DGIM warnt, die internistische Versorgung von Nicht-Corona-Patienten zu vernachlässigen: „Stille Opfer“ verhindern!

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

4. Mai 2020

Angst vor Infektionen, Berichte über überlastete Ärzte und Pflegekräfte oder über Notbetrieb in medizinischen Einrichtungen: Viele Menschen mit akuten oder chronischen Krankheiten zögern derzeit mit Besuchen in Arztpraxen und Kliniken (wie  Medscape berichtete ).

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) befürchtet, dass dadurch unbehandelte Krankheiten sich verschlimmern und über kurz oder lang auch zu vermehrten Todesfällen – „stillen Opfern“ der Krise – führen könnten. Dem gelte es entgegenzuwirken, wie Experten auf einer Online-Pressekonferenz der Gesellschaft betonten [1].

Prof. Dr. Jürgen Floege

Seit Wochen bereiten sich Kliniken auf einen Ansturm von COVID-19-Patienten vor und halten dafür eine große Anzahl von Krankenhaus- und Intensivbetten frei. „Das heißt aber nicht, dass nicht auch weiterhin Kapazitäten für andere akut oder chronisch kranke Patienten zur Verfügung stehen“, so der DGIM-Vorsitzende Prof. Dr. Jürgen Floege von der Universitätsklinik der RWTH Aachen.

Verwaiste Klinik-Notaufnahmen

Vielfach besteht in der aktuellen Corona-Krise die absurde Situation, dass ansonsten volle Klinik-Notaufnahmen nun nahezu verwaist sind. „Wo sonst triagiert werden muss, sitzen in unserer Notaufnahme gerade noch eine Handvoll Menschen – etwas, das ich so noch nie erlebt habe“, berichtete der Aachener Internist.

 
Wir müssen deshalb unsere Klinik-Ambulanzen wieder hochfahren, damit wir die Patienten, die auf ärztliche Betreuung angewiesen sind, wieder vermehrt sehen können. Prof. Dr. Jürgen Floege
 

Dabei gebe es nach wie vor sicher nicht weniger Herzinfarkte und sonstige ernste Erkrankungen in der Bevölkerung. „Wir müssen deshalb unsere Klinik-Ambulanzen wieder hochfahren, damit wir die Patienten, die auf ärztliche Betreuung angewiesen sind, wieder vermehrt sehen können.“ Dies sei ein Spagat, die normale Betreuung für längere Zeit einzufrieren sei aber keine Alternative.

Organisatorische Veränderungen sind Corona-bedingt etwa bei der Betreuung dialysepflichtiger Patienten notwendig geworden, um dem notwendigen Infektionsschutz Rechnung zu tragen: „Systematisch in Deutschland wurde hier zum Beispiel das Prinzip der Sammeltransporte in Einzeltransporte zu den Dialyseeinrichtungen geändert“, erläuterte Floege.

„Außerdem gibt es in Regionen mit Corona-Hotspots auch Dialyseeinheiten speziell für Corona-Infizierte.“ Das reduziert das Infektionsrisiko für andere Dialysepatienten. Generell sei das medizinische Personal bei dialysepflichtigen Patienten besonders vigilant.

Kritik an Mindestmengen-Regelung für Nierentransplantationen

Kritik übte der DGIM-Vorsitzende an der derzeit noch gültigen Mindestmengen-Regelung für Nierentransplantationen (25 pro Jahr pro Einrichtung). Ist eine Transplantation in Form einer Lebendspende vorgesehenen, gilt sie als planbarer Eingriff und soll, um Klinikkapazitäten für eventuelle COVID-19-Patienten freizuhalten, aktuell bis auf Weiteres verschoben werden.

„Die meisten Transplantationszentren“, so Floege, „laufen deshalb derzeit auf Sparflamme. Sollte die Mindestmengen-Regelung konsequent durchgesetzt werden, befürchte ich, dass etwa ein Drittel der deutschen Nierentransplantationszentren von einer dauerhaften Schließung bedroht ist.“

 
Sollte die Mindestmengen-Regelung konsequent durchgesetzt werden, befürchte ich, dass etwa ein Drittel der deutschen Nierentransplantationszentren von einer dauerhaften Schließung bedroht ist. Prof. Dr. Jürgen Floege
 

Er fordert deshalb, die Mindestmengen-Regelung zumindest für das Jahr 2020 verlässlich auszusetzen, um Kapazitäten für nephrologische Patienten zu erhalten.

CED nicht mit hohen Dosen Prednisolon behandeln

Über Pandemie-beeinflusste Entwicklungen bei der Versorgung gastroenterologischer Patienten berichtete Prof. Dr. Christoph Sarrazin vom St. Josefs-Hospital in Wiesbaden: „Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen unter immunsuppressiver Therapie sollten möglichst nicht mit hohen Steroiddosen von mehr als 20 mg Prednisolon-Äquivalent behandelt werden. Denn wir wissen inzwischen, dass höhere Dosen ihr Risiko für eine schwere COVID-19-Infektion erhöhen.“

Prof. Dr. Christoph Sarrazin

Inwieweit auch für andere Immunsuppressiva wie z.B. TNF-alfa Dosiseinschränkungen sinnvoll sein könnten, sei derzeit mangels Erfahrung noch nicht genauer bekannt.Als problematisch bewertete Sarrazin, dass auch Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen aus Angst vor Infektionen Arztbesuche meiden könnten und dadurch eine Verschlechterung ihrer Krankheit riskierten.

 
Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen unter immunsuppressiver Therapie sollten möglichst nicht mit hohen Steroiddosen von mehr als 20 mg Prednisolon-Äquivalent behandelt werden. Prof. Dr. Christoph Sarrazin
 

Pause bei Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchungen

Massive Verzögerungen sind Sarrazin zufolge bei den Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchungen zu verzeichnen: „Die Praxen haben in den vergangenen Wochen praktisch keine Vorsorgeuntersuchungen mehr durchgeführt.“ Es werde vermutet, dass es bei deren späterer Abarbeitung dann auch entsprechend mehr Erkrankungsfälle diagnostiziert werden. „Deshalb sollten wir es in den kommenden Wochen schaffen, hier wieder zu einer gewissen Normalität zu kommen.“

Ängste, sich bei einer endoskopischen Untersuchung mit SARS-CoV-2 zu infizieren, seien sowohl auf der Seite der Patienten wie auch beim medizinischen Personal vorhanden. Die Situation bei der Beschaffung der notwendigen Schutzausrüstung fürs Personal habe sich zwar bereits gebessert, dennoch gebe es hier vor allem im niedergelassenen Bereich noch Mängel.

Höhere Schwellen für Warnsymptome bei Herzinfarkt

Auf 20% bis 30% schätzt der Angiologe Prof. Dr. Sebastian Schellong vom Städtischen Klinikum Dresden den in der Corona-Krise beobachteten Rückgang an Patienten, die mit Verdacht auf Myokardinfarkt oder einem tatsächlichen Infarkt in die kardiologischen Kliniken kommen. „Bei den Patienten ist die Schwelle, den Brustschmerz als Warnzeichen wahrzunehmen, deutlich gestiegen“, so Schellong.

 
Es gibt viele Patienten, die wir zu spät sehen, weil sie das zuvor gut gelernte Warnsymptom Brustschmerz nicht mehr so hoch einschätzen wie die Angst, sich ans Krankenhaus zu wenden. Prof. Dr. Sebastian Schellong
 

Die Folge: „Es gibt viele Patienten, die wir zu spät sehen, weil sie das zuvor gut gelernte Warnsymptom Brustschmerz nicht mehr so hoch einschätzen wie die Angst, sich ans Krankenhaus zu wenden.“Jedoch gebe es auch auf Seiten der Kliniken Pandemie-bedingte logistische Umstrukturierungen (z.B. Vorhaltung von Betten für COVID-19-Patienten, verschiedene Maßnahmen für einen erhöhten Infektionsschutz), die die zuvor gewohnte schnelle Versorgung von Herzpatienten in kritischem Zustand verzögern könnten.

Prof. Dr. Sebastian Schellong

Patienten für Kontrolluntersuchungen motivieren

Weitere deutliche Rückgänge bei den Patientenvorstellungen sind Schellong zufolge u.a. bei Patienten mit akuten bzw. kritischen peripheren Durchblutungsstörungen der Beine oder einem diabetischen Fußsyndrom zu beobachten. „Ich fürchte“, so der Angiologe, „dass wir damit eine Bugwelle von Patienten in kritischem Zustand vor uns herschieben und die Zahl von Amputationen möglicherweise zunehmen wird.“

Um chronisch kranke Patienten dazu zu motivieren, Kontrolluntersuchungen bei den sie betreuenden Ärzten wahrzunehmen, hält es DGIM-Präsident Floege auch für nützlich, dass Praxen je nach individueller Situation aktiv werden und Patienten an ihren Termin erinnern und gegebenenfalls betonen, warum der Termin trotz COVID-19 wichtig ist.

Was wichtig ist, um langsam zur Normalität zurückzukehren

Als besonders wichtig, um die Corona-Pandemie einzudämmen und nach und nach wieder in eine Art Normalität bei der medizinischen Versorgung in den Kliniken zurückzukehren, nannte der Wiesbadener Internist Sarrazin 3 Dinge:

  • Schutz vor Neuinfektionen (durch Masken, Abstandsregel, separate Klinikbereiche zur Untersuchung von Patienten mit Corona-Verdacht);

  • Testsysteme mit großer Kapazität (PCR, Antikörpertests), um akute und durchgemachte Infektionen rasch und zuverlässig erkennen zu können;

  • schnelles Erkennen lokaler Infektionsausbrüche, um sie im Keim ersticken zu können (etwa mit einer Corona-Tracking-App auf Bluetooth-Basis).

 

Kommentar

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