Nach der Corona-Pandemie: Droht eine Privatisierungswelle für die Krankenhäuser?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

20. Mai 2020

560 Euro bekommen die Krankenhäuser pro Tag und Bett, das sie für Corona-Patienten freihalten. Inzwischen erlauben die Länder, dass weniger Betten freigehalten werden, und die meisten der rund 1.900 Krankenhäuser in Deutschland fahren ihre Leistungen wieder hoch. Aber kommen die Kliniken nach der Corona-Krise wieder auf die Beine? Wie werden vor allem die kommunalen Häuser die Krise überstehen?

Der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Thomas Busse, Leiter des Zentrums für Gesundheitswirtschaft und -recht (ZGWR) an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS), sieht über den kommunalen Häusern dunkle Wolken aufziehen.

Kommunale Träger auf dem Rückzug

Als fast unausweichliche Konsequenz der ohnedies angespannten Finanzlage der Krankenhäuser sieht Busse die Gefahr, „dass viele gerade größere Krankenhäuser in private Trägerschaft überführt werden und eine Privatisierungswelle den Krankenhausmarkt weiter verändern wird“. Betroffen würden vor allem die kommunalen Häuser sein.

 
Ich warne davor, dass kommunale Krankenhäuser aufgegeben werden, denn sie sind die einzigen, die dauerhaft stabil am Markt gehalten werden können. Prof. Dr. Thomas Busse
 

Kommunale Träger seien schon länger auf dem Rückzug, argumentiert Busse. Tatsächlich verzeichnet die Statistik der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) einen Anstieg der privaten Krankenhäuser in Deutschland zwischen 2006 und 2017 um 115 Häuser, das sind 36,5% aller deutschen Krankenhäuser. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der kommunalen Krankenhäuser gesunken, und zwar von 744 auf 468, also um 276 Krankenhäuser.

Nach der Corona-Krise werden die ohnedies klammen Kommunen noch weniger Geld haben und sich Investitionen in ihre Krankenhäuser zweimal überlegen, meint der Frankfurter Professor. Die privaten Krankenhauskonzerne würden dann die kommunalen Häuser immer öfter übernehmen.

„Ich warne davor, dass kommunale Krankenhäuser aufgegeben werden, denn sie sind die einzigen, die dauerhaft stabil am Markt gehalten werden können“, sagt Busse zu Medscape. Zahlen oder Befragungsergebnisse liegen indessen nicht vor.

„Die Krankenhäuser werden sehr unterschiedlich aus der Krise kommen“

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sieht die Sache anders [1]. „Vielleicht haben die Kommunen nach der Krise größere finanzielle Schwierigkeiten“, meint Joachim Odenbach, Sprecher der DKG gegenüber Medscape, „aber aus unserer Sicht sind kommunale Häuser nicht in besonderer Weise betroffen.“

Gleichwohl sei die Situation für viele Krankenhäuser derzeit problematisch. Während manch kleineres Haus mit 560 Euro pro freiem Bett und Tag gut gefahren sei, habe dieses Geld für größere Häuser mit hohen Vorhaltekosten kaum gereicht. „Die Krankenhäuser werden deshalb sehr unterschiedlich aus der Krise kommen“, prognostiziert Odenbach. Die DKG fordere deshalb „passende Nachjustierungen“, wie der Sprecher sagt.

Dass manche Kliniken nach dem Lockdown in Gefahr sind, bestreitet auch Dr. Djordje Nikolic nicht, Geschäftsführer bei der Firma Consus Clinicmanagement. „Unter Druck waren sie aber schon vor der Corona-Krise“, sagt Nikolic im Gespräch mit Medscape.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) habe mit verschiedenen Gesetzen im vergangenen Jahr die Daumenschrauben für das Jahr 2020 unter anderem mit dem MDK-Reformgesetz angezogen. Häuser, die ohnedies in Schieflage waren, wurden dann von den Corona-Prämien für die leeren Betten für eine Zeit lang gerettet, sofern die Kosten des Hauses unter der gezahlten Pauschale lagen.

 
Die Krankenhäuser werden deshalb sehr unterschiedlich aus der Krise kommen. Joachim Odenbach
 

Zudem haben Kliniken in dieser Zeit auch die Überstunden abgebaut und konnten die Rückstellungen zumindest in den Büchern auf der Haben-Seite verbuchen. „Nach der Krise aber wird die Unterstützung wegfallen, und diese Häuser werden wieder im kalten Wind stehen“, sagt Nikolic.

Nicht zuletzt deshalb prognostizierten Branchenkenner eine ganze Reihe von Insolvenzen. „Dass allerdings die privaten Ketten nun verstärkt betroffene kommunale Krankenhäuser aufkaufen wollen und eine Privatisierungswelle auslösen, sehe ich nicht“, meint Nikolic. „Im Gegenteil: Viele privaten Klinikketten wollen kleinere Häuser derzeit eher verkaufen.“

Viele Kliniken seien mit 560 Euro nicht unglücklich gewesen, „manche sprechen sogar von einem super Jahr – auch private Krankenhäuser, die nun wider Erwarten die gesetzten Umsatzziele werden halten können. Allerdings, auch das sagt Nikolic, „es gibt keine offiziellen Zahlen, die zeigen, dass es Krankenhäuser gibt, die als Gewinner aus der Krise gehen.“

Fachbeirat soll die Wirkung der Zuschüsse prüfen

Dabei dürfte es aber nicht bleiben. Denn das COVID-19-Krankenhaus-Entlastungsgesetz sieht auch eine Prüfung der Maßnahmen zur Entlastung der Krankenhäuser vor. Deshalb hat sich bereits Mitte April ein entsprechender Fachbeirat konstituiert. Der Expertenbeirat soll „mit Vertretern der Krankenhausseite, der gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen und renommierten Wissenschaftlern nun überprüfen, wie die getroffenen Maßnahmen wirken“, so Bundesgesundheitsminister Spahn.

 
Viele privaten Klinikketten wollen kleinere Häuser derzeit eher verkaufen. Dr. Djordje Nikolic
 

Die ersten Sitzungen liegen schon hinter dem Gremium, berichtet Prof. Reinhard Busse von der TU Berlin, Mitglied des Fachbeirates und Namensvetter von Thomas Busse aus Frankfurt. Er setzt auf Evidenz-basierte Zahlen. „Es ist nicht ausgemacht, dass die Krankenhäuser mit den 560 Euro pro Bett und Tag überhaupt Verlust machen“, argumentiert Reinhard Busse. „Blieben alle Krankenhäuser ein Jahr komplett leer, erhielten sie ja immerhin 80 Milliarden Euro an staatlicher Unterstützung“, rechnet er vor.

„Und beim Leerstand über einen Monat, etwa im April, dürften es real immer noch 3 Milliarden Euro sein.“ Und wenn das tatsächlich nicht reichen sollte, dann bekämen eher die größeren und spezialisierten Häuser Probleme „und gerade nicht die kleineren, kommunalen“, meint Busse gegenüber Medscape.

Wenn alle Krankenhäuser ihre Zahlen zuliefern, kann der Beirat für Klarheit sorgen. „Wir werden uns den Impact nach Größe, Region und Trägerschaft genau angucken“, kündigt er an. Ende Juni soll der Bericht vorliegen.
 

Kommentar

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