Paradigmenwechseln in der Behandlung des metastasierten Blasenkarzinoms? Avelumab verlängert Überleben um 7 Monate

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

5. Juni 2020

Alexandria – Eine frühe Erhaltungstherapie mit Avelumab plus Best Supportive Care (BSC) nach platinbasierter Chemotherapie kann die Überlebenszeit von Patienten mit metastasiertem Blasenkarzinom auf 21,4 Monate im Median verlängern. Mit Best Supportive Care allein überlebten die Patienten in der Phase-3-Studie JAVELIN Bladder 100 dagegen nur 14,3 Monate.

Die Studienergebnisse hat Prof.Dr. Thomas Powles, Barts Cancer Center, London (UK), in der Plenarsitzung beim virtuellen Jahreskongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) in der Plenarsitzung vorgestellt [1].

Sein Fazit lautete: „Avelumab als Erhaltungstherapie repräsentiert bei Patienten mit fortgeschrittenem Blasenkarzinom ohne Progression nach Platin-basierter Chemotherapie einen neuen Firstline-Standard.“

Die mit dem vollhumanen monoklonalen Antikörper aus der Klasse der Immun-Checkpoint-Inhibitoren Avelumab erreichte mediane Überlebenszeit von 21,4 Monaten „ist die bislang längste Überlebenszeit, die in einer Studie mit irgendeiner Therapie erreicht worden ist“, kommentierte Prof. Dr. Elizabeth R. Plimack, Fox Chase Cancer Center, Temple Health University Hospital, Philadelphia (USA), als Diskutantin in der Plenarsitzung beim ASCO-Kongress.

 
Avelumab als Erhaltungstherapie repräsentiert bei Patienten mit fortgeschrittenem Blasenkarzinom ohne Progression nach Platin-basierter Chemotherapie einen neuen Firstline-Standard. Prof. Dr. Thomas Powles
 

Sie wies darauf hin, dass die PD-L1-positiven Patienten in dieser Studie sogar noch besser abgeschnitten haben, PD-L1 habe sich hier – im Gegensatz zu anderen Studien mit Checkpoint-Inhibitoren – als guter prognostischer Marker erwiesen.

Die Ergebnisse der JAVELIN Bladder 100 leiten nach Ansicht von Plimack einen Paradigmenwechseln in der Behandlung des metastasierten Blasenkarzinoms ein. Nach einer platinhaltigen Chemotherapie sei nun bei Patienten mit Ansprechen oder stabiler Erkrankung eine Erhaltungstherapie vorzuziehen, dies anstelle einer Therapieunterbrechung und dem möglichen Einsatz einer Zweitlinienbehandlung.

Metastasiertes Blasenkarzinom: Rezidive nach Chemotherapie häufig

Das metastasierte Blasenkarzinom gilt als unheilbar, nur wenige Patienten leben länger als 5 Jahre. Bei rund 65 bis 75% der Patienten mit einem fortgeschrittenen Blasenkarzinom kann die Erkrankung mit einer Platin-basierten Erstlinien-Chemotherapie kontrolliert werden. Wegen einer Resistenzentwicklung gegen die Chemotherapie sind jedoch progressionsfreies und Gesamtüberleben der Patienten meist nur kurz.

Nur 25 bis 55% der Patienten erhalten anschließend eine Zweitlinientherapie. Deren Nutzen ist jedoch wegen der raschen Progression der Erkrankung ebenfalls begrenzt.

Standard in der Zweitlinien-Therapie bei Progression eines Blasenkarzinoms nach platinhaltiger Chemotherapie sind derzeit PD-1- und PD-L1-Inhibitoren, so auch der PD-L1-Inhibitor Avelumab (Bavencio®).

Avelumab als First-Line-Erhaltungstherapie

Powles und seine Kollegen untersuchten deshalb in der Phase-3-Studie JAVELIN Bladder 100 den Nutzen einer Erhaltungstherapie mit Avelumab bei Patienten, deren Blasenkrebs-Erkrankung nach einer platinbasierten Chemotherapie nicht fortgeschritten war.

In die Studie wurden 700 Patienten mit nicht resezierbarem, lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Blasenkarzinom aufgenommen, die auf eine Vorbehandlung mit 4 bis 6 Zyklen Cisplatin oder Carboplatin jeweils plus Gemcitabin angesprochen hatten (CR, PR oder SD).

Je 350 Patienten wurden randomisiert mit Avelumab plus Best Supportive Care (BSC) oder mit BSC allein bis zur Progression der Erkrankung, nichtakzeptablen Nebenwirkungen oder bis zum Therapieabbruch behandelt.

Primärer Endpunkt war das Gesamtüberleben (OS) bei allen Patienten und bei den Patienten mit PD-L1-positiven Tumoren (n = 358). Zu den sekundären Endpunkten gehörten das progressionsfreie Überleben (PFS), die Ansprechrate und die Verträglichkeit.

Die demographischen Parameter der beiden Gruppen waren ähnlich. 72% hatten auf die vorangegangene Chemotherapie komplett oder partiell angesprochen, bei 28% hatte sich die Erkrankung stabilisiert. 

Mit Avelumab plus BSC waren die Patienten im Median 24,9 Wochen, mit BSC allein 13,1 Wochen behandelt worden. Zum Zeitpunkt der Datenanalyse betrug die Nachbeobachtungszeit in der Avelumab-Gruppe 19,6 Monate, in der BSC-Gruppe 19,2 Monate.

Primärer Endpunkt erreicht

Der primäre Endpunkt wurde erreicht. Die Erhaltungstherapie mit Avelumab verlängerte das Gesamtüberleben von 14,3 Monaten unter BSC allein auf 21,4 Monate (Hazard-Ratio: 0,69; p < 0,001). Die Überlebensraten nach 12 Monaten betrugen unter Avelumab 71%, unter BSC 58%, nach 18 Monaten 61% bzw. 44%.

Bei den PD-L1-positiven Patienten war mit Avelumab zum Analysenzeitpunkt das Gesamtüberleben noch nicht erreicht (HR: 0,56, p < 0,001). Unter BSC allein überlebten die Patienten 17,1 Monate. Die Überlebensraten nach 12 Monaten betrugen unter Avelumab 79%, unter BSC 60%, nach 18 Monaten 70% bzw. 48%. Diese guten Wirkungen von Avelumab waren in allen vordefinierten Subgruppen nachweisbar.

Auch der sekundäre Endpunkt progressionsfreies Überleben (PFS) wurde von 2,0 Monaten unter BSC allein auf 3,7 Monate unter Avelumab plus BSC signifikant verlängert (HR: 0,62; p < 0,001). Nach 12 Monaten war bei 30% der Avelumab-Patienten und bei 13% der BSC-Gruppe die Erkrankung noch nicht fortgeschritten. In der PD-L1-positiven Gruppe betrug das PFS 5,7 Monate mit Avelumab und 2,1 Monate ohne Avelumab (HR: 0,56, p < 0,001).

Auf Avelumab sprachen 9,7% aller Patienten und 13,8% der PD-L1-positiven Patienten an, die Ansprechrate unter BSC allein betrug 1,4 bzw. 1,2%. Plimack wies allerdings darauf hin, dass diese Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren seien, weil ja die meisten Patienten zum Studienzeitpunkt bereits ein Ansprechen gezeigt hätten. Es handele sich hier um die Erhaltung des Ansprechens. Die Ansprechrate sei kein aussagekräftiger Endpunkt der Studie.

Die Avelumab-Therapie wurde zum Analysenzeitpunkt bei 24,3% der Patienten weitergeführt. Nach Abbruch der Behandlung wurden 42,3% der Avelumab-Patienten und 61,7% der BSC-Patienten mit anderen Substanzen behandelt.

Keine neuen unerwünschten Wirkungen

Bislang nicht bekannte unerwünschte Wirkungen von Avelumab wurden nicht beobachtet. Unerwünschte Wirkungen vom Schweregrad 3 oder höher traten bei 47,3% unter Avelumab und bei 25,2% unter BSC allein auf. Zu immunassoziierten Nebenwirkungen vom Schweregrad 3 kam es bei 7% der Avelumab-Patienten. Es traten keine immunvermittelten Nebenwirkungen vom Schweregrad 4/5 auf.

Bei 9,0% der Patienten wurden hochdosiert Glukokortikoide zur Behandlung der immunvermittelten Nebenwirkungen eingesetzt.

 

Kommentar

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