Demenzprävention: Hausärzte können Pflegebedürftigkeit und sogar die Mortalität bei älteren Menschen senken – so geht‘s

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

4. Mai 2020

Hausärzte leisten einen wichtigen Beitrag, um die Häufigkeit zerebrovaskulärer Erkrankungen und Demenzen zu senken, indem sie vaskuläre Risikofaktoren identifizieren und entsprechende Vorerkrankungen behandeln. Zu dem Ergebnis kommen Dr. Horst Bickel von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, und Kollegen. Ihre Studie wurde in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift veröffentlicht [1].

Hausärztliche Intervention bei vaskulären Risikofaktoren

Zum Hintergrund: Schlaganfall und Demenzen haben zahlreiche modifizierbare Risikofaktoren gemeinsam. Das Erkennen dieser meist vaskulären Risikofaktoren und die entsprechende Beratung sowie Behandlung der Patienten sind vor allem eine Aufgabe von Hausärzten. Im hausärztlichen Präventionsprojekt INVADE (INterventionsprojekt VAskuläre Hirnerkrankungen und Demenz im oberbayerischen Landkreis Ebersberg) wurden diese vaskulären Risikofaktoren systematisch erfasst und evidenzbasiert behandelt.

Studie mit AOK-Versicherten aus Bayern

Alle über 50-jährigen Versicherten der AOK Bayern mit Wohnsitz im Landkreis Ebersberg erhielten das Angebot zur Teilnahme an INVADE. Etwa jeder 3. schrieb sich in das Programm ein. Durch hausärztliche Untersuchungen, Selbstauskünfte der Versicherten, Laboranalysen und eine Duplexsonografie der extrakraniellen Halsgefäße wurden individuelle Risikoprofile erstellt, aus denen sich Interventionsmaßnahmen ableiten ließen.  

In jedem Quartal dokumentierten Hausärzte ihre Behandlung und den Gesundheitszustand der Teilnehmer. Nach jeweils 2 Jahren wurde das gesamte Untersuchungsprogramm wiederholt. Der Erfolg der Intervention wurde am Landkreis Dachau bemessen, wo Versicherte die übliche hausärztliche Versorgung erhielten. Primäre Endpunkte bestanden in der Mortalität und im Eintritt von Pflegebedürftigkeit, sekundäre Endpunkte in den stationären Behandlungen infolge von zerebrovaskulären Erkrankungen. Dies erfassten Bickel und Kollegen anhand administrativer Daten der Kranken- und Pflegekasse für den Zeitraum von 2013 bis 2016.

Geringere Morbidität und Mortalität nach hausärztlicher Intervention

Der Vergleich zwischen Versicherten aus Ebersberg (n=10.663, Durchschnittsalter 70,64 Jahre, Frauenanteil 57,0%) und Dachau (n=13.225, Durchschnittsalter 70,15 Jahre, Frauenanteil 58,4%) fiel sowohl hinsichtlich der primären und der kombinierten sekundären Endpunkte zugunsten des Präventionsprogramms aus:

  • Mortalitätsrisiko: 13,48 vs 13,87% (HR = 0,90; 95 %-Konfidenzintervall: 0,84-0,97; p = 0,003)

  • Pflegebedürftigkeitsrisiko: 9,74 vs 10,11% (HR = 0,88; 95 %-KI 0,81-0,96; p = 0,003)

  • Wahrscheinlichkeit einer stationären Behandlung aufgrund zerebrovaskulärer Erkrankungen: 4,88 vs 5,41% (OR = 0,87; 95 %-KI 0,77-0,97, p = 0,003)

Studie unterstreicht Bedeutung von Hausärzten bei Präventionsprogrammen

Alle Ergebnisse stützen die Annahme, dass durch eine intensivierte hausärztliche Identifikation und Behandlung vaskulärer Risikofaktoren das Auftreten von zerebrovaskulären Erkrankungen und Demenz-Erkrankungen gesenkt werden kann. Auch die Lebenserwartung insgesamt und die Zeit ohne Pflegebedürftigkeit könnten erhöht werden. Die Hausarztpraxis eigne sich demnach als Anlaufstelle zur Umsetzung von Präventionsprogrammen.

Limitationen der vorliegenden Untersuchung sind den Autoren zufolge vor allem in folgenden Punkten zu sehen: Aufgrund der multimodalen Intervention lasse sich nicht feststellen, welche spezifischen Maßnahmen die stärksten Wirkungen gehabt hätten. Es bleibe außerdem offen, wie stark die Risikofaktorkontrolle zur Demenzprävention beigetragen habe, da die administrativen Daten der Krankenkasse keinen geeigneten Endpunkt enthielten, an dem sich Bias-frei der Effekt auf die Demenzinzidenz bemessen lasse.

Die Ergebnisse wurden an Versicherten der AOK gewonnen. Bei einem Marktanteil der AOK Bayern in Höhe von 40% repräsentiere diese Gruppe zwar einen großen Teil der Bevölkerung, so die Autoren. Es sei jedoch unklar, ob alle Resultate angesichts der soziostrukturellen Besonderheiten auf die Gesamtheit der gesetzlich Versicherten übertragbar seien. Zudem stelle sich die Frage, ob die Vergleichbarkeit der beiden Landkreise gewährleistet sei.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de .

 

Kommentar

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