Unter der COVID-19-Pandemie leidet die Versorgung von Schmerzpatienten – diese Maßnahmen fordern medizinische Verbände

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

4. Juni 2020

Die COVID-19-Pandemie hat die Versorgung von Schmerzpatienten erheblich beeinträchtigt – mit der Folge, dass deren Belastung messbar zugenommen hat. Nach einer Umfrage der unabhängigen Vereinigung aktiver Schmerzpatienten in Deutschland (SchmerzLOS) betrug die durchschnittliche Schmerzintensität vor der Krise 3,5 auf einer Skala von 1 bis 10. Jetzt liegt sie bei 5,5.

„Das macht genau den Unterschied zwischen arbeitsfähig oder nicht“, sagte die Vorsitzende Heike Norda am Dienstag auf einer Online-Pressekonferenz zum Aktionstag gegen den Schmerz [1]. Auch unabhängig von COVID-19 gebe es erheblich Defizite bei der Versorgung.

Wartezeiten bis zu 2 Jahren

Die Details: 22 Millionen Deutsche leiden unter chronischen Schmerzen, tumorbedingte Fälle nicht einberechnet. Und 6 Millionen sind durch Schmerzen stark beeinträchtigt. Oft dauere es lange, bis die Betroffenen die richtige Therapie erhielten, sagt Prof. Dr. Claudia Sommer, Präsidentin der Deutschen Schmerzgesellschaft und Leitende Oberärztin an der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Uniklinikums Würzburg.

Das liegt auch am System. Rund 1.000 spezialisierte ambulante Schmerztherapeuten gibt es in Deutschland, jeder darf aber nur 300 Patienten pro Quartal behandeln. „Da kann man leicht ausrechnen: Es kommt nicht jeder dran“, kritisiert Norda. Manche Therapeuten hätten Wartezeiten von bis zu 2 Jahren. Und dann kam auch noch das Virus.

 
Die Versorgung von Schmerzpatienten ist de facto zusammengebrochen. Thomas Isenberg
 

„Die Versorgung von Schmerzpatienten ist de facto zusammengebrochen“, kritisiert Thomas Isenberg, Geschäftsführer der Schmerzgesellschaft. 65% der stationären Einrichtungen wurden geschlossen, Sport- und Therapiegruppen fielen aus.

Manche Patienten vermieden es auch selbst zum Arzt zu gehen aus Angst vor Ansteckung. „Dies ist in den meisten Fällen aber nicht gerechtfertigt“, beruhigt Sommer, „Die Einrichtungen können das gut managen.“

Weniger Therapie bedeutet für viele Patienten wieder mehr Schmerzen. In der Umfrage von SchmerzLOS mit 61 Teilnehmern gab es Sprünge von Intensitätsstufe 3 auf 7,5, einmal sogar von 5 auf 9.

Ärzte fordern Ausnahmegenehmigungen

„Schmerzpatienten dürfen nicht länger als Kollateralschaden allein gelassen werden“, fordert Sommer. „Schmerzbehandlung ist ein Patientenrecht.“ Kliniken müssten daher rasch wieder hochfahren, Angebote von Telefon- und Videosprechstunden verstärkt werden.

Für den Rehasport brauche es Ausnahmegenehmigungen vom Mindestabstand. Norda fordert ebenfalls eine unbürokratische Möglichkeit für Schmerztherapeuten, mehr als 300 Patienten pro Quartal zu behandeln.

Auch der Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD) kritisiert die unzureichenden Strukturen in der Schmerzversorgung: „Hätten wir die Voraussetzungen für eine ambulante multimodale Schmerzmedizin bereits vor der Corona-Krise implementiert, wären ein Großteil unserer Patienten aufgrund des Lockdowns der Schmerzkliniken nicht unversorgt geblieben“, erklärte der Vorsitzende Prof. Dr. Dr. Joachim Nadstawek.

 
Schmerzbehandlung ist ein Patientenrecht. Prof. Dr. Claudia Sommer
 

Jetzt fordert der BVSD eine Verlängerung der bislang befristeten Möglichkeiten für Videosprechstunden und telefonischer Beratungen: „Die erfolgreichen Erfahrungen mit den neuen Instrumenten sollten genutzt werden. Dadurch lassen sich Versorgungshindernisse wie Infektionsängste oder auch weite Wegstrecken dauerhaft abfedern. Eine langfristige Lösung ist hier äußert sinnvoll.“

Neues Konzept für die ambulante Versorgung

Der Verband hat gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bereits vor der SARS-CoV-2-Pandemie einen Vertragsentwurf „Multimodale Schmerztherapie“ vorgelegt. Ziel ist, die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachdisziplinen, also Schmerzärzte, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten und „Pain Nurses“, in einem gemeinsamen Team zu regeln, im Sinne einer Spezialisierten Ambulanten Schmerzversorgung (SASV). „Dieses Konzept liegt fertig und ausgearbeitet vor. Wir fordern die KBV und die Kassen auf, sich endlich an einen Tisch zu setzen“, sagt Nadstawek.

Am Aktionstag gegen den Schmerz beteiligten sich in diesem Jahr 150 Kliniken, Pflegeheime und ambulante Einrichtungen.

 

Kommentar

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