„Diese Krankheit kann jeden treffen“ – 26-jähriger Klinikarzt schildert seine Erfahrungen als COVID-19-Intensivpatient

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

11. Juni 2020

Der junge britische Arzt Dr. Shanath Ramachandran hat eine traumatische Erfahrung hinter sich: Ramachandran, der sich am Ende seines 2. praktischen Jahres befindet und sich zum Pädiater ausbilden lassen will, erkrankte so schwer an COVID-19, dass er über mehrere Tage künstlich beatmet werden musste und Intensivpflege benötigte. Seinen Fallbericht hat er jetzt in Anaesthesia Reports veröffentlicht [1].

Dr. Shanath Ramachandran

Wie Ramachandran, der im Leighton Hospital in Crewe, Nordwestengland, beschäftigt ist, schreibt, zog er sich das SARS-CoV-2-Virus nach einer arbeitsreichen Woche zu. Dies war Anfang April, in einer Zeit, in der die Fälle in ganz Großbritannien rapide zunahmen.

Hohes Erkrankungsrisiko für bestimmte ethnische Minderheiten

„Ich war mir meines persönlichen Risikos, mich dem Virus auszusetzen bewusst“, schreibt er. „Mir wurde aber versichert, dass es als fitter und gesunder 26-Jähriger ohne Vorerkrankungen unwahrscheinlich sei, dass COVID-19 schwer verlaufen würde. Zu dem Zeitpunkt, als ich erkrankte, war mir nicht klar, dass ich als Teil der BAME-Gemeinschaft ein erhöhtes Risiko hatte, durch COVID-19 ernsthaft zu erkranken. Mich betrifft das direkt, weil ich südasiatischer Abstammung bin und meine Eltern in Sri Lanka geboren sind."

 
Mir wurde versichert, dass es als fitter und gesunder 26-Jähriger ohne Vorerkrankungen unwahrscheinlich sei, dass COVID-19 schwer verlaufen würde. Dr. Shanath Ramachandran
 

Es gibt Anzeichen dafür, dass schwarze, asiatische und ethnische Minderheiten (BAME: Black, Asian, and Minority Ethnic) wohl unverhältnismäßig stark von COVID-19 betroffen sind. Wie der Guardian berichtet, zeigen erste Zahlen einer britischen Studie, dass nur 13% der britischen Bevölkerung zur BAME-Gemeinschaft gehören, sie aber 35% der COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen stellen und 70% der Todesfälle beim medizinischen Personal ausmachen.

Chirurgische Gesichtsmasken – wohl kein ausreichender Schutz

Ramachandran schildert, dass sich die damalige Infektionsprävention seiner Klinik an den nationalen Richtlinien orientierte und die Verwendung von Atemschutzmasken (FFP3) nur für die Behandlung eines Patienten mit bestätigter SARS-CoV-2-Infektion erlaubte. Für die Behandlung aller anderen Patienten, einschließlich derer, die auf ihre Ergebnisse von Abstrichen auf SARS-CoV-2 warteten, sollten chirurgische Gesichtsmasken verwendet werden.

„Sowohl die nationale als auch die lokale Präventionspolitik hat sich seither dahingehend geändert, dass sie eine breitere Verwendung von Atemschutzmasken vorsieht. Das deutet möglicherweise auch darauf hin, dass chirurgische Gesichtsmasken vor dem Hintergrund der hohen Prävalenz von SARS-CoV-2-Infektionen in der Bevölkerung keinen angemessenen Schutz bieten“, schreibt er.

6 Tage am Beatmungsgerät

Ramachandran erkrankte an seinem 2. Ruhetag (5. April) nach einer stressigen Arbeitswoche. Er war müde, litt an Übelkeit und Erbrechen, in der Woche darauf folgten Fieber, Muskelschmerzen und Atemnot.

Als ihm klar wurde, dass er ernsthaft erkrankt war, rief er am 12. April einen Krankenwagen und wurde ins Wythenshawe Hospital in Manchester verlegt. Bluttests und Scans legten den Verdacht auf COVID-19 nahe. Er erhielt intravenös ein Antibiotikum (Ceftriaxon) und wurde stationär aufgenommen. Der Verdacht auf COVID-19 bestätigte sich schließlich. 

 
Das kurze Telefongespräch mit meiner Familie, mit einem erzwungenen positiven Unterton der Unterhaltung, ist meine letzte klare Erinnerung vor der Intubation. Dr. Shanath Ramachandran
 

Innerhalb von nur 12 Stunden verschlechterte sich sein Zustand trotz Sauerstofftherapie stark. Er wurde auf die Intensivstation verlegt und an ein Beatmungsgerät angeschlossen. „Es war mir vorher nie in den Sinn gekommen, dass sich mein Zustand so verschlechtern könnte, daher verursachte diese Nachricht bei mir und meiner Familie viel Unruhe“, erinnert er sich. „Das kurze Telefongespräch mit meiner Familie, mit einem erzwungenen positiven Unterton der Unterhaltung, ist meine letzte klare Erinnerung vor der Intubation.“

Er blieb 6 Tage lang am Beatmungsgerät, bevor ihm die Schläuche entfernt wurden, nachdem sich sein Zustand gebessert hatte. Er verbrachte 2 weitere Tage auf der Intensivstation, wo er überwacht wurde, Krankengymnastik bekam und Sauerstoff über eine Gesichtsmaske erhielt, bevor er auf die Normalstation zurückkehren konnte. Die Nasensonde und der Urinkatheter wurden entfernt, er konnte damit beginnen, weiche Nahrung zu sich zu nehmen und wurde nach der Physiotherapie nach Hause entlassen.

Langwieriger Erholungsprozess – fast 15 Kilo Gewichtsverlust

Obwohl sich Ramachandrans Zustand während seines Klinikaufenthaltes deutlich verbessert hatte, war er bei seiner Entlassung immer noch sehr schwach. „Meine Mobilität war viel geringer als zuvor und ich hatte während des Krankenhausaufenthalts fast 15 kg abgenommen. Meine Stimme war unglaublich heiser und leise und ich hatte gelegentlich Mühe, Flüssigkeiten zu schlucken“, berichtet er.

 
Meine Genesung war ein langsamer, anstrengender und oft frustrierender Prozess. Dr. Shanath Ramachandran
 

Nach seiner Entlassung erholte sich 6 Wochen in seinem Elternhaus. Seine Beweglichkeit und Ausdauer verbesserten sich allmählich. Bei der Entlassung hatte er Mühe, 100 Meter zu laufen, ohne müde zu werden. Inzwischen läuft er allerdings täglich wieder 3 bis 4 Meilen (1 Meile = 1,609 km). Seine Stimme klingt beinahe wieder normal. Geholfen haben ihm z.B. Übungen, die ihm die Sprachtherapeutin im Wythenshawe Hospital und das HNO-Team im Heartlands Hospital empfahlen.

Am 8. Juni – rund 2 Monate nach seiner letzten Schicht – begann er schrittweisen an seinen Arbeitsplatz zurükzukehren. „Meine Genesung war ein langsamer, anstrengender und oft frustrierender Prozess. Es geht mir jetzt viel besser, aber es liegt noch ein langer Weg vor mir; es gibt oft Tage, an denen ich bei Basis-Aufgaben sehr schnell müde werde. Ich kämpfe mit dem Schlaf und muss noch etwas von dem Muskelgewicht, das ich während des Krankenhausaufenthalts verloren habe, wiederaufbauen. Man hat mir gesagt, dass es teilweise bis zu einem Jahr dauern kann, bis ich meine alte Form wiederhabe.“

Als Arzt auf der Intensivstation – eine „völlig neue Erfahrung“

Er erinnert sich: „Eines der Probleme, das mir sofort auffiel, war ein echter und vermeintlicher ‚Kontrollmangel‘, der schwer zu verkraften war. Wenn ich Patienten betreue, kann ich ihre Fortschritte aufzeichnen und ihre klinische Verbesserung oder Verschlechterung vorhersehen. Das konnte ich als Patient natürlich nicht, das verunsicherte mich und verstärkte die Ängste, die ich bereits in Bezug auf meinen klinischen Zustand hatte.“

Er sagt, dass es ihm sehr geholfen habe, dass das Behandlungsteam gut mit ihm kommunizierte und auch seine Testergebnisse ausführlich mit ihm besprochen hatte. Ramachandran ist auch der Meinung, dass seine Angst als Patient durch die Tatsache verstärkt wurde, dass er kurz vor seiner Erkrankung einen noch jüngeren Mann behandelt hatte, der traurigerweise an einer mit COVID-19 assoziierten Lungenentzündung gestorben war.

In seinem Fallbericht würdigt Ramachandran neben der medizinischen Betreuung auch die Arbeit von Physio- und Sprachtherapeuten, die ihm geholfen haben, sich schneller als erwartet zu erholen. Er fügt hinzu: „Die Aufnahme in die Intensivstation war für mich eine völlig neue Erfahrung. Ich musste mich nicht nur mit der Herausforderung auseinandersetzen, schwer krank zu sein, sondern auch mit dem zusätzlichen Problem, Arzt zu sein, der vor der Aufnahme zahlreiche Patienten mit derselben Krankheit behandelt hatte.“

Ramachandrans Resümee: „Als das Land anfangs abgeriegelt wurde und der NHS sich auf den Höhepunkt der Pandemie vorbereitete, war mir bewusst, dass eine hohe Wahrscheinlichkeit bestand, sich mit COVID-19 zu infizieren. Ich hatte mich jedoch nicht dadurch bedroht gefühlt, da ich fit und gesund war und nie geraucht hatte. Doch wie mein Fall und andere beweisen, kann diese Krankheit jeden treffen – unabhängig davon, wie gesund man zuvor war. Außerdem können die Folgen dieser Infektion krass sein. Dass ich mir COVID-19 eingefangen habe, hat dazu geführt, dass ich 2 Monate lang arbeitsunfähig war. Meiner Familie und mir hat das unsäglichen Stress und Angst bereitet, und es hat eine Unzahl psychischer und physischer Gesundheitsprobleme verursacht, die ich nun überwinden muss. Deshalb liegt mir daran zu betonen, wie wichtig es ist, dass die Öffentlichkeit weiterhin vor dieser potenziell gefährlichen Krankheit auf der Hut ist.“

Chinesische Studie bestätigt: Mit der richtigen Schutzausrüstung sind auch Ärzte und Pflegepersonal an vorderster Front effektiv geschützt

Wie wichtig angemessene Schutzausrüstung und die Schulung des Gesundheitspersonals ist um COVID-19-Infektionen zu verhindern – das zeigt eine jetzt im British Medical Journal publizierte chinesisch-britische Studie [2].

Die Forscher um Dr. Hai-Peng Xiao von der Sun Yat-sen Universität in Guangzhou, China, und der Universität Birmingham, Großbritannien, hatten 420 chinesische medizinische Fachkräfte (116 Ärzte und 304 Krankenschwestern, Durchschnittsalter 36 Jahre) untersucht, die vom 24. Januar bis 7. April 2020 für 6 bis 8 Wochen nach Wuhan entsandt worden waren.

Die Teilnehmer arbeiteten in 4 bis 6-Stunden-Schichten an durchschnittlich 5,4 Tagen pro Woche und durchschnittlich 16,2 Stunden pro Woche auf den Intensivstationen. Allen Teilnehmern wurde angemessene Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt, darunter Ganzkörperanzüge, Masken, Handschuhe, Schutzbrillen, Gesichtsschutzschilde und Kittel. Sie wurden auch in der korrekten Anwendung der Schutzausrüstung und in der Verringerung ihrer Infektionsrisiken bei der Pflege von Patienten geschult.

 
Doch wie mein Fall und andere beweisen, kann diese Krankheit jeden treffen – unabhängig davon, wie gesund man zuvor war. Dr. Shanath Ramachandran
 

Während der Einsatzzeit in Wuhan berichtete keiner der Studienteilnehmer über COVID-19-ähnliche Symptome, nach ihrer Rückkehr wurden alle negativ auf COVID-19 bzw. auf Antikörper getestet. Xiao und Kollegen weisen darauf hin, dass die Ergebnisse nur für das klinische Personal an vorderster Front gelten. Sie schlussfolgern, dass eine angemessene persönliche Schutzausrüstung bei der Prävention von Infektionen unter medizinischem Fachpersonal, das in hoch exponierten Umgebungen arbeitet, wirksam ist.

„Bevor ein sicherer und wirksamer Impfstoff zur Verfügung steht, bleiben die Angehörigen der Gesundheitsberufe anfällig für Covid-19“, schreiben sie und fügen hinzu. „Die Gesundheitssysteme müssen der Beschaffung und Verteilung von Schutzausrüstung Vorrang einräumen und die Angehörigen der Gesundheitsberufe in ihrer Anwendung angemessen schulen.“

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....