Suizide von Prominenten und Berichterstattung in den Medien: Meta-Analyse bestätigt den Nachahmer-Effekt

Megan Brooks

Interessenkonflikte

15. April 2020

Wenn in den Medien über den Suizid eines Prominenten berichtet wird, kommt es nach einer neueren Untersuchung in der Folge zu einer „eindeutigen und starken“ Zunahme der Suizidrate in der Allgemeinbevölkerung.

Die Ergebnisse eines systematischen Reviews und einer Metaanalyse zeigen, dass Berichte über Prominenten-Suizide mit einem Anstieg der Suizidrate um bis zu 18% in den darauffolgenden 1 bis 2 Monaten einhergehen. Darüber hinaus stieg die spezifische Art der Suiziddurchführung nach einem Bericht über eine solche Methode um 18% bis 44% an. Die Studie wurde in BMJ veröffentlicht [1].

„Dies ist die größte Übersicht zu der existierenden Literatur über die Folgen der Suizidberichterstattung in den Medien“, sagte der Erstautor Dr. Thomas Niederkrotenthaler von der Abteilung für Sozial- und Präventivmedizin des Zentrums für Public Health an der Medizinischen Universität Wien gegenüber Medscape.

„Demnach scheint vor allem die Berichterstattung über den Suizid von Prominenten einen eindeutigen und starken Einfluss auf die späteren Suizidraten zu haben. Die Assoziation ist sogar umso stärker, je größer die Popularität des Prominenten in der Bevölkerung war“, fügte er hinzu.

Sensationshungrige Berichterstattung immer noch üblich

Die Untersucher fanden und analysierten 31 relevante Studien. Davon blieben 20 Studien mit mäßigem Bias-Risiko in der Hauptanalyse. Die Studien hatten vor dem Ereignis mindestens einen Zeitpunkt festgelegt und nach Medienberichten über einen Suizid im Fernsehen, in Print- oder Online-Medien oder in Sachbüchern oder Filmen einen Zeitraum von bis zu 2 Monaten analysiert.

Die Suizidraten stiegen über einen mittleren Zeitraum von 28 Tagen nach Medienberichten über den Suizid eines Prominenten durchschnittlich um 13% an (95% Konfidenzintervall [KI]: 8–18%).

Nachdem in den Medien über die jeweilige Suizidmethode des prominenten Suizidopfers berichtet worden war, kam es zu einem Anstieg für diese Methode um 30% (95% KI: 18–44%). Die allgemeine Berichterstattung über Selbsttötungen scheint dabei keine gehäuften Suizide nach sich zu ziehen.

 
Die Ergebnisse unterstreichen daher, dass solche Leitlinien für die Berichterstattung über Selbstmorde weiter verbreitet und umgesetzt werden sollten. Dr. Thomas Niederkrotenthaler
 

Medienberichte über Suizide von Prominenten könnten also nach dieser Untersuchung die Selbsttötungsfantasien verstärken und die Planung eines Suizids mit einer bestimmten Methode vorantreiben.

In Ländern, in denen zusammen mit Medienexperten Leitlinien für die Berichterstattung über Suizide entwickelt und umgesetzt wurden, habe sich die Situation deutlich verbessert, so Niederkrotenthaler.

„Aber dies gilt nicht durchgängig für alle Fälle und Medienbereiche, und in manchen Gebieten der Welt ist eine sensationshungrige Berichterstattung immer noch weit verbreitet. Die Ergebnisse unterstreichen daher, dass solche Leitlinien für die Berichterstattung über Selbstmorde weiter verbreitet und umgesetzt werden sollten“, sagte er.

„Berichterstattung kann Leben kosten“

In einem begleitenden Editorial äußerten sich Dr. David Gunnell und Dr. Lucy Biddle von der University of Bristol in Großbritannien optimistisch, dass diese Ergebnisse den Medienschaffenden ein „klareres Gefühl für die potenziellen Auswirkungen ihrer Berichterstattung“ vermitteln könnten [2].

Ein Anstieg der Suizidrate um 13% in der Allgemeinbevölkerung nach Medienberichten über die Selbsttötung von Prominenten sei „erheblich“. Im Großbritannien etwa würde ein solcher Anstieg bei 6.507 Suiziden im Jahr 2018 etwa 70 zusätzliche Selbsttötungen bedeuten.

Auch über den Suizid des US-Schauspielers und Komikers Robin Williams im Jahr 2014 durch Erhängen wurde in den Wochen danach ausgiebig berichtet. In der Folge nahmen sich mehr Menschen das Leben mit dem Strick.

„Der Suizid ist eine wichtige und verstörende Ursache für potenziell vermeidbare Todesfälle, die jedoch weltweit pro Jahr über 800.000 Menschenleben kostet“, sagte Gunnell gegenüber Medscape. Diese neue Studie sei „ein wirklich bedeutender Beitrag zur Prävention“.

„Die Kernbotschaft lautet: Medienschaffende, d.h. Journalisten, Nachrichtenredakteure und die User von Social-Media-Plattformen, müssen den Preis in Form der Gesundheit der Bevölkerung und der Folgen für Angehörige und Freunde sorgfältig gegen eine sensationslüsterne und allzu detaillierte Berichterstattung über diese tragischen Todesfälle abwägen. Die Berichterstattung über Suizidmethoden ist dabei ein besonders heikles Thema, denn sie kann Leben kosten“, sagte Gunnell.

 
Die Berichterstattung über Suizidmethoden ist dabei ein besonders heikles Thema, denn sie kann Leben kosten. Dr. David Gunnell
 

Obwohl dieser Review keinen offensichtlichen Anstieg der Suizidrate nach Medienberichten über Selbstmorde allgemein – ohne Bezug zu berühmten Persönlichkeiten – zeigte, „ist dies kein Anlass, sich zufrieden zurückzulehnen“, schreiben Gunnell und Biddle weiter und verweisen auf eine kürzlich in Lancet Psychiatry veröffentlichte Studie aus den USA: Darin wurde gezeigt, dass Nachrichten über Selbsttötungen unter jungen Menschen zu gehäuften Suiziden führen können. Das erhöhte Risiko ließ sich mit der Berichterstattung auf der Titelseite, der Beschreibung der Suizidmethode und detaillierten Angaben zu den Suiziden korrelieren.

Informationen und Hilfe bei Suizidgedanken erhält man z.B. bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....