Bei Verdacht auf eine Pneumonie, einen Pneumothorax oder eine COPD: Diese Vorteile hat Lungenultraschall in der Praxis

Roland Fath

Interessenkonflikte

8. Juni 2020

Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) und der Schwestergesellschaften in Österreich (ÖGUM) sowie der Schweiz (SGUM) berichten über diagnostische Möglichkeiten des Lungenultraschalls. Nicht nur zur Früherkennung einer COVID-19-Pneumonie (wie  Medscape berichtete ), sondern generell zur Abklärung von Notfällen bei Patienten mit Atemnot oder Husten sei die schnell verfügbare und strahlungsfreie Technik ein „unentbehrliches Hilfsmittel“, hieß es bei einer gemeinsamen Online-Pressekonferenz [1].

„Der Lungenultraschall wurde in der Vergangenheit deutlich unterschätzt“, sagte Prof. Dr. Dirk-André Clevert, Radiologe am Münchner Klinikum Großhadern. Und Luft sei nicht mehr als „Feind des Ultraschalls“ anzusehen, ergänzte Prof. Dr. Josef Menzel aus Ingolstadt, Neupräsident der DEGUM. „Auch lufthaltige Organe können mit Ultraschall gut untersucht werden.“

 
Der Lungenultraschall wurde in der Vergangenheit deutlich unterschätzt. Prof. Dr. Dirk-André Clevert
 

Bessere Ergebnisse durch Optimierung der Technik

Durch Optimierung der Geräte konnten nach Angaben der Experten Artefakte reduziert werden. Mehr und mehr werde Ultraschall inzwischen auch zur Lungendiagnostik eingesetzt, allerdings variiere dies von Klinik zu Klinik mitunter erheblich. Im ambulanten Bereich hat der Lungenultraschall aktuell nur eine Nischenrolle. In Deutschland wende bisher kaum ein niedergelassener Arzt die Technik an.

Die Deutung der Befunde setze eine gewisse Expertise voraus, räumten die Experten ein. Vieles sei aber bereits nach einem eintägigen Lungenultraschallkurs zu erkennen, so Dr. Rudolf Horn vom Spital Val Müstair in der Schweiz, Kursleiter der SGUM und Mitglied in der Weiterbildungskommission des Point of Care Ultraschalls (PoCUS).

In der Notaufnahme seiner Klinik werde der Lungen-Ultraschall häufig bei Patienten mit Dyspnoe zur Differentialdiagnose eingesetzt. „Ein Pneumothorax ist in wenigen Minuten zu sehen“, sagte Horn. Bei Patienten mit einer exazerbierten COPD sei der Lungenultraschall unauffällig und bei einer Herzinsuffizienz sei im Gegensatz zu vielen Lungenerkrankungen die Pleura unauffällig und auch die B-Linien im Ultraschallbild unterschieden sich. Bei Patienten mit Verdacht einer COVID-19-Pneumonie kann der Lungenultraschall als Weichensteller und als Hilfsmittel zur Beurteilung des Schweregrades und der Prognoseeinschätzung dienen.

Die Corona-Krise ist zu einer Chance für den diagnostischen Durchbruch des Lungenultraschalls in der Praxis geworden. Im Vergleich zur Computertomographie, Standard in der COVID-19-Diagnostik, oder auch zu einer Röntgenthorax-Untersuchung kommen die Vorteile der Technik voll zur Geltung: Das Verfahren ist schnell verfügbar, strahlungsfrei und kostengünstig; mobile Geräte können für Untersuchungen direkt am Krankenbett oder auch von ambulanten Patienten, etwa im Pflegeheim, mitgenommen werden.

Das CT ergänzen, nicht ersetzen

Der Lungenultraschall kann und soll das CT in der COVID-19-Diagnostik nicht ersetzen. Die Technik könne aber zur schnellen Beurteilung eingesetzt werden, welche Patienten vorrangig per CT untersucht werden sollten und welche etwas mehr Zeit hätten, sagte Menzel. Der Lungenultraschall liefere gute Bilder vom Zustand der Lunge. Patienten mit gravierenden Veränderungen an Lungengerüst und Lungengewebe seien besonders gefährdet, schnell zu kompensieren. Besonders gut geeignet sei der Lungenultraschall außerdem zur Verlaufskontrolle bei schwer erkrankten COVID-19-Patienten auf der Intensivstation.

Eine Lungenentzündung sei durch Ultraschall mit ähnlich hoher Treffsicherheit wie mit dem CT zu erkennen, sagte Prof. Dr. Gebhardt Mathis aus Rankweil in Vorarlberg. Sie liege bei mindestens 90%. Nach einer kleinen Studie aus China sei auch die Treffsicherheit bei Patienten mit COVID-19-Pandemie hoch. Größte Einschränkung: Mit dem Lungenultraschall können nur Schäden in der Peripherie erkannt werden, weshalb sie nur als komplementäre Methode zum CT angesehen wird.

Lungenultraschall bei COVID-19: Studien laufen

Der diagnostische Stellenwert der Technik wird derzeit bei COVID-19-Patienten in einer 3-Länder-Studie weiter evaluiert. Eingesetzt wird zur Abklärung einer Pneumonie ein gemeinsam erarbeitetes standardisiertes Untersuchungsprotokoll.  Bei jedem Patienten werden 6 Lungenareale (jeweils 2 anterior, lateral und dorsal) nach 4 charakteristischen Kriterien untersucht, erklärte PD Dr. Konrad Friedrich Stock von der Technischen Universität München. Typisch für eine COVID-19-Pneumonie seien im Ultraschallbild

  • eine fragmentierte Pleura, „wie eine Art Zebrastreifen“,

  • eine subpleurale Konsolidierung (erkennbar als schwarze Flecken),

  • ein Aerobronchogramm (lüftgefüllte Bronchien in Form weißer Tüpfelchen),

  • B-Linien (weiße Streifen wie im Licht einer Taschenlampe), die sowohl von der intakten Pleura als auch vom Rand der Konsolidierungen oder von Pleurapathologien ausgehen können.

„Die einzelnen Kriterien sind wenig spezifisch“, sagte Stock, „wichtig sind Kombination und Verlauf“. Als weiteres sehr relevantes Untersuchungskriterium nannte der Experte das Vorhandensein von Lungenwasser, das nach derzeitigem Wissensstand mit einem ungünstigen Verlauf verbunden ist. Bis zum Jahr 2021 werden in allen teilnehmenden Zentren Daten gesammelt. Das Ziel sei es, die beiden großen Fragen zu beantworten:

  1. Wo reicht in der COVID-19-Pneumonie-Diagnostik der Lungenultraschall alleine aus, wo sieht man mit dem CT mehr?

  2. Wie korrelieren Krankheitsverlauf und Mortalität mit bestimmten Lungenveränderungen?

 

Kommentar

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