Lebensretter Kortison: Bei schwerem COVID-19 ist die Therapie mit Kortikoiden sehr wirkungsvoll, zeigen mehrere Studien

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

8. September 2020

Intravenös verabreichtes Hydrokortison wirkt dem Organversagen bei COVID-19-Patienten mit schwerer beatmungspflichtiger Lungenentzündung entgegen und erhöht die Überlebenschancen der Infizierten. Dies hat jetzt auch eine internationale Kooperation von mehr als 250 Intensivstationen, die REMAP-CAP-Studiengruppe, nachgewiesen und im JAMA publiziert [1].

„Bisher galten Kortisonpräparate als kontraindiziert bei Viruspneumonien“, so Prof. Dr. Mathias Pletz in einer Pressemeldung [2]. Er ist Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena und Studienleiter für Deutschland. Die Ergebnisse zeigten, dass Hydrokortison eine ähnlich günstige Wirkung wie Dexamethason bei schwerer COVID-19-Pneumonie habe. Dies sei auch „hinsichtlich der sich weltweit abzeichnenden Verknappung von Dexamethason eine wichtige Botschaft“. Der Experte ergänzt: „Die Studienresultate werden in die Behandlungsempfehlungen der WHO für COVID-19 einfließen, die ständig aktualisiert werden.“

 
Die Studienresultate werden in die Behandlungsempfehlungen der WHO für COVID-19 einfließen, die ständig aktualisiert werden. Prof. Dr. Mathias Pletz
 

Die Studie ergab, dass die Patienten von Hydrokortison mit 93-%iger Wahrscheinlichkeit (bei kontinuierlicher Applikation) sowie mit 80-%iger Wahrscheinlichkeit (bei Gabe bei einem Schock) profitieren – dies im Vergleich zum Verzicht auf Hydrokortison. Endpunkt der Studie war die Zeit, wie lange Patienten innerhalb von 21 Tagen eine Organunterstützung auf der Intensivstation benötigten.

Allerdings wurde die Studie vorzeitig beendet – und zwar aufgrund der Ergebnisse der RECOVERY-Studie (wie Medscape berichtete). Diese hatte ergeben, dass sich mit dem hier getesteten Dexamethason ein Todesfall auf 8 mechanisch beatmete Patienten oder ein Todesfall auf 25 Patienten mit Sauerstoffgabe vermeiden lässt – auch hier im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne Glukokortikoid-Gabe.

 
Die Ergebnisse zeigen, dass Hydrokortison eine ähnlich günstige Wirkung wie Dexamethason bei schwerer COVID-19-Pneumonie hat. Prof. Dr. Mathias Pletz
 

Trotz des früheren Studienstopps der aktuellen Hydrokortison-Studie sieht Pletz bestätigt: „Die Ergebnisse zeigen, dass Hydrokortison eine ähnlich günstige Wirkung wie Dexamethason bei schwerer COVID-19-Pneumonie hat.“

Multizentrische Studie an 121 Standorten

Zum Hintergrund: Die REMAP-CAP-Studiengruppe ist ein Zusammenschluss von Intensivstationen aus Europa, Kanada, USA, Australien, Neuseeland und Saudi-Arabien. Sie untersucht die Wirksamkeit von Pharmaka, welche für andere Indikationen bereits zugelassen worden sind. Deutschlandweit haben sich 17 Intensivstationen an der Studie beteiligt; diese werden vom Zentrum für Klinische Studien des Universitätsklinikums Jena koordiniert.

In die Studie wurden zwischen dem 9. März und dem 17. Juni 2020 genau 614 erwachsene Patienten mit vermutetem oder bestätigtem COVID-19 aufgenommen. Alle Teilnehmer mussten zur Unterstützung der Atmung beziehungsweise des Herz-Kreislauf-Systems auf einer Intensivstation behandelt werden. Rekrutiert wurden Patienten an 121 Standorten in 8 Ländern. Von ihnen wurden 403 hinsichtlich der Hydrokortison-Gabe randomisiert.

Nach Veröffentlichung der Ergebnisse aus RECOVERY – hier zeigte sich klar der Benefit von Dexamethason – entschloss man sich, aus ethischen Gründen keine weiteren Patienten mehr zu rekrutieren.

In der REMAP-CAP-Studie erhielten Patienten entweder 7 Tage lang fixe, intravenöse Hydrokortison-Gaben (50 mg oder 100 mg alle 6 Stunden; n=143), eine schockabhängige Dosierung (50 mg alle 6 Stunden; n=152) oder kein Hydrokortison (n=108). Als primären Endpunkt definierten die Forscher die Tage ohne respiratorische oder kardiovaskuläre Unterstützung auf einer Intensivstation innerhalb von 21 Tagen.

Statistische Auswertung erschwert

„Die Studie wurde vorzeitig abgebrochen, und keine Behandlungsstrategie erfüllte die vorgegebenen Kriterien für eine statistische Überlegenheit, was definitive Schlussfolgerungen nicht möglich macht“, räumen die Autoren ein. Dennoch entschlossen sie sich, ihre Analyse wie geplant durchzuführen.

19 Teilnehmer zogen die Einwilligung zurück. Damit konnten Daten von 384 Patienten (mittleres Alter 60 Jahre; 29% weiblich) ausgewertet werden. Sie hatten Hydrokortison als fixe Dosis (n=137), als schockabhängige Gabe (n=146) bzw. kein Hydrokortison (n=101) erhalten. 379 (99%) schlossen die Studie ab.

Bei ihrer statistischen Auswertung kamen die Forscher zu dem Schluss, dass die Hydrokortison-Gabe dem Verzicht auf diesen Arzneistoff überlegen war. Sie errechneten, dass die Gruppe mit kontinuierlicher Gabe mit 93-%iger Wahrscheinlichkeit und die mit schockabhängiger Gabe zu 80% vom Kortison profitierten.

Die Mortalitätsraten im Krankenhaus betrugen 30% (41/137) bei fester Dosis, 26% (37/141) bei schockabhängiger Dosis und 33% (33/99) ohne Hydrokortison. Auch hier berechnen die Autoren Überlegenheitswahrscheinlichkeiten der Hydrokortison-Gabe im Vergleich zur Gruppe ohne Hydrokortison. Sie kommen auf 54% beziehungsweise 62%.

Neben dem vorzeitigen Abbruch ihrer Studie sehen die Autoren als wesentliche Schwäche, dass 15% aller Patienten in der Gruppe ohne Hydrokortison andere systemische Glucocorticoide bekommen haben, wenn auch nur für kurze Zeiträume.

Metaanalyse: Kortikosteroide bei COVID-19

Nahezu zeitgleich erschien in JAMA eine Metaanalyse von 7 randomisierten Studien, die 1.703 Patienten einschloss [3]. Insgesamt starben 647 Patienten. Die 28-Tage-Gesamtmortalität war unter Kortikosteroiden im Vergleich zur üblichen Behandlung oder Placebo deutlich niedriger (Odds Ratio über alle Studien 0,66).

Unterschieden wurde zwischen

  • Dexamethason (OR 0,64, 3 Studien, 1.282 Patienten und 527 Todesfälle),

  • Hydrokortison (OR 0,69, 3 Studien, 374 Patienten, 94 Todesfälle) und

  • Methylprednisolon (OR 0,91, eine Studie, 47 Patienten, 26 Todesfälle).

 

Kommentar

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