Gute Daten, schlechte Daten: Hochrangige Journals ziehen Corona-Publikationen zurück – wie konnte das passieren?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

5. Juni 2020

The Lancet und das New England Journal of Medicine(NEJM), 2 der renommiertesten internationalen Wissenschaftsjournale, haben sich entschlossen, je eine Studie über COVID-19 zurückzuziehen [1,2]. Das geschah nicht nur auf Veranlassung der Zeitschriften selbst; auch einige der Autoren haben sich zu diesem Schritt entschlossen. Die Journale wollen jetzt alle Daten erneut prüfen und sich dann zum Sachverhalt äußern. Science spricht schon jetzt vom „1. großen Forschungsskandal der COVID-19-Ära“.

Beide Arbeiten basieren auf Daten der Firma Surgisphere aus Chicago. Es ging einerseits um die COVID-19-Therapie mit Chloroquin und Hydroxychloroquin in Kombination mit einem Makrolid. Andererseits wurde untersucht, wie Corona-Patienten auf ACE-Hemmer und Sartane reagieren.

„Fehler in der Datenerhebung sind im Gutachterprozess extrem schwer zu erkennen“, kommentiert aus Deutschland Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer die Vorgänge. Er ist Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln. Fätkenheuer: „In der Regel ist das nur dann möglich, wenn die präsentierten Daten in sich unschlüssig oder grob unplausibel sind.“

 
Fehler in der Datenerhebung sind im Gutachterprozess extrem schwer zu erkennen. Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer
 

Dr. Serge Horbach vom Institute for Science in Society, Radboud University, Nijmegen, ergänzt: „In diesem speziellen Fall hatten die Gutachter wohl alle notwendigen Informationen, um Ungereimtheiten zu erkennen, so wie es auch andere Kommentatoren nach der Veröffentlichung des Manuskripts taten.“ Insbesondere angesichts des hohen Status der Zeitschriften, in denen diese Ergebnisse erschienen sind, würden Leser wahrscheinlich eine gründliche Qualitätskontrolle, zum Beispiel durch engagierte Statistikgutachter, erwarten.

Mehrere Kritikpunkte an der Firma als Datenlieferant

Dass in beiden Publikationen 3 gleiche Autoren (Mandeep R. Mehra, Sapan S. Desai und Amit N. Patel) auftauchen, mag verwundern, ist allein aber noch kein Kriterium. Die britische Zeitung The Guardian äußert jedoch Zweifel an der Seriosität von Surgisphere und damit an den von dem Unternehmen gelieferten Daten. Die Kritikpunkte, die die Zeitung recherchiert hat:

  • Eine Suche nach öffentlich verfügbarem Material legt nahe, dass es von mehreren Mitarbeitern wenige oder keine Daten gibt oder dass sie keinen wissenschaftlichen Hintergrund haben. 

  • Eine Mitarbeiterin, die als Wissenschaftsredakteurin aufgeführt ist, scheint eine Science-Fiction-Autorin und Fantasy-Künstlerin zu sein.

  • Ein weiterer Mitarbeiter, der als Marketingleiter aufgeführt ist, ist im Eventbereich tätig.

  • Die LinkedIn-Seite des Unternehmens hat weniger als 100 Follower; letzte Woche wurden nur 6 Mitarbeiter aufgelistet. Dies wurde ab Mittwoch auf drei Mitarbeiter geändert.

  • Obwohl Surgisphere behauptet, eine der größten Krankenhaus-Datenbanken der Welt zu betreiben, hat die Firma keine nennenswerte Online-Präsenz. 

  • Bis Montag wurde der Link Kontakt“ auf der Surgisphere-Homepage zu einer WordPress-Vorlage für eine Kryptowährungs-Website umgeleitet, die Fragen dazu aufwirft, wie Krankenhäuser das Unternehmen problemlos kontaktieren können, um sich seiner Datenbank anzuschließen.

Methodische Schwächen beider Studien

Bei der Lancet-Studie ging es um Chloroquin/Hydroxychloroquin und Antibiotika zur COVID-19-Therapie – mit negativem Ergebnis. Auf Basis der Studie entschied die Weltgesundheitsorganisation WHO am 25. Mai, Hydroxychloroquin in der „Solidarity Trial“ nicht weiter zu untersuchen.

Wissenschaftlern fiel auf, dass es Inkonsistenzen bei den Datensätzen gab. So findet man bei australischen Daten eine höhere Zahl stationär verstorbener COVID-19-Patienten als insgesamt gemeldet worden waren. Auch die Behauptung, es gebe Aufzeichnungen zu 4.402 Patienten aus Afrika, erscheint fraglich. Denn die wenigsten Krankenhäuser dort haben digitale Patientenakten – mit denen Surgisphere angeblich gearbeitet hat.

Doch die aufgetauchten Fragen bleiben ungeklärt: „Unsere unabhängigen Peer Reviewer haben uns mitgeteilt, dass Surgisphere nicht den vollständigen Datensatz, die Kundenverträge und den vollständigen ISO-Auditbericht zur Analyse auf ihre Server übertragen würde, da eine solche Übertragung gegen Kundenvereinbarungen und Vertraulichkeitsanforderungen verstoßen würde“, schreiben 3 Koautoren in ihrer Widerrufserklärung. Dies mache eine Prüfung unmöglich. „Aufgrund dieser Entwicklung können wir nicht mehr für die Richtigkeit der primären Datenquellen bürgen.“

Die NEJM- Studie untersuchte Antihypertensiva wie ACE-Hemmer in Zusammenhang mit der Mortalität bei COVID-19-Patienten. „Da nicht allen Autoren Zugriff auf die Rohdaten gewährt wurde und die Rohdaten nicht einem externen Prüfer zur Verfügung gestellt werden konnten, können wir die unserem Artikel zugrunde liegenden primären Datenquellen nicht validieren“, heißt es auch hier in einer Stellungnahme der Autoren im NEJM.

Gefährliche Tendenzen

Fätkenheuer sieht hier ein generelles Problem: „Im Rahmen der COVID-19-Pandemie erleben wir an vielen Stellen, wie sonst übliche Standards ausgehebelt werden.“ Das beginne mit dem massenhaften Einsatz nicht geprüfter Therapieverfahren, wie zum Beispiel Hydroxychloroquin, außerhalb von klinischen Studien. Das setze sich fort mit einer großen Zahl von Veröffentlichungen letztlich nicht aussagefähiger Studien in wissenschaftlichen Journalen.

 
Am Ende der Skala steht die Verbreitung von fehlerhaften Daten und Ergebnissen. Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer
 

„Und am Ende der Skala steht die Verbreitung von fehlerhaften Daten und Ergebnissen“, so der Experte. „Die negativen Folgen für die medizinische Versorgung der Bevölkerung können enorm sein. Selbstverständlich schadet das auch der Wissenschaft insgesamt erheblich.“

Das Fazit: „Die Diskussion um möglicherweise gravierende Fehler in hochrangigen Veröffentlichungen zeigt, dass auch im Rahmen der COVID-19-Pandemie übliche Standards der Wissenschaft nicht außer Kraft gesetzt werden sollten“, so Fätkenheuer.

 
Selbstverständlich schadet das auch der Wissenschaft insgesamt erheblich. Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer
 

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....