der Unterschied in keinem Fall signifikant. Eine Adjustierung an weitere Risikofaktoren fehlte in  den meisten Studien.

Nach Aussage der Autoren sind weitere Studien mit größeren Patientenzahlen, die für wichtige Risikofaktoren adjustiert werden, zu dieser Frage erforderlich, um die Frage der Langzeitsicherheit eine Biologika-Therapie in Bezug auf das Melanomrisiko klären zu können.

Frühes Zervixkarzinom: 8 Wochen Warten auf OP verschlechtert nicht die Prognose

In Zeiten der COVID-19-Pandemie wurden und werden viele Eingriffe verschoben. Wie schädlich ist das z.B. für Frauen mit einem frühen Zervixkarzinom? Dieser Frage gingen amerikanische Gynäko-Onkologen in einer retrospektiven Analyse nach. Sie gruppierten die Daten von 217 Frauen, die sich zwischen 2000 und 2017 einer primären Hysterektomie oder Trachelektomie unterzogen hatten, nach der Wartezeit zwischen Diagnose und Eingriff in kurze Wartezeit (unter 8 Wochen, n = 110) oder lange Wartezeit (8 Wochen oder länger, n = 107).

Bei einem medianen Follow-Up von 4,6 Jahren hatten die Frauen mit langer Wartezeit eine DFS (Disease Free Survival)-Rate von 91,2%, diejenigen mit kurzer Wartezeit eine von 90,7%. Die Gesamtüberlebensraten lagen bei 95% bzw. 97,4%.

Diese retrospektiven Daten legen also nahe, dass eine Wartezeit auf die OP von etwa 8 Wochen die frühe Rezidivrate von Frauen mit frühem Zervixkarzinom nicht verschlechtert.

DCIS: Risiko für invasiven Brustkrebs und Tod ist langfristig erhöht

Das duktale Carcinoma in situ (DCIS) als Frühform des Mammakarzinoms, die noch nicht invasiv wächst, macht etwa 20 bis 25% aller Brustkrebs-Diagnosen aus. Aufgrund von Screeningprogrammen wird das DCIS zunehmend häufiger entdeckt.

Weil sich aus einem DCIS ein invasives Mammakarzinom entwickeln kann, wird heute empfohlen, alle Frauen mit DCIS entsprechend zu behandeln. Die meisten Frauen können durch eine Operation, Bestrahlung und medikamentöse Therapie geheilt werden.

Eine aktuell im British Medical Journal publizierte Studie hat nun das Langzeit-Risiko eines DCIS anhand der Daten von 35.034 Frauen untersucht. Sie wurden bis zu 20 Jahre lang nachbeobachtet.

Das Ergebnis: Bei knapp 9 von 1.000 Frauen mit DCIS jährlich entwickelt sich ein invasives Mammakarzinom (Inzidenzrate 8,82/1.000/Jahr). Dies ist doppelt so hoch wie für die Normalbevölkerung erwartet. 310 DCIS-Patienten starben an einem Mammakarzinom. Die daraus errechnete Sterberate von 1,26 pro 1.000 Frauen pro Jahr war 70% höher als für die Allgemeinbevölkerung zu erwarten gewesen wäre. Dabei nahm die Rate an Erkrankungen an invasivem Brustkrebs sowie an Sterbefällen über mindestens 20 Jahre zu. Bei intensiv behandelten DCIS-Patientinnen waren Erkrankungs- und Sterberisiko geringer.

Die Ergebnisse legen nahe, dass Frauen mit einem DCIS langfristig davon profitieren, wenn sie intensiv therapiert und über lange Zeit regelmäßig nachuntersucht werden.

Kolonkarzinom: Diabetes als Risikofaktor – frühes Darmkrebs-Screening lohnt

Metaanalysen epidemiologischer Studien weisen darauf hin, dass Diabetiker ein erhöhtes Risiko für ein Kolorektalkarzinom haben. Aber Diabetes und Darmkrebs haben auch einige Risikofaktoren gemeinsam wie Fettleibigkeit, Bewegungsmangel und Stoffwechselstörungen. Bislang ist ein Diabetes noch nicht als Risikofaktor für Darmkrebs bestätigt. Die bislang größte Studie zu dieser Frage sollte dazu nun mehr Klarheit bringen.

Forscher der Universität Heidelberg haben in Kooperation mit Kollegen der Universität Lund die Daten von 12,6 Mio. nach 1931 geborenen schwedischen Bürgern inklusive ihrer Eltern ausgewertet und die Ergebnisse im American Journal of Gastroenterology publiziert.

Die Analyse bestätigt, dass Diabetiker im Vergleich zur Normalbevölkerung ein höheres Risiko haben, an Darmkrebs zu erkranken. Von den untersuchten Personen waren 559.375 Diabetiker, bei 162.226 war ein Kolonkarzinom diagnostiziert worden.

Bei den Diabetikern war das Darmkrebsrisiko in jedem Alter erhöht, insbesondere jedoch war das Risiko, vor dem 50. Lebensjahr an Darmkrebs zu erkranken, höher. Gab es zusätzlich noch weitere Darmkrebs-Erkrankungen in der Familie des Diabetikers, stieg das Risiko für Darmkrebs im jüngeren Lebensalter noch weiter stark an. Die Schlussfolgerung der Autoren aus diesen Daten: Diabetiker sollten frühzeitig ein risikoadaptiertes Darmkrebs-Screening erhalten.

Kolorektalkarzinom: Bessere Prognose bei guter antidiabetischer Therapie

Wenn Diabetiker mit einem Kolonkarzinom, ihre antidiabetische Medikation regelmäßig und korrekt nehmen, haben sie eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit als Patienten mit niedriger Adhärenz. Zu diesem Ergebnis kommt eine retrospektive Kohortenstudie aus Südkorea, die in Cancer Epidemiology, Biomarkers and Prevention publiziert worden ist.

Nur 23% der 33.841 Patienten nahmen ihre Antidiabetika wie vorgeschrieben. Im Vergleich zu diesen war das Sterberisiko bei denjenigen Patienten mit niedriger Adhärenz an die antidiabetische Medikation um fast 20% erhöht.

Aus dem Abstract geht nicht hervor, wie die Daten analysiert worden sind. Insofern bleibt unklar, ob die Patienten möglicherweise (auch) aufgrund der besseren Diabeteseinstellung einen Überlebensvorteil hatten.

Tumormarker: Auch bei Herzinsuffizienz prädiktiv

Tumormarker wie CA125, CYFRA21-1, CEA und CA19-9 sind nicht nur wichtige Marker bei Krebserkrankungen. Sie sind auch unabhängig assoziiert mit der Schwere und dem Outcome einer Herzinsuffizienz. Dies zeigen Analysen von 2.079 Patienten aus der BIOSTAT-CHF-Kohorte, die im Journal of Internal Medicine publiziert worden sind.

Die Patienten aus der multizentrischen Beobachtungsstudie BIOSTAT-CHF litten an einer Herzinsuffizienz mit einer linksventrikulären Auswurffraktion von 40% oder niedriger und sie hatten erhöhte Herzinsuffizienzmarker (BNP oder NT-proBNP) im Plasma. Daneben wurden auch die Tumormarker CA125, CA15‐3, CA19‐9, CEA, CYFRA 21‐1 und AFP bestimmt.

Nach im Median 21 Monaten waren 27% der Patienten gestorben. Es zeigte sich dabei eine positive Assoziation zwischen CA125, CA19‐9, CEA und CYFRA 21‐1 mit den Quartilen von NT-proBNP. Nach Adjustierung an verschiedene Faktoren wie Alter, Blutharnstoff, Hämoglobin und Betablocker-Therapie ergab sich, dass die Spiegel von CA125, CYFRA 21-1, CEA, und CA19-9 mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden waren (Hazard Ratios 1,17, 1,45, 1,19 bzw. 1,10). Außer AFP waren alle Tumormarker auch mit den sekundären Endpunkten positiv assoziiert.

Die Autoren schließen daraus, dass Stoffwechselvorgänge und pathologische Signale, die durch Tumormarker angezeigt werden, auch bei Herzinsuffizienz vorliegen und mit deren Schwere und Outcome verknüpft sind.

AML: Patienten können von verzögertem Therapiestart profitieren

Weil sich die akute myeloische Leukämie (AML) recht plötzlich entwickelt und rasch voranschreitet, galt bisher, dass unmittelbar nach Diagnose – möglichst noch am gleichen Tag – mit der Therapie begonnen werden sollte. Eine nun in Blood publizierte, deutschlandweite Untersuchung unter Leitung von Wissenschaftlern und Ärzten der Hochschulmedizin Dresden und vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC) belegt auf der bislang breitesten bekannten Datenbasis, dass bei Patienten mit einem guten Allgemeinzustand zunächst genetische und andere Laborergebnisse über einen Zeitraum von 2 Wochen abgewartet werden können.

Der Vorteil: Dieser Zeitraum ermöglicht es, „gegebenenfalls eine hochwirksame zielgerichtete Therapie gegen bestimmte Krankheitsmerkmale wählen zu können, die nur bei einem Teil der Patienten vorhanden sind. Diese Behandlungsoptionen können nicht genutzt werden, wenn unmittelbar mit einer intensiven Standard-Chemotherapie begonnen wird. Patienten können so von einer Verzögerung des Behandlungsbeginns profitieren“, erklärte Prof. Dr. Martin Bornhäuser, Direktor der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Dresden und Mitglied im Geschäftsführenden Direktorium des NCT/UCC Dresden in einer Pressemitteilung.

Für die Analyse wurden die Daten von 2.263 AML-Patienten aus dem Register Studienallianz Leukämie (SAL) genutzt. Es zeigte sich u.a., dass genetische Risikofaktoren oder das Alter der Patienten die Überlebenswahrscheinlichkeit und die Wirksamkeit einer Therapie deutlich beeinflussten, der Zeitraum von der Diagnosestellung bis zum Therapiebeginn war dagegen ohne Einfluss.

Die Ergebnisse waren bereits Ende 2019 auf dem ASH-Kongress vorgestellt worden und hatten damals bereits zu einer entsprechenden Anpassung der deutschen Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der AML geführt.

Update vom 12. Juni 2020

Die spannendsten Studien vom weltweit größten Krebskongress: Neues zu Lungen-, Prostata- und Brustkrebs sowie zu COVID-19

Der weltweit größte Krebskongress, die Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) –– fand diesmal vom 29. bis 31. Mai 2020 virtuell statt. Präsentiert wurden die Daten von über 2.200 Abstracts, mehr als 3.400 waren für die Online-Publikation angenommen worden. Eine kleine Auswahl kurz zusammengefasst:

  • Krebs und COVID-19 – erste Registerdaten

  • Blasenkrebs: PDL1-Inhibitor als Erhaltungstherapie – ein neuer Standard?

  • Kolonkarzinom mit MSI-H: PD1-Inhibitor verdoppelt progressionsfreie Zeit

  • NSCLC mit EGFR-Mutation: Osimertinib senkt Risiko für Rezidiv/Tod um 83%

  • Prostatakarzinom: Oraler GnRH-Antagonist ist effektiv mit weniger kardiovaskulären Ereignissen

  • Kastrationsresistentes nicht metastasierten Prostatakarzinom: Enzalutamid verlängert Überleben

  • Dreifach negativer Brustkrebs: Bessere Prognose mit PPI beim Brustkrebs

  • Lungenkrebs: Rauchverzicht lohnt immer – auch kurz vor Diagnose

  • Prävention: Eine Million Krebserkrankungen weniger mit 3 einfachen Maßnahmen

COVID-19 bei Krebspatienten – erste Registerdaten

Patienten mit Krebserkrankungen gehören zur COVID-19-Risikogruppe. Bislang gibt es allerdings nur Berichte mit kleinen Patientengruppen wie sich COVID-19 bei Krebspatienten auswirkt. Das am 15. März 2020 gegründete COVID19 and Cancer Consortium (CCC19) sammelt hierzu nun Daten aus USA, Kanada, Argentinien, der EU und England.

Die beim ASCO-Kongress vorgestellte Analyse basierte auf den Daten von 928 Patienten im medianen Alter von 66 Jahren, von denen die Hälfte Männer waren. 30% waren über 75 Jahre alt. 39% erhielten eine Krebsbehandlung. Die meisten Patienten litten an Brustkrebs (21%), gefolgt von Prostatakarzinom (16%) und gastrointestinalen Karzinomen (12%).

Nach einem medianen Follow-up von 21 Tagen waren 121 Patienten (13%) gestorben.

Faktoren, die die Sterblichkeit erhöhten, waren: progrediente Krebserkrankung, Alter über 75 Jahre, männliches Geschlecht, früheres Rauchen, ein ECOG Performance-Score von 2 und höher – sowie eine Behandlung von COVID-19 mit Azithromycin plus Hydroxychloroquin. Die Einnahme von Hydroxychloroquin alleine erhöhte das Sterberisiko dagegen nicht.

COVID-19 und Lungenkrebs

Auch das TERAVOLT-Konsortium (Thoracic cancERs international coVid 19 cOLlaboraTion) hat sich kurzfristig Mitte März etabliert und sammelte bis zum 8. Mai 2020 die Daten von über 400 COVID-19-Patienten mit Lungenkrebs. Zum Analysenzeitpunkt hatten 169 Patienten die Virusinfektion überwunden, 141 waren gestorben und 119 waren noch erkrankt. Aufgrund von COVID-19 waren 112 der 141 Patienten gestorben, wegen der Krebserkrankung waren es 15 Patienten und wegen COVID-19 und Krebs 12 Patienten.

Die Sterblichkeit wurde durch einige Faktoren erhöht. Dazu gehörten: Alter über 65 Jahre, ECOG Performance Status, Steroid-gabe in einer Dosis von über 10 mg und Chemotherapie. 45% der Gestorbenen waren mit einer Chemotherapie behandelt wurden, 20% hatten eine Immuntherapie erhalten.

Die COVID-19-Behandlung hatte nach dieser ersten Analyse keinen Einfluss auf die Sterblichkeit.

Allerdings sind die Daten der Register nur begrenzt aussagekräftig, weil beispielsweise keine standardisierten Outcome-Definitionen eingesetzt wurden und verschiedene Verfälschungen möglich sind, wie Selektions-Bias oder Änderungen in der Krankheitsentwicklung.

Erhaltungstherapie mit Avelumab bei Blasenkrebs – ein neuer Standard?

Bei Patienten mit fortgeschrittenem Blasenkrebs rezidiviert die Erkrankung häufig nach einer initialen Chemotherapie. Nun ergab die in der Plenarsitzung präsentierte Phase-3-Studie JAVELIN Bladder 100, dass eine Erhaltungstherapie mit dem PD-L1-Inhibitor Avelumab (Bavencio®) im Vergleich zu Best Supportive Care zu einer bislang in klinischen Studien bei Blasenkrebs nicht gesehenen Verlängerung des Gesamtüberlebens führt.

In der randomisierten Studie mit 700 Blasenkrebs-Patienten, die zuvor auf eine Chemotherapie angesprochen hatten, überlebten die Patienten der Avelumab-Gruppe 7,1 Monate länger als die der Vergleichsgruppe (21,4 versus 14,3 Monate). Noch besser wirkte Avelumab bei den Patienten mit PD-L1-positiven Tumoren – hier ist das mediane Gesamtüberleben derzeit noch nicht erreicht.

Damit könnte diese Therapie zu einem neuen Standard bei der Erstlinienbehandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Blasenkrebs werden, die auf die initiale platinbasierte Chemotherapie angesprochen haben.

Pembrolizumab bei Kolonkarzinom mit MSI-H: Verdoppelt progressionsfrei Zeit

Eine Erstlinientherapie mit dem Checkpoint-Inhibitor Pembrolizumab (Keytruda®) verdoppelte das progressionsfreie Überleben (PFS) von Patienten mit fortgeschrittenem Kolorektalkarzinom mit Mikrosatelliteninstabilität (MSI-H) im Vergleich zu Chemotherapie. Das PFS nahm laut einer Interimsanalyse der Phase-3-Studie KEYNOTE-177 von 8,2 Monaten unter Chemotherapie auf 16,5 Monate unter Pembrolizumab zu.

Studienleiter Prof. Dr. Thierry André von der Pariser Sorbonne zeigte sich überzeugt, dass diese Ergebnisse die klinische Praxis verändern werden: „Die Studie demonstrierte einen großen Nutzen von Pembrolizumab in der Erstlinientherapie, dies sollte nun der neue Therapiestandard werden.“

Etwa 5% der Patienten mit einem Kolonkarzinom weisen eine Mikrosatelliteninstabilität auf.

Osimertinib bei NSCLC mit EGFR-Mutation – Risiko für Rezidiv/Tod um 83% gesenkt

Eine adjuvante Therapie mit Osimertinib (Tagrisso®), einem EGFR-Tyrosinkinase-Inhibitor der 3. Generation, verlängerte das krankheitsfreie Überleben (DFS) von Patienten mit lokalem nichtkleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) und EGFR-Mutation im Vergleich zu Placebo signifikant. Osimertinib senkte das Risiko für ein Rezidiv oder Tod um 83%.

Dies ergab eine nicht vorgeplante Interimsanalyse der Phase-3-Studie ADAURA, in die 682 Patienten mit primärem NSCLC mit Nichtplattenepithel-Histologie im Stadium IB/II/IIIA und einer EGFR-Mutation eingeschlossen worden waren. Aufgrund der Datenlage hatte ein unabhängiges Komitee die vorzeitige Entblindung der Studie empfohlen.

„Die Studie hat unsere Erwartungen übertroffen“, sagte Prof. Dr. Roy S. Herbst vom Yale Cancer Center in New Haven, Connecticut. Für ihn ist es ein  wichtiger Fortschritt, dass die gezielt wirkende Therapie das Auftreten eines Rezidivs nach der Operation eines lokalen NSCLC verzögert.

Osimertinib ist derzeit schon Standard in der Erstlinienbehandlung bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Lungenkarzinom und könnte nun mit diesen Ergebnissen auch Standard bei lokalem NSCLC mit EGFR-Mutation nach Tumorresektion werden.

Oraler GnRH-Antagonist beim Prostatakarzinom: Effektiv und weniger kardiovaskuläre Ereignisse

Mit dem oral applizierbaren GnRH-Antagonisten Relugolix kann bei Männern mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom der Testosteronspiegel rascher als mit dem GnRH-Agonisten Leuprolid anhaltend gesenkt werden. Gleichzeitig ist das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse um 54% geringer. Dies ergab die Phase-3-Studie HERO (parallel auch im New England Journal of Medicine publiziert), in der 934 Männer 2:1 randomisiert orales Relugolix oder Leuprolid über 48 Wochen erhalten hatten.

Unter der Relugolix-Behandlung erreichten 96,7% der Männer einen Testosteron-Spiegel unter 50 ng/dl über 48 Wochen, unter Leuprolid waren es 88,85. Damit war sowohl die Nichtunterlegenheit als auch die Überlegenheit des oralen GnRH-Antagonisten gezeigt. Relugolix erwies sich auch in allen sekundären Endpunkten signifikant besser als Leuprolid. Wichtiger Befund war zudem, dass die Rate schwerer kardiovaskulärer Ereignisse mit 2,9% in der Relugolix-Gruppe deutlich niedriger war als mit 6,2% in der Leuprolid-Gruppe. Damit werden frühere Befunde bestätigt, dass das kardiovaskuläre Risiko von GnRH-Antagonisten geringer ist als das von GnRH-Agonisten.

Nach Meinung der Forschergruppe um Dr. Neal D. Shore, Carolina Urologic Research Center, Myrtle Beach, South Carolina (USA), hat Relugolix das Potenzial zum neuen Standard der Testosteronsuppression bei Männern mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom zu werden.

Enzalutamid beim kastrationsresistenten nicht metastasierten Prostatakarzinom: längeres Überleben

Der Androgenrezeptor-Antagonist Enzalutamid (Xtandi®) ist seit 2013 für die Behandlung des kastrationsresistenten Prostatakarzinoms zugelassen, seit 2018 auch für die nichtmetastasierte Form. Denn die 2018 publizierten Ergebnisse der Phase-3-Studie PROSPER hatte ergeben, dass Enzalutamid auch bei der nichtmetastasierten Erkrankung mit rasch steigenden PSA-Werten im Vergleich zu Placebo das Auftreten von mit Bildgebung nachweisbaren Metastasen deutlich verzögert mit einer medianen metastasenfreien Überlebenszeit von 36,6 vs 14,7 Monaten (Hazard-Ratio 0,29).

Beim ASCO-Kongress und parallel im New England Journal of Medicine stellte nun die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Cora Sternberg, Weill Cornell Medicine, New York (USA), die finalen Überlebensdaten der PROSPER-Studie nach einer Nachbeobachtungszeit von 48 Monaten aus dieser Studie vor.

Die Behandlung mit Enzalutamid senkte das Sterberisiko im Vergleich zu Placebo signifikant um 27% (p = 0,0011). Im Median überlebten die Patienten der Enzalutamid-Gruppe um 67 Monate, die der Placebo-Gruppe um 56,3 Monate.

Das Fazit der Autoren lautete. „Diese finale OS-Analyse der PROSPER-Studie bedeutet eine prospektive Validierung des metastasenfreien Überleben (MFS) als Surrogat-Endpunkt für das Überleben beim nmCRPC und unterstützt den Einsatz von Enzalutamid plus Androgendeprivation als Standardtherapie bei Männern mit nmCRPC und rasch steigenden PSA-Werten.“

Protonenpumpenhemmer bei Mammakarzinom?

Mit zusätzlicher Gabe des Protonenpumpenhemmer (PPI) Omeprazol zu einer präoperativen Chemotherapie konnte bei 42 Frauen mit dreifach negativem Brustkrebs eine pathologisch komplette Remissionsrate von 74,4% erzielt werden. Rationale der Anwendung von Omeprazol ist, dass dieser PPI die Fettsäuren-Synthase (FASN) hemmt. Dieses Enzym wird in 70% der neu diagnostizierten dreifach negativen Mammakarzinome exprimiert und soll mit einer schlechten Prognose assoziiert sein.

In der einarmigen Phase-2-Studie erhielten die Frauen mit neu diagnostiziertem dreifach negativem Brustkrebs (85% FASN-positiv) zunächst über 4 bis 7 Tage Omeprazol (80 mg oral zweimal täglich), dann begann die präoperative Anthracyclin-Taxan-basierte Chemotherapie, auch Carboplatin war nach Entscheidung des Behandlers erlaubt. Omeprazol wurde bis zur Operation weiter gegeben.

Omeprazol ist gut verträglich und hemmt in der eingesetzten Dosierung die FASN nachweislich Die Autoren sind der Ansicht, dass dieser neue Therapieansatz prospektiv in größeren Studien untersucht werden sollte.

Lungenkrebs: Rauchverzicht lohnt immer – auch kurz vor Diagnose

Hört ein Raucher vor der Diagnose eines Lungenkarzinoms mit dem Rauchen auf, selbst wenn es nur 2 Jahre vorher ist, dann hat er signifikant bessere Überlebenschancen. „Es ist also nie zu spät, um mit dem Rauchen aufzuhören“, lautete das Fazit von Dr. Aline Fares, Princess Margaret Cancer Centre, Toronto, Kanada.

Sie und ihre Kollegen hatten Daten von 35.481 Lungenkrebs-Patienten aus 17 Studien der International Lung Cancer Consortium (ILCCO) Database analysiert und gefunden, dass das Sterberisiko bei Rauchverzicht mehr als 5 Jahre vor der Diagnose Lungenkrebs um 20%, bei Rauchverzicht 2 bis 5 Jahre vor Diagnose um 16% und bei weniger als 2 Jahren vor Diagnose um 12% gesenkt wurde. Auch das Risiko, an Lungenkrebs zu sterben, war geringer, aber vor allem bei den Patienten, die schon länger als 5 Jahre vor der Diagnose mit dem Rauchen aufgehört hatten.

Dies sind zwar keine brandneuen Erkenntnisse, sie bestätigen jedoch erneut, dass es sich immer lohnt, Patienten zum Rauchverzicht zu motivieren (siehe auch Medscape ).

Prävention: Eine Million Krebserkrankungen weniger mit 3 einfachen Maßnahmen

Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum haben übrigens aktuell errechnet, dass mit 3 relativ einfachen Maßnahmen bis zum Jahr 2050 eine Million Krebserkrankungen verhindert werden können:

  • Steuererhöhungen um jährlich 10% über einen Zeitraum von 10 Jahren

  • ein umfassendes Tabakwerbeverbot sowie

  • eine einheitliche neutrale Verpackung für alle Zigarettenmarken

Diese Methoden hätten sich in internationalen Studien bereits als wirksam zur Senkung des Raucheranteils erwiesen. In der Modellierung des DKFZs ging es nur um die vermiedenen tabakbedingten Krebserkrankungen. Weil Rauchen aber für eine Vielzahl weiterer Erkrankungen von Bedeutung ist, dürfte der tatsächliche Nutzen der 3 Maßnahmen für die Gesundheit der Bevölkerung noch deutlich höher sein.

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....