MEINUNG

ASCO für alle und ewig: Präsident erklärt die Vorteile des virtuellen Krebskongresses und wie sich ein Besuch lohnt

David H. Henry, Howard A. „Skip“ Burris III

Interessenkonflikte

28. Mai 2020

Wenn einer der größten Kongresse der Welt nur im Netz stattfindet, müssen auch die „Besucher“ sich erst an die neuen Strukturen der Kommunikation und des Wissensaustausches gewöhnen – wenngleich viele in den vergangenen Wochen schon Übung mit Treffen am Bildschirm erworben haben. Aber wie soll das funktionieren, bei einer Veranstaltung dieser Bedeutung und in der Größenordnung vergangener Jahre mit rund 40.000 ASCO-Besuchern?

Die neuesten Studien aus der Onkologie sind in gut verdaulichen Portionen virtuell appetitlich angerichtet, wie dieses Interview mit dem obersten Chef des Experiments deutlich macht. Er betont, dass diesmal noch viel mehr Ärzte an diesem wissenschaftlichen Festmahl teilhaben können.

Der Podcast-Moderator Dr. David H. Henry vom Pennsylvania Hospital in Philadelphia und Dr. Howard A. „Skip“ Burris III, der Präsident der American Society of Clinical Oncology (ASCO) erklären im Interview, auf was sich die Besucher des virtuellen ASCO freuen können – wo sie spannende Wissenschaft finden und wo sich ihre Peergroup trifft. Ein Fahrplan also, für das digitale ASCO-Straßennetz. „Vor ein paar Wochen wusste ich nicht einmal, wie man einen Live-Chat-Feed einrichtet und jetzt bin ich in einem Monat ein echter Experte darin geworden“, sagt Burris, der im Rahmen des  „MDEdge's Blood & Cancer Podcast“ interviewt wurde.

Trotz des neuen Formats, so erläutert er, haben die Organisatoren versucht, an all den Dingen festzuhalten, die diese Veranstaltung zum wichtigsten jährlichen Meeting für Onkologen aus Klinik und Forschung macht.

Henry: Wie wird ein vollständig virtueller ASCO-Kongress aussehen?

Burris: Das entwickelt sich gerade, aber wir werden das traditionelle ASCO-Wochenende von Freitag bis Sonntag nutzen. Wir werden unseren Mitgliedern alle Abstracts der ASCO, die Ergebnisse klinischer Studien und die wissenschaftlichen Symposien präsentieren. Dies erfolgt in festgelegten und zeitlich definierten Sitzungen.

Man wird dann die Ansprache des Vorsitzenden und einige Hauptredner hören. Es wird die Möglichkeit geben, zwischen den verschiedenen Sitzungen hin- und herzuschalten, um etwas über klinische Studien zu erfahren, über die an diesem Wochenende live berichtet wird. Die Inhalte können aber auch später noch abgerufen werden, sodass man zurückkommen und sich etwas nachträglich ansehen kann, wenn man vielleicht keine Zeit oder Gelegenheit hatte, sich live einzuwählen.

Henry: Wird es auch Fortbildungsangebote geben?

Burris: Aus zeitlichen Gründen werden wir das Fortbildungsprogramm auf ein Wochenende im August legen. Den genauen Termin werden wir später festlegen. Es ist wichtig, dass wir die Ergebnisse der klinischen Studien bekannt machen, und wir wollen in dieser Hinsicht etwas zeitnäher sein.

Wir werden alle geplanten ASCO-Meetings und -Aktivitäten virtuell durchführen, und zwar mindestens bis in den Sommer hinein. Mit etwas Glück und wenn alle die Daumen drücken, gibt es bis zum Herbst vielleicht die Gelegenheit zur direkten Interaktion. Aber ich denke, dass allen klar ist, dass uns das Corona-Virus noch eine ganze Weile begleiten wird.

Henry: Ein wesentlicher Reiz der ASCO-Kongresse besteht ja im Austausch und in den Diskussionen mit den Fragerunden nach einem Vortrag. Wie wird das virtuell umgesetzt werden?

Burris: Es wird eine gewisse Disziplin unter unseren Zuhörern und Teilnehmern erforderlich sein. Wir werden einen Live-Chat während der Live-Übertragungen haben, um die Diskussion zu erleichtern. Natürlich ist dies eine Premiere, aber ich bin optimistisch, dass es gut laufen wird.

Interessant war nicht nur für mich, sondern auch für zahlreiche andere die Zunahme an WebEx-Gesprächen in den letzten Wochen. Vor ein paar Wochen wusste ich nicht einmal, wie man einen Live-Chat-Feed einrichtet und jetzt bin ich in einem Monat ein echter Experte darin geworden. Das gilt auch in technologischer Hinsicht mit Blick auf den verstärkten Einsatz der Telemedizin. Henry: Gibt es eine bestimmte Plattform, die Sie nutzen, die auch hinreichend stabil ist, um alle virtuellen Teilnehmer und Zuhörer zu vernetzen?

Burris: Das virtuelle Treffen wird eine Cloud-basierte Plattform nutzen, um das Datenvolumen bewältigen zu können. Und dann werden wir einige Partnerschaften mit Technologieunternehmen nutzen, um das Ganze ins Laufen zu bringen. Das Unternehmen, das uns bei den Jahreskongressen unterstützt, verfügt über die nötigen Kapazitäten, um dies auch zu realisieren.

Und wir haben außerdem beschlossen, das wissenschaftliche Programm Anfang Juni und die Fortbildungsveranstaltung im August für unsere Mitglieder kostenlos zu machen. Wir wissen, dass es aktuell viele Härten und viele andere dringliche Dinge für die Menschen gibt. Wir wollen daher sicherstellen, dass alle ein gutes Gefühl haben, wenn sie sich mit unseren Informationsangeboten befassen, und wollen den Zugang dazu so komfortabel wie möglich gestalten.

Henry: Das ist großartig. Und wenn ich es richtig verstehe, werden Sie denjenigen von uns, die sich bereits angemeldet haben, die Anmeldegebühren zurückerstatten?

Burris: Ja, so ist es. Es wird auch die Möglichkeit geben, dies auf das nächste Jahr zu verschieben, wenn das für jemanden einfacher ist, oder aber sich den Betrag auf die Kreditkarte zurückbuchen zu lassen. Wir werden uns um all diese Dinge kümmern.

Die Pandemie könnte ASCO in den kommenden Jahren verändern

Henry: Selbst zu den besten Zeiten vermochte nicht jeder Interessierte zum ASCO-Kongress zu reisen, sei es aus persönlichen, beruflichen oder finanziellen Gründen. Jetzt kann jeder, der ASCO-Mitglied ist oder sich anmeldet, teilnehmen. Wie wird sich dieser Umstand Ihrer Meinung nach auswirken?

Burris: Sie sprechen da einen wichtigen Punkt an. Schließlich kommt alljährlich etwa die Hälfte der 40.000 Teilnehmer nicht aus den USA, sondern zu etwa 50% aus Asien und Teilen Europas. Es könnte so also z.B. viel mehr asiatische Teilnehmer geben. Die Tatsache, dass wir alles aufzeichnen und abrufbar halten werden, bedeutet auch, dass die Teilnehmer von der anderen Seite des Globus die Möglichkeit haben, dem Kongress in ihrer jeweiligen Zeitzone zu folgen und sich die Sendungen anzusehen. Und wir wissen auch, dass es viele Ärzte und Wissenschaftler in Europa gibt, die an den hier vorgestellten Ergebnissen beteiligt sind, aber vielleicht nicht die Gelegenheit hatten, den weiten Weg nach Chicago auf sich zu nehmen.

Für das Wochenende bin ich vorsichtig optimistisch. Ich denke, wir können vielleicht mit 10.000 Zuschauern rechnen, die unser Angebot live verfolgen werden. Was die Zahl der Personen angeht, die sich letztlich einloggen werden und unsere Angebote lesen oder streamen, so lagen wir mit diesen Dingen bisher bereits bei etwa 40.000, aber es ist damit zu rechnen, dass diese Werte aus den genannten Gründen übertroffen werden.

Henry: Das werden sie gewiss. Um auf die wissenschaftlichen Präsentationen zurückzukommen: Es wurde eine gewisse Anzahl von Abstracts angenommen, die von den Autoren persönlich präsentiert werden. Werden all diese wissenschaftlichen Vorträge stattfinden können?

Burris: Ja, das wird wohl funktionieren. Wir haben diejenigen, die mündliche Vorträge halten, dazu beraten, wie sie die Aufnahmen am besten gestalten. Diese werden Mitte Mai fertig sein, und es wird noch Gelegenheit sein, Dinge wiederholen zu lassen, falls erforderlich.

Die Poster werden im traditionellen Format gehandhabt und im Internet zur Ansicht verfügbar sein. Es gibt ein hervorragendes Tool, welches das Betrachten und Studieren der Poster sehr anwenderfreundlich macht. Den Diskussionsteil dieser Sitzungen übernehmen wir, indem wir jemanden über die verschiedenen Poster sprechen lassen.

Außerdem wird jedes Abstract bewertet. Wir werden uns auch einiger Leitfäden bedienen, um die gelungensten Abstracts hervorzuheben. Die Kliniker sollen leichter erkennen können, was aus unserer Sicht praxisrelevante Studienergebnisse sind und was Wissenschaft ist.

Jeder ASCO-Präsident macht sich immer Gedanken über seine Plenarsitzung und darüber, ob es wohl herausragende Abstracts oder Arbeiten mit großer praktischer Bedeutung geben wird. Das diesjährige Programm sieht jedenfalls wieder fabelhaft aus. Wir werden die Resultate einer ganzen Reihe sauber durchgeführter Studien haben, die während der Plenarsitzung diskutiert werden können. Das wird, wie es bei uns Tradition ist, an einem Sonntag geschehen. Die Leute können sich dazu entweder einloggen und es sich von ihrer Couch aus ansehen, oder eben später, wenn der Zeitpunkt für sie günstiger ist.

Henry: Ich bin sehr froh zu hören, dass die Poster gezeigt werden. Ich dachte schon, ich würde meines ins Wohnzimmer hängen müssen und meiner Familie erklären, worum es dabei geht. – Sind denn die Abstracts schon veröffentlicht?

Burris: Ja, die meisten, am 13. Mai. Es wird auch Presse-Briefings geben, die rund um das Meeting stattfinden, sodass der Einzelne verschiedene Möglichkeiten hat, sich zu informieren.

Wir erhalten immer wieder Vorschläge dazu, wie wir die Poster-Sessions interessanter gestalten können. Die Säle sind schnell mal überfüllt, oder man sieht sich eine ganze Session und am Ende schafft man es nicht bis dorthin. Oft sieht man Leute durch den Saal rennen, die Fotos von den Postern machen. Es könnte also sein, dass herausragende Poster wie Ihres eine größere Aufmerksamkeit erhalten, wenn sie im Internet verfügbar sind, weil die Leute die Möglichkeit haben, zurückzukommen und nicht unter Zeitdruck stehen.

Henry: Es war bestimmt ein ziemlicher Aufwand an Zeit, Mühe und Technologie erforderlich, aber vielleicht beschert es uns dafür auch auch ein zukunftstaugliches Format.

Burris: Das sehe ich auch so. Alles an der Art und Weise, wie wir Medizin praktizieren, an Meetings teilnehmen und miteinander umgehen, wird wahrscheinlich nach der Pandemie anders sein als davor, ganz ähnlich wie wir über die Zeit vor und nach dem 11. September 2001 sprechen.

Zu Anfang war ich etwas nervös, aber jetzt schicke ich meinen Patienten E-Mails. Ich habe die telemedizinischen Konsultationen geliebt. Bei den Webcasts wollte ich nicht ständig mein Gesicht in die Kamera halten, und plötzlich ist es einfach ein Teil des Lebens.

Der Geschäftsführer der ASCO Clifford Hudis und ich haben darüber gesprochen, wie sich wohl die Art und Weise zukünftiger Konferenzen entwickeln wird. Wahrscheinlich wird es Anklang finden, dass man jederzeit zurückkommen und sich die Daten und Präsentationen erneut ansehen kann. Wir wollen jedenfalls die Vorteile, die wir bei diesem Treffen erfahren werden, mit in die Zukunft nehmen.

Henry: Das Problem zur Lösung machen, oder aus Zitronen Limonade machen. Das wird uns einige Neuerungen bescheren. Eine erstaunliche Wendung der Dinge.

ASCOs COVID-19-Register und Fortbildungsangebote

Henry: Die ASCO hat im Krebsregister eine COVID-19-Umfrage eingerichtet. Können Sie erklären, was es damit auf sich hat?

Burris: Wir haben viele Fragen zu COVID-19 erhalten – sowohl von Patientenseite über cancer.net als auch von unseren Mitgliedern über ASCO.org. Darin ging es um Fragen wie: „Sollten Patienten behandelt werden?“ und „Wie geht es jetzt weiter?“ Was man dazu meistens hört, ist: „Verhalten Sie sich Corona-konform, aber setzen Sie die Therapie fort“. Aber bei Krebs ist vieles so anders. Wir können die Behandlungen nicht einfach herunterfahren, wie wir es bei elektiven Operationen zum Gelenk- oder Klappenersatz getan haben.

Die ASCO hat einige Experten die häufig gestellten Fragen beantworten lassen. Aber wir wollten auch beginnen, aktuelle Daten zu erheben, um daraus etwas zu lernen. Unter Leitung von Dr. Richard Schilsky, der dem ASCO-Forschungs- und Analysezentrum vorsteht, haben wir das ASCO-Register ins Leben gerufen. Wir wandten uns an unsere Kollegen aus der Pharmakologie und Biotechnologie und erfuhren einige Unterstützung von der Conquer Cancer Foundation. Mein besonderer Dank geht an die Unternehmen, die uns bei der Einrichtung dieses Registers geholfen haben.

Die Idee dahinter ist nicht nur, eine Momentaufnahme der Daten zu erhalten, sondern tatsächlich auch Längsschnittdaten zu generieren. Wir hoffen, dass wir die Zentren weiterhin finanziell unterstützen können, damit sie sowohl die basalen als auch die Follow-up-Daten darüber, wie sich das Virus auf die Krebstherapie und das Outcome der Patienten auswirkt, erheben können.

Wir werden gewiss viel lernen, wenn wir uns auf die demografischen Basisdaten beschränken, aber auch, wenn wir es schaffen, den Verlauf bei verschiedenen Patientengruppen zu verfolgen. Aus China und anderen früheren Hotspots wie Italien gibt es vergleichende Berichte zu Lungenkrebspatienten und „normalen“ Covid-19-Patienten, zu älteren versus jüngeren Patienten oder zu infizierten Patienten unter einer Immuntherapie.

Wir haben vor, die onkologischen Fachgesellschaften und alle Interessierten mit unseren Berichten über die wichtigsten Erkenntnisse zu versorgen. Wir werden versuchen, sie als Echtzeit-Schulungsinstrument für Onkologen und andere Ärzte aber auch für unsere Patienten zu nutzen, und Dinge, die wir über die Folgen von COVID-19 für die Krebstherapie erfahren, sofort zu teilen.

Was wir schon jetzt bemerken, sind etwa die schnelle Einführung der Telemedizin sowie manche Änderungen und Verzögerungen bei der Therapie. Es ist hochinteressant. Wir arbeiten mit anderen Gesellschaften zusammen, um sicherzustellen, dass die Daten der vielen Krebsregister gebündelt werden. Aber ich denke, dies wird insofern einzigartig sein, als dass es einen Längsschnitt-Aspekt mit einigen langfristigen Follow-ups gibt.

Henry: Wie gelangen Interessierte an weitere Informationen, um sich eventuell zu beteiligen?

Burris: Auf der ASCO-Webseite findet man einen Link, der direkt zum Register führt, mit vielfältigen Informationen. Es haben sich bereits zahlreiche Ärzte eingetragen. Eigentlich ist für Kliniker eine Teilnahme recht unkompliziert. Auf der ASCO-Website gibt es auch eine Fülle von Informationen über COVID-19 sowie vielfältige Lernmaterialien.

Im Hinblick auf unsere Patienten gehört Dr. Merry Markham zu dem Leitungsteam des Bereichs Krebskommunikation. Sie hat einen Blog auf cancer.net zu den Themen Coronavirus, COVID-19 und Krebspatienten. Ich kann nur jeden, der hierzu Fragen hat, ermutigen, diesen Blog zu nutzen.

Für eine bessere Lesbarkeit wurden in diesem Transkript die Länge des Interviews und die Aussagen redaktionell bearbeitet.
 

Kommentar

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