Bislang größte Analyse: Mit Abstand, Masken und Augenschutz das Infektionsrisiko um 80% verringert

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

3. Juni 2020

Welchen Sinn machen Schutzmaßahmen, um die weitere Verbreitung von SARS-CoV-2 einzudämmen? Bei „Anti-Corona-Demos“ in vielen Nationen – auch in Deutschland – stellen Kritiker staatlich verordnete Maßnahmen wie Social Distancing oder die Maskenpflicht, infrage. Zu Unrecht, wie Forscher um Dr. Derek K. Chu von der McMaster University im kanadischen Hamilton jetzt berichten. Ihre systematische Übersicht und Metaanalyse ist im Lancet erschienen [1].

Demnach könnten Abstände von mindestens einem Meter zu anderen Menschen sowie das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes bzw. eines Augenschutzes das Risiko einer Infektion um mehr als 80% verringern. „Keine dieser Maßnahmen bietet jedoch, selbst wenn sie richtig eingesetzt und kombiniert werden, einen vollständigen Schutz vor einer Infektion“, schreiben die Autoren. Auch gebe es wenig gesicherte Erkenntnisse, da keine abgeschlossenen randomisierten Studien zu finden seien.

„Hier handelt es sich um die erste Studie, welche alle direkten Informationen über COVID-19, SARS und MERS zusammenfasst und welche die derzeit besten verfügbaren Erkenntnisse über den optimalen Einsatz von Interventionen liefert, um die Kurve abzuflachen und Anstrengungen zur Bekämpfung der Pandemie unterstützen“, kommentiert Prof. Dr. Holger Schünemann von der McMaster University in einer Pressemeldung. „Regierungen und das öffentliche Gesundheitswesen können unsere Ergebnisse nutzen, um kommunalen Einrichtungen und Mitarbeitern im Gesundheitswesen klare Ratschläge für diese Schutzmaßnahmen zur Verringerung des Infektionsrisikos zu geben.“

Beobachtungsstudien mit mehr als 25.000 Teilnehmern ausgewertet

Viele Studien deuten darauf hin, dass SARS-CoV-2 am häufigsten durch feine Tröpfchen verbreitet wird, insbesondere, wenn Menschen husten und niesen. Virushaltige Aerosole können durch die Augen, die Nase und den Mund in den Körper gelangen. Daneben wurden Schmierinfektionen dokumentiert. Sie scheinen aber, verglichen mit Tröpfcheninfektionen, nicht die vorrangige Rolle bei der aktuellen Pandemie zu spielen. Das führte in vielen Ländern zur naheliegenden Überlegung, Social Distancing, einen Mund-Nasen-Schutz sowie eine Augenschutz, oft als Visier bei Mitarbeitern im Einzelhandel, vorzuschreiben. Die Evidenz war bislang unklar.

Chu und seine Kollegen führten deshalb eine systematische Literaturrecherche und eine Metaanalyse durch. Sie analysierten nicht nur Daten zu SARS-CoV-2, sondern auch zu anderen Betacoronaviren wie SARS oder MERS. Alle Angaben wurden anhand verschiedener statistischer Methoden auf ihre Qualität und auf das Risiko möglicher Verzerrungen hin untersucht.

Abstand, Masken, Augenschutz

Insgesamt fanden die Autoren 172 Beobachtungsstudien aus 16 Ländern und 6 Kontinenten. Es gab keine randomisierten kontrollierten Studien, aber zumindest 44 relevante, vergleichende Studien im Gesundheitsbereich und in anderen Bereichen (25.697 Teilnehmer). Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

 
Menschen müssen sich jedoch darüber im Klaren sein, dass das Tragen einer Maske keine Alternative zu physischer Distanzierung, Augenschutz oder grundlegenden Maßnahmen wie Handhygiene ist. Dr. Derek K. Chu
 
  • Die Übertragung von Viren war bei einem physischen Abstand von 1,0 m oder mehr unwahrscheinlicher, verglichen mit einer Distanz von weniger als 1,0 m (n = 10.736; gepoolte, adjustierte Odds Ratio: 0,18, 95%-Konfidenzintervall: 0,09 bis 0,38; Risikodifferenz: -10,2%; 95%-KI: -11,5 bis -7,5; mäßige statistische Sicherheit).

  • Der Schutz vergrößerte sich mit zunehmendem Abstand (Veränderung des relativen Risikos 2,02 pro m; mäßige statistische Sicherheit).

  • Die Verwendung eines Mund-Nase-Schutzes könnte zu einer starken Verringerung des Infektionsrisikos führen (n = 2.647; aOR: 0,15; 95%-KI: 0,07 bis 0,34; RD: -14,3%; 95%-KI -15,9 bis -10,7; geringe statistische Sicherheit).

  • Im Vergleich zu chirurgischen Einwegmasken oder wiederverwendbare Baumwollmasken bestehen stärkere Assoziationen mit N95-Masken oder ähnlichen Standards.

  • Ein Augenschutz war mit weniger Infektionen assoziiert (n = 3.713; aOR: 0,22; 95%-KI: 0,12 bis 0,39; RD: -10,6%; 95%-KI: -12,5 bis -7,7; geringe statistische Sicherheit).

Chu folgert aus den Ergebnissen, es sei wichtig, einen Mund-Nasen-Schutz der gesamten Bevölkerung zugänglich zu machen. „Menschen müssen sich jedoch darüber im Klaren sein, dass das Tragen einer Maske keine Alternative zu physischer Distanzierung, Augenschutz oder grundlegenden Maßnahmen wie Handhygiene ist.“

Kritik an Masken „Marke Eigenbau“

In einem begleitenden Kommentar befassen sich Prof. Dr. C. Raina MacIntyre von der University of New South Wales in Sydney, Australien, und ein Kollege mit der Studie [2]. Sie sprechen von einem „wichtigen Meilenstein“ zur Frage, welche persönliche Sicherheitsausrüstung Sinn mache.

„Die Ergebnisse zeigten eine Verringerung des Risikos um 82% bei einer physischen Entfernung von 1 m sowohl im Gesundheitswesen als auch im öffentlichen Bereich (…). Jeder weitere Meter hat den relativen Schutz mehr als verdoppelt, wobei Daten bis zu 3 m verfügbar waren.“ Dies zeige, dass eine Risikominimierung allein über den Abstand möglich sei.

 
Mehrschichtige Masken bieten einen besseren Schutz als einschichtige Masken. Prof. Dr. C. Raina MacIntyre und Kollege
 

„Die Entfernungsregel von 1 bis 2 m in den meisten klinischen Richtlinien basiert auf veralteten Untersuchungen aus den 1940er Jahren“, so ihr Kritikpunkt. „Studien aus dem Jahr 2020 zeigen, dass große Tröpfchen bis zu 8 m weit wandern können.“

Sie ergänzen: „Chu und Kollegen berichteten, dass Masken das Infektionsrisiko um 85% reduzierten (…), wobei die Wirksamkeit im Gesundheitswesen höher war als im öffentlichen Bereich.“ Das liege wohl an der häufigeren Verwendung von Atemmasken des Typs N95 bei Ärzten. „Mehrschichtige Masken bieten einen besseren Schutz als einschichtige Masken. Diese Erkenntnis ist von entscheidender Bedeutung für die Verbreitung von selbstgemachten Stoffmasken, von denen viele nur aus einer Lage bestehen“, so der Hinweis.

 

Kommentar

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