Unter Fatigue leiden die meisten Krebspatienten – auch noch Jahre danach. Wer gefährdet ist und wie man helfen kann

PD Dr. Georgia Schilling

Interessenkonflikte

22. Juni 2020

„Fatigue ist das am stärksten belastende Symptom bei unseren Tumorpatienten,” betont PD Dr. Georgia Schilling. Sie stellt Studien zu supportiven Therapien vom ASCO-Kongress vor – Teil 3: Fatigue. 

Transkript des Videos von PD Dr. Georgia Schilling:

Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Georgia Schilling.

Ich möchte Ihnen heute vom ASCO-Kongress 2020 berichten 

Ich bin Chefärztin der Abteilung für Onkologische Rehabilitation in der Asklepios Nordsee-Klinik Westerland auf Sylt und leitende Oberärztin im Asklepios-Tumorzentrum in Hamburg. Ich beschäftige mich sehr viel mit Langzeit-Folgeschäden und patientennahen Themen.

Deshalb möchte ich Ihnen meine Highlights von den Abstracts aus den Sessions zur Supportivtherapie und Survivorship vorstellen. Die Studien werden in 3 Videos präsentiert: Polyneuropathie (Teil 1), PROs (Teil 2) und Fatigue (Teil 3).

Im 3. Teil spreche ich über das Thema Fatigue.

Fatigue ist das am stärksten belastende Symptom bei unseren Tumorpatienten in der aktiven Therapie, aber auch noch viele Jahre danach.

Fatigue beeinträchtigt die Lebensqualität stark

In einer Arbeit von Ana Ruiz-Casado aus Madrid ging es um die Krebs-assoziierte Fatigue bei Mammakarzinom-Langzeit-Überlebenden nach Therapieende [1].

Die Frauen wurden mit dem Perform Questionnaire befragt, dieses Tool ist mir allerdings nicht so geläufig. Außerdem wurde die körperliche Verfassung mit Hilfe eines Ein-Meilen-Gehtests, mit Handgrip-Messungen und einem Sitz-Aufsteh-Test ermittelt. Die körperliche Aktivität wurde mit Akzelometrie erfasst.

Der EORTC QLQ-C30 lief ebenfalls mit. Außerdem wurden sozioökonomische und Ernährungsdaten mit einem PREDIMED-Fragebogen erhoben.

201 Patientinnen wurden befragt, davon hatten 73% eine Chemotherapie, 66% eine Strahlentherapie und 81% eine Hormontherapie erhalten. Das Alter betrug 51 ± 9 Jahre.

Die Prävalenz von Fatigue in der Gesamtgruppe betrug 40%, das kennen wir auch aus anderen Arbeiten. Ein prädiktiver Faktor war z.B. das Körpergewicht.

Eine chronische Fatigue beeinträchtigt die Lebensqualität sehr stark. Dafür war auch das G-Test-Ergebnis prädiktiv.

Die Trastuzumab-Gabe war assoziiert mit Therapie-assoziierter Fatigue, auch der Genuss von Nüssen und die Herzfrequenz zeigten einen Zusammenhang.

Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Ergebnisse in weiteren Studien in einen Gesamtkontext bringen lassen.

Phase-3-Studie mit Armodafinil

Alyx B. Porter und Mitarbeiter aus den USA präsentierten die Alliance-A221101-Studie [2]. In der randomisierten doppelblinden placebokontrollierten Phase-3-Studie wurde Armodafinil untersucht.

Die Studie hatte 3 Arme, und zwar Placebo und 2 Dosierungen von Armodafinil (150 mg oder 250 mg). Es ging um die Reduktion von Chemotherapie-assoziierter Fatigue bei Patienten mit High-Grade-Gliomen.

Bei High-Grade-Gliomen berichten 96% der Patienten über eine signifikante Fatigue-Symptomatik. Sie benötigen deshalb dringend Hilfe, um dieser Symptomatik Herr zu werden.

Armodafinil ist ein Psychostimulans mit einem geringen Abusus-Potenzial.

328 Patienten im mittleren Alter von 60 Jahren wurden mehr als 4 Wochen nach Abschluss der Radio-Chemotherapie in die Studie eingeschlossen.

Das Assessment erfolgt mit dem Brief Fatigue Inventory (BFI), ein sehr geläufiges Messinstrument. Wir verwenden es auch bei uns in der Klinik, weil es sehr leicht auswertbar ist.

Es konnte aber kein wirklicher Benefit durch Armodafinil in Bezug auf eine Besserung der Fatigue-Symptomatik gezeigt werden. Nur in Einzelfällen kam es unter eine Dosierung von 150 mg zu einer Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit ohne das Risiko eine Schlaflosigkeit zu induzieren.

Leider also wieder kein medikamentöser Ansatz, der unseren Patienten hilft, Fatigue-Symptomatik zu bewältigen. Das passt zu dem, was wir bereits schon wissen.

Sport und Bewegung, auch Psychohygiene und Psychoedukation sind die besten Therapeutika für Fatigue. Nach dieser negativen Studie wird es wohl auch so bleiben.

Insgesamt wurden beim ASCO-Kongress wiederum sehr interessante Studienergebnisse zum Thema Supportivtherapie und Langzeitüberleben präsentiert.

Besonders freue ich mich darüber, dass diese Thematik insgesamt mehr an Wertigkeit auf diesem Kongress gewinnt.

Ich hoffe, ich habe Ihnen einige wichtige Studien präsentierten können, einen Input geben können, und freue mich das nächste Mal.

Bis dahin, Tschüss!
 

Kommentar

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