Pflanzen-Extrakte gegen Kater-Symptome? Zumindest Kopfschmerz und Übelkeit scheinen abzunehmen

Antje Sieb

Interessenkonflikte

18. Mai 2020

Bestimmte Pflanzenauszüge konnten in einer kontrolliert-randomisierten Doppelblindstudie zumindest einige Symptome des alkoholbedingten Katers, medizinisch Vesalgia, verbessern. Das schreiben Prof. Dr. Bernhard Lieb und Patrick Schmitt vom Institut für Molekulare Physiologie der Mainzer Universität in BMJ Nutrition Prevention & Health[1].

Die Wissenschaftler hatten nach und nach in kleinen Gruppen über 200 Freiwillige ins Trinklabor eingeladen, wo sie erst gründlich untersucht wurden und dann 4 Stunden lang nach Herzenslust Weißwein und Weißweinschorle sowie Bier und Radler trinken durften – dazu gab es nach Wunsch Wasser und sogar Pizza.

Vorher und hinterher bekamen die Teilnehmer allerdings einen völlig alkoholfreien Drink verabreicht:

  • Eine Gruppe erhielt den Anti-Hangover-Cocktail eines Mainzer Startups mit Pflanzenauszügen, Vitaminen und Mineralstoffen.

  • Eine zweite Gruppe bekam nur eine Vitamin- und Mineralstofflösung gleicher Zusammensetzung.

  • Und die dritte Gruppe erhielt ein Placebo in Form von Zuckerwasser.

„Es gibt allerdings keine Daten dazu, wie oft die Teilnehmer üblicherweise Alkohol konsumierten“, bemängelt Prof Dr. Sebastian Müller die Studie. Es ist Präsident der Europäischen Gesellschaft für Biomedizinische Forschung zu Alkoholismus (ESBRA).

 
Es gibt allerdings keine Daten dazu, wie oft die Teilnehmer üblicherweise Alkohol konsumierten. Prof Dr. Sebastian Müller
 

12 Stunden nach dem letzten Tropfen Alkohol wurden die Teilnehmer dann ein weiteres Mal untersucht und nach ihren Symptomen befragt. Dazu nutzten die Forscher den Acute Hangover Scale (AHS), in dem die Stärke einzelner Symptome abgefragt wird – wie Müdigkeit, Kopfschmerzen und Übelkeit bis hin zu Verwirrung, Atemproblemen oder Suizidgedanken. Aus 47 Einzelsymptomen wird dann der Gesamtscore berechnet.

Das Ergebnis: Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen den 3 Gruppen im Hangover-Gesamtscore.

Weniger Kopfschmerz und Übelkeit

Doch: Bei einzelnen Symptomen hatte die Gruppe, die den Originaldrink bekommen hatte, bessere Werte. Die 69 Teilnehmer dieser Gruppe litten etwa unter 34% weniger Kopfschmerzen und 42% weniger Übelkeit als die 69 Placebo-Trinker. Bei anderen Symptomen, wie Erschöpfung oder Konzentrationsfähigkeit, waren dagegen keine signifikante Wirkung des Drinks zu erkennen.

Die subjektive Einschätzung der Wirksamkeit des Drinks war in der Gruppe, die den Originaldrink bekommen hatte, etwas höher als in den beiden anderen Gruppen. Auf einer Skala von 1 bis 10 gaben sie dem Anti-Hangover-Drink im Schnitt eine 4,2 für Wirksamkeit, gegenüber der Einschätzung von 3,1 in der Placebo-Gruppe.

Dabei hätten die 3 Gruppen im Schnitt ähnlich viel der verfügbaren alkoholischen Getränke konsumiert, schreiben die Autoren, den größten Teil davon in Form von Bier. Pro Minute nahmen alle Teilnehmer im Schnitt 0,62 ml Alkohol zu sich. Allerdings unterschied sich das Durchschnittsgewicht in den Gruppen, so dass sich darauf umgerechnet leicht unterschiedliche Mengen ergaben: Mit 1,63 g Alkohol pro kg Körpergewicht war die Placebo-Gruppe dabei am trinkfreudigsten, mit wenig Abstand folgten die Vitamin- und Mineralstoffgruppe mit 1,57 g/kg, sowie die Verum-Gruppe mit 1,54 g/kg Körpergewicht.

„Man hat den Eindruck, dass die Verum-Gruppe weniger getrunken hat“, kommentiert der Heidelberger Alkoholforscher Müller. Mit mehreren Blutuntersuchungen und Atem-Alkoholtests stellten die Forscher sicher, dass etwa die Leberwerte der Teilnehmer im Normalbereich lagen, und dass sie nicht vor oder nach der 4-stündigen Versuchsphase zusätzlich Alkohol getrunken hatten. 

 
Man hat den Eindruck, dass die Verum-Gruppe weniger getrunken hat. Prof Dr. Sebastian Müller
 

Keine Dehydrierung?

Bei den körperlichen Untersuchungen kontrollierten die Wissenschaftler jeweils auch mittels einer Körperfett-Waage den Körperwassergehalt ihrer Probanden vor und nach dem Alkoholgenuss. Dabei konnten sie allerdings keinen linearen Zusammenhang zwischen der Menge des konsumierten Alkohols und dem Körperwasser feststellen.

Das spreche gegen die These, dass Alkohol generell zu Wasserverlust und Dehydrierung führe, und dass das ein Grund für Katersymptome sei, schreiben die Autoren. Auch die Tatsache, dass die verabreichte Vitamin- und Mineralstofflösung nicht signifikant wirksamer gewesen sei als Placebo, sei ein Argument gegen die These, dass ein Kater auch durch Elektrolyt- und Mineralstoffverluste mitverursacht würde.

Schuld am Kater seien hauptsächlich der Alkohol selbst und seine Abbauprodukte, folgern die Mainzer Wissenschaftler.

Was wirkt wie?

Die beobachtete Wirkung des Drinks sei hauptsächlich auf die enthaltenen Pflanzenextrakte zurückzuführen, betonen sie. Was allerdings genau wie wirkt, können die Forscher bisher nicht erklären. Der verwendete Drink enthielt Auszüge aus Acerola-Kirsche, Silberweide, Kaktusfeigen, Ginkgo und Ingwerwurzel.

In der Literatur haben die Autoren für einige der Inhaltsstoffe Studien gefunden, die im Zusammenhang mit Alkoholgenuss eine Rolle spielen könnten: So gebe es z.B. für Ginkgo-Inhaltsstoffe aus anderen Studien Hinweise auf neuroprotektive Effekte, und Antioxidantien aus Ingwer könnten möglicherweise leberschonende Wirkung entfalten.

Auch Müller würde der Wirkmechanismus interessieren: „Interessant ist, dass klare subjektive und objektive positive Effekte des getesteten Getränks gezeigt werden in einer verblindeten und Placebo-kontrollierten Studie. Es stellt sich die Frage, ob es sich hier um neuroprotektive Effekte handelt.“

Eine weitere Erkenntnis der Mainzer Studie: Katersymptome sind hochgradig individuell. Ähnliche Studien mit einer festgelegten Alkoholmenge durchzuführen, halten die Autoren daher nicht für sinnvoll.

 

Kommentar

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