Rheumatherapie in Corona-Zeiten: Offizielles EULAR-Register gibt Entwarnung für (fast) alle Therapien

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

9. Juni 2020

Ob Methotrexat, Biologika oder JAK-Hemmer: Eine Rheumatherapie erhöht nicht per se das Risiko, schwer an COVID-19 zu erkranken, und führt auch nicht zu häufigeren Klinikaufenthalten. Zu dem Ergebnis kommt eine Studie mit 600 Patienten aus dem EULAR-COVID-19-Register. Prof. Dr. Pedro Machado vom University Hospital London hat auf der Eröffnungspressekonferenz der EULAR (European League against Rheumatism) 2020 über Details berichtet [1].

Weil Rheumapatienten durch die Dysfunktion ihres Immunsystems und den häufigen Einsatz immunmodulierender Medikamente ein erhöhtes Infektionsrisiko aufwiesen, „gab es Befürchtungen, dass in der Pandemie eine Rheumatherapie mit einem schlechteren Outcome und mit vermehrten Krankenhausaufenthalten assoziiert ist”, berichtete Machado, der auch Koautor der Studie ist.

 
Mittel, die wir unseren Rheumapatienten geben erhöhen das Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf nicht. Ausgenommen hochdosiertes Prednisolon… Prof. Dr. Pedro Machado
 

„Doch die Mittel, die wir unseren Rheumapatienten geben erhöhen das Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf nicht. Ausgenommen hochdosiertes Prednisolon” – das in der Studie mit vermehrten Klinikaufenthalten assoziiert war. Zu den Risikofaktoren für eine Krankenhauseinweisung zählten daneben hohes Alter und Komorbiditäten, so Machado.

Die meisten Patienten litten an rheumatoider Arthritis

In der Registerstudie hatten Dr. Milena Gianfrancesco von der University of California San Francisco und Kollegen die Daten von 600 rheumatologischen Patienten mit COVID-19 aus 40 Ländern untersucht. Fast die Hälfte der Fälle musste stationär behandelt werden (277, 46%), und 55 (9%) starben.

Die Fallserie stammt aus dem „EULAR and Global Rheumatology Alliance COVID-19“-Register. Sie umfasst Daten vom 24. März bis zum 20. April 2020. Forscher erfassten Alter, Geschlecht, Raucherstatus, Diagnose rheumatischer Erkrankungen, Komorbiditäten und Medikamente gegen rheumatische Erkrankungen, welche unmittelbar vor der Infektion eingenommen wurden. Die meisten Patienten kamen aus Nordamerika und Europa, waren weiblich und in der Altersgruppe 50-65 Jahre.

Am häufigsten litten sie an rheumatoider Arthritis (230, 38%), gefolgt von systemischem Lupus (85, 14%) und Psoriasis-Arthritis (74, 12%). Die wichtigsten Komorbiditäten waren Bluthochdruck (199, 33%), Lungenerkrankungen (127, 21%), Diabetes (69, 12%), Herz-Kreislauf-Erkrankungen (63, 11%) und chronische Niereninsuffizienz im Endstadium (40, 7%).

Die meisten Patienten hatten nie geraucht (389, 75%) und befanden sich entweder in Remission oder hatten eine geringe Krankheitsaktivität (459, 80%).

Kardiovaskuläre Erkrankungen (Hazard Ratio 1,86), Lungenerkrankungen (HR 2,48), Diabetes (HR 2,61) und chronische Nierenerkrankung (HR 3,02) erhöhten das Risiko, aufgrund von COVID-19 ins Krankenhaus zu müssen.

Hochdosiertes Prednisolon führte häufiger zu stationären Therapien

In multivariabel angepassten Modellen war eine Prednisondosis ≥10 mg/Tag mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einer Krankenhauseinweisung verbunden (OR 2,05, 95% KI 1,06 bis 3,96). Prednisolon wird häufig als schnell wirksamer Entzündungshemmer eingesetzt.

Die Gabe eines krankheitsmodifizierenden Antirheumatikums (DMARD) allein oder in Kombination mit Biologika/JAK-Hemmern war hingegen nicht mit einem signifikant höheren Risiko für stationäre Behandlungen assoziiert (OR 1,23, 95% KI 0,70 bis 2,17 bzw. OR 0,74, 95% KI 0,37 bis 1,46). Auch die Einnahme von NSAR war nicht mit einem Krankenhausaufenthalt verbunden (OR 0,64, 95% KI 0,39 bis 1,06). Bei TNF-Hemmern fand man sogar Assoziationen mit einem geringeren Risiko für stationäre Therapien assoziiert (OR 0,40, 95% KI 0,19 bis 0,81), während es bei Malariamitteln (OR 0,94, 95% KI 0,57 bis 1,57) keine Besonderheiten gab.

Selektionsbias im Register?

Zwar mussten 46% der Patienten (277) ins Krankenhaus eingeliefert werden und 55 (9%) starben. Die Zahlen sollten aber nicht als tatsächliche Rate von Klinikaufenthalten und Todesfällen unter Rheumapatienten mit COVID-19 verstanden werden, so Machando. Er sprach von einem möglichen Selektionsbias, denn der Mechanismus, mit dem Falldaten gesammelt würden, lege nahe, dass eher schwere Fälle aufgenommen würden – und milde oder asymptomatisch verlaufende Fälle seltener. Das erhöhe die Rate von Klinikeinweisungen und Todesfällen in der Gruppe der gemeldeten Patienten künstlich.

 
Die Studie zeigt, dass sich die meisten Patienten mit rheumatologischen Erkrankungen – unabhängig davon, welche Medikamente sie erhalten – von COVID-19 erholen. Prof. Dr. John Isaacs
 

Weil Daten über den Verlauf von COVID-19 bei Rheumatikern rar und auf kleine Fallzahlen beschränkt sind, hatten sich innerhalb von nur wenigen Wochen Rheumatologen weltweit zusammengeschlossen, um ein internationales COVID-Register aufzubauen. Bis Ende der Woche erwarte man 2.000 Fälle im EULAR-COVID-19-Register, so Machado. Die EULAR unterstützt das Projekt und hat im März bereits eine europäische Forschungsdatenbank etabliert, wie EULAR-Präsident Prof. Dr. Iain B. McInnes von der University of Glasgow, Schottland, berichtete.

„Die Studie zeigt, dass sich die meisten Patientinnen und Patienten mit rheumatologischen Erkrankungen – unabhängig davon, welche Medikamente sie erhalten – von COVID-19 erholen“, bilanzierte Prof. Dr. John Isaacs von der University of Newcastle, Großbritannien. Dennoch sei es notwendig, noch mehr Wissen über den Verlauf einer COVID-19-Infektion bei Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen zusammenzutragen.

Hohes Thrombose-Risiko bei rheumatoider Arthritis

Patienten mit rheumatoider Arthritis (RA) und hoher Krankheitsaktivität leiden besonders häufig unter Thrombosen. Zu diesem Ergebnis kommt eine schwedische Studie [2]. Wie Isaacs berichtete, erleide 1 von 100 RA-Patienten mit hoher Krankheitsaktivität eine Thrombose. Das entspricht einer 2-fachen Zunahme im Vergleich zu RA-Patienten, die sich in Remission befinden.

In der schwedischen Kohortenstudie hatte ein Team um Viktor Molander vom Karolinska Institut in Stockholm, untersucht, ob der Grad der Krankheitsaktivität das Thrombose-Risiko beeinflusst. Analysiert wurden dazu die Daten von 46.311 RA-Patienten aus dem schwedischen Qualitätsregister für Rheumatologie (SRQ) über einen Zeitraum von 12 Jahren. Die Krankheitsaktivität wurde mit dem DAS28 gemessen, und es zeigte sich ein starker Zusammenhang zwischen der Krankheitsaktivität der RA und dem VTE-Risiko.

Biologika können Thromboserisiko reduzieren

Die gute Nachricht ist: Eine Biologika-Therapie kann das erhöhte VTE-Risiko reduzieren – das zeigt eine Studie mit Daten des deutschen RABBIT-Registers, die Isaacs ebenfalls vorstellte [3]. Dass Biologika das Thrombose-Risiko senken können ist gerade auch im Hinblick auf COVID-19 von Bedeutung, denn bei der Erkrankung spielen Thrombosen und Lungenembolien eine maßgebliche Rolle.

Dr. Martin Schäfer vom Deutschen Rheuma-Forschungszentrum und Kollegen hatten Daten von mehr als 11.000 RA-Patienten untersucht, die nach mindestens einem csDMARD Versagen entweder mit einem weiteren csDMARD behandelt oder auf die Therapie mit einem Biologikum umgestellt wurden. Im Ergebnis reduzierte die Therapie mit TNF-Inhibitoren das Risiko schwerer VTE um fast die Hälfte.

Eine erhöhte Entzündungsaktivität war auch in den RABBIT-Daten mit einem signifikant erhöhten Thromboserisiko assoziiert. So verdoppelte ein CRP-Wert von mindestens 5 mg/l das Risiko nahezu.

 
Wir warnen ausdrücklich davor, Biologika ohne medizinische Indikation zum Schutz vor einer SARS-CoV-2-Infektion oder einem schweren Verlauf einer COVID-19-Erkrankung einzunehmen. Dr. Martin Schäfer
 

„Aus den Ergebnissen können wir jedoch nicht ableiten, dass Patienten mit entzündlichen rheumatologischen Erkrankungen durch ihre Therapie mit TNF-Hemmern vor einem schweren Verlauf einer COVID-19 Infektion geschützt sind“, betonte Isaacs. „Wir warnen ausdrücklich davor, Biologika ohne medizinische Indikation zum Schutz vor einer SARS-CoV-2-Infektion oder einem schweren Verlauf einer COVID-19-Erkrankung einzunehmen.“

 

Kommentar

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