Kaum Immunität in der Bevölkerung: In Hamburger Blutspenden weniger als ein Prozent SARS-CoV-2-Antikörper

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

10. Juni 2020

Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) haben im April, Mai und Juni mehr als 900 anonymisierte Proben von Blutspendern auf Antikörper gegen SARS-CoV-2 getestet, um sich ein Bild über die „stillen“ Infektionen mit dem COVID19-Erreger zu machen. Bei weniger als 1% der untersuchten Blutspenden wurden Antikörper gegen das neuartige Corona-Virus nachgewiesen, wie das UKE mitteilt [1]. Hygiene- und Abstandsgebote gelten daher als weiterhin notwendig.

Immunität in der Bevölkerung sehr gering

„Während die PCR-Tests zur Feststellung einer Infektion nur eine Momentaufnahme darstellen, kann mit Antikörpertests nachgewiesen werden, ob ein Mensch Immunität gegen das SARS-CoV-2 entwickelt hat“, sagt Cornelia Prüfer-Storcks, Senatorin der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz. „Für die Breite der Bevölkerung kann so festgestellt werden, ob genügend Immunität besteht, um die Ausbreitungsmöglichkeiten des Virus zu beenden. Die ersten Ergebnisse der Studie zeigen uns, dass dies offenbar nicht der Fall ist, wenngleich noch weitere Testungen laufen.“

Solange es keine Anhaltspunkte für eine bereits vorhandene Immunität unter der Bevölkerung oder einen zugelassenen Impfstoff gebe, sei es weiterhin wichtig, sich an Hygiene- und Abstandsgebote zu halten, um die Ausbreitung des Virus einzugrenzen, so die Senatorin.

Vier unterschiedliche Tests

Menschen, die an COVID-19 erkranken, entwickeln nach einigen Tagen bis Wochen Antikörper gegen Merkmale des Erregers. Wie viele „stille“ Infektionen mit dem SARS-CoV-2-Erreger es unter den Blutspendern im UKE in den letzten 3 Monaten gegeben hat, haben Dr. Sven Peine, Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin, und Dr. Marc Lütgehetmann vom Institut für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene an insgesamt 914 Blutproben untersucht.

Für die Studie wurden im ersten Schritt bis Mitte April sogenannte Rückstellproben von 300 Blutspendern aus dem Jahr 2017 auf das Vorliegen von Antikörpern gegen das neuartige Corona-Virus getestet.

Da davon auszugehen war, dass sich im Jahr 2017 noch kein Blutspender in Hamburg mit dem neuartigen Virus angesteckt haben konnte, wurden diese Untersuchungen zur Überprüfung von 4 unterschiedlichen Antikörpertests (von den Firmen DiaSorin, Euroimmun, Roche und Wantai) herangezogen. Alle Antikörpertests zeigten bei den Blutspendenden eine gute analytische Spezifität mit nur einer äußerst geringen Zahl von falsch positiven Ergebnissen.

Im zweiten Schritt wurde dann, anhand der Ergebnisse, ein geeigneter Antikörpertest ausgewählt, um im Blut die Antikörper nachzuweisen. Dazu wird das entnommene Blut im Labor in ein Testgefäß mit Bestandteilen der Viren (Antigenen) gegeben. Sollten Antikörper gegen das neuartige Corona-Virus vorhanden sein, binden sie sich an die Antigene und können mit einem Fluoreszenzmittel sichtbar gemacht werden. Aufgrund der hohen Sensitivität wurde für die weitere Studie der Roche-Antikörpertest verwendet.

In einem dritten Schritt wurden dann im April 300, im Mai 288 und im Juni 326 anonymisierte Blutspenderproben auf das Vorhandensein von Antikörpern gegen SARS-CoV-2 untersucht.

Rate positiver Antikörpertests maximal 0,7 Prozent

Das Ergebnis des Screenings zeigte, dass die SARS-CoV-2-Rate bei den insgesamt 914 Blutspendenden unter einem Prozent lag. Im Zeitraum vom 6. bis 10. April wurde bei 300 Blutspendern nur eine bisher unbekannte SARS-CoV-2-Infektion serologisch nachgewiesen (0,3%), im Zeitraum vom 4. bis 6. Mai waren es bei 288 Blutspendern 2 bisher unbekannte SARS-CoV-2-Infektionen (0,7 Prozent) und im Zeitraum vom 2. bis 5. Juni bei 326 Blutspendern erneut nur 0,3%.

„Blutspenderinnen und Blutspender sind kein 1:1-Abbild der Hamburger Bevölkerung, aber sie können uns einen guten Anhalt über die unbemerkten Infektionsverläufe geben“, sagt Peine und fügt hinzu: „Wer hier in Hamburg in den letzten Monaten nur leichte oder unspezifische Erkältungssymptome hatte, der war auch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht an COVID-19 erkrankt.“

Eine routinemäßige Testung aller Blutspenden in Deutschland ist nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft und auch nach Einschätzung des Paul-Ehrlich-Instituts nicht notwendig, da nur sehr wenige und dann auch nur Schwersterkrankte die Viren im Blut tragen und als solche ohnehin nicht als Blutspender in Frage kommen.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de

 

Kommentar

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