Corona-Krise – kritisches Editorial im BMJ: „Jeder in den USA und weltweit wird unter Trumps Versagen leiden“

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

29. April 2020

„Donald Trump hat das Risiko kleingeredet und notwendige Maßnahmen verzögert. Die Folgen sind unzählige vermeidbare Todesfälle.“ Mit einem scharfen Editorial im British Medical Journal haben 2 Experten für öffentliche Gesundheit und Epidemiologie das Handeln des US-Präsidenten vor und während der Covid-19-Pandemie kritisiert [1].

 
Donald Trump hat das Risiko kleingeredet und notwendige Maßnahmen verzögert. Die Folgen sind unzählige vermeidbare Todesfälle. Prof. Dr. Gavin Yamey und Prof. Dr. Gregg Gonsalves
 

Dadurch werde auch die weltweite Eindämmung des Virus erschwert. „Jeder in den USA und weltweit wird unter Trumps Versagen leiden“, sagt Co-Autor Prof. Dr. Gregg Gonsalves gegenüber Medscape, „wir hatten keine andere Wahl, als unsere Stimme zu erheben.“

Frühwarnsysteme wurden abgebaut

Erstautor Prof. Dr. Gavin Yamey ist Professor für Globale Gesundheit und Public Policy (Politikwissenschaft staatlichen Handelns) an der Duke University in Durham, Gonsalves ist Professor für Epidemiologie an der Yale School of Public Health. Ihr Beitrag mit dem Titel „Donald Trump: ein politischer Risikofaktor für Covid-19“ ist eine Liste der Versäumnisse und Fehler des US-Präsidenten.

 
Das Virus hat gegen uns keine Chance. Kein Land ist besser vorbereitet und widerstandsfähiger als die Vereinigten Staaten. Donald Trump
 

Diese beginnt 2018: Damals löste Trump das Büro für Sicherheit der globalen Gesundheit im Weißen Haus auf, das sein Vorgänger Barack Obama nach der Ebola-Epidemie 2016 gegründet hatte – eben, um ein übergreifendes Gremium zu haben, das im Ernstfall die Arbeit der verschiedenen Behörden koordinieren kann.

Ende 2019 schloss Trump dann auch das globale Frühwarnprogramm PREDICT, dessen Aufgabe es war, Viren mit dem Potenzial einer Pandemie zu identifizieren.

Und schließlich veranlasste er entscheidende Kürzungen bei den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) „als Bestandteil seiner Weigerung, Gesundheitspolitik auf der Grundlage wissenschaftlicher Fakten zu machen“, so die Autoren.

Dann kam am 23. Januar 2020 die Warnung der WHO an ihre Mitgliedsstaaten, sich auf die Verbreitung eines neuartigen Corona-Virus einzustellen: „Bereiten Sie Maßnahmen wie Monitoring, Früherkennung, Isolation und Kontaktverfolgung vor“, empfahl die WHO. Zu dem Zeitpunkt gab es bereits den ersten bestätigen Fall in den USA.

„Aber noch bis Mitte März leugnete Trump, dass die USA vor dem Risiko einer Epidemie stehen, und sagte den Bürgern, es gäbe keinen Grund, sich Sorgen zu machen“, kritisieren die Autoren und zitieren unter anderem eine Trump-Aussage vom 11. März 2020: „Das Virus hat gegen uns keine Chance. Kein Land ist besser vorbereitet und widerstandsfähiger als die Vereinigten Staaten.“

China hat den USA Zeit verschafft – doch diese haben sie nicht genutzt

„Die Quarantäne und der Lockdown in China haben Trumps Verwaltung Zeit verschafft“, erläutern Yamey und Gonsalvez, „sie hätten diese nutzen können für den massiven Ausbau der Testkapazitäten und der Behandlungsmöglichkeiten in den Kliniken, für die Produktion von Schutzmaterialien und die Etablierung von Kommunikationswegen zwischen der Bundesregierung und den Gouverneuren. Die Bundesregierung hat nichts davon getan.“

Als besonders gefährlich beurteilen die Autoren Trumps wiederholte „anti-wissenschaftliche“ Statements. Ende Februar prognostizierte er etwa, das Virus werde „wie durch ein Wunder“ von allein wieder verschwinden. Als die CDC den Bürger empfahlen, Masken zu tragen, erklärte Trump öffentlich, dass er dies nicht tue. Und schließlich spekulierte er am 23. April auf einer Pressekonferenz, ob sich COVID-19 heilen lasse, wenn man Desinfektionsmittel injiziere oder „Licht in den Körper bringe“.

Tatsächlich stiegen in den Tagen danach die Anrufe bei Gift-Notrufen in den USA. In Illinois haben sich nach offiziellen Angaben die Notrufe wegen eingenommener Bleichmittel verdoppelt. Die New York Times druckte einen ernst gemeinten Ratgeber-Artikel mit dem Titel „Bitte essen Sie kein Desinfektionsmittel“.

Bleichmittel waren schon zuvor von verschiedenen Akteuren in den USA gegen COVID-19 empfohlen worden, etwa von Freikirchen. Inzwischen behauptet Trump, seine Aussage sei nur sarkastisch gemeint gewesen.

„Wir Bürger sind allein im Kampf gegen das Virus“

„Die Fehler der Trump-Administration gehen weiter“, sagt Yavey, „und sie gefährden Menschenleben.“ Und das nicht nur kurzfristig: Die Autoren befürchten, dass den USA Jahre der Massenarbeitslosigkeit bevorstehen mit wiederkehrenden Zyklen von Ausgangsbeschränkungen, einer Zunahme von psychischen Krankheiten und vielen Todesfällen, die ohne Krise vermeidbar gewesen wären.

 
Die Fehler der Trump-Administration gehen weiter, und sie gefährden Menschenleben. Prof. Dr. Gavin Yamey
 

„Klar ist, dass Trump uns nicht retten wird, dass er uns nicht retten kann“, resümieren Yavay und Gonsalvez, „wir Bürger sind allein im Kampf gegen das Virus.“ Die USA bräuchten daher eine neue, „beispiellose“ soziale Bewegung, inspiriert von der AIDS-Bewegung der letzten 40 Jahre: „Eine Bewegung, die die Führung auf lokaler, Landes- und Bundesebene dazu bringt, eine Gesundheitsversorgung für alle zu schaffen, Lohnfortzahlung bei Krankheit, Miet- und Lebensmittelzuschüsse, mit einem Fokus auf Arme, Obdachlose und Marginalisierte.“

Trumps „unglaubliche“ Inkompetenz habe mit zu der COVID-19-Epidemie in den USA geführt, „eine neue Politik der Fürsorge (care) kann das Gegenmittel sein.“

 
Viele andere Wissenschaftler haben ebenfalls das Versagen der Trump Administration kritisiert, in wissenschaftlichen Journalen, Publikumsmedien und auf Social Media. Prof. Dr. Gavin Yamey
 

Negative Konsequenzen für ihre Karriere befürchten die Wissenschaftler durch ihr deutliches Statement nicht. „Wir sind nicht die einzigen“, betont Yavey, „viele andere Wissenschaftler haben ebenfalls das Versagen der Trump Administration kritisiert, in wissenschaftlichen Journalen, Publikumsmedien und auf Social Media.“ Gonsalvez berichtet, dass sie in den vergangenen Tagen fast nur positive Reaktionen bekommen haben: „Nur meine Mutter meinte, ich sollte nicht den Präsidenten kritisieren.“

 

Kommentar

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