TSH-Wert bei Schwangeren: Experten warnen bei Werten im oberen Normbereich vor einer Übertherapie

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

22. Mai 2020

Bei schwangeren Frauen werden TSH-Werte zwischen 2,5 und 4,0 mU/l (Milli-Einheiten pro Liter) Blut häufig als eine leichte Unterfunktion der Schilddrüse interpretiert. Eine mütterliche Hypothyreose kann beim ungeborenen Kind sowohl schwere geistige als auch körperliche Schäden hervorrufen, und sie erhöht zudem das Risiko von Schwangerschaftskomplikationen wie Fehl- oder Frühgeburten. Daher werden Schwangere, die entsprechende TSH-Werte aufweisen, bisher oft mit Schilddrüsenhormonen behandelt.

Das allerdings sei in den meisten Fällen gar nicht nötig, stellt der Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner (BDN) jetzt fest [1]. Studien aus den vergangenen Jahren hätten gezeigt, dass TSH-Werte im oberen Normbereich bis 4,0 mU/l weder einen negativen Einfluss auf den Verlauf der Schwangerschaft noch auf die Entwicklung des Kindes haben.

Sofern die mütterliche Schilddrüse gesund ist, sei eine Einnahme von Schilddrüsenhormon-Tabletten nicht erforderlich, schreibt der BDN – und spricht in diesem Zusammenhang von einem „Umdenken in der Medizin, das bei werdenden Eltern für Erleichterung sorgen dürfte“.

Zustimmung von der DGGG

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) bewertet die Situation ähnlich. In einer Stellungnahme, die Vertreter der Fachgesellschaft auf Anfrage von Medscape abgegeben haben, schreiben die Autoren, dass ein TSH-Wert zwischen 2,5 und 4,0 mU/l nach aktueller Datenlage zwar als Risikofaktor dafür angesehen werden müsse, dass sich bei der Mutter in der Schwangerschaft eine relevante Unterfunktion entwickeln kann. Diese müsse dann auch entsprechend behandelt werden.

 
Eine obligate Behandlungsindikation für die Gabe von L-Thyroxin bei TSH-Werten innerhalb dieses Bereiches kann jedoch – entgegen früherer Empfehlung – nicht mehr abgeleitet werden. Prof. Dr. Annegret Geipel und Prof. Dr. Christoph Keck
 

„Eine obligate Behandlungsindikation für die Gabe von L-Thyroxin bei TSH-Werten innerhalb dieses Bereiches kann jedoch – entgegen früherer Empfehlung – nicht mehr abgeleitet werden“, betonen Prof. Dr. Annegret Geipel, die Leiterin der Pränatalen Medizin der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatale Medizin am Universitätsklinikum Bonn, und Prof. Dr. Christoph Keck vom endokrinologikum Hamburg in Namen der DGGG.

Unklare Grenzwerte

Dem BDN zufolge war lange Zeit unklar, ab welchem TSH-Wert die Gabe von L-Thyroxin eingeleitet werden muss. „Denn die Unterscheidung zwischen einer Hashimoto-Thyreoiditis im frühen Stadium und einer normalen Schilddrüse mit einem TSH-Wert im oberen Normbereich ist nicht immer ganz einfach“, sagt Prof. Dr. Matthias Schmidt, Nuklearmediziner der Universität Köln. In der Praxis habe sich daher – mit dem Ziel, das Ungeborene zu schützen – ein niedriger Grenzwert von 2,5 mU/l festgesetzt.

Große internationale Interventionsstudien hätten jedoch gezeigt, dass bei gesunden Schwangeren mit TSH-Werten von 2,5 bis 4,0 mU/l weder Fehlgeburten noch kindliche Fehlbildungen zunehmen und auch keine Einbußen bei den kognitiven Fähigkeiten des Ungeborenen zu befürchten sind, so der BDN.

Der Verband stützt sich bei seiner Einschätzung unter anderem auch auf die 2017 im Fachblatt Thyroid veröffentlichten US-amerikanischen Leitlinien für die Diagnose und Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen während der Schwangerschaft und nach der Geburt der American Thyroid Association (ATA).

Bei TSH-Werten zwischen 2,5 und 4,0 mU/l sei eine Therapie mit Levothyroxin nicht erforderlich, sofern die Schilddrüse der Mutter gesund ist, sagt auch die BDN-Vertreterin Prof. Dr. Karin Frank-Raue von der Endokrinologisch-Nuklearmedizinischen Gemeinschaftspraxis in Heidelberg. Das gelte im Übrigen ebenso für Schwangerschaften, die durch eine künstliche Befruchtung entstanden sind.

Einigkeit bei Werten von mehr als 10 mU/l

Wie Geipel und Keck von der DGGG ausführen, ist eine ausreichende Versorgung mit Schilddrüsenhormon für die Hirnentwicklung des Ungeborenen essenziell. „Insbesondere im ersten Schwangerschaftsdrittel ist das fetale Hirn von der Versorgung durch die Mutter abhängig, da die kindliche Schilddrüse erst ab der 14. bis 18. Schwangerschaftswoche selbst Hormone produziert“, schreiben die Experten. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion der Mutter komme es dementsprechend beim Fetus zu einem Schilddrüsenhormonmangel.

Um eine manifeste oder latente Schilddrüsenunterfunktion der Mutter zu erkennen, empfiehlt die DGGG ein Screening von Frauen mit Kinderwunsch und von Schwangeren in der Frühphase der Gestation. Zu beachten ist dabei, dass die Referenzbereiche für Schilddrüsenhormone in jedem Schwangerschaftsdrittel verschieden sind. Zudem können die Werte laborspezifisch unterschiedlich ausfallen.

„Allgemein wird bei einem Wert des Thyreoidea-stimulierenden Hormons, kurz TSH, von mehr als 10 mU/l von einer manifesten Schilddrüsenunterfunktion ausgegangen, diese muss mit dem Schilddrüsenhormon Levothyroxin (T4) behandelt werden“, so Geipel und Keck.

Eine umfassende Diagnostik ist ratsam

In der Frühschwangerschaft werde der obere Grenzwert für TSH zur Definition einer „latenten Hypothyreose“ von den internationalen Fachgesellschaften unterschiedlich definiert, erläutern die DGGG-Experten. So empfehle die ATA seit Kurzem, den oberen TSH-Grenzwert auf >4 mU/l festzulegen, während die ETA (European Thyroid Association) weiterhin dazu rate, ab einem TSH-Wert von 2,5 mU/l die Indikation zur L-Thyroxingabe mittels weiterer Diagnostik zu prüfen.

Bei der Entscheidung bezüglich einer Gabe von L-Thyroxin müsse zudem berücksichtigt werden, ob es Hinweise auf das Vorliegen einer Autoimmun-Thyreoiditis (AIT) gibt – zum Beispiel über den Nachweis von Thyreoperoxidase(TPO)-Antikörpern, so Geipel und Keck. 

 
Insgesamt jedoch müssen wir weg von der Therapie reiner Laborwerte, wie sie im TSH-Korridor von 2,5 bis 4,0 mU/l häufig verordnet wurde. Prof. Dr. Karin Frank-Raue
 

Um zu klären, ob eine behandlungsbedürftige Schilddrüsenerkrankung bei der Schwangeren vorliegt, raten auch die Experten vom BDN im ersten Schwangerschaftsdrittel ab einem TSH-Wert von 2,5 mU/l zu weiteren diagnostischen Maßnahmen. „Diese Diagnostik umfasst die Geschichte der Vorerkrankungen bei der Schwangeren und in der Familie, eine körperliche Untersuchung, weitere Bluttests und einen Ultraschall der Schilddrüse“, erklärt die Heidelberger Hormonspezialistin Frank-Raue.

Weg von der Therapie reiner Laborwerte

Stelle sich heraus, dass die Schwangere tatsächlich an einer Autoimmunerkrankung wie der Hashimoto-Thyreoiditis leidet, sei eine Verordnung von Levothyroxin ab einem TSH-Wert von über 4,0 mU/l zwingend, betont Frank-Raue. „Insgesamt jedoch müssen wir weg von der Therapie reiner Laborwerte, wie sie im TSH-Korridor von 2,5 bis 4,0 mU/l häufig verordnet wurde“, sagt die Medizinerin. Ziel müsse es sein, ausschließlich Schwangeren mit behandlungsbedürftigen Schilddrüsenerkrankungen die Hormontabletten zu verabreichen.
 

Kommentar

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