EULAR zu COVID-19: Rheumapatienten sind nicht per se Hochrisiko-Patienten, doch in einem Punkt ist Vorsicht geboten

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

2. Juni 2020

Patienten mit rheumatisch-entzündlichen Erkrankungen gelten in der COVID-19-Pandemie als besonders gefährdet. Sie weisen aber offenbar kein erhöhtes Infektionsrisiko auf – das zeigen Beobachtungen aus Italien und New York, aber auch erste Erkenntnisse aus dem EULAR-COVID-19-Register und dem Deutschen Rheuma-Register.

„Rheumapatienten sind keine Hochrisiko-Patienten“, stellte Prof. Dr. Hendrik Schulze-Koops, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie e. V. (DGRh) und Leiter der Rheumaeinheit des Klinikums der LMU München, auf der Vorab-Pressekonferenz zum EULAR-Kongress 2020 fest [1].

 
Rheumapatienten sind keine Hochrisiko-Patienten. Prof. Dr. Hendrik Schulze-Koops
 

Patienten mit rheumatisch-entzündlichen Erkrankungen werden nicht häufiger mit SARS-CoV-2 infiziert, und es gebe keine Hinweise auf schlechtere Verläufe von COVID-19, berichtete Prof. Dr. Gerd Burmester, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie, Charité–Universitätsmedizin Berlin.

Auch die gerade fertig gestellten EULAR-Empfehlungen zu COVID-19 weisen darauf hin, dass Rheumapatienten im Hinblick auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 nicht grundsätzlich gefährdeter sind als Nicht-Rheumatiker. Man müsse den Patienten die Angst nehmen, betonte Schulze-Koops. „Wir sollten unsere Patienten daran erinnern, sich gut zu schützen, die Abstandsregel mit 1,50 Meter und das Maskentragen sehr ernst zu nehmen und größere Menschenansammlungen möglichst zu meiden“, so Burmester.

Rheumapatienten entwickeln unter COVID-19 identische Symptome

Im EULAR COVID-19-Register sind bislang 985 Patienten aufgenommen. Die Zahl von Patienten unter 18 ist sehr gering, 60% der Patienten sind zwischen 18 und 65 Jahre alt, 40% sind über 65 alt. Das Geschlechterverhältnis liegt bei 60% Frauen und 40% Männer, das Durchschnittsalter liegt bei 60 Jahren.

  • 40% der Registerpatienten leiden an rheumatoider Arthritis,

  • 15% an Psoriasis-Arthritis,

  • 7% am systemischen Lupus erythematodes,

  • 10% an einer Spondylarthritis.

80% der Patienten werden mit DMARDs behandelt, ein Drittel mit Biologika, 2% mit JAK-Inhibitoren.

Schulze-Koops wies daraufhin, dass die Symptome, die ein Rheumapatient unter COVID-19 entwickelt, identisch sind mit denen, die ein nicht rheumatologisch erkrankter Patient entwickelt. Nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) haben 49% der COVID-19-Patienten Husten, unter den Registerpatienten sind es 60%, 75% der rheumatologisch erkrankten Patienten zeigen Fieber, unter den nicht-rheumatologischen Patienten sind es 40%. Schnupfen hingegen – den laut RKI 20% der COVID-19-Patienten haben, wurde bei den Registerpatienten nicht beobachtet.

Offenbar erkranken Rheumapatienten gleich häufig an COVID-19 wie gesunde Patienten. „Die Registerdaten sind zwar noch im Aufbau und lassen noch keinen Vergleich mit standardisierten Kohorten zu“, erklärte Schulze-Koops. „Wir gehen aber aufgrund der Beobachtungsberichte, die wir aus Italien, aus Moskau, aus New York haben, davon aus, dass der Anteil der mit SARS-CoV-2 infizierten Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen ziemlich genau dem Anteil entspricht, den wir in der Bevölkerung haben, die nicht entzündlich-rheumatisch erkrankt ist.“

Auch erste Erkenntnisse aus dem Deutschen Rheuma-COVID-19-Register, das sich noch im Aufbau befindet und bislang 233 Patienten aufgenommen hat (Stand 29. Mai 2020), zeigen, dass für Patienten mit entzündlich-rheumatologischen Erkrankungen kein erhöhtes Infektionsrisiko mit COVID-19 besteht, solange sie sich an die Abstands- und Hygieneregeln halten, berichtet Schulze-Koops.

Rheumapatienten müssen nicht häufiger in die Klinik

Im Fall einer COVID-19-Infektion scheint es so zu sein, dass der Anteil der Patienten, der stationär behandelt werden muss, dem Anteil von Patienten ohne rheumatologische Erkrankung gleicht. „Möglicherweise weisen rheumatologische Patienten etwas höhere Frequenzen für einen schwereren Verlauf auf. Das liegt aber auch daran, dass unsere Register-Patienten im Schnitt gut 10 Jahre älter sind. Wir wissen, dass Komorbiditäten das Risiko erhöhen, und wir wissen auch, dass mit höherem Lebensalter das Risiko steigt, schwerer zu erkranken”, so Schulze-Koops.

Burmester betont, dass Antirheumatika nicht per se anfälliger für eine COVID-19-Infektion machen. Vom Standardmedikament Methotrexat (MTX) bei rheumatoider Arthritis sei bekannt, dass es in den eingesetzten Dosen kaum eine immunsuppressive Wirkung habe.

Ob allerdings Biologika davor schützen können, schwer an COVID-19 zu erkranken, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Im Verlauf einer bereits erfolgten SARS-CoV-2-Infektion werden in Therapiestudien vor allem IL-6- und IL-1-Inhibitoren eingesetzt, um einen Zytokinsturm vor allem bei Patienten mit Lungenbeteiligung zu bekämpfen. „Hier warten wir noch auf die Ergebnisse der ersten kontrollierten Studien“, so Burmester.

Kortison über 10 mg erhöht Risiko für einen schwereren Verlauf

Keinesfalls sollten Patienten eigenmächtig aus Furcht vor COVID-19 oder einem schlechteren Verlauf ihre Medikation absetzen. Bei einem Absetzen sei eher damit zu rechnen, dass es zu einem Wiederaufflackern der Erkrankung und infolgedessen zu einer immunologisch ungünstigen Situation kommt. Eine Krankheitsaktivierung könnte auch zu einer höheren immunsuppressiven Therapie mit Glukokortikoiden führen. Das aber soll möglichst vermieden werden.

„Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass eine Dosierung von über 10 mg Prednisolon möglicherweise zu einem schlechteren Verlauf von COVID-19 führt“, so Burmester. Während der Pandemiesituation versuche man deshalb, die Kortison-Dosis möglichst niedrig zu halten. „Wir versuchen, unter den 10 mg zu bleiben, idealerweise mit 5 mg auszukommen, das gelingt uns auch meistens.“

 
Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass eine Dosierung von über 10 mg Prednisolon möglicherweise zu einem schlechteren Verlauf von COVID-19 führt. Prof. Dr. Gerd Burmester
 

 

Kommentar

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